Im Versteck (Eisland 9)

13. Dezember 2018

Die bisherige Schiffsreise seit ihrer nächtlichen Flucht von Eisland ist ganz anders verlaufen, als es sich Helge Olufson vorgestellt hatte. Statt nach Westen zu segeln, um ein neues unbekanntes Land zu entdecken, ging die Fahrt nach Haithabu, der Handelsstadt an der Ostseeküste (zur vorherigen Folge) …

 

Am nächsten Tag machen sich Thorulf, Heidur und zwei weitere seiner Männer erneut auf den Weg in den Ort.

„Willst du uns begleiten?“, fragt Thorulf freundlich.

Helge nickt eifrig.

Dieses Mal ist Thorulfs Ziel eine der Anlegestellen im Hafen. Die nagelneuen Schiffe, die dort liegen, fallen Helge sofort ins Auge. Es handelt sich um eine robuste Knörr und ein elegantes Drachenboot aus glänzendem Holz, mit kunstvoll geschnitzter Drachenfigur am verlängerten Steven.

Helge schaut Thorulf mit glänzenden Augen an. „Das ist schnell und äußerst wendig.“

Thorulf nickt. „Das glaube ich auch.“

Nun kommen der Händler und der Bootsbauer auf Thorulf zu. Mit Handschlag wird der Kauf besiegelt. Helge wendet sich um. Thorulfs Leute schleppen Kisten und Kasten mit Ulfruns Schätzen aus Thorulfs Schiff herbei. Der Händler öffnet die Kisten und wühlt gierig darin.

Helge greift Thorulf am Arm. „Das kannst du doch nicht machen! Ulfruns Schätze hier verscheuern! Thorulf! Bitte!“

Thorulf schüttelt Helges Hand ab, als habe ihn etwas Giftiges berührt. Seine Augen glühen in kaltem Zorn. Er packt den Jungen und zieht ihn ein Stück von den anderen weg.

„Was für ein unglaublicher Heuchler du bist, Helge Olufson!“, zischt er. „Wenn ich deine Reiseträume nach dem neuen Land im Westen verwirkliche, ist es für dich in Ordnung, dass wir Ulfruns Schätze mit uns herumtragen! Aber sobald ich die nötige Ausrüstung dagegen eintausche, spielst du dich als mein Gewissen auf und machst mir Vorhaltungen! Wie unlogisch ist das denn?“

„Ich habe es nie in Ordnung gefunden“, widerspricht Helge leise.

„Was willst du dann hier? Verschwinde! Ich kann dein frommes Gejammer nicht mehr hören!“ Thorulf wendet sich auf dem Absatz um und läuft mit großen Schritten davon.

Wie ein geprügelter Hund schleicht Helge zu Thorulfs Schiff zurück und versteckt sich an Bord.

Unerträglich langsam vergeht die Zeit. Noch immer harrt Helge in seinem Versteck aus und lauscht. Ob Thorulf bald zurückkommt? Und wie wird es dann weitergehen? Schließlich hört Helge laute Stimmen. Er unterscheidet Heidurs Bass und Thorulfs Stimme.

„Das wäre beinahe schief gegangen!“, dröhnt Heidur.

„Was ist passiert?“, erkundigt sich Sven.

„Unser kleiner Eisländer Helge meinte, er müsste Ulfruns Schätze retten“, höhnt Heidur. „Der Bootsbauer witterte sofort Probleme und wäre fast von dem Geschäft zurückgetreten. Wir können uns freuen, dass er keine Nachforschungen angestellt hat. Ulfrun ist in dieser Gegend bekannt und einflussreich. Wir müssen jetzt sehr vorsichtig sein.“

„Du hast recht“, gibt Thorulf ruhig zu.

„Und – wie lange willst du den kleinen Burschen noch mit dir herumschleppen?“, drängt Heidur.

„Ach, keine Ahnung!“, versetzt Thorulf ärgerlich.

„Warum hast du ihn überhaupt mitgenommen?“

„Er hatte unser Schatzversteck entdeckt. Es war die einfachste Art, ihn unschädlich zu machen.“

„Unschädlich?“, entgegnet Heidur spöttisch. „Er wird uns noch endlos Probleme machen!“

„Was schlägst du vor?“ Thorulfs Stimme klingt gleichgültig.

