Nicki macht Unsinn – Gefahr im Golan (4)

20. November 2017

Ann Kristin, Markus und Susi sind kürzlich mit ihren Eltern nach Israel gezogen. Mit ihren neuen Freunden Peter und Marianna Straub und dem jungen Araber Said erkunden sie die Hafenstadt Haifa. Am Hafen haben sie ein verletztes Äffchen gefunden (Erkundungen in Haifa – Gefahr im Golan (3)) …

Nachdem sie das Äffchen notdürftig versorgt hatten, kehrten sie zum Auto zurück, denn Said hatte gemeint, der Kleine brauche erstmal etwas Fressen. Die Kinder stiegen in den Jeep, der von der Sonne tüchtig aufgeheizt war. Der kleine Affe saß auf Ann Kristins Schulter und klammerte sich an ihrem Hals fest.

„Puste mich nicht so warm an“, beklagte sich Ann. „Es ist ohnehin so heiß.“ Das Tier schnatterte aufgeregt und drückte sich nur noch enger an das Mädchen.

„Den wirst du so schnell nicht wieder los“, bemerkte Peter grinsend. „Wie pflegt man einen Affen?“, fragte Markus ratlos, als sie vor dem Haus vorfuhren. „Was frisst der denn? Und darf man ihn in der Wohnung halten?“

„Darüber müsst ihr mit euren Vermietern sprechen. Aber ich denke, da gibt’s keine Probleme. Und das Fressen, wahrscheinlich verträgt er normale Kost.“ „Kommt mit rauf“, bat Ann Kristin. „Wir müssen Mutter gemeinsam darauf vorbereiten, dass wir einen neuen Hausgenossen haben.“ „Wie soll er denn heißen?“, fragte Marianna. „Nicki“, erwiderte Susi energisch. „Er soll Nicki heißen.“ Peter lachte. „Das ist ein hübscher Name“, lobte er. Markus schloss die Wohnungstür auf. Er hörte die Stimmen der Eltern aus dem Wohnzimmer und klopfte vorsichtig an die Tür. „Herein“, rief der Vater verwundert. Markus, Peter, Marianna, Susi, Said und Ann Kristin mit dem verängstigten Nicki auf dem Arm drückten sich nacheinander durch die Tür und standen dann schweigend und erwartungsvoll im Raum.

„Wenn ihr schon mal anklopft, müsst ihr etwas wahrhaft Schreckliches vorhaben“, meinte der Vater mit vergnügtem Grinsen. Die Mutter sah fassungslos auf die Gruppe und dann auf den kleinen Affen, der wieder aufgeregt zu schnattern begonnen hatte. „Lieber Herr Georgij, liebe Frau Georgij“, begann Peter mit gewinnendem Lächeln. „Der kleine Affe Nicki bittet innig, in den Familienverband aufgenommen zu werden.“ Der kleine Affe, der seinen Kopf bisher an Ann Kristins Hals verborgen hatte, wandte sein kleines runzliges Gesicht mit den großen braunen Augen vertrauensvoll den Georgijs zu. Und damit hatte er schon gewonnen. „Der ist ja niedlich“, sagte Frau Georgij. „Wo habt ihr ihn denn her?“, fügte sie besorgt hinzu. „Er hat doch bestimmt Flöhe und Ungeziefer?“ Said war der Unterhaltung, die sich auf Deutsch abgespielt hatte, aufmerksam gefolgt und hatte wohl das Meiste verstanden.

„Wir haben den Affen in der Apotheke versorgen lassen“, warf er ein, „er ist entwurmt, gegen Flöhe gepudert und gereinigt worden.“ „Nikki hat Hunger“, sagte Susi vertrauensvoll. „Ich hole ihm ein bisschen Milch“, sagte Frau Georgij und verschwand in der Küche. Schnell kam sie mit einer kleinen Tasse Milch zurück, die Nicki zu aller Vergnügen geschickt mit seinen Pfoten packte und durstig austrank. Dazu bekam er einen trockenen Zwieback und etwas Obst. Nachdem er mit sichtlichem Appetit gespeist hatte, kehrte Nicki zufrieden auf Ann Kristins Schulter zurück. „Zum Schlafen werde ich ihm einen kleinen Korb besorgen“, überlegte Frau Georgij. Die Freunde stießen sich gegenseitig an und grinsten. Das war viel bessergegangen als befürchtet. „Dürfen wir denn Haustiere in der Wohnung halten?“, fragte Markus vorsichtig. „Ja, ja. Das ist kein Problem.“ „Wollen wir jetzt unsere Stadtrundfahrt fortsetzen?“, fragte Said freundlich. „Nehmt euch was zu essen mit“, schlug Frau Georgij vor. „Im Kühlschrank findet ihr alles Nötige.“ Schnell füllte Ann Kristin einige Fladenbrote.

