Thorulfs Rückkehr (Eisland 2)

28. Oktober 2017

Helge Olufson hat am Horizont das Schiff seines Freundes Thorulf entdeckt, der nach Eisland zurückkehrt, obwohl die Überfahrt so früh im Jahr sehr gefährlich ist. Die Überraschung (Eisland 1)

Außer Atem kommt Helge zu Hause an und betritt eilig das Langhaus. Dabei rennt er fast seine jüngere Schwester Hella über den Haufen. „Kannst du denn nicht aufpassen?“, faucht sie ihn mit blitzenden Augen an. „Beinahe hätte ich den großen Mahlstein hingeworfen!“ Helge hilft ihr rasch, das schwere Werkzeug, das zur Zerkleinerung des Getreides dient, auf den Tisch neben der Feuerstelle zu wuchten. Kleinere Handmahlsteine liegen schon für die Arbeit bereit.

Sigrun, ihre Mutter, bereitet gerade den Getreidebrei für das Abendessen zu. Sie schaut Helge fragend an, denn sein Atem geht noch immer heftig und sein Gesicht ist rot vor Aufregung.

„Thorulf ist zurückgekommen!“, stößt Helge hervor.

„Bist du sicher?“, fragt sie überrascht.

„Ich hab sein Schiff draußen vor der Küste gesehen. Inzwischen ist er bestimmt schon im Hafen!“

„Was sagst du, Junge?“ Helges Vater ist gerade gekommen und tritt nah ans Feuer heran. Olaf Olufson ist eine beeindruckende Erscheinung. Er überragt seinen hochaufgeschossenen Sohn noch um Haupteslänge, ist breitschultrig und kraftvoll. Doch sein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht ist freundlich und seine Augen schauen überraschend sanft. „So lass uns hinüberreiten zu den Dafinns und ihnen die Nachricht bringen!“, sagt er.

Helge freut sich auf einen der seltenen Ritte mit seinem Vater. Auch Helges jüngerer Bruder Björn darf auf seinem kleinen, geduldigen Pferd mitkommen, obwohl er erst seit diesem Frühjahr reiten kann.

Schon nach kurzer Zeit erreichen sie den Hof der Dafinns. Thorulfs Vater hört die Meldung mit ruhiger Miene.

Seine Frau fällt ihm weinend um den Hals. „Ich habe so viele, viele Nächte seinetwegen gebetet! Dass Thorulf wirklich zurückkommt! Ich bin so froh! Gott sei Lob und Dank!“

Dafinn sattelt sein Pferd und sie brechen auf.

Helge zittert vor Ungeduld, während der kleine, blonde Björn ununterbrochen erzählt. Helge ist so gespannt darauf, Thorulf wiederzusehen und aufregende Geschichten von ihm zu hören.

Nur noch eine Anhöhe trennt sie von der Bucht. Und dann liegt der Hafen unter ihnen, still, noch wie im Winterschlummer. Weit und breit ist kein Schiff zu sehen.

Dafinn wendet sein Pferd und schaut Helge an. Der Junge sieht die grenzenlose Enttäuschung in seinen stahlblauen Augen.

Helge zuckt hilflos die Achseln. „Ich habe doch sein Schiff gesehen!“, murmelt er.

„Daran zweifelt niemand“, sagt Dafinn mit seiner tiefen Bassstimme. „Aber ob er wirklich nach Hause kommt? Es war ihm bei uns alles zu eng!“

„Wie kann es einem in diesem herrlichen, weiten Land zu eng werden?“, überlegt Helges Vater Olaf laut.

Helge wird rot. „Ganz bestimmt kommt er nach Hause“, versichert er eifrig. „Es kann doch gar nicht anders sein.“

„Ich werde bei Freunden übernachten und bis morgen hier auf ihn warten“, beschließt Dafinn müde, „nicht länger.“

„Wir müssen zurück. Aber wir können bei euch vorbeireiten und deiner Frau Bescheid sagen“, bietet Olaf an.

Dafinn nickt dankbar.

