Die Überraschung (Eisland 1)

17. Oktober 2017

Helge Olufson sitzt an seinem Lieblingsplatz auf einem Felsen und schaut aufs Meer hinaus, das an diesem Vorfrühlings-Tag trügerisch friedlich und schön aussieht. Kleine weiße Schaumkämme laufen sanft auf die Insel zu. Nur unter ihm auf den schwarzen Basaltklippen brechen sich die Wellen mit immer gleicher Wucht und die Brandung singt ihr stürmisches Lied.

Für Schiffe ist dieser Küstenabschnitt gefährlich, darum landen die wendigen Drachenboote der Siedler etwa zwei Meilen weiter westlich in einer geschützten Bucht. Aber nun ruht die Schifffahrt schon seit dem vergangenen Herbst. Wenigstens ist der lange dunkle Winter vorbei und die Tage werden wieder länger.

Helge seufzt. Das Leben kommt ihm in letzter Zeit ein bisschen eintönig vor. Dabei hat alles so spannend begonnen:

Die Überfahrt mit der Familie und allen Habseligkeiten dauerte 14 Tage. Einmal geriet das Schiff in schwere Seenot. Doch alles ging gut. Und im ersten Sommer auf der Insel hatten sie so viel zu tun: Hausbau, roden von Ackerflächen, um Getreide anzubauen, fischen. Dazu kamen weite Erkundungen in das dampfende, geheimnisvolle Land mit seinen heißen Springquellen, die man Geysire nennt, und den vielen feuer- und aschespuckenden Bergen. Es lag noch eine solche Aufbruchsstimmung in der Luft!

Doch nun ist längst der Alltag eingekehrt und der bietet vor allem im Winter wenig Abwechslung. Nur abends ist es gemütlich, wenn die Skalden (Geschichtenerzähler) ihre Sagen zum Besten geben. Dann treffen sich wohl auch ab und zu die Nachbarn und man sitzt gemeinsam am Feuer.

Es ist behaglich, wenn sich Mutters Spinnrocken im Licht des Feuers dreht. Dann werden Geschichten aus der Vergangenheit lebendig, von Floki Vilgerdarson, einem der ersten Siedler auf dem Eisland (Island), der ihm auch den Namen gab, und vielen anderen kühnen Männern und Frauen.

Noch viel mehr als die Geschichte der Skalden liebt Helge die Geschichten aus der Bibel, die sein Vater Olaf erzählt. Seinen Lieblingsausspruch hat Helge auswendig gelernt: „Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“ Der Vers steht im dritten Kapitel des Johannesevangeliums (Johannes 3,16).

Außerdem kann Helge viele der biblischen Geschichten gut nacherzählen und er denkt oft über sie nach, wenn er draußen bei den Tieren ist und viel Zeit hat.

Am meisten beeindruckt Helge die Geschichte von den Ereignissen damals in Israel, als Jesus, der doch Gottes Sohn ist, sterben musste. Helge weiß, dass Jesus Christus auch für ihn, für seine Schuld gestorben ist. Damit Gott ihm jetzt vergeben kann. Und damit er auch allen vergibt, die ihm Unrecht getan haben.

Vergebung! Helge überlegt, dass manche der alten Wikinger mit diesem Begriff nicht viel anfangen können, weil sie es gewöhnt sind, dass Rache und Vergeltung ihren Alltag und den ihrer Familien bestimmt. Aber Helge hat es schon selbst erlebt, wie befreiend es ist, anderen verzeihen zu können. Und wenn ihm vergeben wird, vor allem natürlich von Gott.

Helge steht auf und streckt seine Glieder. Es wird Zeit, dass er nach Hause geht. Sein Zuhause – das ist das mächtige Langhaus jenseits der Felsklippen, in dem die Familie mit all ihren Leuten wohnt. Die nächsten Nachbarn leben ein Stück ins Landesinnere hinein.

Helges Blick wandert sehnsüchtig nach Westen, wo die Sonne untergeht. Dort in der Ferne, so haben sie gehört, soll ein Land liegen, das weit ist und noch unerforscht.

Das friedliche Siedlerleben ist nichts für ihn! Wenn er doch erst alt genug wäre, um mit den Männern weiterzuziehen, zu neuen Küsten, neuen Ufern!

Er schaut plötzlich – durch eine Bewegung oder eine Veränderung aufmerksam geworden – scharf nach Südosten und erstarrt vor Überraschung. Dort nähert sich über das offene Meer ein Schiff! Nun kann Helge auch schon die Form unterscheiden: Es ist eindeutig eines der schmalen, wendigen Boote der Wikinger. Vielleicht kommt es von den Faröern oder den Shetland-Inseln herüber, die zwischen Helges ehemaliger Heimat Norwegen und dem Eisland liegen. Dennoch ist es tollkühn, die Überfahrt so früh im Jahr zu wagen!

Das Schiff kommt näher. Helge presst die Augen zusammen, um deutlicher sehen zu können. Nun kann er das gemusterte Segel und den geschnitzten Drachenkopf am hohen, schma-len Steven erkennen! Es ist Thorulfs Schiff!

Thorulf Dafinn ist der älteste Sohn ihrer Nachbarn, die eine halbe Meile entfernt im Landesinneren wohnen. Thorulf ist im vergangenen Herbst nach Norwegen zurückgefahren, weil es ihm auf dem Eisland zu langweilig wurde. Helge konnte ihn so gut verstehen! Doch die Dafinns, Thorulfs Eltern, litten anscheinend schwer unter der Trennung von ihrem ältesten Sohn. Dafinns Haar war darüber im vergangenen Winter grau geworden.

Doch nun kommt Thorulf auf das Eisland zurück, dazu so früh im Jahr, wo die Schifffahrt hoch im Norden gefährlich ist! Was mochte ihn dazu veranlasst haben?

Helge schaut noch einen Moment, dann rennt er los, um die Neuigkeit zu Hause zu melden.

Nächste Folge: Thorulfs Rückkehr (Eisland 2)