Über den Dächern (1)

11. Juni 2018

„Außer Betrieb!“ Natürlich, wieder einmal!

Kevin versetzt der Aufzugtür einen wütenden Tritt. Lustlos schlurft er zum Treppenhaus, das noch grauer und schmutziger wirkt als das übrige Haus. Das Gebäude ist aus den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts. Eigentlich nicht so hässlich, aber grau und vernachlässigt, mit abblätterndem Putz und herausgebrochenen Steinen an den altmodischen Erkern. Hat sicher einmal bessere Tage gesehen. Früher.

Auf halber Höhe legt Kevin eine kurze Pause ein und sieht aus dem Fenster. Der Himmel ist auch grau, wie die Häuserfront gegenüber. Morgen gibt es Weihnachtsferien. Kevin lacht spöttisch auf. Weihnachten!

Endlich hat er die oberste Etage erreicht. Im Flur ist es dunkel. Kevin kramt in seinem Rucksack nach dem Schlüssel. Mist! Natürlich wieder ganz unten im Rucksack. Wütend hämmert er gegen die Tür.

In der Wohnung hört man ein Schlurfen.

„Wer da?“, fragt eine raue Männerstimme von drinnen.

„Hallo, Papa! Ich bin’s, Kev! Kann meinen Schlüssel nicht finden.“

Die Tür wird langsam aufgezogen. „Dachte, es wäre die ‚Dame’ vom Jugendamt“, Kevins Vater betont das Wort Dame spöttisch. „Die hätte ich nicht unbedingt hereingelassen.“ Er lässt die Wohnungstür offen und schlurft zurück ins Wohnzimmer, wo der Fernseher läuft.

In der Wohnung riecht es abgestanden und nach Rauch.

Kevin folgt seinem Vater ins Wohnzimmer. „Wieso bist du zu Hause?“, fragt er misstrauisch.

„Sei doch froh! Sonst wärst du gar nicht rein gekommen.“

„Hast du schon Feierabend?“, bohrt Kevin weiter.

„Fred hat mich rausgeschmissen!“

„Warum?“

Kevins Vater wendet sich um. „Wird das ein Verhör?“, fragt er drohend.

„Papa!“ Kevins Stimme klingt bittend.

Sein Vater streicht sich müde über das unrasierte Kinn. „Bin dreimal mit ’ner Fahne zur Arbeit gekommen“, murmelt er undeutlich. „Das letzte Mal war einmal zu viel!“

„Warum hast du das gemacht?“, schreit Kevin. Verzweiflung steigt in ihm hoch.

„Ich find’s ganz okay, mit Hartz IV.“

„Mann, wir haben ohnehin schon Stress mit dem Jugendamt. Die stecken mich ins Heim!“

Sein Vater sieht ihn mit leeren Augen an. Dann zuckt er die Achseln und wendet sich wieder dem TV zu.

„Mensch, du hast aufgegeben!“, brüllt Kevin. Das Gefühl zu ersticken verstärkt sich. Er schnappt seinen Rucksack. „Ich haue ab!“, keucht er und taumelt nach draußen.

Im Treppenhaus kippt er das Fenster und holt tief Luft. Er setzt sich auf die oberste Stufe der Treppe und lässt seinen Blick umherschweifen. Die Eisentür gegenüber führt zum Dachstuhl hinauf. Dort hat er bestimmt heute Nachmittag seine Ruhe!

Licht fällt durch eine Fensterfront. Eine Drahtglastür führt aufs Dach, in ein Gewirr aus winzigen Dachterrassen, Giebeln, Schornsteinen. Kevin öffnet die Tür und tritt hinaus.

Die Aussicht von hier oben ist genial. Kevin klettert über die Terrassenbrüstung bis nach vorne zum Dachrand. Die Schindeln sind bemoost und etwas feucht. Wenn er jetzt abrutscht, stürzt er sich zu Tode, denkt er flüchtig. Kevin ist absolut schwindelfrei. Er setzt sich auf den Rand des Daches und kramt seine Colaflasche aus dem Rucksack. Ein sachter Wind bläst den Rauch aus den Schornsteinen von ihm fort. Kevin schaut lange zum Himmel empor. Grenzenlose Einsamkeit legt sich wie eine schwarze Wolke über ihn.

