Über den Dächern (2)

14. Juni 2018

Was bisher geschah: Kevin, Barnie und Ahmad lernten sich kurz vor Weihnachten kennen. Kevins Vater ist alkoholkrank, Barnie aus dem Heim abgehauen und Ahmad, der Junge aus Syrien, hat es in der Asylbewerberunterkunft nicht ausgehalten. Treffpunkt der Jungen: eine winzige Kammer über den Dächern der Stadt.

Am Vorweihnachtsabend kommen die drei dazu, als ein Brandanschlag auf das Haus der Familie Heinmann verübt wird. Kevin kennt den alten Herrn Heinmann schon, denn dieser hat ihm am Nachmittag zuvor ein Heftchen über den Glauben an Gott geschenkt. (Link zum 1. Teil der Geschichte)

Familie Heinmann lädt die Jungen am Heiligabend ein und erfährt von ihrer wenig beneidenswerten Situation. Ihr Sohn Wolfgang und seine Frau Annalena beschließen zu helfen.

 

Atemlos stürmt Kevin die Treppe im Hinterhaus hinauf und reißt die Tür zu ihrem alten Versteck auf.

„Hier steckst du!“, keucht er atemlos. „Herr Heinmann hat schon zweimal angerufen, wo du bleibst! Ihr werdet zu spät kommen!“

Barnie sitzt in dem alten ausgefransten Sessel unter der Dachluke. Er dreht sich langsam um. Mit gerunzelter Stirn schaut er Kevin an. „Wenn du hier wie ein Elefant heraufgetrampelt kommst, wird es nicht mehr lange ein Versteck sein.“ Barnies Stimme klingt müde.

Kevin lässt sein Handy, das er schon in der Hand hat, um Herrn Heinmann anzurufen, sinken. Stattdessen zieht er sich einen Hocker heran und setzt sich neben Barnie. „Was ist los, Alter?“

Barnie zuckt die Achseln. „Nichts.“

Kevin schluckt eine ungeduldige Antwort herunter. Stattdessen bemerkt er ruhig: „Du lässt eine einmalige Chance vorübergehen.“

„Kann sein.“

„Was ist denn bloß los mit dir?“ Kevin fühlt sich wütend und hilflos. „Du warst so begeistert von den Heinmanns.“

„Die sind sehr nett. Aber manche Dinge regelt man besser allein.“

„Hast du Muffe, dass du wieder im Heim landest?“

Barnie nickt kurz.

„Ahmad hat die meisten Gänge zu den Ämtern schon hinter sich. Herr Heinmann hat sich echt gekümmert. Ahmad wohnt jetzt bei ihnen. – Wenn’s schiefgegangen wäre, hätte Ahmad mehr zu befürchten gehabt als du!“

„Das reicht jetzt!“, braust Barnie auf. „Verzieh dich!“

Kevin nickt und steht auf.

„Hey, Kev!“

„Ja?“

„Ich weiß, dass du es gut meinst. Aber es muss jeder seinen Weg gehen – und ich geh besser allein.“

„Und was ist mit Jesus? Dass er dich liebt? Und auf dich aufpasst? Glaubst du das nicht mehr?“

„Nicht wirklich.“

Kevin schleicht davon wie ein begossener Pudel. Er kann seinen Freund nicht begreifen. Herr Heinmann und seine Familie haben sich in den Wochen seit Weihnachten so um ihn, Ahmad und Barnie gekümmert. Barnie ist mit ihnen in die Gemeinde gegangen. Er konnte nicht genug von Jesus Christus hören. In der Bibel, die ihm Herr Heinmann geschenkt hat, hat Barnie jede freie Minute gelesen. Und nun?

Kevins Handy klingelt. Herr Heinmann, zum dritten Mal. Kevin starrt auf das Display. Was soll er tun? Herrn Heinmann sagen, wo er Barnie findet? Nee, das geht gar nicht. Barnie hat ihn nie verraten! Aber er will auch Wolfgang Heinmann nicht belügen, auf keinen Fall. Kevin seufzt. Warum muss das Leben immer so kompliziert sein? „Jesus, bitte sei du bei Barnie! Bestimmt hast du einen guten Plan für ihn! Hilf ihm! Bitte!“

Im Flur riecht es nach kaltem Rauch und abgestandenem Essen – wie immer. Aber heute hat Kevin das Gefühl zu ersticken. Er rennt in die Küche und reißt das Fenster auf. Eisige Luft dringt herein.

