Erkundungen in Haifa – Gefahr im Golan (3)

28. Oktober 2017

Die Geschwister Ann Kristin, Markus und Susi sind mit ihren Eltern nach Israel gezogen, denn ihr Vater hat eine Stelle in Haifa angenommen. Ann Kristin und Markus besuchen ihren neuen Freund Peter Straub und seine Schwester Marianna in Akko (Gefahr im Golan 2).

Gemeinsam gingen sie zum Essen nach unten. Marianna führte sie zu einem Tisch für vier Personen, der etwas abgetrennt vom Gastraum des Hotels lag, „Macht es euch bequem.“ Sie und Peter liefen durch die hölzerne Schwingtür in die Küche und kamen bald darauf mit Tellern zurück, die bis zum Rand mit einem köstlichen Reisgericht gefüllt waren. „Ihr könnt mehr bekommen, wenn ihr wollt“, sagte Peter und faltete seine Serviette auseinander. „Ich glaube, das reicht“, meinte Markus lachend und betrachtete den Berg auf seinem Teller. Er und Ann Kristin senkten den Kopf zu einem stillen Tischgebet. Marianna warf ihnen einen verwunderten Blick zu, sagte aber nichts.

Vereinfachte Darstellung: Die heutigen Palästinenser-Gebiete sind der Übersichtlichkeit wegen nicht eingezeichnet.

Nun betraten mehrere Gäste den Raum. „Müsst ihr eurer Mutter nicht helfen?“, fragte Markus. „Heute ist Said zum Bedienen da, er kommt mehrere Tage in der Woche. Am Wochenende helfen wir manchmal“, antwortete Peter gleichgültig. „Das Essen ist köstlich“, sagte Ann Kristin und kaute genüsslich. „Was ist das für eine Fleischsorte?“ „Lamm“, gab Marianna bereitwillig Auskunft. Ann Kristin schluckte. Unwillkürlich dachte sie an die Lämmer zu Hause auf der Weide hinter dem Ort. Peter verzog angewidert das Gesicht. „Ich werde hier noch zum Vegetarier“, schimpfte er. „Stell dich nicht so an“, erwiderte Marianna ungerührt. „Können wir in der Küche irgendwie helfen?“, fragte Markus, als sie das Essen beendet hatten. „Als Dankeschön für die tolle Bewirtung.“ „Wenn du drauf bestehst“, meinte Peter achselzuckend. Er führte die Zwillinge in die Küche. „Ma, ich bringe dir freiwillige Helfer für den Küchendienst.“ Frau Straub, eine große, etwas rundliche dunkelhaarige Frau, drehte sich überrascht um und wischte sich mit einem Tuch über das erhitzte Gesicht. „Das ist nett von euch, Kinder. Ihr könnt das Geschirr in die Spülmaschine räumen, wenn Said fertig abgeräumt hat.“ Gerade schob sich jemand mit dem Rücken durch die Schwingtür. Markus hielt die Tür auf. Said, ein junger dunkelhäutiger Mann, lächelte breit und zeigte dabei eine Reihe blendend weißer Zähne. „Danke sehr“, sagte er. Ann Kristin öffnete die riesige Spülmaschine und begann geschickt, das Geschirr wegzuräumen. Markus half Said, das Geschirr auf der Anrichte zu sortieren. Peters Mutter setzte sich für einen Augenblick erschöpft auf einen Stuhl. „Wir haben im Moment volles Haus, so ist viel Arbeit da.“ Markus und Ann Kristin halfen, bis die Küche aufgeräumt war. „Habt vielen Dank“, sagte Frau Straub, und ein Lächeln erhellte ihr müdes Gesicht. „Nun geht nur hinauf.“

