Ankunft in Haifa – Gefahr im Golan (1)

27. September 2017

„Kommt schnell“, rief Ann-Kristin und lehnte sich weit über die Reling. Markus und Susi, ihre Geschwister, waren sofort neben ihr. „Dort drüben ist Land zu sehen!“ Ann-Kristin fiel vor Aufregung fast über Bord. „Das muss schon der Hafen von Haifa sein!“

Vereinfachte Darstellung: Die heutigen Palästinensergebiete sind der Übersichtlichkeit wegen nicht eingezeichnet.

Angestrengt blickten die Geschwister in die angegebene Richtung. Tatsächlich, dort lag das Ziel ihrer Reise im Abendsonnenschein vor ihnen. Herr Georgij, der Vater von Ann-Kristin, Markus und Susi, hatte nun auch seinen Liegestuhl verlassen und trat zu den Kindern. Schweigend und ernst sah er hinüber zum Land. Susi, die jüngste, sah beklommen zu ihm auf. „Freust du dich nicht, dass wir hier sind, Papi?“, fragte sie ängstlich. Herr Georgij schrak auf. Er strich mit der Hand über ihr Haar. „Natürlich freue ich mich. Aber ich frage mich auch, ob es richtig war, euch alle für eine lange Zeit hierher zu verpflanzen?“ „Israel ist das tollste Land, das es gibt“, meinte Markus voller Überzeugung. Seine Zwillingsschwester Ann-Kristin pflichtete ihm sofort zu. „Ja, es ist doch das Land, wo der Herr Jesus geboren ist und gelebt hat“, sagte Susi eifrig. „Stimmt“, sagte Herr Georgij, „obwohl der Herr Jesus sozusagen international ist und für alle Menschen auf die Welt gekommen ist.“ „Es gibt aber kein anderes Volk, das mit Israel zu vergleichen wäre“, sagte Markus. „Welche andere Nation hätte 2000 Jahre Vertreibung, Verfolgung und Terror überstanden und wäre gegen alle Vernunft in ihr einstiges Territorium zurückgekehrt? Keine der alten Hochkulturen, die Römer nicht, die Ägypter nicht, die Babylonier nicht. Nur Israel gibt es immer noch, weil Gott die Verheißung an sein Volk wahrgemacht hat. Ich finde es super, in diesem Land der biblischen Geschichte zu leben.“ Markus hatte sich mehr und mehr in Begeisterung geredet. Mit dem Finger schob er seine Brille hoch. Ann-Kristin sah ein wenig traurig zur Seite. Sie dachte an die Freundinnen aus der Schule und der Gemeinde, an Tante Rosa, wo sie so oft zu Gast waren, an den Teich im Park, wo sie im Winter gemeinsam Schlittschuh liefen und so vieles andere. Aber dann warf sie entschlossen den Kopf in den Nacken und strich ihr aschblondes Haar aus der Stirn. Sie würden hier neue Leute kennenlernen und ein aufregendes Leben führen.

