Die Zwillinge schließen Freundschaft – (Gefahr im Golan 2)

13. Oktober 2017

Die Geschwister Ann Kristin, Markus und Susi sind mit ihren Eltern nach Israel gezogen, denn ihr Vater hat eine Stelle in Haifa angenommen. Heute ist der erste Schultag in der fremden Stadt… (Gefahr im Golan 1)

Einen Augenblick stand Susi ein wenig verloren im Raum. Um sie herum brandete der Lärm in unverminderter Lautstärke. Schließlich entdeckte sie eine freie Bank an der Seite am Fenster und steuerte darauf zu. „Ist hier noch frei?“, fragte sie das Mädchen am nächsten Tisch schüchtern in etwas holprigem Englisch. Das Mädchen nickte. „Setz dich nur. Ich heiße Ellinor, aber du kannst mich Elli nennen.“ Susi legte ihre Tasche auf den Tisch und ließ sich auf den Stuhl fallen. Nun fühlte sie sich schon etwas wohler. Elli schnabbelte in einem fort und so schnell, dass Susi gar nicht alles verstand. Aber sie mochte das Mädchen mit den dicken schwarzen Haaren sofort. Susi beschloss, mit Elli Freundschaft zu schließen. „Wo wohnst du?“, fragte sie. „Aber das habe ich dir doch gerade erzählt.“ „Tut mir Leid, ich kann noch nicht so gut Englisch.“ „Ach so. Wo kommst du denn her?“ „Aus Deutschland.“ Nun betrat die Lehrerin den Raum. Zuerst ging sie die Liste durch und begrüßte die neuen Mitschüler, es waren außer Susi noch zwei. Dann begann der Unterricht. Susi hörte aufmerksam zu. Sie war die einzige in der Klasse, die Englisch nicht als Muttersprache beherrschte und musste sehr aufpassen, um alles zu verstehen.

Auch in Ann Kristins und Markus’ Klasse hatte inzwischen der Unterricht begonnen. Der Lehrer, ein kleiner, dunkelhaariger Mann mit Brille, hatte sofort nach der Begrüßung Blätter zum Thema Geschichte des Landes ausgeteilt. Stirnrunzelnd vertiefte sich Markus in den Text. Er konnte recht gut Englisch, doch einige Vokabeln fehlten ihm. Er sah hinüber zu Ann Kristin, die schräg hinter ihm saß. Ann lächelte ihm zu. „Was für ein bescheuerter Text“, schimpfte ein Junge in der letzten Reihe. Der Lehrer sah verärgert zu ihm hinüber. „Da du den Artikel bescheuert findest, hast du dir also schon eine Meinung gebildet. Bitte fass den Text für die anderen zusammen, Peter“, er sah den Namen im Sitzplan nach. Ohne mit der Wimper zu zucken, beschrieb der Junge mit wenigen Sätzen präzise die Hauptaussage des Textes. Peters Englisch war sehr sauber und scharf akzentuiert. Markus sah bewundernd zu ihm hinüber. Jetzt war ihm der Inhalt des Artikels ganz klar. „Ausgezeichnet“, knurrte der Lehrer und machte einen Vermerk in seine Liste. „Nun kannst du uns vielleicht auch erklären, warum dir der Text nicht gefällt.“ Peter verzog das Gesicht. „Ich finde es einfach bescheuert, wenn Leute um ein Territorium streiten und sich die Köpfe einschlagen. Und das Theater, das die Juden um ihr Land machen, ist einfach absurd.“ Ann Kristin zuckte zusammen und sah erschrocken zu Peter hinüber. „Aber es ist doch das Heilige Land, das Gott den Juden versprochen hat“, wandte sie leise ein. „Wenn du etwas sagen willst, melde dich bitte“, schnappte der Lehrer. Ann Kristin wurde rot und sackte auf ihrer Bank zusammen. Peter meldete sich. „Ja?“ Der Lehrer, Dr. Jones, sah fragend zu ihm hinüber. Peter wandte sich an Ann Kristin. „Die Araber, die hier leben, bezeichnen das Gebiet ebenfalls als ihr Eigentum“, erklärte er freundlich. „Jerusalem ist nach Mekka und Medina die drittheiligste Stadt des Islam. Wer hat also Recht?“ Nun wanderte Markus’ Finger in die Höhe. „Ja Markus?“, Dr. Jones suchte wieder in seiner Liste. „Die Rechte der Juden an dieses Land sind älter“, argumentierte Markus. „Schon Abraham wurde das Land von Gott versprochen. Der Islam kam erst um 600 nach Christus auf und hat in seiner ‚heiligen Schrift’, dem Koran, eine Menge Anlehnungen an die Bibel.“ „Sehr richtig, sehr richtig“, pflichtete Dr. Jones eifrig bei. „Sie vertreten natürlich die jüdische Seite in diesem Streit!“, bemerkte Peter grinsend. Der Lehrer lief rot an. „Du sollst dich melden, wenn du etwas sagen willst“, schrie er. Sofort reckte Peter die Hand in die Höhe. „Ja?“ „Können Sie den Streit zwischen Juden und Palästinenser überhaupt objektiv beurteilen und über ihn lehren?“ „Die Geschichte des jüdischen Volkes ist gesäumt mit Blut und Tränen, wir sind im Laufe der Geschichte in fast allen Ländern verfolgt worden“, schnaubte Dr. Jones. „Israel als Staat ist für die Juden eine Frage der Existenz, des nackten Überlebens. Im Übrigen
 seid ihr als Gäste in diesem 
Land, vergiss das nicht. So können wir als Gastgeber wohl etwas Interesse und Verständnis
für unser Land voraussetzen?“
 Peter zog lachend den Kopf ein 
und das Klingelzeichen beendete die Stunde. Der Lehrer verließ mit verärgertem Gesicht den Raum.

