Einer wankt nicht

23. Januar 2018

Wütend pfeift der Wind durch die Segel der Cathrina. Die Segel des viermastigen Schoners drohen jeden Augenblick zu reißen. Verzweifelt versuchen die Seeleute, sie einzuholen. Doch unerbittlich peitscht der Sturm Böe auf Böe hinein. Der aus Holz gebaute Rumpf des Schiffes ächzt unter der Wucht der Wellen, die das Schiff in der wogenden See hin- und herwerfen.

Ängstlich klammert sich Rory McIllroy am Geländer der Treppe fest, die zur Kombüse unter Deck führt.

„Herr Jesus, bitte bewahre uns“, fleht er leise, während das Krachen von splitterndem Holz selbst den ohrenbetäubenden Lärm der Sturmböen übertönt.

„Hoffentlich ist das Schiff nicht leck geschlagen“, schießt es ihm durch den Kopf. Sorgenvoll blickt der fünfzehnjährige Schiffsjunge nach unten. Erschrocken sieht er, wie die schweren Kisten im Laderaum vom eindringenden Wasser von einer Ecke in die andere geschoben werden.

„Alle Mann an Deck!“

Die kräftige Stimme von Kapitän Stuart wird vom Sturmwind fast davongetragen. Doch irgendwie gelingt es dem Kapitän, alle Seeleute an Deck zu holen.

„Männer, wir werden das Schiff nicht halten können!“, schreit der Kapitän gegen den Wind an. „Darum habe ich dem Steuermann Befehl gegeben, es auf die Untiefen vor der Küste zu lenken. Vielleicht gelingt es uns, die Cathrina auf Grund zu setzen. Sucht euch alle etwas, woran ihr euch über Wasser halten könnt, wenn ihr ins Wasser stürzt!“, befiehlt er mit ernster Stimme.

Rory schaudert. „Herr Jesus, wenn du kein Wunder tust, dann …“ Der Schiffsjunge schluckt schwer und wagt nicht weiterzudenken.

Innerhalb weniger Minuten bekommt die Cathrina immer stärkere Schlagseite. Der einstmals stolze Segler ist nur noch ein einziger Trümmerhaufen, die abgeknickten Masten liegen kreuz und quer über dem Deck. Immer stärker neigt sich das Schiff auf die rechte Seite.

Krachend schwappt eine riesige Welle über das Schiff. Rory greift, ohne viel zu überlegen, nach einem kräftigen Holzbrett, das vor ihm über das Deck rutscht. Dann merkt er nur noch, wie die nächste Welle über ihn hereinbricht. Alles um ihn herum ist für einen Moment dunkel und nass.

Einen Augenblick später ist er wieder mit dem Kopf aus dem Wasser. „Die Welle hat mich über Bord gespült“, wird Rory klar. So fest er kann, klammert er sich an das Brett. Welle für Welle wird er vorwärtsgetrieben.

Im Dunkel der Sturmnacht erkennt er vor sich schemenhaft einen großen schwarzen Brocken. „Vielleicht ein Felsen, auf dem ich Halt finden kann“, hofft Rory.

In seinem Kopf fühlt er eine ängstliche Leere. „Herr Jesus, rette mich“, ist alles, was er noch denken kann.

Plötzlich spürt er etwas Kantiges, Hartes an seinen Beinen. Vorsichtig tastet er mit seinen Füßen nach unten. Tatsächlich! Er hat festen Grund unter den Füßen. Mit letzter Kraft wirft er sich nach vorne und tastet mit den Händen nach dem Felsen, den er trotz der Dunkelheit nun deutlich erkennen kann.

Es ist gar nicht so einfach, in der stürmischen See auf den Felsen zu klettern. Doch irgendwie schafft es der Fünfzehnjährige. Völlig durchnässt und mit klappernden Zähnen hockt er schließlich oben auf dem Felsen, der aus dem stürmischen Meer ragt.

 

 

„Danke, Herr Jesus“, seufzt Rory erleichtert. Um ihn herum taucht die Nacht noch immer alles in Dunkelheit. Da der ganze Himmel voller gewaltiger Regenwolken hängt, sind der Mond und die Sterne nicht zu sehen.

