Aufregung in der Nacht (Eisland 5)

23. Januar 2018

Helge Olufson überrascht Thorulf dabei, wie er sein Schiff mit gestohlenen Schätzen belädt. Deshalb überredet Thorulf seinen Freund, mit ihm zu kommen. Gemeinsam wollen sie auf große Entdeckerfahrt gehen, verspricht er Helge (Zur letzten Folge: Lockende Freiheit (Eisland 4))…

Sigrun Olufson fährt unsanft aus dem Schlaf, als ihre Tochter sie an der Schulter rüttelt. Noch etwas verschlafen schaut sie in Hellas weit aufgerissene Augen. „Was ist denn passiert?“, murmelt sie und streicht über ihr müdes Gesicht. Draußen ist es noch dunkel und die anderen liegen in tiefem Schlummer.

„Rafnar …“, Hella ist so aufgeregt, dass sie kaum sprechen kann. „Ich war wach und hörte Hufgetrappel. Da hab ich mich rausgeschlichen. Rafnar – steht draußen! Du musst ihn dir ansehen, er hat sich einen Hufschuh beinahe abgerissen und eine lange Schürfwunde am Bein.“

„Und Helge?“ Sigrun richtet sich alarmiert auf. Sie ist auf einmal hellwach. „Wo ist Helge?“

„Ich weiß es nicht!“ Hellas Stimme zittert. „Seine Lagerstatt ist leer!“

Sigrun ist mit einem Sprung auf den Beinen. „Schnell, weck die anderen! Vielleicht ist ihm ein Unglück geschehen! Wir müssen ihn suchen! Warum ist er nur in der Nacht fortgeritten?“

Hella gehorcht.

Bald wuseln alle Bewohner des Langhauses durcheinander. Nur Ing-mar Ulfrun, der fremde Wikinger, ist wie ein ruhender Pol in der Brandung. Er lässt sich von Hella zu dem verletzten Pferd führen und untersucht das Tier stirnrunzelnd.

Rafnar wiehert vor Angst und Schmerzen.

„Ganz ruhig, mein Guter!“, spricht er beruhigend auf das Tier ein. Und zu Hella gewandt sagt Ingmar: „Er wird uns nicht zu seinem Herrn führen können! Sein Bein ist schwer verletzt.“ Vorsichtig säubert er die Wunde und gibt dem Mädchen Anweisung, mit welchen Kräutern sie einen Umschlag bereiten kann.

„Sie haben viel Ahnung von Tieren?“, fragt Hella zutraulich.

„Ein wenig“, antwortet Ingmar und lächelt ihr aufmunternd zu. „Wir müssen jetzt von den Nachbarn Hilfe anfordern, um nach deinem Bruder zu suchen.“

„Die meisten Männer sind auf dem Althing!“, gibt Hella zu bedenken.

„Meine Leute und ich stehen jedenfalls zur Verfügung, doch wir kennen das Gelände nicht so gut. Bei den Dafinns wird wenigstens Thorulf zu Hause sein. Der junge Nichtsnutz wird uns ja wohl bei der Suche helfen.“

„Ja, Mutter hat schon jemanden zu den Dafinns geschickt.“ Hella sieht fragend zu dem bärtigen Wikinger auf. „Beten Sie mit mir, dass Helge nichts passiert ist?“

Der Wikinger nickt ihr zu. „Bete du!“

Hella faltet ihre Hände und sagt: „Lieber Gott, bitte beschütze Helge und auch uns, wenn wir jetzt nach ihm suchen! Amen!“

„Amen!“, bestätigt Ulfrun nach kurzem Zögern. „Nun müssen wir warten, bis es richtig hell wird und hoffen, dass uns die Blutspur des verletzten Pferdes zu deinem Bruder führt.“ Er schaut hinüber zum Horizont, wo der Himmel sich im Osten langsam heller färbt.

Da kommt ein Bote in scharfem Galopp angeritten. „Thorulf Dafinn ist nicht zu Hause!“, meldet er außer Atem. „Aber Frau Dafinn schickt uns einige Knechte, die bei der Suche helfen sollen.“

Ingmar nickt anerkennend. „Es geht nichts über gute Nachbarn.“

„Wo mag Thorulf stecken?“, fragt Hella nachdenklich. „Vielleicht ist er mit Helge zusammen“, fügt sie hoffnungsvoll hinzu.

Ingmar pfeift durch die Zähne. „Das wäre denkbar“, stimmt er zu.