Plötzlich beginnt es zu schneien, in riesigen, weichen Flocken, die beinahe schwerelos durch die Luft schweben. Kevin beobachtet, wie einer der wunderschönen Kristalle auf seiner ausgestreckten Hand schmilzt. Bald hüllt ihn dichtes Schneetreiben ein. Er spürt es kaum, auch nicht, wie Kälte und Feuchtigkeit langsam in ihm hochsteigen. Die Anspannung der letzten Stunde fällt von ihm ab, er fühlt sich nur noch leer.

Ein Pfiff ertönt. Kevin schaut sich verwirrt um. Erneut ertönt der Pfiff, dieses Mal etwas lauter. Er kommt vom Fenster der Dachgaube nebenan. Ein Junge mit blondem Schopf winkt ihm heftig zu. Dann wirft er ein Seil übers Dach. Beim zweiten Versuch schafft es Kevin, das Seil zu ergreifen. Er steht vorsichtig auf. Die Dachziegel unter dem frischen Pulverschnee sind glitschig. Langsam, krampfhaft an das rettende Seil geklammert, arbeitet er sich auf Händen und Knien zur Gaube hinauf. Hilfreiche Hände greifen nach ihm. Kevin landet kopfüber auf einem dunklem Holzfußboden. Er rappelt sich auf.

„Mann, ey, bist du lebensmüde? Einen Sturz vom Dach – das überlebst du nicht!“ Zwei Augenpaare sehen ihn besorgt an, das des blonden Sprechers und ein zweites dunkles.

„Danke!“, murmelt Kevin.

„Hast du Stress?“, fragt der dunkelhaarige Junge mitfühlend.

„Kann man so sagen“, knurrt Kevin.

„Ich heiß übrigens Ahmad.“ Er reicht Kevin die Hand.

„Und ich Barnie, hi!“

„Was macht ihr zwei denn hier oben?“, fragt Kevin.

Barnies Gesicht wird plötzlich verschlossen, so als ginge ein Rollladen herunter. „Wir verstecken uns“, erwidert er kurz.

„Verstehe“, sagt Kevin. Er sieht sich in dem kleinen, doch warmen Dachbodenraum um, der mit einfachsten Mitteln, zwei alten Matratzen und einigen Kisten eingerichtet ist.
„Kann – kann ich bei euch bleiben?“

Barnie zögert. „Das Risiko, dass sie uns schnappen, wird größer, wenn hier noch einer ein und aus geht“, gibt er zu bedenken.

„Schon klar“, murmelt Kevin enttäuscht. Er sammelt seine Sachen zusammen.

„Hey, wenn du es gar nicht aushältst, dann komm zu uns. Aber nicht über euren Dachboden, wo die Leute ihre Wäsche trocknen. Wir zeigen dir einen anderen Aufgang. Durch das Hinterhaus. Komm mit!“

„Danke, Barnie.“

Vorweihnachtsabend

Als Kevin am nächsten Tag aus der Schule nach Hause kommt, schlägt ihm an der Wohnungstür gewohnt abgestandene Luft entgegen. Papa sitzt in der Küche und stiert ihn an. Auf dem Boden eine zerbrochene Flasche. Kevin dreht auf dem Absatz um und flieht.

Stundenlang irrt er durch die Stadt und über den Weihnachtsmarkt.

Ein älterer Mann streckt ihm einen Flyer entgegen. Kevin will schon ablehnen, doch etwas in dem gütigen Gesicht des Mannes hindert ihn daran. Stattdessen bedankt er sich und steckt das Heftchen ein. Die Überschrift auf dem Titel nimmt er flüchtig wahr: „Auch du brauchst Jesus Christus!“

Etwas Frommes also. Kevin zuckt die Achseln. Das kann ihm ja auch nicht helfen. Wenn es einen Gott gibt, hat er Kevin und seinen armen Dad längst vergessen.

Kevin hat plötzlich einen dicken Kloß im Hals. Jetzt bloß nicht zu heulen anfangen. Erneut tritt er die Flucht an, findet sich plötzlich in seiner Straße wieder. Der Regen hat aufgehört, aber es ist früh dunkel geworden an diesem Abend vor Weihnachten.