Said lenkte den Jeep geschickt durch den dichten Nachmittagsverkehr. Markus, Ann und Susi sahen sich interessiert nach allen Seiten um. Zuerst passierten sie das Gebiet in Hafennähe, die Unterstadt, die aus Altstadt und Geschäftsstraßen besteht. Said erklärte ihnen eine Menge über die einzelnen Stadtviertel, interessante Bauwerke und die Tempel der verschiedenen Religionen. „Du weißt gut Bescheid über all diese Leute und ihre Vergangenheit“, stellte Marianna verwundert fest. Said lächelte breit. „Muss ich doch, wenn ich für Straub’s Inn als Fremdenführer arbeiten will.“ „Ich werde dich unserem Vater empfehlen“, versprach Marianna vergnügt. „Hört mir doch auf mit Religionen“, fuhr Peter auf. „Wie wollt ihr denn feststellen, welche die richtige ist?“ Einen Augenblick lang herrschte betretenes Schweigen. „Der Herr Jesus macht den Unterschied“, sagte Susi auf einmal leise. „Er ist aus dem Tod auferstanden und zu Gott gegangen.“ „Du hast Recht“, sagte Ann. „Mohammed, Zarathustra und all die anderen Religionsstifter, sie sind gestorben und zu Staub geworden. Aber Jesus lebt – das ist der Unterschied.“ Peter sah sie nachdenklich an und sagte nichts mehr. „Kommt doch morgen mal mit in unsere Gemeinde und verschafft euch selbst einen Eindruck“, schlug Ann vor. „Gern“, sagte Said, ehe Peter widersprechen konnte. „Ich hab morgen früh frei und kann euch fahren.“ „Super“, sagte Markus erfreut. „Die Stunde beginnt um halb zehn. Anschließend kommt ihr zum Essen zu uns, ich mache einen leckeren Reissalat.“

Inzwischen hatten sie die Mittelstadt erreicht und der Jeep schob sich langsam durch die verkehrsreiche Geschäftsstraße. Überall gab es hübsche Restaurants und Cafés. Endlich hatten sie die ruhige Oberstadt auf dem Karmel erreicht. „Hier wohnen wohl die oberen Zehntausend?“, fragte Markus und betrachtete die Villen inmitten üppiggrüner Parkanlagen. Nun hatten sie die Stadt verlassen und fuhren hinaus zum Universitätsgelände, das von einem riesigen Hochhaus überragt wurde. Said parkte den Wagen in einer Seitenstraße und führte sie in die oberste Etage des Hauses. Schweigend traten die Freunde auf den Balkon hinaus. Unter ihnen lag die Stadt am Hang und sie sahen weit hinaus auf die blaue Bucht von Haifa. Auch ins Landesinnere bot sich eine weite Aussicht bis ins Hinterland. Ganz in der Ferne erhob sich ein Gebirgszug, der in sanftem Dunst verschwamm. „Das sind die Golanhöhen“, erklärte Said bereitwillig. „Grenzgebiet, nicht wahr?“, fragte Markus vorsichtig. „Ja.“ „Das große Waldgebiet dort drüben auf dem Gebirgszug des Karmel ist übrigens ein Nationalpark“, erklärte Peter. „Dort kann man super ausreiten.“ „Es ist wunderschön hier oben“, sagte Ann Kristin mit einem tiefen Atemzug.

