Stunde der Wahrheit (Eisland 6)

4. Februar 2018

Während Thorulf und Helge sich mit dem Schiff immer weiter von Eisland entfernen, entdeckt Helges Schwester Hella das verletzte Pferd ihres Bruders vor dem Haus. Gemeinsam mit Ingmar Ulfrun und seinen Männern macht sie sich auf die Suche … (zur Folge: Aufregung in der Nacht (Eisland 5))

Kurze Zeit später steht Ulfrun vor den wenigen, fast leeren Kisten, dem kümmerlichen Rest des Schatzes, den ihm Thorulf Dafinn gestohlen hatte. Mit einem klagenden Laut hebt er einen fein gearbeiteten, kostbaren Anhänger in die Höhe, der beim Aufbruch achtlos zerbrochen worden ist.

Dafinns Männer sehen sich an. „Die Kisten gehören Ihnen?“, fragt einer von ihnen.

Ulfrun nickt kurz. „Der junge Halunke ist mit den restlichen Schätzen gewiss schon über alle Berge!“

„Vielleicht erreichen wir Thorulf noch im Hafen, wenn wir uns beeilen“, schlägt einer von Dafinns Männern vor.

Ulfrun schüttelt müde den Kopf. „Wir müssen zuerst wissen, was aus dem Jungen, aus Helge, geworden ist.“

Hella fasst seine Hand. „Danke“, sagt sie.

Ulfrun verzieht sein Gesicht zu einem bärbeißigen Lächeln.

Draußen am Strand bückt sich Hella mit einem Aufschrei und hebt ein Stückchen grob gewebten, mit Ornamenten bestickten Wollstoffs auf. „Das ist von Helges Schulterriemen“, flüstert sie. „Helge ist hier gewesen und Thorulf hat ihn mitgenommen.“

Ulfrun untersucht die Stelle im Sand, wo Hella den Wollfetzen gefunden hat. „Helge war zweifellos hier“, bestätigt er. „Die flachen Abdrücke im Sand gehören ihm.“

„Helges Hengst Rafnar war also allein auf dem Rückweg, als er auf dem Felspfad stürzte“, bemerkt einer der Männer.

„Das glaube ich auch“, bestätigt Ingmar Ulfrun.

Es ist eine bedrückte, schweigende und erschöpfte Gruppe, die um die Mittagszeit den Hof von Olaf Olufson erreicht. Die Frauen hören dem Bericht schweigend zu, während die Männer sich stärken. Dann rüsten Ulfrun und seine Leute zum Aufbruch. „Sie verlassen uns?“, fragt Sigrun Olufson erschrocken.

„Was können wir hier noch ausrichten?“, erwidert Ulfrun müde.

„Bitte bleiben Sie noch diesen Tag bei uns“, bittet Sigrun. „Ich habe zum Al-thing geschickt. Mein Mann und Dafinn werden in wenigen Stunden hier sein und …“ Sie bricht ab und senkt mutlos den Kopf.

Ulfrun mustert sie einen Moment schweigend. „Na schön“, stimmt er nach kurzem Zögern zu.

„Danke“, murmelt Sigrun.

Am späten Nachmittag treffen Olaf und Dafinn ein. Stumm lassen sie sich von Ulfrun und den anderen Männern berichten.

„Die Stelle am Strand ließ nicht auf einen Kampf schließen?“, fragt Olaf.

Ulfrun schüttelt den Kopf.

In diesem Moment kommt ein Bote, einer von Olafs Leuten. „Thorulfs Boot ist aus dem Hafen verschwunden“, meldet er atemlos.

„Das ist nicht weiter überraschend“, meint Dafinn bitter. „Die einzige Frage, die noch offen ist: Hat Helge Thorulf freiwillig begleitet?“

„Daran besteht wohl kein Zweifel“, erwidert Ulfrun ruhig.

„Das glaube ich nicht!“, widerspricht Hella heftig. „So etwas würde Helge niemals tun.“

„Was hat er denn in der Bucht gewollt?“, fragt Ulfrun sanft.

„Vielleicht wollte er mit Thorulf reden?“

„Mitten in der Nacht?“

„Ich glaube es nicht“, schluchzt Hella.

