Überraschendes Wiedersehen (Eisland 11)

27. Dezember 2019

Als Thorulf seinen Freund in Haithabu als Sklaven verkaufen will, flieht Helge. Thorulfs Steuermann Sven besorgt ihm ein sicheres Versteck bei seinen Eltern. Svens Vater soll Helge zu dem Händler Ingmar Ulfrun bringen … (zu Folge 10)

Nach dem Frühstück ist es Zeit zum Aufbruch. Edda umarmt Helge herzlich und Helge wird der Abschied von der lieben Wikingerfrau richtig schwer. Er deutet auf sich: „Ich“, dann faltet er die Hände, „bete – für Sven – und für euch“, er deutet auf die beiden.

Hanar und Edda nicken verstehend und lächeln.
Es ist ein kleiner, alter, aber sehr stabiler und seetüchtiger Segler, mit dem sie den Hafen verlassen. Als sie die Anlegestelle von Thorulfs Schiff passieren, duckt sich Helge und sieht ängstlich hinüber. Doch der Anleger ist leer. Alle drei Schiffe müssen schon im Morgengrauen ausgelaufen sein.
„Machs gut, Thorulf, Wiedersehen, Sven“, murmelt Helge unhörbar.
Hanar hat drei Leute Besatzung an Bord. Helge macht sich nützlich, wo er kann, obwohl die Verständigung mit Gesten und Gebärden schwierig ist. Das kleine Schiff schippert immer in Küstennähe nach Norden. Die Windverhältnisse sind gut, eine blasse Sonne scheint von einem sanften, blaugrauen Himmel und die Ostsee liegt still und friedlich an diesem Vormittag.
Am Nachmittag steht Helge lange allein im Heck des Schiffes und schaut zurück. Langsam fällt die Anspannung der letzten Tage von ihm ab und macht einer müden Mutlosigkeit Platz.
Plötzlich spürt er eine Hand auf seiner Schulter. Hanar steht neben ihm und sieht ihn aufmerksam aus seinen klaren, blauen Augen an, die tief liegen unter buschigen, grauen Brauen. Hanar fasst ihn fest bei den Schultern, dreht ihn herum und deutet nach vorne. Und dann hebt er den Kopf und zeigt zum Himmel.
Helge versteht. Er soll nicht zurückschauen. Nicht zurück nach Haithabu, aber auch nicht zurück auf das, was er falsch gemacht hat. Er soll nach vorne schauen und – vor allem nach oben, zum Himmel. Dort wird er Hilfe und Rat finden!
Helge fasst nach Hanars Hand und drückt sie dankbar. Er fasst wieder Mut. Gott ist ja bei ihm, was auch geschieht!
Am Abend legt der Segler in einem kleinen Hafen an.
„Sind wir schon bei Ulfrun?“, fragt Helge.
Hanar schüttelt den Kopf. „Ulfrun nein.“ Er weist Helge ein Lager im Heck des Schiffes zu. Helge versteht. Sie werden im Hafen übernachten und morgen früh weitersegeln.
Wieder schläft er tief und traumlos. Am nächsten Morgen weckt ihn das Knattern des Segels in der frischen Brise und – Gesang. Überrascht springt Helge auf. Die vier Männer knien jetzt an Deck des Schiffes. Hanar hat seine Hände erhoben und spricht. Die anderen hören andächtig zu. Wieder versteht Helge nur einen Namen: Jesus Christus. Die Männer beten! Helge fällt neben ihnen auf die Knie und lauscht dem Singen, das die Seeleute darauf anstimmen.