Ann Kristin trat wieder ans Fenster und sah sehnsüchtig hinaus auf die malerische Altstadt. „Meinst du wirklich, du kannst eine Rundfahrt für uns arrangieren?“, fragte sie. „Klar“, erwiderte Marianna sorglos. „Ich werde noch heute Abend mit Mutter darüber reden. Wir kommen nach Haifa und holen euch ab. Peter kann euch Bescheid geben, wann es losgeht.“ „Super“, sagte Markus. „Das ist sehr nett von euch.“ „Können wir auch unsere kleine Schwester Susi mitnehmen?“, fragte Ann Kristin vorsichtig. „Sie würde es uns nie verzeihen, wenn wir die Gegend ohne sie erkunden.“ „Natürlich fährt Susi mit“, sagte Marianna. „Klar.“ Peter nickte eifrig. „Ich habe mir immer eine kleine Schwester gewünscht, die ich beschützen kann, aber ich habe nur die große Schwester, die mich terrorisiert.“ Marianna knuffte ihn lachend in die Seite.

Am folgenden Samstag klingelte es in aller Frühe bei den Georgijs. Ann Kristin öffnete schnell die Tür. Marianna, Peter und Said standen draußen. „Es kann sofort losgehen“, sagte Markus und schnappte seinen Fotoapparat. „Peters Vater hat uns den Jeep geliehen“, sagte Said und deutete auf den lustigen bunten Geländewagen mit der Aufschrift „Straub’s Inn“, der vor dem Haus parkte. „Klasse“, meinte Ann Kristin erfreut. „Das ist viel schöner, als in einem Bus.“ Said lachte. Er ließ die Freunde einsteigen und öffnete dann das Verdeck. Schüchtern krabbelte Susi zwischen Peter und Markus auf die Rückbank, während Marianna und Ann Kristin neben Said saßen. Der junge Araber ließ den Motor an und der Jeep schoss hinaus auf die Straße. Said lenkte den Wagen hinunter zum Fischereihafen, der etwas nördlich des Haupthafens liegt. „Ich schlage vor, wir fangen mit einem kleinen Bootstrip an“, schlug er vor. „So könnt ihr euch von der Küste her einen Überblick verschaffen. Haifa sieht schön aus im Morgenlicht. Die Hafen und Industrieanlagen müsst ihr euch wegdenken.“ Said führte sie auf den Anlegesteg, wo ein Ausflugsboot für Touristen in der sanften Dünung schaukelte. Peter löste die Fahrkarten und sammelte das Geld dafür ein.

Gespannt liefen die Kinder an Bord. Wenige Minuten später lief das Boot aus und sie fuhren ein Stück auf die See hinaus. Aufmerksam lauschten die Geschwister den Kommentaren des Kapitäns, die per Lautsprecher übertragen wurden, doch das Meiste ging unter im Dröhnen des Motors. Draußen auf See wehte ein sanfter Wind und die Sonne warf glitzernde Strahlen über das Wasser. „Nennt man Haifa nicht auch die schönste Stadt Israels?“, fragte Ann Kristin. „So wird gesagt“, bestätigte Said. „Was ist das für ein Berg dort im Hintergrund?“, fragte Susi. „Das ist einer der Gipfel des Karmelgebirges“, erklärte Peter bereitwillig. „Es ist wunderschön dort oben, man hat eine tolle Aussicht aufs Meer und die Stadt.“ „Karmel?“, Susi krauste angestrengt die Stirn. „Ist das nicht der Berg, wo Elia sich mit den Priestern des Götzen Baal gestritten hat?“ „Das weiß ich nicht“, meinte Peter ratlos. „Doch, stimmt“, bestätigte Ann Kristin. „So steht es in der Bibel.“ Sie überlegte einen Augenblick. „Das war, glaub ich, so: Die Kinder Israel hatten ihren Gott verlassen und Götzendienst getrieben und Baal, den Hauptgott der damaligen Nachbarvölker, verehrt. Elia, der Prophet Gottes, hat das gesehen und hat darunter gelitten, dass Gott von seinem Volk so verunehrt wurde. Da hat Elia gebetet, dass es drei Jahre nicht regnen soll, damit das treulose Volk zur Besinnung kommt und zu seinem Gott umkehrt. Und dann hat er sich am Karmel mit den Baalspriestern getroffen. Er hat sie herausgefordert. Sie wollten jeder einen Altar bauen, die Baalspriester und auch er, und Opfer schlachten. Der Gott, der auf dieses Opfer mit Feuer antworten würde, er sollte der wahre Gott sein. Die Juden waren einverstanden. Also haben die Baalspriester ihren Gott angerufen, aber er konnte ihnen natürlich nicht antworten. Dann war Elia an der Reihe, er hat noch extra Wasser auf den Altar gegossen und in den Graben um den Altar, den er ausgehoben hatte. Und Gott hat mit Feuer geantwortet. Da haben die Kinder Israel erkannt, wer der wahre Gott ist. Elia ist dann auf den Karmel hinaufgestiegen und hat mit Gott geredet. Und dann hat Gott es regnen lassen auf das durstige Land.“ „Eine unglaubliche Geschichte“, meinte Peter skeptisch. „Gott ist unglaublich“, sagte Susi. „Unglaublich toll.“ Peter lächelte ihr zu. „Wenn du meinst.“ Viel zu schnell war die Fahrt zu Ende. „Können wir noch ein bisschen durch den Hafen bummeln?“, fragte Markus. „Ich sehe mir so gern die großen Pötte an.“ Im ganzen Hafengebiet herrschte reger Betrieb. Ständig legten Schiffe an oder passierten die Mole draußen vor der Küste. Passagiere strebten eilig zu den Terminals.

