Die Abrechnung – Lenhard 13 –

4. Februar 2018

Was bisher geschah:

Aarland und seine Familie erhielten eine geheimnisvolle Nachricht. Die Gräfin Rabeneck lud sie auf Gut Rabenstein ein. Nach einigem Zögern entschloss sich Aarland zu der Reise. Auch seine Familie und Lenhard reisten mit.

Dann zog ein schwerer Sturm auf, den Aarlands massives Schiff nur mit Mühe überstand. Nach dem Sturm sichteten sie einen verunglückten Segler und bargen die Schiffbrüchigen. Einer von ihnen war Garland, Aarlands Todfeind … (zur letzten Folge: Die Abrechnung Lenhard 12 )

Uralter Hass

Garland konnte sich vor Erschöpfung und Unterkühlung nicht mehr auf den Beinen halten. Lenhard ließ ihn vorsichtig auf das Deck gleiten. Garland verlor das Bewusstsein.

Mit grimmigem Blick schaute der Steuermann auf ihn herab. „Es ist eine alte Seefahrerregel, dass man nicht allen Unrat, den man findet, aus dem Wasser holen sollte“, sagte er verächtlich und spuckte vor Garland aus.

Aarland lächelte flüchtig. „Von dieser Regel habe ich zwar noch nie gehört, aber ich zweifele keinen Augenblick an ihrer Richtigkeit. – Doch hier haben wir es mit einem Menschen, einem Geschöpf Gottes zu tun.“

„Ich wünschte, wir hätten die Schiffbrüchigen nicht gefunden“, brach es aus Lenhard heraus. „Wir dürfen sie keinen Augenblick aus den Augen lassen! Wenn Johann doch hier wäre!“

Aarland nickte ernst. „Versorgt Garlands Mannschaft, gebt ihnen zu essen und trockene Kleidung. Sperrt sie dann über Nacht in den Laderaum und verschließt die Luke. Vier Mann Wache!“

Garlands Leute waren zu erschöpft, um sich zu wehren.

„Sollten wir sie nicht wie Gäste behandeln?“, fragte Frau Friedlinde sanft.

Erla warf ihr einen ungläubigen Blick zu. „Sobald Garland wieder bei Bewusstsein ist, wird er sofort versuchen, mit seinen Leuten unser Schiff in seine Gewalt zu bringen! Du kannst ihm keinen Augenblick trauen!“

Aarland legte den Arm um seine Tochter. „Sie hat leider recht. Es geht um unsere sichere Ankunft auf der Insel.“

Frau Friedlinde nickte.

„Unsere ‚Gäste’ sind versorgt, beköstigt und im Laderaum untergebracht“, meldete einer von Aarlands Leuten einige Zeit später. „Garland ist wieder bei Bewusstsein.“

Aarland nickte. „Begleitet mich bitte, Lenhard und Heinfried“, sagte er. In der Kajüte holte er das Schwert hervor, das er vor vielen Monaten Garland abgenommen hatte. Dann stieg er hinab in den Bauch des Schiffes. Die beiden Jungen folgten ihm gespannt.

Der Laderaum wurde nur durch eine einzelne Laterne erhellt, die einer der Wächter trug. Die Luft war dumpf und stickig. Brackwasser schwappte an der tiefsten Stelle. Die Schiffbrüchigen lagen oder saßen in Hängematten.

Garland sprang auf, als er Aarland erblickte. „Ah, der Ritter in weißer Rüstung lässt sich bei seinen Gefangenen blicken! – Und seine Kindergarde hat er ebenfalls dabei“, höhnte er.

Aarland maß ihn mit verächtlichem Blick. Dann holte er Garlands Schwert hervor, das im Schein der Laterne aufblitzte. „Ich habe dir dein Schwert gestohlen, als du wehrlos in deinem Bett lagst – und habe dir kein Haar gekrümmt. Ich habe dich aus dem Wasser gezogen, als du im Sturm gekentert warst. Meinst du nicht, dass du mir etwas schuldest?“

Lenhard glaubte, für einen winzigen Augenblick eine Unsicherheit in Garlands kohlschwarzen Augen zu sehen. Doch das war nur ein kurzer Moment.