Die Knechte vom Hof der Dafinns treffen schon nach kurzer Zeit ein. Trotz der Aufregung haben Sigrun und die anderen Frauen ein Frühstück für die Männer bereitet. Doch Ingmar drängt zum Aufbruch, denn inzwischen ist es ausreichend hell. Er hat bereits draußen die Spuren gesichtet. Auf einem von Olaf Olufsons Pferden setzt er sich zusammen mit Hella auf ihrem Pony an die Spitze der Gruppe.

Das traumhaft schöne Wetter bleibt Thorulf und seinen Gefährten auf ihrer Fahrt erhalten. Warm scheint die Sonne auf das von ruhigen kleinen Wellen gekräuselte Meer. Der Wind weht gerade so viel, dass er die rotgestreiften Segel ständig füllt. Das wendige, elegante Drachenboot gleitet beinahe schwerelos durch die Wellen.

Die Männer sind bei guter Stimmung. Sie vertreiben sich die Zeit mit Spiel und Geschichten. Nur Sven lässt nicht einen Augenblick in seiner Konzentration nach. Unentwegt beobachtet er den Himmel, die Strömung, das Spiel der Wolken.

Am Abend werden die Netze ausgeworfen und der frische Hochseefisch bereichert die magere Speisekarte der Flüchtenden.

Helge holt sich seine Portion frischen Dorsch, die Heidur gut und schmackhaft zubereitet. Ob seine Mutter und Hella ihn wohl schon vermissen? Und sein Vater, der Ingmars Rechte auf dem Althing gegen Thorulf vertritt? Was wird er dazu sagen, dass sein ältester Sohn, auf den er immer so stolz war, mit Thorulf gegangen ist?

„Gott“, betet er leise. „Bitte hilf doch, dass Vater und Mutter durch meine Entscheidung nicht leiden müssen.“ Doch das Gebet schafft ihm keine Erleichterung, im Gegenteil, sein Herz wird schwer. Er schaut auf, direkt in Thorulfs lachende Augen.

Thorulf zwinkert ihm zu. „Na, denkst du auch gerade an unser idyllisches Eisland?“, fragt er munter. „Jetzt werden sie unsere Flucht schon entdeckt haben und Zeter und Mordio schreien!“

Helge muss ein bisschen grinsen. Thorulfs Sorglosigkeit ist irgendwie ansteckend.

„Komm, wir spielen noch eine Runde!“

Helge schiebt alle unruhigen Gedanken weg und setzt sich zu den anderen.

Die Suchtruppe kommt nur langsam voran. Hella beobachtet bewundernd, wie sorgfältig Ingmar den Weg prüft. Kein Blutstropfen auf dem steinigen Pfad entgeht seinem scharfen Auge. Der Weg wird schmaler und felsiger.

„Kaum vorstellbar, dass der Junge hier in der Dunkelheit geritten ist“, meint einer von Dafinns Knechten kopfschüttelnd.

„Die erste Hälfte der Nacht war mondhell“, gibt Ingmar zu bedenken.

„Dort oben ist Rafnar vom Weg abgekommen und gestürzt“, zeigt Hella aufgeregt.

Der Felsen unterhalb des Pfades weist deutliche Blutspuren auf. Daneben sind Gleitspuren im Erdreich zu sehen.

Hella legt die Hände wie einen Trichter an den Mund: „Helge! H e l- g e! Kannst du uns hören?!” Sie legt den Kopf zur Seite und lauscht. Doch nur der ewige Wind streicht über die schwarzen Basaltklippen.

„Lasst uns die Gegend sorgfältig absuchen“, sagt Ingmar. Er sieht besorgt aus.

Schließlich ist es einer von Dafinns Männern, der den Zugang zur Bucht findet. Vorsichtig reiten sie hinab. Der Mann springt von seinem Pferd. „Fußspuren!“, ruft er aufgeregt. „Und Schleifspuren. Hier sind offenbar viele Leute gegangen.“

„Oder wenige, die einige Male hin- und hergegangen sind“, murmelt Ulfrun grimmig. „Die Abdrücke im Sand sind tief, so als seien die Männer schwer beladen gewesen.“ Er folgt den Spuren vom Strand zwischen die Klippen. Einige seiner Männer und der von Dafinn begleiten ihn, während die anderen bei den Pferden draußen bleiben.

(Fortsetzung: Stunde der Wahrheit (Eisland 6))