Die Freunde schlenderten weiter. Unterhalb der Terminals erstreckten sich Hafenbaracken und Schuppen.

„Sieh mal dort drüben, der Typ mit dem Koffer“, sagte Markus leise zu Ann Kristin. „Ist das nicht der Mann, der mit demselben Schiff wie wir gekommen ist? Weißt du, dieser Mr. Welsh, der Schwierigkeiten mit den Beamten hatte?“ „Stimmt“, sagte Ann. „Wie er sich mit seinem Koffer abschleppt.“

Nun war der Mann zwischen zwei Gebäuden verschwunden. Markus folgte ihm vorsichtig und spähte um die Ecke. Mr. Welsh sprach mit einem dunkelhäutigen Mann und überreichte ihm den Koffer, der sehr schwer zu sein schien. Dann verschwanden die beiden Männer im Gebäude.

Markus rannte zurück und hatte bald die anderen eingeholt. „Dieser Typ hat bestimmt nichts Gutes vor“, meinte er. Ann Kristin zuckte die Achseln. „Hier stinkt es“, stellte Susi fest und rümpfte die Nase. Peter beugte sich über das Geländer am Hafenbecken. „Viele Abfälle werden einfach ins Wasser geworfen.“ „Der Gestank kommt aber von den Schuppen“, beharrte Susi. „Da hinten liegen Abfälle auf der Erde in der Sonne.“ Sie deutete auf einen geschützten Zwischenraum neben zwei Schuppen. „Da bewegt sich doch etwas“, bemerkte Markus und kniff die Augen zusammen. Ann Kristin war schon hingelaufen. Die anderen folgten ihr langsam. „Das ist ein kleiner Affe“, stellte Peter fest. „Er wühlt in den Abfällen. Wahrscheinlich hat er Hunger.“ „Der ist ja süß“, schrie Ann Kristin, die eine große Tierliebhaberin war. „Lass den Affen in Ruhe“, warnte Markus. „Der hat bestimmt Flöhe.“ „Er ist ganz mager“, sagte Susi mitleidig. „Können wir ihn nicht mitnehmen?“, bettelte sie. „Ich fange ihn dir, wenn du willst“, erbot sich Peter bereitwillig. Ohne eine Antwort abzuwarten, näherte er sich dem Tier vorsichtig. Der kleine Affe blieb sitzen und schaute ängstlich zu dem Jungen auf. Peter sprach beruhigend auf ihn ein und setzte ihn vorsichtig auf seinen Arm. „Er ist halb verhungert und ganz schwach“, sagte Ann Kristin. „Wir werden ihn in Pflege nehmen.“ „Wollt ihr ihn wirklich behalten?“, fragte Marianna verwundert. „Dann müssen wir ihn erst desinfizieren.“ „Über dem Hafen ist eine Apotheke“, warf Said ein. „Dort bekommt ihr alles Nötige.“

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