Garland warf den Kopf zurück und sagte eisig: „Wer seinen Feind trifft, tötet ihn. Alles andere ist Leichtsinn. Denn du kannst sicher sein: Ich würde dich im umgekehrten Fall nicht schonen!“

Zornig trat Lenhard einen Schritt vor. Doch Aarland hielt ihn zurück.

„Hast du ebenfalls eine Einladung der Gräfin Rabeneck erhalten?“, erkundigte er sich bei Garland.

„In der Tat. Die alte Schachtel …!“ Er vollendete den Satz nicht.

„Du weißt den Grund für ihre Einladung?“

Garland nickte genüsslich. „Aber dir gönne ich noch etwas Vorfreude.“

Aarland wandte sich zum Gehen.

„Mein Schwert?“

Aarland sah ihn mit großen Augen an. „Du bekommst es, wenn wir von Bord gehen. Nicht früher.“

Die Gräfin

Die weitere Überfahrt zur Insel verlief ohne besondere Zwischenfälle. Der Abend brach an. Die See hatte sich beruhigt und der Himmel klarte auf und einzelne Sterne wiesen ihnen den Weg.

Aarland selbst übernahm die letzte Morgenwache vor dem Laderaum. Doch die Gefangenen verhielten sich ruhig.

Bei Anbruch der Morgendämmerung tauchte die Küste der Insel vor ihnen auf und der Steuermann führte den Segler sicher in den Hafen.

Sobald Aarlands Schiff angelegt hatte, ließ er Garland und seine Leute an Deck holen. Er gab Garland sein Schwert zurück, behielt seinen Feind aber jeden Augenblick im Auge. Garlands Hand schnellte vor zu einem Schwerthieb. Doch Aarland war schneller. Mit einem einzigen Handkantenschlag auf den rechten Arm setzte er Garland außer Gefecht. Das Schwert fiel klirrend auf das Deck.

Garland stöhnte: „Du hast mir den Arm gebrochen!“

Aarland gab ihm einen zornigen Stoß, so dass er über den Steg an Land taumelte. „Sei froh, dass ich dir nicht den Hals gebrochen habe!“, zischte er.

Lenhard hob das Schwert auf. In seinen Augen standen Tränen.

Aarlands Blick wurde sanft. „Wirf es über Bord!“, forderte er seinen Knappen auf.

Lenhard gehorchte. Mit einem Aufspritzen fiel die kostbare Waffe in das Wasser an der Mole und versank.

„Es tut mir leid, Lenhard“, bekannte Aarland bekümmert. „Für einen Moment habe ich die Beherrschung verloren, während uns der Herr doch sagt, dass wir Böses nicht mit Bösem vergelten sollen.“

Lenhard nickte.

„Herr, bitte schenke doch Frieden! Du kannst Versöhnung geben! Bitte, Herr! Für dich ist doch kein Herz zu hart! Bitte hilf uns!“, betete er leise in seinem Herzen.

Aarland, seine Familie, Lenhard und einige Bewaffnete verließen das Schiff, das sie gut bewacht zurückließen, und erfragten den Weg zum Gut Rabenstein.

Lenhard sah sich unterwegs immer wieder um, die Hand am Griff seiner Waffe. Doch von Garland und seinen Gesellen war nichts zu sehen.

Der Weg führte durch von mageren Gräsern bestandene Dünen auf das wellige Hügelland der Insel. Endlich tauchte das weitläufige, doch niedrige Reet gedeckte Gebäude in der Ferne auf.

Die Nachrichten verbreiteten sich schnell auf der Insel. Aarland und seine Begleiter wurden auf dem Gut bereits erwartet und von einer freundlichen Magd in ihre Quartiere gebracht.

„Die Gräfin Rabeneck wünscht Ihnen einen guten Aufenthalt“, sagte sie im Dialekt des Nordens. „Frau Gräfin bittet Sie heute Abend zum Essen im großen Speisesaal.“

Lenhard, Heinfried und Erla nutzten die Zeit bis dahin, um die Insel zu erkunden. Der Himmel war blassblau und klar. Nur kleine Schaumkronen auf den Wellen kündeten noch vom Sturm des gestrigen Nachmittags.

