Die Abrechnung – Lenhard 12 –

23. Januar 2018

Eine geheimnisvolle Einladung

Aarland, der Burgherr, sah stirnrunzelnd und ungewohnt ernst auf, als Heinfried und Lenhard nach kurzem Anklopfen in sein Arbeitszimmer stürmten (Zur vorherigen Folge: Das Rätsel von Rabeneck – Lenhard 11 –).

„Vater, denk dir, Lenhard hat vom Turm aus einen Falken beobachtet. Dürfen wir ausreiten, um zu suchen, wo er seinen Horst hat?“ Aarland nickte etwas zerstreut. „Danke“, sagte Lenhard freudestrahlend. Die beiden Jungen wollten sich schon entfernen, als Aarland sie mit einer Handbewegung zum Bleiben aufforderte. „Setzt euch einen Moment.“

Etwas verwundert gehorchten Lenhard und Heinfried. Aarland schob ihnen einen schweren Pergamentbogen über seinen riesigen Arbeitstisch hinüber. „Das brachte mir heute Morgen ein Bote. – Was haltet ihr davon?“

In steiler, verschnörkelter Schrift stand auf dem Bogen:

Burgherrn Aarland vom Greifenstein, wenn Ihr zu erfahren wünscht, weshalb Euch Garland vom Rabeneck von jeher in hasserfüllter Feindschaft verbunden ist, so findet Euch zum Novembervollmond auf dem Gut Rabenstein, Insel Nordland ein. Mit vorzüglicher Hochachtung, Brunhilde, Gräfin von Rabeneck.

Heinfried und Lenhard sahen sich mit glänzenden Augen an und fragten wie aus einem Mund: „Fahren wir hin?“

Aarland schüttelte zögernd den Kopf. „Gräfin Rabeneck? Ich habe nie zuvor von ihr gehört. Aber allein schon der Rabenname jagt mir einen Schauder über den Rücken. Garland hasst uns so sehr!“

„Gerade darum müssen wir versuchen, den Grund zu erfahren“, versetzte Heinfried.

„Und wenn es eine geschickte Falle ist?“, gab sein Vater zu bedenken.

„Aber du wirst dich für immer ärgern, wenn du nicht einmal den Versuch gemacht hast, das Rätsel zu lösen.“

Aarland stützte den Kopf schwer auf die Hände. Dann blickte er Lenhard an. „Denkst du auch wie Heinfried darüber?“

Lenhard nickte eifrig. „Natürlich müssen wir sehr vorsichtig sein.“

„Wir?“

Lenhard wurde rot. „Ich dachte, als Ihr Knappe bin ich auch mit verantwortlich für die Sicherheit und …“ Er stockte.

Aarland lächelte sein gütiges Lächeln. „Ihr seid beide noch jung, aber ich verlasse mich völlig auf euch.“

Die beiden Jungen strahlten.

„Doch vor allem wollen wir Gott, unseren himmlischen Vater, um Rat und Weisung bitten, ob wir die Reise wagen sollen. Eine Schifffahrt im November ist nicht ungefährlich. Auch würde Garland sofort die Gelegenheit zu einem Angriff nutzen, wenn er den Greifenstein ohne ausreichende Bewachung wüsste.“

Lenhard nickt nachdenklich. „Keinesfalls dürfen wir Frau Friedlinde und Erla einer Gefahr aussetzen“, bestätigte er. „Die Sorge für die Burg könntet Ihr aber Johann ohne Weiteres anvertrauen.“

Aarland nickte beifällig. „Ein guter Gedanke! Der Mann ist umsichtig und treu wie Gold. Gern würde ich ihn mitnehmen, aber auf dem Posten hier ist er noch nötiger!“

Aufregende Pläne

Vom Ausritt der Jungen war keine Rede mehr. Beim Mittagessen drehte sich das Gespräch der Familie stattdessen nur um die rätselhafte Einladung der Gräfin Rabeneck. Auch Erla und ihre Mutter hörten mit großen Augen zu.

„Seltsam“, murmelte Johann, der gerade von einer zweitägigen Reise in die Stadt zurückgekehrt war, wo er einige wichtige Besorgungen für Aarland und Einkäufe für die Burg erledigt hatte. „Sprich!“, forderte ihn Aarland auf. „Hast du Informationen erhalten, die uns nützen können?“

„Ich traf gestern einen von Garlands Leuten auf dem Markt. Da wir früher Freunde waren, erzählte er mir im Vertrauen, dass sein Herr Vorbereitungen für eine Seereise träfe. Er schimpfte, was für ein Wahnsinn es sei, sich so spät im Jahr aufs Meer zu wagen.“

„Ob das Zufall ist?“, überlegte Aarland halblaut.

