Oma Gerda (2) – Tony findet seinen Namen doof!

17. Oktober 2017

Langsam schält Oma Gerda den Apfel und teilt ihn dann in viele kleine Stücke. Dazu gibt es Mandeln. Sie weiß: Das ist für Tony etwas ganz besonders Leckeres.

Währenddessen blättert der Zwölfjährige in dem dicken Lexikon, das im Wohnzimmer liegt. Tony ist schon seit dem Mittagessen hier. Seine Eltern sind beide arbeiten und deshalb immer wieder froh, ihn bei Oma Gerda abzusetzen. Obwohl – Oma Gerda ist nicht Tonys richtige Oma.

Trotzdem haben alle ein gutes Verhältnis zu ihr. Gegen die christlichen Geschichten, die Oma Gerda Tony erzählt und vorliest, haben seine Eltern nichts einzuwenden. Für sie selber reicht allerdings ein Gang in die Kirche zu den entsprechenden Feiertagen.

Mit einem lauten Knall schlägt Tony das dicke Lexikon zu. „Du hast mir versprochen, dass wir für meinen Namen, für jeden Buchstaben in meinem Namen, passende Wörter suchen!“ Langsam fährt Tony mit seinem Rollstuhl in die Küche, wo Oma Gerda sitzt. „Also?“

„Wie findest du deinen Namen denn mittlerweile?“ Oma Gerda grinst.

„Genauso doof wie letzte Woche! Tony, das Mädchen in meiner AG, fühlt sich fast immer, wie ich mich auch, angesprochen.“

„Okay“, Oma Gerda legt das Messer beiseite. „Dann gucken wir mal, ob wir deinem Namen etwas Pfiff verleihen können. Denn das hört sich echt dringend an! – Hast du schon mal überlegt, wie wir beginnen? Also was auf den ersten Buchstaben, dein T, passt?“

„Ja! T wie tot!“, platzt es aus Tony hervor, als hätte er nur auf diese Frage von Oma Gerda gewartet.

„Wie bitte?“ Für den ersten Moment ist Oma Gerda sichtlich entrüstet.

Tony lacht und wirft den Kopf zurück.

„Ich hoffe, das ist ein Scherz!“, reagiert Oma Gerda jetzt leicht streng.

„Nein, ganz und gar nicht! Aber auch nicht, so wie du denkst!“

„Bitte.“ Herausfordernd sieht sie ihn an.

„,Tot für meine Sünden und Vergehungen’ war der Vers vorgestern auf deinem Kalender. Du hast mir selber erzählt, dass wir für unsere Sünden den Tod verdient haben. Ich habe mich letztes Jahr hier bei dir im Wohnzimmer bekehrt, du warst ja selber dabei. – Bei dem T werde ich außerdem an das Kreuz erinnert. Daran, dass mein Heiland für meine Sünden gestorben ist. Meinen ersten Buchstaben will ich deshalb mit niemand anderem tauschen.“

„Sehr gut!“ Jetzt ist Oma Gerda doch zufrieden. „Was ist mit dem O?“

„Du weißt, ich mag fliegen. Segelfliegen besonders, da ist alles schön still. Von oben ist alles so klein und winzig. Wie Gott das wohl alles sieht? – Manchmal überlege ich, wie toll es wäre, wenn ich alle Probleme und Sorgen, alles, was mich in der Schule vielleicht nervt, von oben sehen könnte. Dann wäre es so klein und bedeutungslos. Alles, was wie ein Berg vor mir steht. Deshalb O für oben.“

Oma Gerda nickt: „Ja, das wäre wirklich toll. Ich muss sagen, auf deine ersten beiden Buchstaben kann man echt neidisch werden. Ist dir bei dem N auch was Passendes eingefallen?“

Tony schüttelt den Kopf: „Vielleicht nett?“, er grinst breit.

„Du und nett?“ Jetzt zwickt sie Tony spaßhaft in die Seite. „Wie fändest du nervig?“

„Meinst du jetzt mich? Oder dich?“ Tony nimmt sich ein Apfelstück und grinst noch breiter.

„Ich muss gestehen, auf Anhieb fällt mir jetzt auch nichts Passendes ein“, Oma Gerda schiebt ihre Brille hoch, so, wie sie es immer tut, wenn sie ratlos ist.

Für einen Moment ist es ruhig. Nur das Ticken des großen Zeigers an der Wand ist zu hören.

„Normal, das passt zu N“, überlegt Tony laut.

„Was hat das jetzt mit dir zu tun?“, Oma Gerda runzelt die Stirn. Sie steht auf der Leitung.

„Ein Wunsch halt, mehr nicht“, nuschelt Tony undeutlich, so dass es niemand außer Oma Gerdas spitzen Ohren hören können.

„Bist du denn nicht normal?“ Oma Gerda nimmt Tonys Hand in die ihre.

„Wahrscheinlich eher nein, oder wie findest du diesen Rollstuhl, auf dem ich sitze?“ Seine Stimme zittert leicht. „Normal ist, wenn man in meinem Alter laufen kann, Fußball spielt, turnt, Rad fährt. Ich bin behindert, das ist ja nicht allzu schwierig zu erkennen! Oder was glaubst du, wieso die Leute immer so gucken?“ Eine dicke Träne rollt über seine Wangen. Dass er jetzt weint, ist ihm peinlich. Bei Oma Gerda weint er nie. Langsam wischt er mit dem Handrücken über seine Augen. „Weißt du, wie oft ich mir schon gewünscht habe, nie geboren zu sein?“ Seine Stimme erstickt in einem Schluchzen.

Oma Gerda schweigt. Sie sagt gar nichts. Streichelt ihm nur über seine Hand. Schließlich nach endlos gefühlten Minuten räuspert sie sich. „Ich muss dir nicht sagen, dass ich deinen Wunsch gut verstehen kann. Aber glaubst du nicht, dass Gott etwas ganz Besonderes mit dir vorhat? Einen ganz besonderen Weg? Genau deshalb, weil du eben so bist wie du bist?“

Tony zuckt mit den Achseln: „Bist du dir da wirklich so sicher?“ „Aber so was von sicher!“, Oma Gerda legt den Arm um ihn.

„Können wir das N nicht trotzdem, so als geheimen Wunsch von mir stehen lassen?“ Tony wischt sich noch einmal mit dem Pullover über die Augen, um sicher zu gehen, dass man keine Tränenspuren mehr sehen kann.

„Na klar! – Und wer kann diesen geheimen Wunsch von dir nicht besser verstehen als dein Heiland! Trotzdem bist du so, wie er das will, – eben krank! Sehe es als eine Mission, als deine Mission! Als Herausforderung für dein Leben!“

„Das hast du gerade toll gesagt!“ Jetzt lacht Tony laut. „Hört sich so an, als ginge es um eine Abenteuerreise! Willst du nicht doch was neben deiner Rente verdienen? Um für irgendwas Werbung zu machen? So richtig …“

Oma Gerda boxt ihn liebevoll in die Seite: „Sag mir lieber, was für das Y – oder besser gesagt machen wir ein I daraus – steht? Denn mit Y, das wird sonst echt schwierig!“

„I wie: Bin ich nicht intelligent?“, sagt Tony und grinst, „denn mittlerweile habe ich alles Obst und alle Mandeln alleine gegessen!“

„Wenn es ein V in deinem Namen gäbe, wüsste ich was: unheimlich verfressen!“, kontert Oma Gerda.