Ob die Brücke trägt?

23. Dezember 2017

Maria Jolanda wohnt seit zwei Monaten bei Luiz’ Familie. Luiz wusste zu Anfang nicht so ganz genau, wie er mit dem traurigen Mädchen umgehen sollte. Am liebsten würde er wie vorher immer draußen sein und mit seinen Freunden aus dem Dorf Fußball spielen. Aber Maria tut ihm auch schrecklich leid.

Luiz Mutter und die Mutter von Maria waren Schwestern. Marias Eltern sind bei einem Busunfall ums Leben gekommen. Nur Maria hat wie durch ein Wunder überlebt. In den bolivianischen Bergen sind noch viele Straßen schmal, unbefestigt und wirklich halsbrecherisch. Immer wieder passieren dort tödliche Unglücke.

Die ersten Wochen hat Maria kaum gesprochen und jede Nacht geweint. Aber in den letzten Tagen gelingt es Luiz ab und zu, ein blasses Lächeln auf Marias Gesicht zu zaubern. Und irgendwie fühlt er sich dann, als hätte er ein besonderes Geschenk bekommen.

Die Abende gehören im Haus der Alvarez ganz der Familie. Juan Alvarez, Luiz’ Vater, beendet dann die Arbeit auf den steilen und steinigen Feldern. Luiz Mutter, die sich mit Luiz tagsüber um die kleine Herde Schafe und die drei Alpakas kümmert, hat dann den Tisch gedeckt. Nach dem Essen sitzen sie immer zusammen und musizieren. Maria Jolanda hört mit großen Augen zu, wenn der Familienvater aus der Bibel vorliest. Besonders wenn von Jesus die Rede ist, wird Marias Blick lebhaft. Darum gewöhnt es sich Luiz nun an, dem Mädchen Geschichten aus der Bibel zu erzählen, wenn sie draußen bei den Tieren sind.

Eine Geschichte liebt Maria vor allen anderen: Jesus hat seine Jünger – seine Anhänger und Freunde – nach einem ereignisreichen Tag nachts allein auf den See vorausgeschickt. Als sich das Wetter verschlechtert und die Jünger in Not geraten, kommt Jesus über das Wasser zu ihnen. Zuerst sind die Männer erschrocken, dann beeindruckt, dann begeistert. Besonders Petrus, der Wortführer der Jünger: „Herr, wenn du es bist, dann sag mir, dass ich über das Wasser zu dir laufen soll!“ „Komm“, sagt Jesus. Und Petrus steigt aus dem Schiff, läuft übers Wasser.

Aber der Sturm ist noch da. Die Wellen gurgeln und toben unter seinen Füßen. Petrus sieht auf das Wasser zu seinen Füßen. Er bekommt Angst und – sinkt.

Luiz macht eine kleine Pause. Maria sieht ihn aus großen Augen an. „Petrus hat nicht mehr auf Jesus geguckt. Er hat nur einen Moment den Blickkontakt verloren“, sagt sie. „Und da war das Meer der Angst wieder da.“

Luiz nickt. Er muss ein bisschen schlucken, denn er kann sich vorstellen, dass Maria sich auch so fühlt wie die Jünger – wie auf einem sturmbewegten Meer ohne festen Halt unter den Füßen.

Das Ende der Ferien ist gekommen. Am nächsten Tag soll Maria mit Luiz zusammen zum ersten Mal in die Schule gehen. Beim Abendbrot ist das Mädchen blass und in sich gekehrt. Der unstete, gehetzte Blick, den sie fast ganz verloren hatte, ist wieder da.

„Die Leute in unserer Klasse sind alle sehr nett“, versucht Luiz sie aufzumuntern. „Und unser Lehrer auch.“

Maria nickt. „Darum mach ich mir keine Sorgen“, murmelt sie.

„Worum dann?“

Maria zuckt die Achseln und wendet sich ab. Luiz’ Mutter wechselt das Thema.

Der Weg zur Schule ist weit. Neben Luiz und Maria sind noch drei jüngere Kinder dabei. Maria ist sehr schweigsam. Je weiter sie kommen, desto blasser wird ihr Gesicht. Luiz sieht, dass ihre Hände zittern.

Nun nähern sie sich einer mit Seilen befestigten Hängebrücke, die über einen gähnenden Abgrund führt. Doch die Kinder sind den schwankenden Untergrund gewöhnt. Nur Maria geht nicht weiter. Schaudernd schließt sie die Augen.

„Was hast du denn?“, erkundigt sich Luiz besorgt.

„Ich kann das nicht“, bringt Maria mühsam heraus. „Ich falle! Wie meine Eltern.“ Sie beginnt zu schluchzen. „Ich hab solche Angst.“

„Du darfst nicht nach unten sehen!“

„Ich kann da nicht rübergehen.“

Luiz überlegt krampfhaft. Dann fasst er Marias Hand. „Sieh mir in die Augen!“

Maria gehorcht. Dabei klammert sie sich an seine Hand. Langsam, rückwärts gehend, führt Luiz sie auf die schwankende Brücke. Maria schließt die Augen.

„Sieh mich an!“, verlangt Luiz noch einmal.

Langsam, ganz langsam, Schritt für Schritt, überqueren die beiden Jugendlichen die Brücke. In der Mitte hängen Seile und Matten tief durch.

„Mich ansehen!“, kommandiert Luiz. „Nicht nach unten schauen. Niemals nach unten sehen!“

Endlich ist der Weg geschafft. Maria lässt sich ins Gras sinken und weint vor Erleichterung.

Luiz legt scheu den Arm um ihre bebenden Schultern. „Du hast das super gemacht“, murmelt er. „Viel, viel besser als Petrus damals auf dem See.“

Maria lächelt ein ganz kleines dünnes Lächeln. „Wir müssen weiter, sonst kommen wir zu spät zur Schule!“, sagt sie tapfer.

Luiz nickt.

Die anderen Kinder sind schon ein gutes Stück voraus.

„Du hast mir vertraut, dass ich dich sicher über die schwankende Brücke bringen würde“, beginnt Luiz nach einer Weile.

Maria nickt.

Luiz sucht nach den richtigen Worten. „Du hast Schreckliches erlebt. Ich kann gut verstehen, dass du dich oft wie ein einsames Schiff im Sturm gefühlt hast und noch fühlst. Aber wenn du dem Herrn Jesus vertraust, dich ganz in seine Hand legst, ständig Blickkontakt mit ihm hältst und nah bei ihm bleibst, gibt er dir eine feste Grundlage. Er will der Fels sein, auf dem du in Sicherheit bist. Glaubst du das?“

Maria sieht ihn aufmerksam an. „Ja“, erwidert sie.