Eine Hand legt sich auf seine Schulter. Kevin fährt herum.

Es ist Barnie. „Ich bin schon eine Weile hinter dir“, sagt er. „Was ist los mit dir? Du tigerst die Straßen rauf und wieder runter und stehst jetzt zum dritten Mal vor deiner Haustür.“

„Echt? Hab ich nicht bemerkt.“

Barnie sieht ihn aufmerksam an. „Komm mit rauf! Aber Vorsicht, heute Abend sind viele Leute zu Hause. Wir dürfen uns nicht sehen lassen.“

Dieses Heimweh

Als sie die Treppe hinaufsteigen, dringt ihnen auf den oberen Stufen leise Musik entgegen. Barnie reißt die Tür auf. Mit einem Schritt ist er bei einem uralten Kassettenradio und schaltet es aus.

Ahmad, der aus dem Fenster gestarrt hat, dreht sich um. „Tut mir leid“, sagt er.

„Die Musik kann uns leicht verraten“, knurrt Barnie. „Das hab ich dir schon so oft gesagt.“

„Ich weiß. Aber wenn ich Musik höre, ist das Heimweh nicht so schlimm.“

Barnie nickt. „Das ist mein Vorteil, was man nie hatte, kann man nicht verlieren – ein Heim“, murmelt er und legt seine große Pranke kameradschaftlich auf Ahmads schmale Schulter. „Hast du was zu Essen organisiert?“, fragt er ablenkend.

„Nicht viel. Ich wäre beinahe erwischt worden.“ Ahmad holt zwei Dosen Cola, ein Päckchen Brot und etwas Käse aus seinem Rucksack.

„Das ist echt nicht die Masse.“ Barnie grinst dünn. „Zum Dieb muss man eben auch Talent haben. – Wie ist es, laden wir unseren Kevin ins Bel Mondo ein?“

Ahmad nickt erleichtert, während Kevins Gesicht ein einziges Fragezeichen bildet.

„Kennst du das Bel Mondo nicht?“, fragt Barnie verwundert.

„Doch natürlich. Der beste Italiener, den es hier gibt, und der teuerste.“

„Stimmt. Du kannst dir nicht vorstellen, was die alles wegschmeißen!“

„Aber jetzt ist es eh noch zu früh“, sagt Ahmad.

„Klar, Mann. Gib mal die Cola rüber.“

Eine Stunde später machen sie sich auf den Weg.

Auf frischer Tat

Plötzlich bleibt Ahmad stehen und lauscht angestrengt. „Ich habe was gehört“, flüstert er.

Barnie verdreht die Augen. Aber auch er wird plötzlich aufmerksam, wittert in den Wind, wie ein Spürhund, der einen verdächtigen Geruch aufgenommen hat.

Sie stehen vor einem großen Grundstück mit parkähnlichem Garten, das von einer hohen Hecke eingefasst ist. Ahmad zieht seine beiden Begleiter in den Schatten. Die drei Jungen halten den Atem an und horchen.

„Hast du deinen Brandsatz fertig?“, flüstert eine heisere Stimme jenseits der Hecke.

„Ja.“

„Du läufst nach hinten, über die Terrasse. Ich schlag vorn ein Fenster ein und werfe eine brennende Fackel hinein.“

„Hast du das Bekennerschreiben in den Briefkasten getan?“

„Klar! Das gibt ein Festival! Danach wird Familie Heinmann aufhören, sich um Leute zu kümmern, die hier nichts zu suchen haben!“

Barnie packt Kevin am Arm.

„Hast du ein Handy dabei?!“

„Ja.“

„Ruf die Polizei an, 110.“

Kevin tippt die Nummer mit zitternden Fingern und reicht dann weiter an Barnie.

„Lindenstraße 17, wir sind vor dem Grundstück der Familie Heinmann. Hier soll gleich ein Brandanschlag verübt werden. Kommen Sie bitte schnell!“ Er gibt Kevin das Handy zurück.

„Die Polizei wird nicht rechtzeitig da sein“, murmelt Ahmad.

