Böses Erwachen (Eisland 7)

16. März 2018

Helge Olufson ist nachts heimlich mit seinem Freund auf dessen Schiff von Eisland aufgebrochen. Thorulf hat Helge erzählt, gemeinsam auf große Entdeckerfahrt nach Westen segeln zu wollen. Doch zunächst geht es Richtung Osten, um die Vorräte für die Reise aufzufrischen, wie Thorulf sagt … (zur letzten Folge: Stunde der Wahrheit)

Zwei weitere Tage an Bord von Thorulfs Drachenboot sind vergangen. Der Himmel hat sich bezogen und ein seltsam weißer Dunst liegt über dem Wasser. Dabei ist es fast windstill. Das mächtige gestreifte Segel hängt schlaff herab.

Thorulf steht am Heck des Schiffes und schaut nach Westen. Er ist an diesem Tag wortkarg und verschlossen, wie Helge ihn gar nicht kennt. Der Junge fühlt sich unwohl, beinahe so, als nahe ihnen ein Unheil. Außerdem nagt immer mehr ein quälendes Heimweh an ihm.

Thorulf kneift die Augen zusammen und sucht den Horizont ab. „Meinst du, dass Ulfrun uns verfolgt?“, fragt Helge.

„Ach was. Der Ozean ist groß. Das weiß auch unser Freund Rotbart. Es wäre schon Zufall, wenn wir in die gleiche Flaute gerieten. – Aber ich hasse es, untätig hier zu liegen!“ Thorulf überlegt. „Kurs nach Nordost!“, befiehlt er plötzlich.

Sven richtet das Ruder neu aus. „Du willst die Schafsinseln anlaufen.“ Es ist keine Frage, sondern eine Feststellung.

„Wir können Proviant machen und das Schiff ausbessern. Dazu sind wir auf dem Eisland nicht gekommen.“

Sven nickt beifällig.

Gemächlich dümpelt Thorulfs Boot nach Nordosten. Unendlich langsam vergeht die Zeit. Die Luft ist seltsam drückend und liegt schwer über dem bleigrauen Meer.

Thorulf steht breitbeinig neben dem Steuerruder und beobachtet den Himmel.

„Es wird Sturm geben“, vermutet Helge.

„Das glaube ich auch“, bestätigt Sven. „Und er wird heftig werden!“

Wie, um sein Wort zu bestätigen, fegt plötzlich eine einzelne Böe übers Wasser. Geschickt richten die Seeleute das peitschende Segel aus.

Eine zweite heftige Böe folgt und füllt das Segel bis zum Bersten. Der Sturm wirft sich auf das Meer und peitscht von einer Sekunde zur anderen hohe Wellen vor sich her. Das Schiff nimmt Fahrt auf und fliegt pfeilschnell über das Wasser.

Thorulf wirft triumphierend den Kopf in den Nacken.

„Kurs beibehalten?“, brüllt Sven gegen das Heulen des Windes.

„Kurs Nordost“, bestätigt Thorulf.

Schon nach wenigen Minuten schält sich vor ihnen aus dem Dunst eine wellenumtoste Steilküste. Hoch sprüht die Gischt auf.

„Thorulf!“, schreit Helge. „Wir werden direkt auf die Felsen geschleudert!“ Angstvoll starrt er auf die hohen, scharfen Felszacken. „Gott, rette uns aus dem Sturm!“, betet er. „Hab Mitleid mit uns! Gott, höre uns!“

Der bärtige Sven steht fest wie ein Baum neben dem Ruder. Das Drachenboot fliegt an der Steilküste vorbei, es tanzt auf den Wellenkämmen. Die Männer verständigen sich durch wenige Handzeichen. Angstvoll und gebannt sieht Helge zu. Sven steuert das Schiff schließlich sicher in einen tief eingeschnittenen Fjord zwischen hohen, steilen Felsen, der weit ins Inselinnere führt. Das schwere Segel fällt.

„Du bist ganz grün um die Nase, Helge“, spottet Thorulf.

Helge schaut Sven, den Steuermann, mit unverhohlener Bewunderung an. „Ich möchte so navigieren lernen, wie du es kannst“, sagt er ehrfürchtig.

