Lockende Freiheit (Eisland 4)

23. Dezember 2017

Ingmar Ulfrun beschuldigt Helges Freund Thorulf, die Hälfte seines Vermögens gestohlen zu haben. Statt sich selbst blutig an ihm zu rächen, ist Ingmar bereit, seine Klage vor dem Althing vorzubringen. Als Thorulf alles abstreitet, beschließt Helge, nachts heimlich zu seinem Freund zu reiten und ihn zur Rede zu stellen (zur vorherigen Folge: Rache oder Gerechtigkeit? (Eisland 3))…

Endlich taucht Dafinns Hof im Mondlicht vor ihm auf. Die Bewohner liegen bestimmt längst in tiefem Schlummer. Helge steigt ab und schlingt Rafnars Zügel um einen Pfahl der Holzpalisaden. Nun kommt der schwierigste Teil seines Plans. Er muss Thorulf in der Dunkelheit des Hauses finden und mit ihm sprechen, ohne dass die anderen alle aufwachen! Helge schleicht näher zum Haus.

Da, plötzlich bemerkt er eine Bewegung auf der Koppel neben dem Haus und dann auf dem Weg. Ein Reiter verlässt den Hof. Für einen Moment bescheint der Mond sein Gesicht. Es ist Thorulf!

Helge rennt zurück, schwingt sich auf Rafnars Rücken und folgt dem nächtlichen Reiter. Der Weg, den Thorulf einschlägt, ist Helge ganz unbekannt. Ein unebener Felspfad, der offensichtlich zur Küste führt. Der vorsichtige Rafnar verlangsamt sein Tempo, ohne dass Helge ihn zügeln muss. Weiter und weiter geht es abwärts.

Wo Thorulf nur hinreitet? Nicht zum Hafen, das kann Helge feststellen, der früh gelernt hat, sich am Stand der Sterne zu orientieren.

Nun ist das Geräusch der Brandung in der Ferne zu hören und wird langsam lauter. Plötzlich öffnet sich der Weg zu einer schmalen sichelförmigen Bucht, die einen winzigen Zugang zum Meer hat. Helge gleitet von Rafnars Rücken und drückt sich in den Schatten der schwarzen Felswand, die steil neben dem Weg aufragt. Thorulf ist ebenfalls abgestiegen. Er entzündet eine Laterne und schreitet auf die Klippen zu. Dann ist er plötzlich verschwunden.

Helge eilt hinter ihm her. Direkt vor ihm klafft eine Spalte im Fels. Ein Gang führt ins Innere der Klippe. Thorulfs Schritte sind deutlich zu hören und ein matter Lichtschein von seiner Lampe erleuchtet den Weg.

Der Gang weitet sich zu einer Höhle. Sie ist gefüllt von Kisten und Kästen mit Waren, Schmuck und Goldstücken, die im Licht der Laterne glänzen. Thorulf füllt seinen Beutel mit den Goldstücken.

Vor Überraschung macht Helge einen Schritt vorwärts. Ein Stein zu seinen Füßen löst sich und rollt in die Höhle herab.

Aufgeschreckt fährt Thorulf herum und hebt die Laterne. Ein Grinsen der Erleichterung geht über sein Gesicht. „Noch jemand, der nicht schlafen kann! Mann, hast du mich erschreckt!“

Helge sieht ihn fassungslos an. „Du bist ein Betrüger, ein Lügner und ein Dieb! Wie kannst du so etwas tun?“, stößt er hervor.