„Nein. – Das ist doch eine Gemeinheit“, schimpft Barnie. „Die Heinmanns sind so tolle Leute!“

„Kennst du sie?“, fragt Kevin neugierig.

„Liest du keine Zeitung?“

„Selten.“

„Sie engagieren sich für Flüchtlinge, organisieren Gänge zu den Ämtern, Sprachkurse, warme Küche für Nichtsesshafte, Hilfe für bedürftige, alte Menschen.“

„Stark!“

„Kommt in den Garten, aber vorsichtig. Und leise.“

Die drei Jungen schleichen um das Haus herum. Ein Krachen und Splittern ertönt. Hastig eilen die Jungen weiter, zur Terrasse, welche die ganze Breite des Hauses einnimmt.

Eine Gestalt rennt ihnen entgegen, rempelt sie an.

„Lass ihn!“, schreit Ahmad. „Wir müssen uns um den Brand kümmern.“

Rauch dringt aus einem zersplitterten Fenster. Barnie greift vorsichtig hinein und öffnet den Flügel, während er den Mund mit seinem Schal schützt. Die drei klettern in den Raum, ein großes Wohnzimmer.

„Der Stein dort“, keucht Kevin, „der hat das Fenster zerschlagen. Und der zweite war mit einem brennenden Lappen umwickelt!“

Barnie schnuppert. „Kein Benzin!“ Er reißt eine Wolldecke vom Sofa und schlägt auf die Flamme ein.

Ahmad hilft ihm dabei. Er hustet. Endlich ist der Brand erstickt.

Die drei Jungen stürzen hinaus in eine geräumige Diele, die von einem Nachtlicht spärlich erhellt wird. Unter einer zweiten Tür dringt Rauch hervor. Eine breite Treppe führt in den ersten Stock.

Dort wird jetzt eine Tür geöffnet und eine erschrockene Stimme ruft: „Hallo! Seid ihr es? Es riecht ja so brandig!“

Kevin rennt die Treppe ein Stück hinauf. „Wie viele Personen sind im Haus?“, keucht er.

„Nur wir beide, mein Mann und ich!“ Die kleine, ältere Dame im rosa Bademantel schaut mit erschrockenen Augen zu Kevin herunter. „Wer bist du denn, mein Junge? Wie kommst du ins Haus?“

„Bitte wecken Sie Ihren Mann! Schnell! Sie sind in Gefahr! Alles andere erkläre ich später!“

Die alte Dame gehorcht.

„Was ist mit dem zweiten Brand?“, fragt Kevin seine Freunde atemlos.

„Kümmern wir uns jetzt nicht drum. Wir müssen hier raus!“

„Kommen Sie bitte schnell!“, ruft Kevin nach oben.

Eilige Fußtritte auf der Treppe. „Was ist denn?“, fragt der ältere Mann.

„Ein Brand! Bitte kommen Sie schnell. Nein, nicht durch die Haustür! Wir müssen über die Terrasse nach draußen!“

Der Mann legt den Arm um die kleine alte Dame und führt sie hinter Kevin her durch das verräucherte Wohnzimmer. Auf der Straße ist nun Blaulicht zu sehen.

„Endlich! Das ist die Polizei“, sagt Barnie. „Und dahinter auch die Feuerwehr!“

Verdacht

„Möchten Sie jemanden anrufen?“, fragt Kevin. Er reicht dem alten Herrn sein Handy. Plötzlich stutzt er. Und auch über das Gesicht des Manns geht ein Ausdruck des Erkennens.

„Wir haben uns doch heute schon einmal getroffen! Auf dem Weihnachtsmarkt in der Stadt!“

„Ja, Sie haben mir den Flyer gegeben!“

„Hast du ihn gelesen?“

„Noch nicht!“

„Wichtige Dinge sollten wir nie aufschieben. Das sehen wir heute Abend ja wieder eindrücklich.“

Kevin nickt nachdenklich.

Der alte Herr Heinmann führt nun ein kurzes Telefonat. „Mein Sohn kommt sofort.“

Ein Polizei-Beamter steuert mit großen Schritten auf sie zu.

„Wer hat uns benachrichtigt?“

„Das war ich.“ Barnie tritt vor.