„Wie lange ich hier wohl aushalten muss?“, überlegt er, während unter ihm die vom Sturm aufgewühlten Wellen gegen den Felsen peitschen. Der Wind heult gespenstisch über die Felskante. Richtig unheimlich hört sich das alles in dieser Finsternis an.

„Ich darf auf gar keinen Fall einschlafen, damit ich nicht wieder ins Meer stürze“, ermahnt Rory sich selbst. Erschöpft kämpft er gegen die Müdigkeit. „Gut, dass der Felsblock so fest in der Brandung steht“, denkt er dankbar.

Als die Wellen schließlich nicht mehr so heftig gegen den Felsen branden und das Geheul des Windes etwas nachlässt, fasst Rory wieder Mut. In den Wolken reißt eine kleine Lücke auf und er kann den Morgenstern sehen.

Angestrengt lauscht er in die Nacht. Doch nur wenige Augenblicke später bricht der Sturm wieder los. Sofort spürt Rory neue Angst in sich aufsteigen.

Und erneut betet er zum Herrn Jesus um Rettung. Und wieder empfindet er die Dankbarkeit, dass der Herr Jesus ihn mitten im Sturm auf diesen festen Felsen gesetzt hat.

Rory weiß nicht, wie lange er schon dort auf dem Felsen kauert und auf Rettung wartet. Doch endlich, endlich lässt der Sturm nach. Im Morgengrauen erkennt Rory, dass der Felsblock nicht weit vor der rettenden Küste liegt. Doch wie soll er dorthin kommen? Er weiß ja nicht, wie tief das Wasser dazwischen ist. Und zum Schwimmen ist er zu schwach.

Sehnsüchtig blickt Rory zum rettenden Ufer. „Es ist so nahe und doch so weit weg“, seufzt er. Da scheint für einen Moment ein Sonnenstrahl durch den immer noch von grauen Wolken verhangenen Himmel. Er erinnert den Schiffsjungen daran, dass der Herr Jesus immer bei ihm ist.

„Herr, du hast mich vor dem Ertrinken gerettet und auf diesen Felsen gesetzt“, betet er. „Du kannst mich auch wieder ans rettende Ufer bringen.“ Erschöpft blinzelt er in Richtung des Strandes.

Was ist das? Träumt er oder sind dort wirklich Menschen am Strand, die zu ihm herüberwinken? Mit einem Mal ist Rory hellwach. Nein, er täuscht sich nicht. Dort drüben am Strand sind wirklich Männer, die mit ihren Pferdewagen Ruderboote an den Strand bringen.

Aufgeregt beginnt Rory, mit beiden Armen zu winken. Dann sieht er, wie die Boote ins Wasser geschoben werden. Die Männer steigen hinein und rudern auf die Felsen zu. Erst jetzt bemerkt Rory, dass sich auf die Felsen rechts und links auch Seeleute von der Cathrina gerettet haben.

Es dauert nicht lange, bis eins der Ruderboote den Felsen erreicht hat, auf dem Rory hockt. Kräftige Arme strecken sich ihm entgegen und heben ihn ins Boot. Mit kräftigen Ruderschlägen geht es zurück an den Strand. Einer der Männer reicht dem Jungen während der Fahrt eine wärmende Decke.

„Vielen Dank“, sagt Rory erleichtert.

„Hast du denn nicht gezittert, doch noch ins Wasser zu fallen und unterzugehen?“, fragt der Mann freundlich.

„Doch“, erwidert Rory ehrlich. „Ich habe oft gezittert in den Stunden dort auf dem Felsen. Aber der Fels hat nicht einmal gewankt.“

„Nur auf Gott vertraue still meine Seele, denn von ihm kommt meine Erwartung. Nur er ist mein Fels und meine Rettung, meine hohe Festung; ich werde nicht wanken“, sagt der Mann nachdenklich. Diese Worte aus Psalm 62 kennt Rory gut. Und in dieser Nacht hat er erlebt, wie wahr sie auch heute noch sind. Einer wankt nicht.


Interessant für dich:
Schoner: So werden Segelschiffe genannt, deren Masten und Segel in einer bestimmten Weise auf dem Schiff angeordnet sind.
Kombüse: So heißt die Schiffsküche.