Sein Vater taumelt hoch und starrt ihn mit dumpfen Augen an. „Heh! Willst du, dass ich mir ´ne Lungenentzündung hole?“

Kevin unterdrückt eine bittere Antwort. Er geht hinüber ins Zimmer seines Vaters. Das Bett ist zerwühlt und schmutzige Sachen liegen auf dem Boden. Kevin räumt sie ins Bad. Dann holt er einen dicken Pullover aus dem Schrank.

Schweigend zieht ihn sein Vater über. Er tritt ans Fenster und sieht düster auf die nasse Straße herab. Dann wendet er sich zu Kevin um. „Na, warst du wieder bei deinen frommen Freunden?“, fragt er höhnisch.

Kevin sieht ihn stumm an und schüttelt den Kopf.

Die kalte Luft scheint den Rausch seines Vaters langsam zu vertreiben. Sein Blick wird klarer.

„Tut mir leid, Junge. Ich koch uns erst mal einen Kaffee, ja?“

„Das wär’ super.“

Als Kevin sieht, wie fahrig und unsicher die Bewegungen seines Vaters sind, hat er auf einmal einen dicken Kloß im Hals.

Schweigend sitzen sich Vater und Sohn dann gegenüber. Kevin betet in seinem Herzen, wie er es so oft tut, seitdem er Jesus Christus als Retter und Herrn seines Lebens angenommen hat: „Herr Jesus, soll ich noch einmal versuchen, Papa zu überzeugen, dass er sich helfen lässt? Er ist letztes Mal so wütend geworden!“ Da fühlt Kevin, wie ein stiller Frieden in sein Herz kommt. Er will weiter für seinen Vater beten, dass der sich endlich bereit erklärt, ärztliche Hilfe anzunehmen.

Barnie in Not

Als Kevin am nächsten Tag aus der Schule kommt, hält an der Bushaltestelle der vertraute dunkle Kombi der Heinmanns. Für einen Moment überlegt Kevin, einfach in einer Seitenstraße zu verschwinden. Aber dann geht er doch zum Wagen.

Herr Heinmann lässt das Fenster herunter. „Steig bitte ein, Kevin. Ich fahr dich nach Hause.“

Kevin gehorcht. Für eine Weile ist es still zwischen ihnen. Erst als sie den dicksten Verkehr vor der Schule hinter sich gelassen haben, fragt Herr Heinmann: „Was ist los? Warum hast du gestern meinen Anruf weggedrückt? Wo ist Barnie? – Versteh doch, Junge, wir machen uns Sorgen.“

„Tut mir leid“, murmelt Kevin. „Ich wusste nicht, was ich Ihnen sagen sollte.“ Er erzählt kurz, was gestern vorgefallen ist.

Herr Heinmann nickt. „Würdest du Barnie eine Nachricht von mir bringen?“

„Klar.“

Herr Heinmann drückt ihm einen amtlich aussehenden Umschlag in die Hand, darauf klebt ein neonfarbener Post-it: Hallo Barnie. Von Seiten der Ämter sieht es gut aus. Bitte komm zurück. Wolfgang H.

Sie finden eine Parklücke direkt vor dem Haus, in dem Kevin wohnt und wo sich auch das alte Versteck der Jungen befindet, wo sie Barnie noch vermuten.

„Ich warte hier“, sagt Herr Heinmann.

Kevin bemüht sich dieses Mal, leise zu sein, als er die Treppe im Hinterhaus hinaufeilt. Vorsichtig öffnet er die Tür. Erschrocken bleibt er stehen. Barnie ist weg. Und all seine Sachen!

„Es ist zum Verzweifeln!“, klagt Herr Heinmann. Zusammen mit seiner Frau und Ahmad sitzen sie etwas später bei einer Lagebesprechung. „Habt ihr gar keine Ahnung, wo Barnie sein könnte?“

Kevin schüttelt hilflos den Kopf. „Weißt du, in welchem Heim Barnie gewesen ist?“, fragt er Ahmad.

