Rache oder Gerechtigkeit? (Eisland 3)

3. Dezember 2017

Jeden Tag haben Thorulf Dafinns Eltern für ihren Sohn gebetet, dass er nach Hause zurückkommt. Doch bei seiner Rückkehr begegnet er der Freude seiner Eltern und seines Freundes Helge Olufson eher zurückhaltend. Er scheint etwas verbergen zu wollen… (Zur Folge: Thorulfs Rückkehr (Eisland 2))

Mehr als drei Wochen sind vergangen und das Leben im Hafen und auf den Handelsplätzen ist wieder erwacht. Ab und zu kommen Helge und sein Vater am Hof der Dafinns vorbei. Thorulf hilft seinen Eltern auf dem Hof, versorgt die Tiere, arbeitet auf den Feldern. Alles scheint wie früher zu sein.

An einem regnerischen Vormittag hält sich Helge mit seinem Vater im Hafen auf. Olaf Olufson hat dort Geschäfte zu erledigen und Helge wartet auf ihn. Lautes Rufen am Steg lässt ihn aufmerksam werden.

Eines der schlanken, doch stabilen Wikingerschiffe, die auch dem Meer trotzen, legt gerade dort an. Die Planken sind rissig, das gestreifte Segel an zwei Stellen zerfetzt. Ein riesiger Mann, der eine schwere Axt in der Hand schwingt, stürmt von Bord. Sein Gesicht ist so flammendrot wie sein Haar. Er packt sich den ersten Sklaven, der mit dem Entladen eines kleinen Bootes beschäftigt ist.

„Zeig mir den Weg zu Thorulfs Hof!“, ruft er mit zornbebender Stimme.

Der Sklave hebt hilflos die Hände, zum Zeichen, dass er die Sprache nicht versteht.

Der fremde Wikinger lässt ihn los und rennt an ihm vorbei, bis Olaf Olufson, der gerade gekommen ist, ihm den Weg versperrt.

„Was wünschen Sie denn von Thorulf?“, fragt er den Fremden höflich.

„Rache!“ Der Wikinger spuckt das Wort förmlich aus. „Thorulf hat mein Vertrauen missbraucht, er hat mich betrogen und bestohlen! Er muss sterben!“

„Hier auf dem Eisland gelten andere Regeln“, entgegnet Olaf sanft. „Wir haben einen Rat, der sich mit Ihrer Anklage beschäftigen und Ihnen zu Ihrem Recht verhelfen wird! Wenn Ihre Worte der Wahrheit entsprechen, werde ich mich dafür einsetzen, dass der Diebstahl bestraft wird und Sie Ihr Eigentum zurückerhalten.“

Sichtlich beeindruckt und etwas besänftigt von Olafs entschiedenen, freundlichen Worten nickt der fremde Wikinger. „Wir kennen auch die neuen Ideen von Recht und Gerechtigkeit, die an die Stelle von Rache und Vergeltung treten sollen. So will ich nicht sinnlos nach Vergeltung dürsten, wenn es einen besseren Weg gibt. Sehen Sie zu, was Sie erreichen können!“

„Besteht denn kein Zweifel an Thorulfs Schuld?“, fragt Helge, der neben seinem Vater aufgetaucht ist, leise. „Er war immer mein Freund.“

Die Stirn des fremden Wikingers zieht sich zusammen. „Leider nein! Thorulf hat bei mir gearbeitet. Ich habe ihn wie einen Sohn behandelt. Eines Tages waren er, seine Begleiter und die Hälfte meines Vermögens verschwunden. Was meinst du?“

Helge senkt den Kopf. „Ich würde den gleichen Schluss ziehen wie Sie!“, gibt er betroffen zu.

„In zwei Tagen beginnt der Althing, die jährliche Gerichts- und Ratsversammlung des Eislandes“, berichtet Olaf. „Ich persönlich werde dafür sorgen, dass Thorulf dort erscheint und uns Rede und Antwort steht! In der Zwischenzeit seien Sie Gäste in unserem Haus, bis Ihnen Recht geschieht!“

Nach einem einfachen, doch freundlich aufgetragenen Mahl bei den Olufsons, das vor allem aus Getreidebrei und Fisch besteht, erzählt Helges Vater eine Geschichte aus der Bibel. Ingmar Ulfrun, der fremde Wikinger, und seine Begleiter hören aufmerksam zu.

