Gefährliche Geschäfte (Eisland 8)

14. Mai 2018

Thorulf hat mit seiner Mannschaft auf der Insel Vagar Zuflucht vor einem schweren Sturm gefunden. Sie nutzen die Pause, um die Vorräte für die weitere Reise aufzufrischen. Am Abend vor der Weiterreise warnt Thorulfs Steuermann Helge, an Bord zu bleiben. Doch der will nicht auf Sven hören (vorherige Folge)…

Am nächsten Morgen verlassen Thorulf und seine Leute die gastliche Schafsinsel. Helge sieht lange zurück. Ob er doch auf Svens Rat hätte hören sollen? Aber es könnte doch Monate dauern, ehe Sven zurückkäme!

Die Tage vergehen in eintönigem Gleichmaß. Wieder stecken sie für Stunden in einer Flaute fest, ehe der Wind endlich auffrischt.

„Das ist ungewöhnlich für diesen Teil des Atlantiks“, stellt Sven fest.

Thorulf lässt sich nichts anmerken, doch wenn er sich unbeobachtet glaubt, besonders in den Nachtwachen, läuft er gereizt wie ein Tiger auf und ab.

Endlich taucht Land in der Ferne auf. Es sind die nördlichsten Ausläufer der Orkney-Inseln vor Schottland. Thorulf lässt einen der Häfen anlaufen, denn die Wasservorräte sind fast erschöpft.

Bei schönem Wetter wird das Segel des Drachenbootes wieder gesetzt. Doch die Nordsee umfängt sie vom ersten Tag an mit schwerem Seegang und Stürmen. Sven gibt jetzt das Ruder nur wenige Stunden am Tag aus der Hand. Wenn der Sturm nachlässt, gesellt sich Helge manchmal zu dem einsam wachenden Steuermann. Ein stummes Einverständnis wächst zwischen ihnen.

Sie umsegeln die Nordspitze von Dänemark. Nun liegt noch der Weg nach Süden durch das Kattegat vor ihnen, bis sie ihren Bestimmungshafen an der Ostsee erreichen.

„Ich dachte schon, wir würden niemals in Haithabu ankommen“, seufzt Helge.

„Wir haben doch alle Zeit der Welt“, erwidert Thorulf heiter.

Helge sieht ihn nachdenklich an. Ungerufen und ungewünscht taucht ein Bibelwort in seiner Erinnerung auf. „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir ein weises Herz bekommen.“

Thorulfs Augen werden auf einmal schmal. Erst in diesem Moment merkt Helge, dass er den Satz laut ausgesprochen hat.

„Langsam reißt mir wirklich die Geduld mit dir.“ Thorulf erhebt seine Stimme kaum, aber gerade darum klingt sie umso feindseliger, beinahe wie ein Zischen.

Helge flieht zu seinem Platz neben Sven am Steuerruder. Sven sieht kurz in sein verstörtes Gesicht. „Was hältst du von einer Stunde in Nautik?“, fragt er freundlich.

Dankbar folgt Helge Svens Ausführungen über Winde und Meeresströmungen und sein Herzschlag beruhigt sich wieder.

„Das war übrigens ein seltsamer Satz, den du da über Sterben und Weisheit gebracht hast“, meint Sven plötzlich leise. „Thorulf hast du damit heftig geärgert. Eigenartig. Ich dachte immer, Thorulf habe vor nichts und niemandem Angst.“

„Hat er auch nicht, glaube ich“, versetzt Helge. „Es ist etwas anderes, das ihn ärgert. Thorulf – seine Eltern sind Christen.“

„Schau an.“ Sven pfeift leise durch die Zähne. Aber sein Lächeln ist nicht spöttisch.

„Thorulf hat wie ich von klein auf die Geschichten aus der Bibel gehört“, fährt Helge ein wenig mutiger fort. „Ich dachte immer, dass er an die Botschaft der Bibel glaubt.“

„Welche Botschaft?“ Sven zieht fragend seine buschigen Augenbrauen hoch.