„Nicht genau. Es war irgendwas mit einem Frauennamen. Barnie hat es nur einmal erwähnt.“

„Hier in der Stadt?“

„Ja. Barnie wollte eigentlich schon lange weg von hier. Er ist nur meinetwegen geblieben.“

Herr Heinmann holt seinen Laptop hervor. „Ein Frauenname, sagst du. Hier, ‚Amalienburg’, war es das vielleicht?“

Ahmad schüttelt den Kopf.

„Theresienstift?“

„Genau, das war’s!“, ruft Ahmad triumphierend. „Ich habe mich gewundert, was für ein Stift das sein soll.“

„Kein Bleistift“, versetzt Kevin mit dünnem Grinsen. „Und auch kein Buntstift.“

„Das habe ich fast vermutet“, gibt Ahmad etwas beleidigt zurück.

„Wir fahren hin“, unterbricht Frau Heinmann das Geplänkel. „Wir sprechen vorsichtig mit der Heimleitung und ihr könnt euch bei den Jungen umhören.“

Kevin nickt. „Gute Idee.“

„Und beten!“, schlägt Ahmad vor.

„Auf jeden Fall!“ Herr Heinmann spricht ein Gebet, von seiner Sorge um Barnie und von ihren Anliegen. „Bitte, beschütze Barnie, wo immer er jetzt auch ist. Und bitte hilf uns, ihn zu finden und ihm zu helfen“, schließt er.

„Gut, dass die Tage schon wieder so viel länger sind“, bemerkt Frau Heinmann, als sie im Wagen die Innenstadt verlassen.

„Ja, gut für Barnie.“ Herr Heinmann fährt sich mit der Hand übers Gesicht.

Seine Frau legt ihm die Hand auf den Arm. „Mach dir doch nicht solche Sorgen!“, bittet sie.

„Du hast recht. Barnie ist in Gottes Hand!“

„Eben!“

Nun taucht eine Mauer rechts von ihnen auf. Ein altmodisches Schild zeigt, dass sie richtig sind. „Haus Theresienstift“, steht dort in altmodischen Lettern. Das Haus erhebt sich grau und ein wenig düster vier Stockwerke in die Höhe.“

„Das ist früher mal ein Seniorenheim gewesen, soweit ich weiß“, bemerkt Frau Heinmann. Sie öffnet die Wagentür.

„Es ist vielleicht nicht gut, wenn wir dort gleich zu viert auftauchen“, gibt Kevin zu bedenken. „Lassen Sie Ahmad und mich vorgehen. Vielleicht erfahren wir etwas.“

Herr Heinmann nickt. „In Ordnung. Ihr sprecht mit den Kindern im Hof. Und wir gehen zur Heimleitung.“

„Das Haus ist gar nicht so hässlich“, bemerkt Ahmad. „Es brauchte nur ein bisschen Farbe.“

Durch einen Torweg kommen die beiden Jungen in einen Innenhof. Einige Jungen spielen dort Fußball. Ein kleinerer Bursche spielt leise Mundharmonika. Auf ihn steuert Kevin nun unauffällig zu.

„Hi“, grüßt er.

„Hi“, erwidert der Junge.

„Ist Barnie da?“

Der andere mustert ihn aufmerksam. „Barnie wohnt hier schon lange nicht mehr.“

„Hast du ihn nicht gesehen?“

„Wer will das denn wissen?“

„Wir sind Freunde von Barnie.“

„Das kann jeder sagen.“

„Es ist echt wichtig“, schaltet sich Ahmad ein. „Du weißt, wo Barnie ist, stimmt’s?“

„Nein.“ Der Junge zögert einen Moment. „Wir haben ihn aber in der Stadt gesehen.“

„Wann war das?“, fragt Kevin aufgeregt. „Vor fünf Tagen. Dressler war dabei. Das ist einer von den Typen, die uns betreuen. Er hatte Barnie schon immer auf dem Kieker. Immer. Deshalb ist Barnie damals auch abgehauen.

Dressler hat ihn gepackt und gesagt: ‚Jetzt entkommst du mir nie mehr! Ich mach dich fertig!’ Aber Barnie ist irgendwie entkommen. Dressler war außer sich vor Wut! Er hat Barnie ständig so schikaniert! Echt schlimm, sag ich euch. Barnie hat bestimmt die Stadt verlassen wegen Dressler.“

„Warum hat er sich nicht bei der Heimleitung beschwert?“, fragt Kevin.