Johann blickte ihn nachdenklich an. „Das Ziel von Garlands Reise lautet Nordland.“

Aarland versank in tiefes Brüten. „Also doch eine Falle. Garland wird uns auf der Insel erwarten und in einen Hinterhalt locken.“

„Das macht doch keinen Sinn, Vater!“, begehrte Heinfried auf. „Wenn es Garland nur darum ginge, uns Übles zu tun, könnte er uns hier zwischen unseren Burgen jederzeit einen Hinterhalt legen. Er würde doch dafür nicht eine lange riskante Seereise auf sich nehmen!“

„Es gibt auch noch eine andere Möglichkeit“, gab Lenhard zu bedenken. „Garland hat eine ähnlich geheimnisvolle Einladung der Gräfin Rabeneck erhalten wie wir.“

„Das wird es sein“, stimmte Frau Friedlinde bei, die bisher schweigend dem Gespräch gefolgt war. „Doch das würde die Fahrt für euch noch gefährlicher machen!“

„Könnten wir nicht mitkommen?“, bettelte Erla. „Ich hasse es, hier zu bleiben und die ganze Zeit Angst um euch zu haben!“

Ihr Vater zögerte. „Was die Gräfin uns zu sagen hat, geht uns allerdings alle an. Du und Lenhard, ihr habt von uns allen am meisten unter Garlands Feindseligkeiten gelitten … Doch lasst uns zunächst Klarheit darüber bekommen, ob wir überhaupt reisen sollten.“

Entscheidungen

Am Abend bei der gemeinsamen Andacht drehten sich die Gebete vor allem um die Einladung der Gräfin und die Seereise, die im November sehr gefährlich werden konnte. Aarland betete: „Herr, unser Gott, du siehst und du weißt, wie sehr Garlands Feindschaft unser Leben verdunkelt und bedroht. Danke, dass du uns bisher vor seinen Anschlägen bewahrt hast. Mehr als einmal hast du unser Leben beschützt. Wir vertrauen dir, dass du das auch weiter tust.

Doch wir würden so gern den Grund von Garlands Feindschaft erfahren. Und uns dann bemühen – mit deiner Hilfe –, ob nicht irgendwie Frieden oder wenigstens ein Waffenstillstand möglich wäre. Herr, bitte zeige uns, ob wir die Reise antreten sollen. Amen!“

Einen Moment war es still. Dann öffnete Lenhard die große Bibel, denn er war an diesem Abend mit der Schriftlesung an der Reihe. Gemeinsam lasen sie gerade das 24. Kapitel im ersten Mosebuch. Staunend hatten die jungen Leute bisher zugehört, auf welch besondere Weise Gott Abrahams Sohn Isaak eine Frau zeigte. Doch heute waren sie nicht so ganz bei der Sache. Aber dann horchten sie auf, als Lenhard folgenden Satz vorlas: „Halte mich nicht auf, denn der Herr hat Glück zu meiner Reise gegeben …“ Er stockte.

Frau Friedlinde lächelte: „Wenn das keine Verheißung ist …“

Damit war die Sache entschieden.

Johann und Lenhard wurden mit einigen Handwerkern zum Hafen geschickt, um das robuste Lastschiff, das eigentlich schon winterfest im Herbstquartier lag, für die Fahrt bereit zu machen. Aarland hatte sich gegen den schnellen Segler entschieden, der ebenfalls zum Greifenstein gehörte, obwohl er die Fahrt erheblich abgekürzt hätte.

Wie immer war Lenhard überwältigt, als er das Meer sah. Still stand er am Deich und schaute hinaus auf die endlose, von Schaumkronen bedeckte graue Wasserfläche unter einem dunkelgrau drohenden Himmel.

Lenhards Herz wurde schwer. „Wie denkst du über unser Vorhaben, Johann?“, fragte er den schweigsamen Mann neben sich.

Dieser zögerte einen Moment mit der Antwort. „Es ist ein schweres Los für deine Herrschaft, Garland als Nachbarn zu haben“, sagte er mit schwerer Betonung. „Ich kenne keinen böseren Menschen als ihn. Und darum hab ich wenig Hoffnung, dass irgendetwas oder irgendjemand Garland ändern kann. Im Gegenteil, jedes Zusammentreffen mit ihm bedeutet Gefahr für euch.“

Lenhard seufzte. „Vielleicht bin ich ein Träumer, Johann. Aber ich glaube daran, dass Gott auch mit einem Menschen wie Garland fertig werden kann.“

Johann straffte die Schultern. „Du hast recht, Junge!“, sagte er. „Lass uns gehen und das Schiff zum Auslaufen vorbereiten und dann zum Greifenstein zurückkehren!“

Frau Friedlinde kümmerte sich unterdessen mit der Köchin um die Vorräte und warme Kleidung, Erla und Heinfried halfen ihrem Vater, Seekarten und Kompass bereitzulegen. Dazu sichteten sie noch einmal alle Informationen, die in der Chronik zu Rabeneck und Greifenstein zu finden waren.