Heidur lacht auf. „Das ist doch ganz einfach. Der Junge ist gesund und kräftig. Für die Leute aus dem Süden sind blonde Sklaven sehr wertvoll. Verkauf ihn!“

Thorulf stimmt in sein Lachen ein. „Gute Idee. So machen wir es“, erwidert er. „Gib mir nur Zeit, bis wir morgen die anderen Geschäfte abgeschlossen haben.“

Helge beginnt in seinem Versteck zu zittern. Er versucht zu beten, doch er kann sich überhaupt nicht konzentrieren. Es ist ja alles seine Schuld. Kann er jetzt erwarten, dass Gott ihm aus der Not hilft, in die er sich so blind hineingestürzt hat? Wider besseres Wissen? Er hat doch gewusst, dass Thorulf ein Dieb und – auch ein Lügner und Betrüger ist!

Was konnte er nur tun? Abhauen? Aber wohin? Er kannte doch keinen Menschen in Haithabu. Er würde verhungern. Oder aufgegriffen und auf den Sklavenmarkt gebracht werden. Egal, irgendwie würde er sich durchschlagen! Alles war besser, als seinem „Freund“ Thorulf und seinen Kumpanen ausgeliefert zu sein. Doch jetzt musste er zunächst so tun, als ob nichts wäre, damit die anderen keinen Verdacht schöpften!

Die Stimmen entfernen sich.

„Heute Nacht, wenn alle schlafen, bin ich weg“, beschließt Helge.

Er hebt die Segeltücher, unter denen er sich verborgen hat, und späht umher. Niemand ist auf diesem Teil des Decks mehr zu sehen. Mit gesenktem Kopf trottet er zu seinem Stammplatz an der Reling. Sven, der gerade das Steuerruder neu einstellt, schaut auf und nickt ihm freundlich zu. Helge setzt sich neben ihn. Nur nichts anmerken lassen! Sven hat gehört, was Thorulf und Heidur mit Helge vorhaben. Und er hat nicht widersprochen. Es gibt niemanden mehr hier, dem er vertrauen kann! Diese Erkenntnis gibt Helge seltsamerweise Kraft, sich nicht zu verraten. Aufmerksam hört er zu, was Sven ihm erzählt. Der bärtige Seemann war früher viel in Haithabu, ehe er vor Jahresfrist Thorulf kennenlernte und bei ihm anheuerte.

Dann ist es Zeit für die Abendmahlzeit. Thorulfs Truppe sitzt zusammen und speist, erzählt, lacht und feiert den erfolgreichen Abschluss des Geschäfts. Helge versucht, sich so klein und unsichtbar wie möglich zu machen. Niemand spricht mit ihm. Nur ab und zu begegnet er Svens Blick, der ihn besorgt anschaut.

Quälend langsam vergeht die Zeit. Ein Teil von Thorulfs Männern ist noch einmal in die Stadt gezogen. Die anderen unterhalten sich. Dann wird es endlich still. Kurz darauf ertönt lautes Schnarchen.

Helge erhebt sich leise von seinem Lager. Er horcht. Dann fasst er nach seiner Tasche und hängt sie um. Ein wenig geräucherter Fisch, einige Getreidekörner, das ist sein ganzer Proviant. Den neuen Gürtel und das Messer lässt er zurück, obwohl sie ihm sicher gute Dienste leisten würden.

Helge klettert lautlos von Bord, huscht über den Steg an Land, wo ihm in einiger Entfernung ein dichtes, weites Gebüsch genug Deckung gibt. Er blickt sich nicht um, schaut stattdessen zum Himmel hinauf, der in dieser klaren milden Sommernacht von Sternen übersät ist. Und dieser Anblick überwältigt ihn.

„Jesus, Herr, ich habe alles falsch gemacht“, betet er stumm. „Ich will zurück zu dir! Mein Vater hat immer gesagt, du seiest größer als alle Schuld, größer als alles Versagen. Und ich glaube das auch. Ich habe meinen Eltern Kummer gemacht und Ingmar Ulfrun in keiner Weise geholfen, sein Gut zurückzubekommen. Stattdessen habe ich mich so verhalten, dass niemand mehr erkennen kann, dass ich an dich glaube! Aber ich danke dir, dass du mir vergibst und verzeihst, denn auch dafür bist du gestorben! Für alles, was ich falsch gemacht habe und leider bestimmt noch falsch machen werde.

Jetzt bin ich hier und ich weiß nicht, ob ich meine Familie und mein Zuhause jemals wiedersehen werde. Aber ich danke dir, weil du da bist!“

Helge atmet auf. Obwohl sich seine äußere Lage ja nicht verändert hat, fühlt er sich doch, als sei eine schwere Last von seinen Schultern genommen worden. Jesus ist bei ihm.

 

Helge wird ganz ruhig. Er wird hier draußen schlafen und sich morgen, sobald Thorulf und seine Leute weg sind, im Ort eine Arbeit suchen.

In diesem Moment legt sich eine schwere Hand auf seine Schulter.

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