Peter hat Ärger – Gefahr im Golan (5)

23. Dezember 2017

Die Zwillinge Ann Kristin und Markus sind mit ihrer Schwester Susi und den neuen Freunden Marianna und Peter Straub in Haifa unterwegs. In einer Zeitung haben sie gerade von einem Kunstraub gelesen, in den ein Mann verwickelt ist, den sie auf ihrer Reise nach Haifa kennen gelernt hatten, als sich ein Fremder in ihr Gespräch mischt (zur vorherigen Folge: Nicki macht Unsinn – Gefahr im Golan (4))…

Die Freunde machten neugierig Platz, als der Mann sich einen Stuhl an ihren Tisch zog. Der Fremde trug einen leichten Leinenanzug. Sein Gesicht war von der Sonne gebräunt. Zahlreiche Fältchen hatten sich um Mund und Augen eingegraben und verliehen seinem Gesicht einen freundlichen Ausdruck. Haar und Bart standen etwas wirr in alle Himmelsrichtungen. Markus und die anderen mochten ihn sofort.

„Entschuldigt, dass ich euch einfach angesprochen habe“, sagte der Fremde, der sich als Jakob Ben Hadi vorgestellt hatte, höflich. „Aber ich habe einen Teil eurer Unterhaltung mitbekommen. Was weißt du von diesem Mann?“ Er tippte auf das Zeitungsfoto und sah Markus fragend an. „Mr. Welsh ist mit demselben Schiff wie wir nach Haifa gekommen. Bei der Abfertigung im Terminal haben die Beamten irgendwelche Militärkarten bei ihm gefunden und seine Tasche konfisziert. Vor einigen Tagen haben wir ihn dann noch einmal im Hafen gesehen, wie er einem anderen Mann einen Koffer überreichte.“

„Davon hast du ja gar nichts gesagt“, warf Peter ein. „Ich fand es auch nicht soo wichtig, obwohl uns der Typ von Anfang an komisch vorkam. Aber als ich jetzt die Zeitung sah …“ „Dieser Mr. Welsh ist in Israel schon häufiger unangenehm aufgefallen“, sagte Jakob. „Er hat sich in letzter Zeit hauptsächlich auf den Raub wertvoller alter Kunstschätze spezialisiert, aber er klaut und verscherbelt auch sonst alles, was Wert hat. Man vermutet, dass er einem internationalen Schieberring angehört, aber man konnte ihm bisher nichts nachweisen. Ich habe beruflich sehr viel mit Altertümern zu tun und kann deshalb beurteilen, welchen Schaden solche Leute anrichten.“

„Sind Sie Lehrer?“, fragte Susi. „Ja, so könnte man sagen. Ich arbeite an der University of Haifa. Alte Schriftfunde sind mein Spezialgebiet.“ „Das ist ja interessant!“ Markus schob mit dem Finger seine Brille hoch. „Ist es wirklich wahr, dass die Bücher des Alten Testaments immer wieder ganz genau abgeschrieben wurden?“

„Gewiss. Die jüdischen Rabbiner sahen ihre Aufgabe darin, die Heiligen Schriften so genau wie möglich den folgenden Generationen zu überliefern. Nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 nach Christus durch den römischen Feldherrn Titus hatte das Volk Israel keine Stätte mehr, keine Heimat. Umso fester hielten sie an den Schriften des Alten Testaments fest, die bis heute das Herz des jüdischen Glaubens sind.“ Die Freunde hatten gespannt zugehört.

„Kommt mit zu mir ins Institut“, schlug Jakob freundlich vor. „Ich arbeite nämlich gerade an einigen alten Schriftdokumenten aus dem 3. Jahrhundert. Bestimmt habt ihr noch nie uralte Pergamentstücke gesehen?“ „Nein. Dürfen wir wirklich mitkommen?“ „Ja, natürlich“, Jakob lächelte. „Es ist nicht weit bis zum Institut.“

Ben Hadi führte sie zu den weitläufigen Gebäuden der Universität, die heute ganz still und menschenleer lagen. Er schloss auf und ließ die Kinder eintreten. Erst jetzt bemerkte er den Affen, der auf Anns Schulter saß. „Ein Kapuzineräffchen“, sagte er überrascht. „Halte ihn bitte fest, damit er sich nicht über meine Papiere stürzt. Sie sind zum Teil von unschätzbarem Wert.“ „Ich kann mit dem Tier draußen bleiben“, bot Said an. „Ja, das wird besser sein. Wo habt ihr den Affen denn her?“