„Sagen Sie, können wir vielleicht in Ihrem Wagen weitersprechen?“, unterbricht sie Herr Heinmann. „Wir sind etwas sonderbar gewandet und meine Frau friert.“

„Aber natürlich!“ Der Polizist führt sie zum Einsatzwagen mit blinkendem Blaulicht, der die Straße absperrt. „Bitte, steigen Sie ein! Und nun erzählen Sie, was hier heute Abend geschehen ist.“

„Wir können Ihnen wenig dazu sagen“, erwidert Herr Heinmann.

„Leben Sie beide allein im Haus?“

„Nein, wir sind nur zu Besuch. Mein Sohn, dem das Haus gehört, ist mit seiner Frau auf einer Veranstaltung.“

Nun wendet sich der Beamte den Jungen zu. Barnie erzählt kurz, knapp und präzise, was sich an diesem Abend ereignet hat.

Wachsendes Misstrauen spiegelt sich auf dem Gesicht des Polizisten. „Ihr seid nicht zufällig in das Haus eingedrungen, um einen Bruch zu machen?“, fragt er spöttisch und mustert die abgetragenen, nach Rauch stinkenden Sachen der drei Jungen.

„Das ist absurd“, mischt sich Herr Heinmann empört ein. „Ich finde, unsere jungen Freunde haben bemerkenswert umsichtig und klug gehandelt. Sie haben keinen Grund, die drei zu verdächtigen. Ernsthaft, würden Sie einbrechen, dabei einen Brand legen, dann die Polizei anrufen und dableiben, bis die Beamten kommen?“

„Das Bekennerschreiben!“, fällt Kevin plötzlich ein. „Einer der Täter prahlte, sie hätten ein Bekennerschreiben für den Anschlag in den Briefkasten geworfen.“

„Ich schaue nach“, sagt der Polizist kurz. Wenig später kehrt er mit einem schmuddeligen Briefumschlag zurück. Die Botschaft besteht aus Zeitungsschnipseln, die auf einen Bogen Papier geklebt wurden.

Herr Heinmann schaut ihm über die Schulter und liest leise. „Unterschrieben mit ‚Kampffront’“, sagt er kopfschüttelnd. „Diese ultrarechte, nationalistische Gruppierung sollte Ihnen ein Begriff sein. Es ist kaum zu erwarten, dass ein Syrer-?“, er wirft Ahmad ein fragenden Blick zu, „dort mitkämpft.“

„Das stimmt“, gibt der Polizist widerwillig zu.

Lange Nacht

Ein Wagen kommt die Straße hinunter und hält mit quietschenden Bremsen hinter dem Polizeiwagen. Ein Mann springt heraus, gefolgt von einer blonden Frau.

„Wolfgang! Annalena! Gut, dass ihr da seid!“

„Geht es euch gut?“, fragt Wolfgang,

„Aber ja! Gott hat uns bewahrt. Durch das mutige Eingreifen dieser drei jungen Männer, die vorbeikamen und das Treiben in unserem Garten bemerkten.“

Nachdem Kevin Herrn Heinmann seine Handynummer gegeben hat, verabschieden sich die Jungen.

Später sitzen sie in der Dachkammer zusammen und teilen sich Brot und Käse.

„Was war das eigentlich für ein Flyer, den dir Herr Heinmann gegeben hat? Worum geht es da?“, erkundigt sich Ahmad.

Kevin kramt in seiner Hosentasche und holt das verknickte Heftchen hervor.

„Irgendwie um Glauben an Gott.“

„Zeig mal!“ Der schwarzhaarige Junge vertieft sich in das Heftchen. Schon nach kurzer Zeit schaut er auf. „So etwas Tolles habe ich noch nie gehört“, sagt er überrascht. „Da steht, dass Gott uns liebt, jeden von uns.“ Er liest aus dem Flyer vor: „Gott sieht unsere Not, unsere Angst, unsere Schuld. Er will uns retten. Aber er ist gut und gerecht und heilig. Wir sind das nicht, unsere Schuld trennt uns von Gott. Gott hat darum seinen Sohn Jesus zu uns gesandt und an unserer Stelle bestraft. Darum wird jetzt jeder, der seine Schuld vor Gott eingesteht und bekennt, gerettet. Indem er glaubt, dass Jesus Christus für seine Sünden bezahlt hat. Dann wartet eine Ewigkeit im Himmel auf ihn!“ Er schaut seine Freunde mit strahlenden Augen an. „Wenn das wahr wäre! Ich habe gelernt, dass man sich ein ganzes Leben lang anstrengen muss, Gutes tun, Almosen geben, um dann vielleicht einmal in den Himmel zu kommen. Aber es gibt keine Sicherheit dafür.“