„Sei doch nicht dumm, Helge!“, entgegnet Thorulf ärgerlich. „Wir Wikinger sind immer auf Kaperfahrt gefahren. Seit Jahrhunderten. So friedliche Bauern, wie mein Vater und dein Vater, das passt doch gar nicht zu unserem Volk. Gib zu, dich zieht es doch auch fort von unserem friedlichen“, er betonte das Wort spöttisch, „Inselchen. Das Einzige, was hier Kraft und Temperament hat, sind die feuerspeienden Vulkane. Die Menschen sind so langweilig und so fromm! Komm mit mir, Helge! Welche Abenteuer können wir gemeinsam erleben!“

„Du willst weg?“

„Natürlich! Noch heute Nacht! Die Goden bringen es sonst noch fertig, mich zu verurteilen. Ingmar kennt dann bestimmt keine Gnade.“

Helge fühlt sich auf einmal uralt. „Nein, ich komme nicht mit dir!“, sagt er. Und dann bricht die Frage aus ihm heraus, die ihn seit Ingmars Auftauchen unaufhörlich beschäftigt hat: „Thorulf, du hast niemals an Jesus geglaubt? Was wird aus dir, wenn dir etwas geschieht? Du bist nicht gerettet?“ Die Frage verebbt in einem Schluchzen.

Für einen Moment wird Thorulfs Blick unsicher. Doch das bemerkt Helge nicht. Thorulf wirft energisch den Kopf zurück. Im Schein der Laterne tritt er einen Schritt auf Helge zu und bringt sein Gesicht ganz nahe an das des Jungen.

„Sag mir eins, Helge! Glaubst du wirklich, dass Gott von dir verlangt, für alle Zeit als braver Bauer auf dem Hof deiner Eltern zu leben?“

Helge beißt sich auf die Lippen. Genau das hat er sich ja auch schon oft gefragt und keine Antwort darauf gefunden.

Thorulf beobachtet ihn aufmerksam. „Kannst du dich erinnern, als wir beide auf deinem Lieblingsplatz über den Klippen gesessen haben?“, fragt er.

Helge nickt stumm.

„Du hast mir so oft von deiner Sehnsucht erzählt. Du wolltest doch auch fort von hier, neues Land erkunden, unterwegs sein, Abenteuer erleben. Gilt das nicht mehr?“

Wie ein lockender Traum taucht das weite Land im Westen vor Helges inneren Augen auf, so, wie es in den lebendigen Erzählungen von Eirik dem Roten beschrieben war.

„Ich würde so gern Neues kennenlernen, zu Orten segeln, die vielleicht noch niemand von uns je gesehen hat“, flüstert er.

„Dann komm mit mir, Helge! Das ist deine Chance! Und sie bietet sich dir nur heute! Wir werden wundervolle Abenteuer erleben, wir beide, du und ich!“

Helge sieht in Thorulfs glühendes Gesicht. „Und meine Familie?“, fragt er leise.

Thorulf lacht. „Die werden stolz auf dich sein, wenn du als berühmter Mann und bekannter Anführer zurückkommst. Wie werden dich die Mädchen bewundern!“

Helge lauscht. Sind da in der Ferne nicht Schritte zu hören? Auch Thorulf scheint aufmerksam zu werden. Er packt Helge an der Schulter. „Komm! Ich will dir etwas zeigen.“

Helge kämpft noch einen Augenblick mit sich, dann folgt er Thorulf weiter hinein in die Klippen. Der Weg macht eine Biegung und führt dann steil nach oben. Plötzlich, nach einigen Minuten anstrengenden Aufstiegs, sieht Helge den Sternenhimmel über sich.

„Schau!“, sagt Thorulf.

Sie stehen jetzt etwa auf halber Höhe der schwarzen Basaltklippen. Und dort im Süden, in der Öffnung zwischen den Klippen, von zwei Laternen beleuchtet, ankert Thorulfs Schiff. Männer mit flackernden Fackeln wanken mit schweren Kisten beladen zu dem stabilen Holzfloß, das unten auf dem schmalen Streifen Sandstrand zwischen den Felsen liegt. Dann wird das beladene Floß ins Wasser geschoben. Langsam rudern die Männer auf Thorulfs Schiff zu und schaffen die Ladung an Bord des Drachenbootes.

„Dort draußen wartet die Freiheit auf uns“, flüstert Thorulf. Sein Blick wirkt sanft im flackernden Schein der Laterne. „Wenn das Floß ein letztes Mal zurückkommt, musst du dich entscheiden. – Komm mit uns, Helge! Wir brauchen einen fähigen und phantasievollen Kopf wie dich!“

 

Fortsetzung folgt