„Weiß nicht. Barnie ist komisch in so was. Er sagt, dass er seine Probleme allein löst.“

„Konntet ihr ihm nicht helfen?“

„Wollten wir ja. Aber dann war Barnie schon getürmt.“

„Hat Dressler auch andere Kinder schlecht behandelt?“, fragt Ahmad. „Weiß ich nicht genau“, erwidert der Junge unbestimmt.

„Du hast auch Angst vor ihm, stimmt’s?“

„Vor Dressler haben alle Schiss.“

 

Eine heiße Spur?

Kopfschüttelnd hören Herr und Frau Heinmann zu, was die beiden Jungen berichten.

„Die Heimleitung wusste von nichts“, sagt Frau Heinmann. „Jedenfalls taten sie so. Wie sollen wir Barnie bloß finden?“

„Vielleicht am Bahnhof“, schlägt Ahmad vor. „Damals hab ich ihn dort getroffen.“

Herr Heinmann nickt ohne große Hoffnung.

Zwei Stunden verbringen vier durchgefrorene Menschen auf dem weitläufigen Gelände des Bahnhofs, beobachten Passagiere, die zu ihren Zügen eilen, kontrollieren die Toiletten und die Wartebereiche. Keine Spur von Barnie.

„Habt ihr schon in der Bahnhofsmission gefragt?“, erkundigt sich Herr Heinmann.

Kevin schüttelt den Kopf. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg. Kevin zeigt das Foto von Barnie vor. „Wir suchen unseren Freund. Ist er hier gewesen?“

Die junge Mitarbeiterin nickt. „Ja, er ist mir aufgefallen, weil er einen sehr gehetzten Eindruck machte. Mike“ – sie deutet auf einen der jungen Männer im Raum, „hat eine ganze Zeit mit ihm gesprochen.“

Mike gesellt sich zu ihnen und schaut auf das Foto. „Er hat etwas zu Essen bekommen und eine Broschüre über David.“

„Über David?“, fragt Herr Heinmann verwundert.

Mike nickt eifrig. „Die Flüchtlingsthematik in Davids Geschichte ist hochaktuell für viele Leute, die dieser Tage zu uns kommen. Die Geschichte von David interessierte ihn sehr. Ein einsamer junger Mann, der erfolgreich gegen einen Riesen kämpft und der auf der Flucht vor einem mächtigen König nicht untergeht.

‚Gott machte den Unterschied! Gott hat David geliebt und ihn beschützt’, sagte ich zu ihm. Da strahlte er plötzlich und sagte: ‚Ich muss jetzt schnell nach Hause!’ Weg war er, ich konnte ihn nicht einmal nach seinem Namen fragen.“

Staunend haben Ahmad, Kevin und die Heinmanns zugehört.

„Wann war das?“, fragt Frau Heinmann.

„Heute Nachmittag.“

„Danke, vielen Dank, Sie haben uns sehr geholfen!“

Als sie das Haus der Heinmanns erreichen, kommt die Spätnachmittagssonne gerade zwischen den Wolken hervor.

Barnie sitzt auf den Stufen vor dem Eingang, seinen Rucksack neben sich, die Bibel auf den Knien.

„Barnie!“, jubelt Frau Heinmann.

„Endlich“, murmelt Barnie. „Ich dachte schon, ihr kommt heute gar nicht mehr nach Hause!“

„Wir haben nach dir gesucht“, sprudelt Kevin hervor. „Der junge Mann in der Bahnhofsmission hat uns erzählt, dass du da warst.“

„Ich lese gerade die Geschichte Davids von Anfang an“, erklärt Barnie. „Gott war stärker als Goliath und auch stärker als König Saul. Er ist auch stärker als Dressler. Ich will nicht mehr vor ihm weglaufen!“

Herr Heinmann legt den Arm um ihn. „Ein guter Entschluss!“

Kevins Vater liegt auf dem Sofa und döst, als Kevin nach Hause kommt. Kevin deckt ihn sorgfältig zu. „Gott“, betet er leise, „wenn du für David gekämpft hast und auch für Barnie kämpfen willst, dann gibt es auch Hoffnung für mich und meinen armen Dad!“