Abenteuer in der Nacht (Eisland 10)

30. April 2019

Um nicht entdeckt zu werden, hat Thorulf Dafinn seinen Freund Helge Olufson an Bord seines Schiffes gelockt. Thorulf hat ihm vorgetäuscht, auf große Entdeckerreise nach Westen gehen zu wollen. Zu spät bemerkt Helge, was sein Freund tatsächlich vorhat. Als Helge Thorulf beinahe ein großes Geschäft kaputt macht, gerät Helge in große Gefahr (zu Eisland 9) …

Helge schreit auf und fährt herum. Er wird an den Schultern gepackt und eine Hand legt sich auf seinen Mund.

„Psst, Helge! Mach nicht solchen Lärm! Ich bin es doch, Sven!“ Der bärtige Seemann lockert seinen Griff. „Hör zu, du bist in großer Gefahr!“

„Das weiß ich“, knurrt Helge. „Du hast mich zu Tode erschreckt!“

„Tut mir leid, Junge! – Aber nun komm mit, schnell!“

„Wohin?“, fragt Helge misstrauisch.

„Zu einem alten Ehepaar in Haithabu. Der alte Mann wird dich morgen zu Ingmar Ulfrun bringen.“

„Zu Ulfrun?“

„Meine Güte, schrei doch nicht so! Willst du, dass auf dem Schiff drüben alle wach werden? – Komm mit.“

Helge zögert noch immer, doch Sven schiebt ihn energisch vorwärts.

Die beiden schlagen den Weg zur Stadt ein. Sven achtet sorgfältig darauf, dass sie nicht gesehen werden und weicht mit Helge mehrmals betrunkenen Seeleuten aus. Endlich haben sie den Ortsrand erreicht und Sven steuert auf ein typisches Wikingerhaus zu. Keine Menschenseele ist hier mehr unterwegs und es ist ganz still. 

Helge fasst Sven am Arm. „Was hast du mit mir vor?“

„Du kannst nicht länger bei Thorulf und seinen Leuten bleiben! Hör auf mich!“, erwidert Sven eindringlich. „Du bist in Gefahr!“

„Ich weiß. Sie wollen mich als Sklaven verkaufen. Darum bin ich abgehauen. – Aber wie kommst du auf Ulfrun?“

„Sein Haupt-Hof ist gar nicht so weit von hier entfernt. Ulfrun hat eine Menge Einfluss in der Gegend und eine schlagkräftige Kämpfertruppe, die ein riesiges Gebiet kontrolliert.“

Helge lächelt traurig. Er denkt zurück an den Tag damals, als der rotbärtige Wikinger zornig auf dem Eisland gelandet war. Das scheint ihm Jahre her zu sein. Ulfrun hatte Thorulfs Bestrafung verlangt, weil dieser ihn bestohlen hatte. Helges Vater konnte ihn nur schwer überzeugen, sich nicht selbst zu rächen, sondern den Gerichtsspruch des Althings abzuwarten. Und dann war Thorulf abgehauen und er, Helge, war mit ihm gegangen …

„Bei Ulfrun wirst du sicher sein“, bekräftigt Sven.

„Er ist bestimmt nicht gut auf mich zu sprechen! Und damit hat er recht!“

„Ulfrun war bei euch zu Gast. Ihr habt ihn aufgenommen und euch seiner Sache angenommen …!“

„Ja, ich besonders“, unterbricht ihn Helge bitter.

„Ulfrun wird nicht begeistert sein, dass du mit uns abgehauen bist“, räumt Sven ein. „Aber er wird dich anhören, eure Gastfreundschaft erwidern und dich aufnehmen, bis du vielleicht zum Eisland zurückkehren kannst.“

„Komm mit mir, Sven!“, bittet Helge.

„Das kann ich nicht“, erwidert der Steuermann ernst. „Du weißt warum.“ Ohne eine Erwiderung abzuwarten, tritt Sven in das dunkle Haus. Helge folgt ihm zögernd. Aus dem Schlafbereich des Hauses dringt leises Schnarchen. Sven tastet sich vorwärts. Nach wenigen Minuten kehrt er mit einem weißhaarigen Wikinger zurück, der eine brennende Lampe in der Hand hält. Die breiten Schultern des Mannes sind vom Alter gebeugt. Doch seine Augen blicken hell und in diesem Moment entschieden zornig. Sven redet sehr schnell in einer fremden Sprache auf ihn ein. Der alte Wikinger fällt ihm ins Wort und schüttelt heftig den Kopf.

Sven wendet sich um. Ein warmer Ausdruck liegt in seinen Augen. Er fasst die Frau einen Moment um die Schulter. Dann wendet er sich wieder dem Mann zu. Seine Stimme ist ruhiger und sanfter geworden. Helge versteht nur zwei Worte seiner langen Rede: Jesus Christus.