„Du hast den Jones aber ganz schön provoziert“, meinte Markus, als Peter an ihm vorbeikam. Peter zuckte die Achseln. „Ich kann es nicht lassen, warum auch?“ Ann Kristin sah verwundert zu ihm hinüber. Sie hatte ihre Sachen zusammengelegt. Die anderen Mitschüler waren in die Pause hinausgegangen. Peter überragte Markus um einen halben Kopf. Ann Kristin fand ihn für dreizehn Jahre sehr erwachsen. „Ihr seid aus Deutschland, oder?“, wechselte Peter unvermittelt das Thema. „Ich komme aus Hamburg. Jetzt wohnen wir in Akko, ein paar Kilometer nördlich an der Küste. Akko kannst du nicht mit Haifa vergleichen. Es ist rückständiger. Ich mag die Stadt nicht. Ich will wieder nach Hamburg zurück. Hamburg ist Spitze. Sobald ich volljährig bin, gehe ich zurück.“ „Was hältst du vom Christentum?“, fragte Markus. „Weiß ich nicht. Ich hab mit Religion nicht viel am Hut. Und über die Christen weiß ich nicht viel.“ „Komm doch mal mit in unsere Gemeinde und bilde dir selbst ein Urteil.“ „Jo.“ Peter zuckte unbestimmt die Achseln. „Und deine Eltern, gefällt es ihnen in Israel?“, fragte Ann Kristin. „Die haben ein Hotel in Akko und wollen hierbleiben. Das ist so blöd.“ „Es gibt viel schlimmere Orte zum Leben als Israel“, meinte Markus. „Stimmt schon. Aber meine erste Wahl ist es halt nicht. Und als Kind wirst du nicht gefragt, die ,Alten’ schleppen dich einfach mit.“ „Versuch, das Beste daraus zu machen“, schlug Ann Kristin schüchtern vor. Peter sah sie finster an. Dann glätteten sich seine Züge. „Vielleicht hast du Recht“, räumte er ein. „Lebt ihr
 schon lange
hier?“, fragte
 Markus. „Zwei
 Jahre. Mein Dad hat ein altes Hotel gepachtet und renoviert, ist schon nicht schlecht, der Kasten. Ihr könnt mich ja mal besuchen und euch alles ansehen.“ „Gerne“, sagte Markus sofort. „Fährt ein Bus nach Akko?“ „Klar. Morgen haben wir nur drei Stunden. Dann fahrt ihr nach der Schule einfach mit.“