Das Geheimnis der Rabeneck

Neugierig, auch ein wenig aufgeregt, ließ sich Aarlands Familie in den Speisesaal führen. Auf einer Tafel, die von acht hochlehnigen Stühlen umgeben war, türmten sich leckere Speisen.

„Wenigstens hungern brauchen wir nicht“, stellte Heinfried zufrieden fest.

Ein kehliges Lachen ertönte. Aus dem Hintergrund des Raumes löste sich eine hohe Frauengestalt in schwarzem Gewand. Ihre Haare waren schlohweiß, doch Augen und Brauen von tiefem Schwarz, was einen seltsamen Kontrast bildete.

„Willkommen auf Gut Rabenstein!“, begrüßte sie ihre Gäste.

In diesem Moment öffnete sich noch einmal die Tür und Garland kam herein. Er trug den Arm in einer Binde und warf Aarland einen finsteren Blick zu. Dann wandte er sich der Gräfin zu, verneigte sich und sagte: „Brunhilde, meine Liebe! Wie wunderbar du aussiehst! Wie ein frischer Frühlingsmorgen.“

Erla kicherte, was ihr einen sanft verweisenden Blick ihrer Mutter einbrachte.

Gräfin Rabeneck warf Garland einen spöttischen Blick zu. Freundlich lud sie dann ihre Gäste zu Tisch.

Nach dem Essen begann sie ohne Umschweife: „Garland, du ahnst vermutlich, worüber ich mit euch beiden sprechen will?“

„Allerdings.“

„Willst du es ihm erzählen?“

„Ich?“, fragte Garland empört.

„Ja, du!“

Aarland war dem Gespräch der beiden mit wachsender Verwirrung gefolgt. Einen Moment war es mäuschenstill im Raum. Lenhard hielt den Atem an. Er spürte, jetzt würde endlich das Rätsel gelöst werden …

Garlands Geschichte

„Dein Vater war schon einmal verheiratet, Aarland“, begann Garland mit rauer Stimme. „Seine erste Frau, die er sehr geliebt hat, starb bei der Geburt ihres Sohnes. Das hat er diesem Sohn nie verziehen. Jahre gingen ins Land. Nach langer Zeit heiratete Greifenstein ein zweites Mal. Dann wurdest du geboren. Als Greifensteins zweite Frau einmal dazu kam, wie ihr Sohn von dem älteren Halbbruder geneckt und geärgert wurde, ging sie zu ihrem Mann und beschwerte sich. Dein Halbbruder, damals sechzehnjährig, wurde daraufhin verbannt.“

Aarland war bleich geworden. Er sprang auf. „Du? Du bist mein Bruder?“

„Halbbruder“, verbesserte Garland bissig. „Viele Jahre später kehrte ich zurück und zog auf dem hässlichen, finsteren Rabeneck ein, das unser Vater mir großzügig überlassen hatte.“

„Ich hatte keine Ahnung!“, sagte Aarland erschüttert.

„Das alles hätte ich dir verzeihen können“, erwiderte sein Bruder tonlos. „Aber dann hast du die Frau geheiratet, die ich mehr als alles auf der Welt geliebt habe.“ Er warf Friedlinde einen Blick zu, vor dessen grenzenlosem Schmerz Lenhard erzitterte. „Das verzeihe ich dir nicht! Niemals!“ Garland sprang auf und stürmte aus dem Raum.

Aarland verbarg das Gesicht in den Händen.

„Wer sind Sie?“, fragte Heinfried.

Die Gräfin sah ihn liebevoll an. „Ich bin die Schwester von Garlands und Aarlands Vater. Schon länger wurde mir berichtet, welch ein Krieg zwischen Rabeneck und Greifenstein tobt. Ich wollte, dass du, Aarland, weißt, warum dein Bruder dich so hasst“, wandte sie sich an diesen. „Dass du ihn verstehst und für ihn betest. Und vielleicht, eines Tages, wird Gott euch eine Versöhnung schenken. Habe Geduld!“

(Fortsetzung folgt)