„Wir haben ihn im Hafen gefunden“, antwortete Ann. „Ah ja, sicher von einem der Schiffe. Die Rasse kommt aus Südamerika, wenn ich mich nicht täusche. Aber nun kommt herein.“

Still und ein bisschen andächtig betraten die Freunde den kühlen Raum, in dem es nach Papier und Ton roch. Angenehm empfanden sie das Dunkel nach der blendenden Helle der Straße. Ben Hadis Arbeitszimmer sah aus wie ein kleines Museum. Überall standen und lagen kleinere Skulpturen, Tonscherben, Dokumente.

„Seht euch nur alles an!“ Markus blieb vor einigen lederartigen Schriftfetzen stehen, die mit feinen Schriftzeichen bedeckt waren. „Ist das ein Pergament?“, fragte er neugierig. „Ja, Teile aus der Bibel, aus dem 40. und 41. Kapitel des Jesaja Buches, sehr gut erhaltene Fragmente aus dem 3. Jahrhundert. Ich bin schon seit einiger Zeit mit der Auswertung beschäftigt.“ „Haben Sie keine Angst, dass die wertvollen Schriften einmal gestohlen werden?“, fragte Ann. „Das Institut ist durch eine Warnanlage gesichert.“ Marianna blieb vor einer Ton Vase stehen und betrachtete sie aufmerksam.

„Die Sachen sind sehr schön. Bestimmt ist Ihr Beruf total interessant.“ Jakob nickte eifrig. „Ich möchte niemals etwas Anderes machen.“ Die Freunde wurden nicht müde, alles anzusehen. Jakob beantwortete geduldig ihre vielen Fragen. Schließlich sah Peter zur Uhr. „Ich fürchte, es wird Zeit“, mahnte er. Said wartete draußen auf dem Gang. Das Äffchen, das er auf dem Arm hielt, war fest eingeschlafen. Die Freunde verabschiedeten sich. „Kommt nur bald einmal wieder“, lud Jakob sie ein. „Ich habe euch ja auch meine Privatadresse gegeben.“ „Das machen wir gerne“, versprach Markus.

Said fuhr sie zurück zur Wohnung der Georgijs. „Vielen Dank für die tolle Rundfahrt“, sagte Markus. „Keine Ursache.“ Said lächelte breit. „Man sieht sich.“ „Vielen Dank auch an eure Eltern, dass wir den Wagen haben durften“, ergänzte Ann Kristin.

Fast eine Woche war vergangen. Ab und zu hatten sich die Freunde getroffen, um zusammen Hausaufgaben zu machen. Die Geschwister mussten tüchtig arbeiten um mitzukommen. Susi war fast jeden Tag mit Elli zusammen. Elli war ganz versessen auf Anns Äffchen, und Nicki machte immer die lustigsten Kunststücke, wenn das Mädchen da war.

„Wie hast du die Aufgabe in Mathe gelöst?“, fragte Markus eines Morgens vor der Stunde. „Gar nicht“, sagte Peter zu seiner Überraschung. Er machte ein finsteres Gesicht. „Ich hatte keinen Bock auf Hausaufgaben, ich habe überhaupt keinen Bock mehr auf diese dämliche Schule. Lass mich bloß in Ruhe.“

„Entschuldigung, Herr Straub“, sagte Ann Kristin. Ein schwaches Grinsen huschte über Peters Gesicht. „Tut mir Leid. Mein Frust richtet sich nicht gegen euch.“ „Na, jetzt bin ich richtig beruhigt“, meinte Markus fröhlich. In der Mathestunde ging alles gut. Ein anderer Mitschüler rechnete die Aufgaben an der Tafel vor und niemand bemerkte, dass Peter seine Arbeit nicht gemacht hatte. In der Pause suchten Ann Kristin und Markus Peter vergeblich unter den Mitschülern. Als sie in die Klasse zurückkehrten, saß Peter auf seinem Platz, die Füße auf dem Tisch, und rauchte. Die Asche streute er achtlos auf die Erde. „Mensch, mach das Ding aus“, sagte Markus erschrocken. „Der Henson kommt schon den Flur rauf.“ „Und?“ Peter zuckte die Achseln.