Ann Kristins Eltern hatten nichts dagegen, dass die Kinder am Nachmittag nach Akko fuhren, und so begleiteten die Zwillinge Peter Straub am nächsten Tag gespannt zum Bus. Die Fahrt dauerte etwa zwanzig Minuten. Von der Bushaltestelle waren es nur wenige Minuten bis zum Hotel, einem schmalen, dreistöckigen Gebäude, das in der Nähe des alten Fischereihafens in einer malerischen Seitenstraße lag. Das Haus war weiß angestrichen, und bunte Markisen zierten die winzigen Balkons, die vor jedem Zimmer angebracht waren. „Toll“, meinte Ann Kristin begeistert. „Ja, es ist ganz hübsch“, gab Peter zu. Er freute sich offenbar über das Interesse der Zwillinge. „Wir wohnen ganz oben unter dem Dach.“ Er öffnete die Tür und ließ Ann und Markus eintreten. „Mutter ist in der Küche und bereitet das Essen vor, sie können wir jetzt nicht stören, aber Papa ist im Büro.“ Peter führte sie in einen schmalen Raum, der fast völlig von einem riesigen, mit Papieren überladenen Schreibtisch eingenommen wurde. Dahinter saß Peters Vater über die Computer-Tastatur gebeugt und tippte verschiedene Belege in den Rechner. „Hallo, Papa, hier bringe ich dir die Georgijs.“ „Augenblick“, murmelte Herr Straub. Er beendete seine Eingabe und wandte sich den Kindern zu. „Freut mich, dass ihr hier seid“, sagte er mit flüchtigem Lächeln und gab ihnen die Hand. „Peter hat schon viel von euch erzählt. Ann Kristin betrachtete ihn interessiert. Peters Vater war noch jung, höchstens Ende dreißig, blond und blauäugig, mit müdem Gesicht und dunklen Ringen unter den Augen. Nun flog die Tür des Büros auf und ein dünnes Mädchen mit langen dunklen Haaren und dunkler Haut stürmte ins Zimmer. „Hallo, Dad“, sagte sie und gab ihrem Vater einen Kuss auf die Wange. „Meine Schwester Marianna“, stellte Peter grinsend vor. „Ann Kristin und Markus.“ „Hallo“, grüßte Marianna. „Kommt mit rauf.“ Gespannt folgten ihr die Zwillinge die Treppe hinauf bis unters Dach. Marianna brachte sie in ein geräumiges Zimmer, in dem nur wenige Möbel standen, ein großer Tisch mit zwei Stühlen, auf denen sich Schulbücher türmten, eine Liege, ein Regal und ein Schrank, das war alles, auf der Erde ein bunter Flickenteppich. Ann Kristin ging zum Fenster. „Die Aussicht ist traumhaft“, brach sie in Begeisterung aus. „Man sieht über die ganzen Dächer von Akko bis zu den Bergen. Was ist das für ein Gebirge?“ „Der Karmel“, erwiderte Marianna verwundert. „Kennst du dich in der Gegend nicht aus?“ „Überhaupt nicht. Wir sind doch erst vor drei Tagen mit dem Schiff angekommen.“ „Dann müsst ihr unbedingt eine Stadt und Hafenrundfahrt in Haifa machen“, beschloss Marianna energisch. „Habt ihr am Samstag Zeit? Dann werde ich was organisieren.“ „Super“, meinte Ann Kristin. „Macht das keine Mühe?“, fragte Markus besorgt. Marianna lachte. „Wir organisieren laufend Touren für unsere Gäste.“ Peter grinste. „Und Marianna ist noch besser im Organisieren als unsere Mutter, und das will was heißen. “Marianna nahm ein Schulheft und wischte ihrem Bruder eins. „Kommt runter zum Essen.“

Fortsetzung: Erkundungen in Haifa – Gefahr im Golan (3)