„Die Vorstellung, dass wir mit Garland in Frieden leben könnten, ist einfach zu schön, um wahr zu sein“, sagte Erla etwas verzagt zu ihrem Bruder.

Heinfried sah sie nachdenklich an. „Gott kann das machen“, entgegnete er einfach. „Lenhard und ich beten schon seit vielen Monaten darum.“

Erla nickte.

„Wie ist es mit dir? Könntest du Garland verzeihen, Erla?“

„Ich weiß es nicht. – Aber wenn es zum Frieden beiträgt, würde ich es tun. Mit Gottes Hilfe.“

An der Küste

Der Tag der Abreise war gekommen. Aarland hatte nach langem Überlegen und ernstem Gebet entschieden, dass Friedlinde und Erla sie begleiten sollten.

Johann und eine Schar Bewaffneter geleiteten sie zum Hafen. Das Meer lag still und eine kleine, blasse Sonne schien vom Novemberhimmel.

Dann legte das robuste Schiff endlich ab. Es wurde von einer zuverlässigen Mannschaft geführt, der Aarland selbst als Kapitän vorstand.

Johann stand lange am Pier, bis der stabile Segler in der Ferne am Horizont verschwunden war. „Gott mit euch auf eurem Weg“, flüsterte er.

Er wandte sich um und – stand Auge in Auge mit Friedhold, seinem ehemaligen Kumpan im Dienst Garlands. Friedhold musterte ihn spöttisch.

„Kannst du mir sagen, was das soll? Ist das die neueste Mode, dass unsere werten Herrschaften in den Herbststürmen Kopf und Kragen riskieren?“

„Herbststürme?“, echote Johann besorgt.

„Ich mag ein feiges Landei sein, aber ich hab mein Leben lang direkt an der Küste gelebt. Ich spüre es in jedem Knochen, wenn ein Sturm aufzieht. – Garland ist schon vor zwei Stunden aufgebrochen“, wechselte Friedhold abrupt das Thema. „Haben die eine Verabredung dort draußen?“

Johann zuckte die Schultern. „Das darfst du mich nicht fragen. – Hoffen wir, dass sie gut zurückkehren.“

Friedhold lachte hart auf. „Ich weine Garland keine Träne nach, wenn er da draußen im Sturm bleibt.“

„Warum arbeitest du für ihn?“

„Er bezahlt gut.“

Johann sah ihn aufmerksam an und nickte. Dann musterte er den Horizont. Der Himmel sah völlig ruhig aus. Vielleicht irrte sich Friedhold! Oder die Freunde erreichten das Ziel, ehe ein Sturm aufzog!

Schiffbruch

Johann und seine Leute hatten noch etwa eine Stunde im Hafen zu tun. Besorgt sah Johann zum Horizont im Westen, wo sich eine einzelne, fast schwarze Wolke bildete, die schnell anwuchs. Das Meer wurde noch stiller. Die Ruhe vor dem Sturm? Der Himmel färbte sich gelblich.

Besorgt, bange Furcht im Herzen, kehrte Johann zum Greifenstein zurück. Er schärfte den Wächtern doppelte Wachsamkeit ein. Dass Garland fortgereist war, bildete ja keine Garantie vor feindlichen Ausfällen vom Rabeneck.

In seiner Kammer fiel Johann auf seine Knie und flehte zu Gott: „Bewahre sie, Herr, und bringe sie gesund zurück!“

Stunden waren vergangen. Frau Friedlinde, Heinfried und Erla standen an Deck beim Kapitän. Lenhard hatte sich zu den Seeleuten gesellt. Er ging ihnen zur Hand und schaute sich viel ab, denn er war gelehrig und fleißig.

Aarland nickte ihm beifällig zu. Dann suchte er wieder den Horizont ab. Kein Seevogel ließ sich sehen oder hören. Schlaff hingen die Segel herab, gleichzeitig krängte das Schiff in einer starken Unterströmung, während der Himmel im Westen immer dunkler wurde. Aarland trat zum Steuermann.