„Darf ich auch hier bleiben?“, fragt Helge bittend.

Nach kurzem Zögern nickt sein Vater.

Die Nacht verbringen Thorulfs Vater und Helge im Haus von Freunden in der Nähe des Hafens.

Am Vormittag erledigt Dafinn einige Geschäfte. Doch Helge merkt ihm die Unruhe an. Quälend langsam vergehen die Stunden.

Am Nachmittag wandert Dafinn unschlüssig hinter der niedrigen Hafenmauer auf und ab. „Es hat keinen Sinn“, sagt er schließlich. „Komm, Helge, wir reiten zurück!“

Helge nickt enttäuscht. Dafinn legt ihm aufmunternd die Hand auf die Schulter. Doch dann spürt der Junge, wie sich Dafinns Gestalt plötzlich strafft und er noch einmal angespannt aufs Meer hinausschaut.

Und dann sieht Helge es auch: ein rotes Segel, noch ganz in der Ferne.

Doch schnell nähert sich das wendige Boot mit der kräftigen Abendbrise. „Es ist wirklich Thorulfs Schiff!“, murmelt Dafinn. Hoch aufgerichtet steht er an der Hafeneinfahrt.

Thorulf und seine Männer kommen an Land. Thorulf stutzt, dann geht er zögernd auf seinen Vater zu. „Du hier“, sagt er und lacht ein wenig gezwungen. „Man könnte denken, du habest mich erwartet.“

„Tag und Nacht haben deine Mutter und ich auf dich gewartet“, bestätigt Dafinn ernst.

„Wie der Vater auf den verlorenen Sohn in der Bibel?“

„Bist du denn ein verlorener Sohn?“, fragt Dafinn.

Thorulfs Blick wird abweisend.

Helge schaut die beiden Männer fragend an. Er kennt die Gleichnisgeschichte vom verlorenen Sohn gut. Dieser Sohn hatte es nicht mehr bei seinem Vater ausgehalten, ließ sich sein väterliches Erbe vorzeitig geben und ging weg von zu Hause. Er kehrte erst zurück, als er draußen in der Welt all sein Geld verloren hatte und Not litt. Sein Vater nahm ihn liebevoll wieder auf und machte ihm keine Vorwürfe.

Helge weiß, dass der Vater in dieser Gleichnisgeschichte ein Bild von Gott ist, der jeden aufnimmt, der von einem verkehrten Weg umkehrt und seine Schuld zugibt.

Nachdenklich schaut er den kraftvollen jungen Seemann an. Ob Thorulf wohl an Jesus Christus glaubt? Helge weiß es nicht.

Thorulf bemerkt Helges Blick. Ein Grinsen fliegt über sein hübsches sommersprossiges Gesicht. „Hallo, Helge! Wie sieht’s aus bei euch?“

„Schön, dass du wieder da bist, Thorulf!“, antwortet Helge lebhaft. „Ich hab mich gestern so gefreut, als ich dein Schiff sah. Wo hast du noch so lange gesteckt?“

Thorulfs Gesicht verfinstert sich und er wirft seinem Vater einen unsicheren Blick zu. Doch er fasst sich schnell. „Ich hatte noch etwas zu erledigen. – Aber nun kommt nach Hause. Bestimmt wird uns Mutter etwas besonders Gutes kochen. Bleibst du über Nacht bei uns, Helge?“

„Gern“, antwortet der Junge und wirft Thorulfs Vater einen fragenden Blick zu.

Der nickt ihm freundlich zu.

Noch vor der Abenddämmerung kommen sie beim Hof der Dafinns an und der Abend wird noch richtig schön. Dafinns Mutter und seine Schwestern bereiten ein Festmahl. Helge ist aufgekratzt. Er löchert Thorulf mit Fragen über seine Reise, sein Schiff und seine Erlebnisse, die der junge Seemann offen und geduldig beantwortet. Dennoch wagt Helge nicht zu fragen, wo Thorulf am Vortag gewesen ist.

(Fortsetzung folgt)