Ann-Kristin

Ann-Kristin sah hinüber zum Land, wo die Hafenstadt im klaren Morgensonnenschein langsam klare Konturen annahm. „Gibt es eine Gemeinde in Haifa, Papa?“, fragte sie unvermittelt. Herr Georgij wandte ihr den Kopf zu. „Freilich, Ann. Ihr werdet dort bestimmt viele Freunde finden.“ Schnell näherte sich das Schiff nun dem Land. Gespannt beobachteten die Kinder das rege Leben im Hafen. Schiffe und kleine Boote, Schleppkähne und Fischkutter bevölkerten die Bucht, an deren südlichstem Ende Haifa liegt. „Wie schade, dass unsere schöne Schiffsreise schon zu Ende ist“, sagte Frau Georgij bedauernd. „Ich habe das faule Leben wirklich genossen. Aber nun fängt der Ernst des Lebens wieder an.“ „Ich freue mich auf die Arbeit“, meinte ihr Mann aufatmend. Herr Georgij hatte seiner Familie die Schiffsreise nach Israel geschenkt, wie er sagte als kleine Entschädigung dafür, dass die Familie mit ihm die Heimat verlassen musste. Alexander Georgij hatte eine Stelle als EDV- Fachmann in einem großen Betrieb in Haifa angenommen. Viele Tage war die Familie von Hamburg aus auf der MS Andronia gereist. Zuerst, vor der deutschen Küste, hatte es noch geregnet, doch dann war der Himmel aufgeklart. Und als sie Gibraltar passiert hatten, war es richtig heiß geworden. Die Kinder waren im Swimmingpool geschwommen, hatten Sport getrieben und in den Liegestühlen gefaulenzt und gelesen. Markus hatte immer wieder Bücher über Israel in der Bücherei ausgeliehen und studiert. Bei den Mahlzeiten hielt er der Familie oft Vorträge über das Land, zum Vergnügen seiner Eltern. Nun hatte das Schiff den Kai erreicht und legte an. Aufgeregt stürzten die Kinder in ihre Kabinen, um ihr Handgepäck zu holen.

Susi

Die größeren Koffer und Gepäckstücke würden später an Land geschafft und in ihre Wohnung gebracht. Ann-Kristin, Markus und Susi gehörten zu den ersten Passagieren, die das Schiff verließen. Sie rannten über den Steg direkt ins Terminal und sahen sich dort interessiert um. „Das ist ja vielleicht eine Luft hier drin!“, stöhnte Ann-Kristin. „Müssen wir etwa warten, bis die ganze Schlange durch ist?“, maulte Susi und deutete auf die vielen Menschen, die vor der Passkontrolle warteten. „Ich fürchte ja.“ Herr Geogij wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ann-Kristin hatte ihren Rucksack auf die Erde gestellt und setzte sich darauf, Markus und Susi folgten ihrem Beispiel. Endlich waren nur noch vier oder fünf Leute vor ihnen. „Das können Sie mit mir nicht machen“, hörten sie einen Mann auf Englisch zetern. „Das wird Folgen für Sie haben. Geben Sie mir meine Tasche zurück.“ „Seien Sie ruhig!“, fuhr ihn der Beamte an der Kontrolle an. „Es ist verboten, militärische Landkarten ins Land zu bringen. Sie können froh sein, wenn wir Sie laufen lassen, Mr. Welsh! Ihre Tasche bleibt hier!“ Aufmerksam hatte Markus den Vorfall verfolgt. Der Mann nahm mit wütender Gebärde seinen Pass in Empfang. Dann wandte er sich noch einmal um, dorthin, wo das Schiff vor Anker lag. Markus hatte das Gefühl, als läge Sorge in seinem Blick. Dann verließ Mr. Welsh schnell das Terminal. Markus sah, dass er draußen einen Mann traf, der aufgeregt auf ihn einsprach. Der Beamte hatte sich den anderen Reisenden zugewandt. Nun waren Markus’ Eltern an der Reihe. Ann-Kristin verdrehte die Augen. Wie ermüdend lange das alles dauerte! Endlich waren alle Formalitäten erledigt und sie traten gemeinsam in den Sonnenschein hinaus. Herr Georgij winkte einen Wagen heran und nannte ihre Adresse.