„Darüber hab ich noch nie nachgedacht“, gibt Barnie verblüfft zu. „Aber wäre nicht schlecht, wenn da oben jemand ist, der sich um uns kümmert. Wenigstens einer.“

„Na, hör mal!“ Ahmad lacht auf. „Wenigstens einer? Wir reden hier von Gott!“

In diesem Moment klingelt Kevins Handy.

„Wer kann das sein?“, fragt er und wiegt es unschlüssig in der Hand.

„Geh dran!“, schlägt Barnie vor.

„Es ist Herr Heinmann. Sie möchten uns für morgen zum Abendessen einladen.“

„Cool“, meint Ahmad.

„Danke für die Einladung“, sprudelt Kevin hervor. „Wann sollen wir dort sein? … Sie wollen uns abholen? Das ist ja nett! … Ja, am besten an der Bushaltestelle Virchowstraße … Um vier Uhr – ja, das geht.“

Weihnachtsabend

Am nächsten Nachmittag treffen sich die drei Jungen kurz vor vier an der verabredeten Stelle.

„Was ist mit deinem Vater?“, erkundigt sich Ahmad mitfühlend.

„Er schläft“, erwidert Kevin kurz. „Ich habe ihm eine Nachricht hinterlassen, damit er weiß, wo ich bin.“

Nun kommt der Kombi der Heinmanns die Straße hinunter. Wolfgang Heinmann lässt das Fenster herunter. „Steigt ein, Jungs!“

Wolfgang Heinmanns Eltern bewohnen ein behagliches Häuschen inmitten eines großen Gartens.

„Herzlich willkommen!“, begrüßt sie Herr Heinmann senior an der Haustür. Seine Frau steht lächelnd neben ihm.

Barnie, Kevin und Ahmad sind zwischen den vier Heinmanns platziert. Sie betrachten staunend die Köstlichkeiten.

„Den Kuchen und die meisten Plätzchensorten habe ich gebacken“, erklärt Herr Heinmann senior verschmitzt. „Die einzige Chance, so viel Teig zu naschen, wie man will!“

Kevin lacht. Er kann den alten Herrn Heinmann richtig gut leiden.

Wolfgang Heinmann faltet die Hände und betet: „Lieber Herr Jesus Christus, wir danken dir und dem Vater für diesen Tag, den du uns geschenkt hast, für die lieben Gäste, die wir bei uns haben dürfen. Danke, dass du die Eltern und die Jungen gestern bewahrt hast, dass niemand gesundheitlich zu Schaden kam! Vielen Dank für die reichen Gaben auf der Kaffeetafel. Segne du sie uns! Amen!“

„Hast du inzwischen den Flyer gelesen, Kevin?“, fragt Herr Heinmann senior.

„Ja, gestern Abend noch. Wir alle.“

„Mein Vater hat mir erzählt, dass es vor dem Krieg noch recht viele Christen in Syrien gab“, berichtet Ahmad. „Aber jetzt nicht mehr. Ich habe nie herausfinden können, was die Christen eigentlich glauben. Und was hat das Kind in der Krippe damit zu tun? Man sieht es in der Weihnachtszeit überall auf Abbildungen.“

„Das Kind in der Krippe, an dessen Geburt das Weihnachtsfest erinnert, und der Sohn Gottes, von dem in dem Flyer die Rede ist, sind ein und dieselbe Person“, erklärt Herr Heinmann.

Ahmad starrt ihn mit offenem Mund an.