Am nächsten Morgen warteten Said, Peter und Marianna schon vor dem Haus in der Sonne, als die Georgijs herunterkamen. Gemeinsam gingen sie die wenigen Schritte in die Altstadt zu Fuß. Gespannt betraten sie den schlichten Raum, in dem eine angenehme Kühle herrschte. Die Gäste wurden freundlich begrüßt. Dann begann die Stunde. Peter hörte aufmerksam zu. Markus betrachtete ihn von der Seite. Peter interessierte das Thema Religion offenbar viel mehr, als er zugab. „Was meinst du?“, fragte Markus, nachdem die Stunde vorbei war. Peter überlegte einen Augenblick. „Es hört sich gut an“, meinte er kurz. „Aber leben die Christen denn auch mit der Liebe, die sie predigen?“, fragte er. „Wir tun es nicht in dem Maße, wie wir sollten“, antwortete Herr Georgij an Markus‘ Stelle. „Aber wir bemühen uns, die Liebe, die der Herr Jesus uns geschenkt hat, an unsere Mitmenschen weiterzugeben.“

Nachdem die Freunde bei den Georgijs mit Genuss Markus‘ Reissalat verspeist hatten, bummelten sie hinaus in die Altstadt. Nicki, den Ann Kristin am Morgen bei einer Nachbarin gelassen hatte, war auch dabei. Der kleine Affe war ganz vergnügt.

Voller Übermut turnte er auf Markisen und Vordächern herum. Einige Passanten blieben stehen und lachten, was Nicki zu immer neuem Unsinn antrieb. An einem Obststand an der Straße hatte er einige große saftige Weintrauben erbeutet, die Ann mit verlegenem Gesicht bezahlte. Markus kaufte einige Äpfel. Nicki hopste unterdessen mit seiner Beute auf die bunte Markise, die vor dem feinen Café́ Drôme angebracht war. Unter ihm saß ein Herr in Nadelstreifenanzug, der Zeitung las.

Nicki hielt sich geschickt am Bügel der Markise fest. Genüsslich kaute er seine Weintrauben und spuckte die Kerne in die Kaffeetasse des Herrn in Nadelstreifen. „Pling.“ Irritiert schaute der Mann auf. In seinem Kaffee bildeten sich kleine Kreise. Dann sah er zum Himmel. Nein, es regnete nicht. Den Affen auf der Markise bemerkte er nicht. „Pling.“ Der Mann rührte verwirrt in seinem Kaffee. „Pling“. Peter stand in einiger Entfernung und bog sich vor Lachen. Ann und Markus folgten seinem Blick. „Oh nein“, stöhnte Ann. Nicki, der eine erstaunliche Trefferquote erzielte, hatte sich inzwischen ein neues Opfer gesucht. Diesmal landete der Kern in einem Eisschälchen. Die junge Frau sah verwundert auf und lachte, als sie den Affen bemerkte. Gelassen fischte sie die Eiskugel mit dem Kern aus ihrem Schälchen. Endlich hatte Peter den Affen an den Pfoten erwischt und holte ihn von einer Markise herunter. Energisch setzte er das Tier auf Anns Schulter, Inzwischen hatte auch der Herr in Nadelstreifen bemerkt, was vorging.

„Gören“, schimpfte er. Ann entschuldigte sich mit hochrotem Kopf, während Markus einen neuen Kaffee für den Herrn bestellte und bezahlte. Marianna kicherte. „Das kommt davon, wenn man einen Affen als Haustier hält“, stichelte sie. Ann ging schnell weiter und die anderen folgten ihr lachend. „Ich lade euch nach dem Schreck zu einem Eis ein“, sagte Peter, der schon wieder Hunger hatte. Sie steuerten auf die Terrasse eines anderen Cafés zu, die in der Sonne lag. Markus nahm die englische Zeitung, die auf einem der Stühle liegengeblieben war, weg. Er stutzte, als er das Titelbild sah. „Sieh mal, Ann“, sagte er überrascht. „Das ist doch der Typ, den wir schon zweimal im Hafen gesehen haben, dieser Mr. Welsh. Er ist vermutlich in eine Kunstraubgeschichte verwickelt und wird von der Polizei gesucht.“ „Davon habt ihr noch gar nicht erzählt“, meinte Peter. Nun wurde am Nebentisch ein Stuhl gerückt. Ein älterer Mann trat an ihren Tisch. „Mein Name ist Jakob ben Hadi“, stellte er sich vor, „Darf ich mich einen Augenblick zu euch setzen?“

(Fortsetzung folgt)