Ein Mädchen aus der Klasse kicherte. Nun betrat der Erdkundelehrer Henson die Klasse. Für einen Augenblick herrschte gespanntes Schweigen. „Nimm bitte die Füße vom Tisch und mach die Zigarette aus“, sagte Herr Henson ruhig. Peter nahm die Zigarette aus dem Mund und drückte sie auf dem Tisch aus, so dass die Glut ein hässliches qualmendes Loch auf der beschichteten Tischplatte hinterließ, und warf die Kippe auf die Erde. Dann nahm er mit provozierender Langsamkeit die Füße vom Tisch. Dem Lehrer schwoll die Zornesader an der Stirn. Markus sah, dass er sich nur mit Mühe beherrschte. „Das wird ein Nachspiel haben“, sagte er kalt.

Die ganze Stunde über ignorierte er Peter völlig. Ab und zu sah Ann unauffällig zu Peter hinüber. Er schien weit weg zu sein mit seinen Gedanken. Der aufsässige Ausdruck war ganz aus seinem Gesicht verschwunden. „Du wirst Ärger kriegen“, sagte sie nach der Stunde besorgt. Sorgfältige kehrte sie mit der Hand die Asche auf ein Schulheft und schüttete sie in den Abguss. Dann versuchte sie, mit einem feuchten Tuch den Fleck auf dem Tisch zu beseitigen. Doch vergeblich, die hässliche Brandspur blieb. „Lass doch“, meinte Peter gleichgültig. „Ich verstehe dich nicht“, sagte Markus ratlos. Nach der Schule war Peter sofort verschwunden, ohne wie sonst auf sie zu warten. Am Nachmittag saßen Markus und Ann etwas bedrückt an ihren Hausaufgaben. Nur Elli und Susi, die mit Nicki spielten, brachten etwas Leben in die Bude. Plötzlich, gegen Abend, klingelte das Telefon. „Es ist für euch“, sagte Frau Georgij. „Ja, bitte“, sagte Ann Kristin. „Hallo, Ann.“ „Marianna!“ „Bei uns ist dicke Luft. Peter hat eine Verwarnung von der Schule. Der Direktor hat angerufen. Unser Dad ist natürlich voll sauer. Was war denn los? Ich krieg‘ aus Peter nichts raus.“ „Wir kommen zu euch.“ „Das wäre super!“ „Bis gleich.“

„Peter hat Ärger“, sprudelte Ann hervor. „Wir fahren noch hin.“ Markus sah auf die Uhr. „Den Siebenuhrbus schaffen wir gerade.“ Der Vater sah von seiner Arbeit auf. „Kommt bitte nicht so spät zurück, morgen ist Schule.“ Als sie das Hotel erreichten, kam ihnen Marianna im Hausflur entgegen. „Nimmt’s nicht so tragisch“, meinte Ann aufmunternd. Gemeinsam stiegen sie hinauf. Marianna ging voran in Peters Zimmer. Peter lag mit geschlossenen Augen auf dem Bett, Kopfhörer auf den Ohren. Trotzdem hörten die anderen den stampfenden Beat der Musik. Marianna rüttelte ihn an den Schultern. Als Peter Ann und Markus sah, stand er auf und nahm die Kopfhörer ab. Ein dünnes Grinsen huschte über sein Gesicht. „Komm mit raus“, sagte Markus.

Schweigend schlenderten die Freunde zum Hafen hinunter. Peter sah hinaus aufs Meer. Die Sonne stand schon tief und spiegelte sich glutrot in den Wellen. „Es ist so schön hier“, sagte Ann mit einem tiefen Atemzug. „Du hast Recht“, gab Peter zu. „Reiß dich doch ein bisschen zusammen“, meinte Markus. „Das muss ich“, sagte Peter trocken. „Vater hat gedroht, er schickt mich sonst auf eine strenge Internatsschule in Akko. Meine Mutter will das ja ohnehin gern.“ „Warum das denn?“, fragte Ann verwundert. „Sie meint, es sollte mir mal jemand Benehmen beibringen. Weißt du, ich mache öfter mal, was ich will. Sie hat’s nicht leicht mit mir.“ „Ach so“, meinte Markus.

(Zur nächsten Folge)