Wenig später hielt das Taxi vor einem freundlichen, dreistöckigen Gebäude. Neugierig liefen die Kinder voraus, hinauf in den dritten Stock. Langsam und ein bisschen feierlich zog der Vater den Schlüssel aus der Tasche und schloss die Wohnungstür auf. In Windeseile hatten die Geschwister ihr neues Reich erkundet. Am besten gefiel ihnen das große Wohnzimmer mit dem Balkon, der einen wunderschönen Ausblick auf das Mittelmeer bot. Aber auch die Schlafzimmer gefielen ihnen gut. Susi und Ann Kristin bekamen einen schönen hellen Raum, dessen Fenster ebenfalls zum Meer lagen. Für jedes der Mädchen gab es eine separate Ecke mit Bett, Schrank und Schreibtisch und in der Mitte eine lustige Sitzecke mit bunten Möbeln. Markus war in einem schmalen Zimmerchen untergebracht, das eine Tür direkt zum Balkon hatte. Das Elternschlafzimmer, Küche und Bad lagen zur Straße. Die Räume waren hell gestrichen und blitzsauber, es roch nach Möbelpolitur und frischer Farbe. „Die Wohnung ist klasse“, sagte Ann-Kristin begeistert. „Kostet die Miete nicht schrecklich viel Geld?“ „Nein, es geht. Mein Chef war mir bei der Suche behilflich und hat auch die Konditionen ausgehandelt. “Die Georgijs waren gerade damit fertig, ihre Reisetaschen auszupacken, als unten ein Wagen vorfuhr und das restliche Gepäck brachte. Schnell trugen sie die Sachen gemeinsam in die dritte Etage hinauf. Dann ließ sich Herr Georgij erschöpft in einen Sessel fallen. „Ein Königreich für einen Kaffee“, seufzte er. Schmunzelnd holte die Mutter die Kaffeedose aus ihrer Tasche. „Wo bleibt mein Königreich?“, fragte sie. Markus lachte. Herr Georgij drückte seiner Frau einen Kuss auf die Wange. „Du bist eine Perle“, meinte er. Ann-Kristin stellte die Kaffeemaschine an, und schon bald zog ein köstlicher Kaffeeduft durch die Wohnung. Für sich und ihre Geschwister machte Ann-Kristin einen Früchtetee. Dann saß die Familie um den Küchentisch herum. Susi nippte an dem heißen Tee. „Wann beginnt denn hier die Schule?“, fragte sie. „Morgen“, erwiderte Herr Georgij. „Morgen?“, schrien Markus, Ann Kristin und Susi wie aus einem Mund.

Markus

„Habe ich euch das nicht erzählt? Tut mir leid.“ Frau Georgij schüttelte erschrocken den Kopf. „Es wäre besser gewesen, wenn die Kinder noch etwas Zeit zum Einleben gehabt hätten.“ „Ist egal“, sagte Ann-Kristin tapfer. „Wo liegt die Schule, Papa?“ „Ganz in der Nähe, ihr müsst nur etwa zehn Minuten laufen. Morgen begleite ich euch, weil noch ein paar Formalitäten zu erledigen sind. Die Schule, an der ich euch angemeldet habe, hat einen guten Ruf, eine internationale, private Gesamtschule. Die Unterrichtssprache ist Englisch.“ „Meinst du, ich werde mitkommen?“, fragte Susi ängstlich. „Ich kann noch nicht so gut Englisch.“ „Du wirst es schnell lernen“, tröstete Herr Georgij.

Am nächsten Morgen brachte der Vater, wie er versprochen hatte, die Kinder zur ihrer neuen Schule. Das Gebäude machte einen freundlichen und gepflegten Eindruck. Die Formalitäten im Sekretariat waren schnell erledigt und Markus und Ann Kristin machten sich auf die Suche nach ihrem Klassenraum. Susi hielt sich krampfhaft an der Hand des Vaters fest, als er sie einen langen Gang entlangführte, an dessen Ende sich ihr Schulzimmer befand. „Es ist komisch, dass Grundschule und weiterführende in einem Haus sind“, bemerkte sie. „Zu dieser Schule kommen Schüler aus der ganzen Gegend, Kinder von ausländischen Beschäftigten, Kinder von amerikanischen Juden, die die Landessprache, das Hebräische, noch nicht so gut können.“ Nun waren sie vor der geöffneten Tür des Klassenzimmers angekommen, aus dem Lachen und Stimmengewirr auf den Flur drang. Herr Georgij drückte aufmunternd Susis Hand und das Mädchen betrat entschlossen den Raum.

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