In diesem Moment taucht wie ein feuerroter Ball die Sonne im Osten über dem Horizont auf. Strahlend steigt sie höher hinauf. Helge muss an den Bibelvers denken, der ihm eigentlich schon immer so gut gefallen hat: „Der Pfad des Gerechten ist wie das helle Morgenlicht, das heller und heller leuchtet bis zur Tageshöhe.“ Vielleicht ist es auch für ihn noch nicht zu spät, ein Leben zu führen, mit dem Gott zufrieden sein kann!
Am Nachmittag des zweiten Tages steuert Hanar den Segler wiederum in einen kleineren Hafen, der fast völlig von einem mächtigen Drachenboot eingenommen wird. Helge erkennt das Schiff sofort. Es gehört Ingmar Ulfrun. Er ist vom Eisland zurück!
Hanar lässt zwei Männer bei seinem Schiff zurück. Er selbst und der dritte Mann begleiten Helge. Der Weg führt durch saftige Felder, sanfte Hügel und ein kleines Waldstück bergauf. Schließlich haben sie ihr Ziel fast erreicht. Hanar deutet empor. Auf dem Hügel liegt das größte und mächtigste Wikingerhaus, das Helge je gesehen hat. Es ist aus Holz erbaut, mit Grassoden gedeckt und von blühenden Büschen umgeben. Seitlich des Hauses erstreckt sich ein Nutzgarten.
Sie haben das Gehöft fast erreicht, als ihnen von einem Seitenweg ein schmächtiger junger Mann entgegenkommt.

„Arend!“, ruft Helge überrascht und stürzt ihm entgegen. Arend, Thorulfs jüngerer Bruder, ist hier, bei Ulfrun!
Arend schaut auf. Ungläubiges Staunen malt sich auf seinem Gesicht.
„Helge! Wo kommst du denn her?“
Die beiden Jungen umarmen sich.
„Thorulfs Steuermann hat mich hierher geschickt! – Das ist Hanar, sein Vater“, stellt Helge vor.
Hanar nickt, als er seinen Namen hört.
Bei der Erwähnung seines Bruders verdüstert sich Arends Gesicht für einen Moment. Doch dann legt er den Arm um Helge und begrüßt die beiden anderen Männer freundlich. „Ulfrun wird über euer Kommen nicht schlecht staunen!“
„Ist er sehr wütend auf mich?“
„Das glaube ich eigentlich nicht. – Mensch, wir haben uns so viel zu erzählen!“
„Stimmt“, meint Helge mit einem kleinen Seufzer.
Arend führt die Ankömmlinge ins Haus. Ulfrun und seine blonde Frau Gerde sind zu Hause und kommen den Gästen neugierig entgegen. Hanar tritt auf sie zu, verneigt sich ehrerbietig und spricht einige Worte mit Ulfrun. Dieser hört aufmerksam zu und nickt einige Male zustimmend.
Erst jetzt hat Ulfrun Helge entdeckt. Sein Gesicht verfinstert sich. „Diesen kleinen Halunken soll ich bei mir aufnehmen?“, fragt er grimmig. „Es scheint mir, dass auf eurem Eisland nur junge Lügner und Verräter heranwachsen!“
Helges Gesicht wird feuerrot. Doch er erwidert Ulfruns Blick klar und aufrichtig. „Sie haben recht! Diesen Eindruck müssen Sie ja bekommen!“
Da legt Ulfrun den Kopf in den Nacken und lacht laut. „Junge!“, ruft er lebhaft. „Bin ich froh, dich gesund und munter vor mir zu sehen! Aber ahnst du überhaupt, wie sehr deine Familie um dich bangt? Besonders deine Schwester war untröstlich, dass du mit Thorulf gegangen bist. Sie wollte es gar nicht glauben.“

Mit gesenktem Kopf reicht Helge dem rotbärtigen Wikinger die Hand. „Ich habe einen schweren Fehler gemacht!“, bekennt er.
„Darüber reden wir später.“
„Natürlich kannst du hier bleiben!“, sagt Frau Gerde freundlich.
Ulfrun wendet sich an Hanar und übersetzt seine Worte in dessen Sprache. Hanar nickt dankbar.
„Setzt euch und stärkt euch“, sagt Ulfrun in Hanars Sprache.
Hanar schüttelt den Kopf.
„Er sagt, dass er noch heute nach Haithabu zurück muss“, übersetzt Ulfrun bedauernd.
Frau Gerde lässt die beiden Männer reichlich mit Proviant versorgen.
Helges Abschied von Hanar ist sehr herzlich. Er hält die Hand des alten Mannes lange fest. „Danke! Danke für alles!“
Hanar lächelt. Er deutet noch einmal nach oben und sagt: „Jesus Christus!“
Helge nickt. „Jesus!“ Mit Tränen in den Augen sieht er dem alten Wikinger nach. „Gott schütze dich und deine Frau Edda und Sven!“, flüstert er.

Fortsetzung folgt