Dieser blickte kurz auf. „Kurs halten? Oder wenden?“

„Was meinst du? Was würdest du tun?“

„Hm.“ Der Seemann kratzte sich seinen roten Bart. „Wir werden schweren Sturm bekommen aus Westen – und er kann jeden Augenblick losbrechen. Das Schiff ist stark und robust und recht schnell vor dem Wind, dagegen schwerfällig und schwer gegen den Wind zu richten. Der Sturm wird uns direkt zur Insel tragen.“

Aarland nickte. „Kurs beibehalten!“

Noch einmal schaute die Sonne fahl zwischen den Wolken hervor.

Dann fegte eine einzige Bö übers Wasser.

„Segel herunter!“, brüllte Aarland.

 

Das Kommando kam keinen Augenblick zu früh. Wie entfesselt tobte der Sturm los, erfasste das Schiff mit eiserner Gewalt, hob es auf die plötzlich entstandenen Wellenberge und schleuderte es im nächsten Moment in die Wellentäler hinab.

„Geht hinab in die Kajüte!“, rief Aarland gegen das Heulen des Windes.

Frau Friedlinde schüttelte den Kopf. „Lass uns bei dir bleiben!“

Aarland nickte zögernd. „Haltet euch an den schweren Tauen fest.“

Erla, Heinfried und Friedlinde gehorchten schweigend.

Lenhard schaute mutig auf das Meer hinaus und straffte die Schultern. Und er betete in seinem Herzen: „Herr, lass uns diesen Sturm überstehen.“

Die Seeleute arbeiteten fieberhaft. Dem Steuermann standen trotz eisiger Kälte Schweißperlen auf der Stirn. Aarland eilte ihm zur Hilfe, das schwere Ruder gegen die Macht der Strömung zu drehen und einigermaßen auf Kurs zu halten. Das Schiff ächzte und stöhnte und erzitterte in seinen Grundfesten.

 

Nach etwa einer Dreiviertelstunde legte sich der Sturm so schnell, wie er gekommen war. Die boshaften gelblichen Wolken hatten sich verzogen und die blasse Mittagssonne erschien im Süden.

Aarland sprach an Deck laut ein Dankgebet und die Seeleute stimmten kräftig in sein Amen ein. Dann wurden die Segel wieder gesetzt.

„Nun geht bitte in die Kajüte und ruht euch aus“, bat der Kapitän seine Familie.

Doch Frau Friedlinde reagierte nicht. Wie gebannt starrte sie auf die Wasserfläche. Laut tönte ihre Stimme über das Deck: „Schiffbrüchige an Backbord voraus!“

„Segel herunter!“, kommandierte Aarland. Mit zwei Schritten war er bei seiner Frau. Auf den schwankenden Planken, bei immer noch unruhiger See, die das Schiff hob, war es kaum möglich, auf der gischtenden, aufschäumenden Wasserfläche etwas zu erkennen. Doch dann – Aarland erstarrte.

„Dort schwimmt kieloben ein Segler. Und da treiben der abgebrochene Mast, zerfetzte Segel und einzelne Holztrümmer!“

„Wie furchtbar!“ Frau Friedlinde schlug die Hand vor den Mund. „Die armen Menschen sind verloren!“

Heinfried und Erla standen dicht neben ihr und Heinfried sah etwas grün im Gesicht aus.

Ohne Aarlands Kommando abzuwarten, hatte der Steuermann das Ruder nach Backbord herumgeworfen. Jede Woge brachte sie dem verunglückten Segler ein Stück näher. Nun konnten sie Menschen erkennen.

Wie es bei schäumender See gelang, die Seeleute des havarierten Seglers von Trümmern und Planken zu bergen, konnte am Ende niemand mehr sagen. Sechs entkräftete Seemänner kamen an Bord.

„Dort hinten treibt noch ein Mann im Wasser!“, rief Erla. „Er hält sich am abgebrochenen Mast fest.“

„Ich fürchte, wir können nichts für ihn tun“, sagte Aarland tonlos. „Er ist schon zu weit abgetrieben. Ich kann nicht länger unser aller Leben in der wilden See aufs Spiel setzen!“

Nun hob der Mann, wie es schien in Zeitlupe, eine Hand in die Höhe.

„Bitte, du musst es versuchen, Vater! Du kannst ihn nicht ertrinken lassen“, bat Erla in höchster Aufregung.

Lenhard hatte schon eins der Taue gepackt. Doch immer wieder wurden sie durch den hohen Wellengang von dem Mann in den Fluten getrennt. Endlich gelang es, dem Schiffbrüchigen das Seil zuzuwerfen, so dass er es fassen konnte.

„Halten Sie sich fest! Wir ziehen Sie an Bord.“

Endlich war es geschafft. Der durchnässte, halb ohnmächtige Schiffbrüchige taumelte über die Reling auf das Deck. Lenhard stützte ihn.

Es war Garland.

(Zur nächsten Folge: Die Abrechnung Lenhard 13)