Sven grinst ein jungenhaftes Grinsen. „Dem steht nichts im Weg. Du bringst gute Voraussetzungen mit.“

Langsam treibt das Drachenboot voran. Ganz am Ende des Fjordes steigt Rauch in die Höhe. Helge entdeckt einen Hafen und dahinter Siedlungen. Das Heulen und Toben von Sturm und Wellen ist nur noch ganz gedämpft zu hören. Doch nun beginnt es zu schütten wie aus Eimern. Blitze zucken über den Himmel.

„Das war gerade noch rechtzeitig“, knurrt Heidur.

Die Männer gehen an Land. Die Bewohner der Siedlung begrüßen die Ankömmlinge freundlich und bieten ihnen Schutz in ihren Häusern am Feuer. Helge erfährt, dass die Insel Vagar heißt. Lange wird an diesem Abend erzählt und gesungen.

Endlich liegt Helge todmüde auf seinem Lager, aber er kann nicht einschlafen. Er versucht zu beten und Gott für die sichere Landung auf der Insel zu danken. Er will Gott loben, so wie sie es daheim immer am Abend getan haben. Doch Gott scheint so weit weg zu sein. Helge dreht den Kopf zur Seite, während Tränen über sein Gesicht rinnen. Er fühlt sich plötzlich so einsam wie noch nie in seinem Leben …

Thorulf und seine Leute bleiben einige Tage auf Vagar, um ihre Vorräte aufzustocken. Der Fischfang ist überaus ergiebig in den tiefen Gewässern, dazu gibt es Forellen in den Seen. Thorulf erhandelt Schafwolle und Käse, Getreide und Gemüse gegen einige Schätze aus Ingmar Ulfruns Besitz.

Als Helge einen warnenden Blick von Sven auffängt, beißt er sich auf die Lippen und sagt nichts dazu. Stattdessen stürzt er sich in die Arbeit, um seine unruhigen Gedanken zu vergessen. Keine Aufgabe ist ihm zu anstrengend oder zu schmutzig, so dass am Ende sogar der grimmige Heidur mit ihm zufrieden ist.

Helge sieht erfreut, dass sich die Vorratsfässer immer mehr füllen. „Wann können wir nach Westen aufbrechen?“, fragt er gespannt.

„Bald“, verspricht Thorulf. „Doch zunächst habe ich noch einige Dinge auf dem alten Kontinent zu erledigen. Unsere nächste Station heißt Haithabu.“

Helge hat schon viel von der berühmten Handelsstadt an der Ostsee gehört. „Das ist noch unheimlich weit weg – mindestens zwei Wochen weit im Südosten!“, ruft er überrascht. „Was willst du denn dort?“

„Das wirst du schon sehen“, erwidert Thorulf etwas ungeduldig.

Sven folgt dem Wortwechsel mit besorgter Miene. Er nimmt Helge am Abend leise beiseite. „Hör zu, Junge“, sagt er beschwörend, „bleib hier auf der Insel. Sobald ich kann, komme ich zurück und bringe dich nach Hause.“

„Aber warum?“ Helges Gesicht ist ein einziges Fragezeichen.

„Hör auf mich! Diese Reise ist nichts für dich. Und sie ist ganz bestimmt nicht das, was du erwartest.“

„Was meinst du damit? Thorulf hat doch versprochen, dass wir nach Westen segeln und neues Land erkunden! Davon träume ich seit Jahren“, erwidert Helge trotzig.

„Und wenn Thorulf dich anlügt?“

Helge schüttelt heftig den Kopf. Das kann und will er sich einfach nicht vorstellen!

„Glaub mir, Thorulf segelt in ein gefährliches Abenteuer, das dich Kopf und Kragen kosten kann. Bleib hier, Helge!“

Helge kämpft mit sich. „Wenn du nicht gut findest, was Thorulf vorhat – warum fährst du dann mit ihm?“, fragt er unsicher. „Du könntest doch auch hier bleiben.“

„Das würde ich gern!“, erwidert Sven mit schiefem Grinsen. „Aber ich schulde Thorulf etwas. Er hat einmal seinen Hals riskiert, um mich aus tödlicher Gefahr zu retten.“

„Siehst du“, sagt Helge triumphierend. „So ist Thorulf! Und deshalb bleibe ich bei ihm. Thorulf ist mein Freund.“

Sven schüttelt ungeduldig den Kopf. „Du machst einen Fehler, Helge! Thorulf ist nicht mehr der Mann, den wir beide kannten! Er ist überheblich und größenwahnsinnig geworden!“

Fortsetzung folgt