Schon zum zweiten Mal an diesem Tag hört Helge die Geschichte vom verlorenen Sohn, der seinen Vater verlässt und später voller Reue zurückkehrt. „Vor Gott, dem großen Schöpfer des Himmels und der Erde, dem Heiligen und Gerechten, sind wir alle schuldig. Ohne Ausnahme!“, schließt Olaf seine Geschichte. „Wir alle brauchen Vergebung …“

Der Beginn der jährlichen Versammlung ist gekommen. Helge darf am Althing natürlich nicht teilnehmen, weil er noch zu jung ist. Doch sein Vater reist mit dem Goden (Anführer) ihrer Gruppe dorthin. Thingvellir, der Versammlungsort, ist ungefähr einen Tagesritt von ihrem Haus entfernt.

Der Althing dauert vierzehn Tage. Doch Ingmar, der nur als Gast teilgenommen hat, kehrt schon am übernächsten Abend mit grimmiger Miene zurück.

„Thorulf hat alles frech geleugnet“, erklärt er auf Helges fragenden Blick. „Sein Wort steht gegen das meine und das meiner Männer! Thorulfs Schiff soll durchsucht werden, ob sich die Beute darin finden lässt.“
Ingmar lacht auf. „Für so dumm halte ich Thorulf wirklich nicht, dass er die Schätze in seinem Schiff liegen lässt!“

„Ingmar Ulfrun, seien Sie weiter unser Gast“, bittet Helges Mutter Sigrun, die während des Vaters Abwesenheit den Hof führt. „Ich bin sicher, dass mein Mann alles tun wird, um etwas für Sie zu erreichen.“

Ulfrun zuckt die Achseln. „Wenn Sie meinen! Vielleicht hätte ich mir doch besser nach altem Recht geholfen? …“

„Bitte geben Sie uns Zeit bis zum Ende des Althings!“

„Na schön“, stimmt Ingmar zu. Als er Helges angstvollen Blick bemerkt, nickt er ihm zu. „Ich werde deinem Freund nichts tun.“ Er streicht sich müde über das bärtige Gesicht. „Ich konnte ihn ja selbst gut leiden. Umso schlimmer ist sein Treuebruch!“

„Das verstehe ich“, sagt Helge und fühlt sich unsagbar elend. Was kann er nur tun? „Ist Thorulf in Thingvellir geblieben?“, fragt er plötzlich.

„Nein! Er gab an, dass er seinen Vater auf dem Hof vertreten muss und die Goden entschieden, ihn gehen zu lassen, bis seine Sache geklärt ist.“

Helge liegt lange wach an diesem Abend. Er horcht. Endlich ist das Feuer in dem Langhaus heruntergebrannt und alle liegen in tiefem Schlummer. Leise steht er auf und schlüpft nach draußen. Hell steht der Mond am Himmel und beleuchtet das Land mit seinem weißen Licht. Helge stößt einen leisen Pfiff aus. Auf das Signal kommt Rafnar, sein kleiner Hengst, neugierig vom anderen Ende der Koppel angelaufen. Helge führt ihn heraus. Als sie für die Bewohner des Hofes außer Sichtweite sind, sitzt Helge auf. Das kleine Islandpferd ist sehr ruhig und trittsicher. Im langsamen Trab geht es den vertrauten Pfad zum Nachbarhof der Dafinns.

Helge reitet zum ersten Mal ganz allein in der Nacht. Doch er will unbedingt mit Thorulf reden. Thorulf muss einfach einsehen, dass er sein Unrecht eingestehen muss. Vor Gott und vor dem Herrn Jesus. Und dann natürlich auch vor den Goden im Althing und vor Ingmar, der so enttäuscht von ihm ist.

Während der kleine Island-Hengst Rafnar mit schlafwandlerischer Sicherheit seinen Weg findet, schickt Helge ein heißes Gebet zum Himmel. Er hat solche Angst um seinen Freund!

Aber ist Thorulf überhaupt noch sein Freund? Bilder von früher tauchen vor ihm auf. Es war Thorulf, der ihm die ersten Reitstunden gegeben hatte, Thorulf, der ihn mit zum Schwimmen nahm in einer der warmen Quellen, der ihm zeigte, wie man eine Ledergerte flocht oder kleine Figuren aus Walross-Elfenbein schnitzte.

Thorulf – ein Betrüger und Räuber? Das ist so unfassbar! Tränen schießen in Helges Augen.

Fortsetzung folgt