Ulfrun streichelt ihr ungeschickt über das Haar. „Es tut weh, ich weiß!“

Dafinn löst sich aus seiner Starre. „Wir haben versagt“, bekennt er. „Anstatt Ihnen zu Ihrem Recht zu verhelfen, haben wir Thorulf Gelegenheit und Zeit zur Flucht verschafft. Ihr Schatz ist vorerst verloren. – Doch wir werden einige Schiffe ausrüsten und den Dieb verfolgen!“, fügt er mit plötzlicher Entschlossenheit hinzu. „Ich selbst werde die Truppe anführen.“

Helges Vater stellt sich an Dafinns Seite. „Ich bin dabei!“

Seine Leute murmeln zustimmend.

„Ich danke Ihnen“, erwidert Ulfrun und ein Lächeln erhellt sein verwittertes Gesicht. „Wenn es eine Chance gäbe, Thorulf zu stellen, nähme ich Ihr Angebot vielleicht an. Doch eine Flucht übers Meer hinterlässt keinerlei Spuren. Sollten Sie Ihre Höfe, Ihre Arbeit und vor allem Ihre Familien verlassen? Für eine ungewisse Suche, die wenig Aussicht auf Erfolg verspricht? Das lasse ich nicht zu.“

Dafinn senkt den Blick. Er weiß nur zu gut, dass Ulfrun recht hat.

Der Tag des Abschieds ist gekommen. Fast alle Bewohner von Olufsons und Dafinns Höfen haben sich im Hafen versammelt. Dann stehen sich Ulfrun, Dafinn und Helges Vater gegenüber.

„Ich habe Ihnen versprochen, Sie würden auf dem Eisland Ihr Recht erhalten“, bekennt Olaf. „Nun stehen wir beschämt und mit leeren Händen vor Ihnen.“

Ulfrun sieht ihn nachdenklich an. „Die Hälfte meiner Güter habe ich verloren, aber ich bin noch immer kein armer Mann. Außerdem habe ich hier vielleicht einen viel größeren Schatz gefunden als jenen, den ich verlor. Einen Schatz, der sicher ist vor Motten, Rost und Dieben, so wie es in Ihrem großen heiligen Buch steht, das ich inzwischen lieb gewonnen habe.“ Ulfrun sieht in die Runde. „Ich lasse Freunde auf dem Eisland zurück und der Abschied fällt mir schwer, weil ich gern noch viel mehr über euren Gott erfahren möchte. Ich hoffe und bete, dass vielleicht noch einmal Christen meinen Weg kreuzen und ich mehr erfahre.“

Da tritt Dafinns zweiter Sohn Arend nach vorn, ein hochaufgeschossener, schmächtiger junger Mann. Sein schmales, von zartem Bartflaum bedecktes Gesicht ist vor Eifer gerötet.

„Ulfrun, ich habe von Kind auf die Heilige Schrift der Christen studiert. Nehmen Sie mich mit, und ich werde Ihnen und Ihren Männern alles über den Glauben erzählen, das Sie wissen möchten!“

Ein Leuchten erhellt Dafinns Gesicht. Er legt den Arm um seine Frau, die bei den Worten ihres Sohnes zusammengezuckt ist, und schaut sie fragend an. Sie nickt ihm zu, mit Tränen in den Augen, doch mit stolzem Lächeln. Da richtet sich Dafinn hoch auf und sagt:

„Geh, mein Sohn! Gott sei mit dir!“

Ulfrun fasst den jungen Mann bei der Hand. „Willkommen an Bord“, sagt er bewegt.

Lange stehen Dafinns und Olufsons noch gemeinsam am Hafen, nachdem das Drachenboot des Wikingers am Horizont verschwunden ist. Frau Dafinn sieht hinauf zum Himmel. Ein verirrter Sonnenstrahl kämpft sich durch die Wolken und wirft einen hellen Schein über das Wasser. „Gott“, flüstert sie. „Ich glaube an deine Macht, an deine Gnade! Bitte, bring unsere beiden Söhne zu uns zurück!“

(Zur nächsten Folge)