Hermann

23. Juli 2018

Mirko kann sich noch genau an den Tag erinnern, als Hermann kam. Mirkos Onkel und seine Tante, die im Nebenhaus wohnen, feierten silberne Hochzeit. Und die Arbeitskollegen hatten eine witzige Idee. Sie brachten Hermann mit. Geschrubbt, rosa, mit einer silbernen Schleife, auf der in Dunkelblau die Ziffer „25“ stand.

Mirko muss noch immer lachen, wenn er an das Gesicht seiner Tante denkt. So eine Mischung aus Rührung und Ratlosigkeit und ein klein bisschen Ärger.

Beinahe hätte Hermann schon den Tag der silbernen Hochzeit nicht überlebt. Denn erst am Abend kam jemand auf die Idee, dem Tierchen Futter und vor allem Wasser zu geben.

Es ist nun sicher ein gelungener Gag, ein kleines Schwein zu verschenken. Aber was tun mit dem Ferkelchen, wenn das Fest vorbei ist?

Onkel Klaus hat am nächsten Tag im ganzen Dorf nachgefragt. Doch niemand konnte das Ferkel aufnehmen. „Nein, wir haben keinen Platz, in den Ställen ist immer alles voll“, so wurde ihm geantwortet.

„Dann kann ich es auch nicht ändern“, schimpfte Onkel Klaus. „Ich werde ihn mästen und dann wird er zu Wurst verarbeitet.“ Onkel Klaus hatte nämlich von seinem Vater und seinem Großvater das Hausschlachten gelernt.

„Das kannst du nicht machen!“, rief Mirko entsetzt. „Dann nehme ich ihn, er kann mit in meinem Zimmer schlafen!“

Onkel Klaus lachte. „Auch später? Wenn er zu einem dicken Eber herangewachsen ist?“

„Ja“, sagte Mirko würdevoll. „Auch dann! Ich finde Hermann nämlich sehr nett.“

„Hermann?“

„Ja, ich habe ihn Hermann genannt. Wo ist er eigentlich?“

„In der Küche“, knurrte Onkel Klaus.

Mirko trottete hinter ihm her. Tatsächlich, da lag das Schweinchen auf einer dicken Fußmatte und schlief.

„Ist er nicht niedlich?“, fragte Mirko begeistert.

„Na ja. Hättest du nicht lieber einen kleinen Hund oder ein Kätzchen?“

„Nee. Hermann ist freundlich.“

„So kann man es auch nennen.“ Tante Silvia kam gerade in die Küche. Sie lachte. „Dieses Schwein! Dauernd rennt es quiekend hinter mir her, dass ich fast darüber falle.“

„Hermann mag dich!“

Onkel Klaus schaute von Mirko zu Hermann und von Hermann zu Tante Silvia. Dann nickte er nachdenklich.

„Wo ist denn Onkel Klaus?“, fragte Mirko am nächsten Tag, als er nach der Schule rüberkam. Mirko ging gerne zu seiner Tante, weil sie immer zu Hause war und immer Zeit für ihn hatte.

„Onkel Klaus ist im Schuppen“, sagte Tante Silvia und hatte sichtlich Mühe, sich das Lachen zu verbeißen.

„Und wo ist Hermann?“

„Auch im Schuppen.“

Mirko machte sich auf den Weg, um seinen Onkel und das Ferkel zu suchen. Laute Hammerschläge wiesen ihm den Weg. Mirko betrat den Schuppen.

„Mach bitte die Tür hinter dir zu“, begrüßte ihn sein Onkel. „Hermann ist mir schon zweimal abgehauen.“

Mirko gehorchte. „Wo steckt Hermann denn?“

„Dort drüben.“

Das Schweinchen lag im Stroh, streckte seine Beinchen in die Luft und quiekte leise.

„Hermann möchte gekrault werden“, übersetzte Onkel Klaus. „Wenn du dich darum kümmern würdest. Ich werde sonst nie mit diesem Verschlag fertig.“

„Baust du eine Wohnung für Hermann?“, fragte Mirko vergnügt. Er hockte sich neben das Ferkel ins Stroh und kraulte seinen Bauch. Hermann quiekte vor Vergnügen.

„So was Ähnliches“, brummte Onkel Klaus. „Dieser alte Schuppen steht schon so lange leer. Da dachte ich mir, es wäre ganz nett, wenn er mal wieder bewohnt würde.“

„Super!“ Mirko strahlte. Und seit diesem Tag gehörte Hermann fest zur Familie.

Zwei Wochen sind vergangen. Das Ferkel ist gewachsen und rennt wie ein Hündchen hinter Mirko her.

„Schade, dass ich nicht mit ihm spazieren gehen kann“, meint Mirko bedauernd.

„Warum denn nicht?“

„Ich kann ihm keine Leine anlegen, weil er keinen Hals hat.“

Tante Silvia lacht. „Das ist wahr. Du kannst ihm aber doch ein kleines Geschirr anlegen, das um seinen Bauch und seine Vorderfüße reicht. Onkel Klaus hilft dir bestimmt dabei, etwas aus alten Lederresten zu machen.“

Und wirklich. Schon am nächsten Tag läuft Hermann stolz an der Leine neben Mirko her über den Bürgersteig. Sein Ringelschwänzchen wirbelt dabei unaufhörlich. Zwei Jungen aus Mirkos Klasse kommen die Dorfstraße herunter. Jan, der größere von den beiden, der schon elf ist, bleibt stehen. Er hat seine bildschöne Schäferhündin Leja an der Leine.

„Schau mal, was Mirko für einen Rassehund spazieren führt“, spottet er. Der andere Junge lacht gackernd. „Wo hat der denn sein Fell gelassen?“

Mirko spürt, wie er rot wird. „Warum soll ich Hermann nicht ausführen? Schweine sind sehr intelligent und gelehrig, freundlich und originell“, faucht er.

Jan mustert ihn belustigt. „Dann erziehst du die kleine fette Rolle bestimmt zu einem klasse Jagdhund, was?“

In diesem Moment macht Leja dem Streit ein Ende. Sie beugt sich vor, so weit ihre Leine es zulässt, und beschnüffelt das Ferkel freundlich. Hermann quiekt leise und ein wenig ängstlich. Da leckt ihm Leja behutsam über sein kleines rosa Gesicht.

Jans Wut verraucht. „Siehst du“, sagt er triumphierend. „Leja ist längst nicht so überheblich wie du. Sie findet Hermann auch nett.“

Onkel Klaus und Tante Silvia hören nachdenklich zu, als Mirko ihnen von seinem Erlebnis und dem Gespräch mit Jan und seinem Freund erzählt. „Ich finde es doch toll, dass es nicht nur Rassehunde und edle Pferde gibt, sondern eben auch kleine dicke Ferkel, lustige Hühnchen, winzige Marienkäfer, Regenwürmer und Schmetterlinge“, schließt er. „Wäre doch langweilig, wenn alle Tiere gleich wären. Und Gott hat doch alle Tiere gemacht.“

„Da hast du recht“, sagt Onkel Klaus. „Und alle sind gleich wunderbar ausgestattet und für ihren Lebensraum eingerichtet.“

„Auch bei den Menschen wäre es doch öde, wenn alle gleich aussähen, alles gleich gut könnten.“

„Stimmt“, sagt Tante Silvia. „Es gibt keinen zweiten Menschen, der so aussieht wie du, Mirko. Keinen, der genau deine Fähigkeiten hat. Wir sind alles Originale, die Gott lieb hat. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns gegenseitig so nehmen, wie wir sind, und Achtung voreinander haben.“