„Gott sah, dass wir Menschen nicht allein zurechtkamen“, sagt Wolfgangs Frau Annalena. „Darum schickte er seinen Sohn Jesus auf die Erde. Als Baby. In ganz schlichte Verhältnisse. Seine Mutter war ein junges jüdisches Mädchen und er wuchs in einer Handwerkerfamilie in dem Städtchen Nazareth auf.“

„Mit ungefähr 30 Jahren begann er dann seine Aufgabe in Gottes Auftrag“, fährt Wolfgangs Vater fort. „Er war für die Menschen da, kümmerte sich liebevoll um die Kinder, heilte viele Kranke, machte sogar Tote lebendig. Vor allem erzählte er von Gott, seinem Vater, so, wie es die Menschen damals noch nie gehört hatten. Unter den religiösen Führern des Volkes Israels machte er sich damit wenig Freunde. Die meisten beneideten und hassten ihn, und sie erreichten es schließlich, dass Jesus als Aufrührer angeklagt und hingerichtet wurde.“

„Das war doch voll ungerecht – und unfair!“, ruft Barnie empört.

 

„Natürlich war es das“, bestätigt Wolfgang. „Aber genau hier beginnt das wirkliche Geheimnis. Gott benutzte dieses ganz und gar ungerechte Todesurteil, um uns zu retten. Sein Sohn Jesus starb stellvertretend für uns, für unsere Schuld, damit wir leben dürfen – jeder, der an ihn glaubt.“

 

Barnie ist ganz blass geworden. „Für mich hat jemand sterben müssen?“

„Müssen? Nein. Er hat es aus Liebe getan. Gott ist Liebe.“

Barnie schluckt. Er wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und versucht ein Lächeln. „Sorry, Leute, das hat mich wirklich umgehauen. Ich hatte noch nie jemanden, der zu mir gehörte oder irgendwas für mich getan hat. Boah ey, den will ich kennenlernen!“

Wolfgang steht auf, geht zum Regal und kommt gleich darauf mit einigen schmalen Büchlein zurück. „Das ist ein Neues Testament, der zweite, neuere Teil der Bibel. Darin steht alles über den Herrn Jesus. Darf ich dir das schenken?“

Barnie greift begierig danach.

„Ihr beide auch?“

Ahmad und Kevin nehmen ebenfalls eins der kleinen Bücher.

Ahmad betrachtet es neugierig. „Ich werde darin lesen“, verspricht er.

Barnie hält das Buch behutsam wie einen Schatz in seinen großen Händen.

„Magst du uns etwas von dir erzählen?“, fragt Frau Annalena behutsam.

Barnie zögert einen winzigen Moment, doch dann bricht es wie ein Sturzbach aus ihm heraus. Seine Kindheit in wechselnden Heimen, seine Flucht von dort und sein Versteck in dem winzigen Dachstübchen, zusammen mit Ahmad.

Auch Ahmad erzählt nun von seiner Flucht aus Syrien, seinen Albträumen und dem trostlosen Asylbewerberheim, in dem er es nicht ausgehalten hatte.

Dann berichtet Kevin. Von seinem Vater, dem Alkohol, dem drohenden Heimaufenthalt.

„Ihr armen, armen Jungen“, murmelt die alte Frau Heinmann voller Mitleid.

Für einen Moment herrscht Schweigen. Wolfgang Heinmann sitzt ganz in sich versunken, mit gefalteten Händen. Seine Frau schaut ihn an, fragend. Die beiden nicken sich zu, in stillem Einverständnis.

„Wir beten und überlegen schon länger, ob wir nicht ein Pflegekind aufnehmen sollen“, beginnt Wolfgang. „Aber nun sind wir euch dreien unter so dramatischen Umständen begegnet. Wir möchten gern versuchen, euch zu helfen.“

Die Jungen schauen sich strahlend an. Kevin springt auf. „Das ist wirklich Weihnachten!“, jubelt er. „Wer braucht da noch Geschenke!“

Alle drei Jungen spüren, dass Wolfgang Heinmann sein Angebot ernst nimmt! Auf einmal fühlen sie sich nicht mehr so verlassen!

Wie es mit Barnie, Kevin und Ahmad und ihrer Suche nach Jesus Christus weitergeht und was die Zukunft ihnen bringt – das ist eine andere, weit fröhlichere Geschichte…

Hier zum 2. Teil der Geschichte