In diesem Moment geht eine erstaunliche Veränderung mit dem würdigen alten Mann vor sich. Ein Leuchten erhellt sein düsteres Gesicht. Forschend schaut er Helge an. „Jesus?“

Helge nickt eifrig. „Ja! Jesus Christus. Ich glaube an ihn.“

Der alte Wikinger nickt zufrieden. Ohne Sven noch eines Blickes zu würdigen, legt er einen Arm um seine Frau und die rechte Hand auf Helges Schulter und führt sie beide in den Schlafraum. Dort deutet er auf ein Lager in der Ecke. Er selbst lässt sich mit seiner Frau wieder auf seinem Nachtlager nieder und verlöscht die Lampe.

Helge dreht sich noch einmal um und winkt dem bärtigen Steuermann zu. „Danke, Sven!“

„Dein Gott schütze dich, Junge! Leb wohl!“

„Auf Wiedersehen!“, sagt Helge fest.

Sven ist gegangen. Helge macht es sich auf dem Lager bequem und zieht eine warme, gewebte Decke über sich, die nach frischem Heu und Gewürzen duftet. 

„Danke, Herr Jesus“, flüstert er in die Dunkelheit. 

„Jesus Christus“, kommt es wie ein Echo von der anderen Lagerstatt herüber. 

Tiefer Frieden und eine seltsame Wärme erfüllen Helges Herz. Er spürt, dass er hier bei diesen alten Leuten sehr gut aufgehoben ist, auch wenn er ihre Sprache nicht versteht und gar nichts über sie weiß. Sie lieben Jesus. Das genügt! 

Helge schläft tief und traumlos. Am nächsten Morgen wird er durch das Geklapper von Tongeschirr und leise Stimmen aus dem Wohnbereich des Hauses geweckt. Sofort fallen ihm die Ereignisse der letzten Nacht ein und er springt auf.

Die grauhaarige Frau am Feuer begrüßt ihn mit einem Lächeln. Sie deutet auf einen bequemen Platz in der Nähe des Herdes. Helge setzt sich. Die Frau stellt ein Gefäß mit Getreidebrei und einen Becher mit kühlem Wasser vor ihn hin. 

In diesem Moment kommt der alte Wikinger von draußen herein. Er nickt Helge zu und setzt sich an seine Seite. Er zeigt mit dem Finger auf sich und sagt: „Hanar.“ 

Helge nickt.

Der Wikinger deutet auf seine Frau. „Edda.“

„Helge.“

Hanar faltet seine Hände und spricht ein Gebet. Helge versteht zwar kein Wort davon, doch er fühlt sich so froh und so leicht. Erst jetzt merkt er, wie sehr er das gemeinsame Gebet, vor allem auch das friedliche Familienleben, vermisst hat, das er von zu Hause gewohnt war. Zwischen Thorulf und seinen Leuten hatte es immer Spannungen gegeben und Helge war immer auf seiner Hut gewesen. Was aus ihm werden wird, weiß Helge nicht. Doch hier, bei diesen alten Wikingern, kann er für einen Moment tief durchatmen. Helge spürt tiefe Dankbarkeit gegen den Steuermann, der ihn hierher gebracht hat. Woher er wohl das alte Ehepaar kennt? 

Frau Edda deutet einladend auf den Getreidebrei vor Helge. Er ist mit Früchten vermischt und sieht wirklich gut aus. 

Helge nickt und beginnt zu essen. Er spürt den Blick des alten Wikingers, der ihn von der Seite ansieht. Helge wendet den Kopf.

„Sven?“

Hanars Stirn zieht sich zusammen wie im Schmerz. 

„Sven“, echot Edda. Sie macht eine Bewegung, wie man ein – Baby wiegt, und wiederholt: „Sven.“

Helge starrt sie sprachlos an. „Sven – er ist euer Sohn?“

„Sohn“, bestätigt Hanar und setzt noch einige Worte hinzu, die Helge wieder nicht versteht.

Schweigend und tief in Gedanken löffelt er seinen Getreidebrei. Sven hat ihn also zu seinen Eltern gebracht. Zu seinen Eltern, die wie Helge an Jesus Christus glauben. Und die darunter leiden, dass ihr Sohn Sven ihren Glauben nicht teilt. Genauso wie die Dafinns unter Thorulfs Handeln leiden und seine, Helges, Eltern unter seinem eigenen Verhalten.

Helge denkt zurück an das Gespräch, das er mit Sven über den Glauben an Jesus Christus geführt hat. Sven wusste also genau, um was es dabei ging …

Fortsetzung folgt

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