„Die gute Nachricht, dass Gott seinen Sohn auf die Erde gesandt hat, um uns zu retten.“

„Uns zu retten? Wovor denn?“

„Gott müsste uns für unsere schlimmen Taten eigentlich mit dem Tod bestrafen. Aber das will Gott nicht, weil er uns liebt. Gott ist aber auch heilig und kann Schlechtes nicht dulden. Darum hat er seinen Sohn Jesus Christus an unserer Stelle bestraft.“

„Und weiter? Jesus hat die Strafe für dich getragen?“

„Ja“, bestätigt Helge eifrig.

„Und du machst weiter wie zuvor?“

Helge bekommt auf einmal einen hochroten Kopf. „Nein“, sagt er kleinlaut. „Gott hat mich gerettet, damit ich mit ihm lebe, ihm diene und das tue, was ihm gefällt.“

Sven sieht ihn ernst an. „Wenn du DAS glaubst, Helge, was um alles in der Welt tust du dann hier zwischen …“ Der Steuermann zögert einen Moment, bevor er weiterspricht: „… Dieben und Räubern?“

Helge senkt den Kopf. „Ich wollte so gern nach Westen, neues Land entdecken, Abenteuer erleben. Ist das falsch?“

„Die Frage kannst du dir doch selbst beantworten.“

„Du hast recht“, bekennt Helge beschämt.

Am Nachmittag des gleichen Tages taucht Thorulf neben Helge auf, welcher gerade einem der Männer hilft, das Ersatzsegel zu flicken. Auf Thorulfs Gesicht liegt das unbeschwerte Grinsen, das Helge so an seinem Freund mag.

„Spätestens in zwei oder drei Tagen werden wir in Haithabu sein“, meint er heiter. „Du bist mein Freund, darum erzähle ich dir, warum wir diesen weiten Weg nach Südosten machen mussten.“

Helge sieht ihn gespannt an.

„An der Küste in der Nähe von Haithabu lebt zur Zeit der beste Schiffsbauer, den ich kenne. Er hat zwei neue Schiffe für uns gebaut, die wir jetzt abholen. Wir werden also in Zukunft mit einer Dreierflotte unterwegs sein. Was sagst du dazu?“ Thorulfs Aufregung ist ansteckend.

„Zwei weitere Drachenboote?“, fragt Helge mit glänzenden Augen. Sein Streit mit Thorulf ist ganz vergessen.

„Einen schnellen Segler und eine schwere Knörr, die zwar nicht so wendig ist, aber große Lasten transportieren kann.“

Helge betrachtet Thorulfs Männer. Es sind zähe Burschen. Doch um drei Schiffe zu segeln, braucht Thorulf mehr Leute.

„Wir werden in Haithabu unsere Mannschaft aufstocken“, erklärt Thorulf, als habe er Helges Gedanken erraten. „Ich kenne dort eine Menge mutige und zuverlässige Männer.“

„Kann ich trotzdem bei dir und Sven an Bord bleiben?“

„Na klar, Ehrensache!“ Thorulf klopft ihm kameradschaftlich auf die Schulter.

Zwei Tage später. Bei strahlendem Sonnenschein und sanfter Dünung erreicht Thorulfs Drachenboot die berühmte Handelssiedlung Haithabu. Die Rundwallanlage ist schon aus einiger Entfernung gut zu sehen, denn die Sicht ist sehr klar an diesem Tag.

Am späten Nachmittag legen sie im Hafen an.

„Komm mit mir, Helge“, sagt Thorulf vergnügt. „Der Markt wird dir gefallen. Es gibt nichts, das du in Haithabu nicht bekommen könntest. Oder zumindest fast nichts.“

Unternehmungslustig streifen die Männer durch die Straßen und betrachten die vielen Stände der Händler. Thorulf hat einige Goldmünzen in der Tasche. Er tauscht für Helge ein wunderschönes Messer und einen Gürtel ein.

Helge kann sich nicht satt sehen. Lebhaft nimmt er alle neuen Eindrücke in sich auf, die überwältigend wirken nach der langen, manchmal eintönigen Reise. Haithabu ist ein sehr bunter Platz, der von wimmelndem Leben erfüllt ist. Stimmengewirr in den unterschiedlichsten Sprachen dringt an sein Ohr. Kaufleute aus Ost und West und Nord und Süd preisen ihre Waren an. Helge sieht in viele Gesichter, blasse, dunkle, weiche, grobe, grimmige und freundliche. Ihm raucht der Kopf von all dem vielen Neuen.

Fortsetzung folgt