Oma Gerda (1) – hasst ihren Namen

22. Juni 2017

Oma Gerda sitzt am Küchenfenster. Sie hat ihr Strickzeug zur Seite gelegt und wartet. Wartet auf Tony, der sicher gleich, direkt von der Schule, zu ihr kommt.

Tony braucht einen Rollstuhl. Vor drei Jahren hatte er einen schlimmen Unfall. Seitdem kann er seine Beine nicht mehr bewegen. Aber die genauen medizinischen Dinge kennt Oma Gerda nicht.

Als es klingelt, weiß sie: Tony steht vor ihrer Haustür und wartet darauf, dass sie ihm öffnet.

So schnell wie jetzt ist sie sonst nie. Sie mag Tony über alles. Seine Fröhlichkeit, seine sanfte und doch manchmal wilde Art, seine Hilfsbereitschaft und besonders seine Erzählungen, die so lebhaft sind, dass er es stets schafft, Oma Gerda mitzureißen. Am Ende glaubt sie dann immer, sie hätte die Geschichte gerade selber erlebt, mitten im Geschehen.

Für eine alte Frau, die nicht mehr so unter die Leute kommt, ist das erfrischend. Das belebt ihr Gemüt.

Oma Gerda öffnet die Tür, und schon steht er da. Der blaue Rollstuhl. Doch wo ist Tony?

Im ersten Moment wird Oma Gerda leichenblass. Bis sie vollends im Türrahmen steht. Da erblickt sie Tony auf einem ihrer niedrigen Betonpfeiler, die direkt seitlich der Tür sind, rechts und links einer. Im Sommer stehen darauf meist Blumen.

„Mein Junge! Tony, wie kommst du dort hin?“ Besorgt tritt sie ins Freie.

„Sag nicht Tony“, fährt der Angesprochene sie an.

„Hoppla“, Oma Gerda zieht die Augenbrauen nach oben, „bist du mit dem falschen Fuß aufgestanden?“

„Das kann ich doch gar nicht!“ Jetzt fängt Tony dann doch an zu lachen. „Weißt du, Oma Gerda, das ist mein Vorteil. Ich kann nie mit dem falschen Fuß aufstehen, aber trotzdem komme ich überall hin!“

„Das ist ein schlechter Witz, Tony!“ Die Oma schüttelt den Kopf.

„Ich habe doch gesagt, dass du mich nicht Tony nennen sollst!“

„Du heißt schließlich so.“ Jetzt kommt Oma Gerda ganz aus dem Haus. „Eben“, Tony seufzt schwer. „Wir haben gestern ein neues Mädchen in unsere Computer AG bekommen. Sie heißt auch Tony! Weißt du, wie peinlich das ist? Ein echter Mädchenname!“

„Nicht ganz“, wendet Oma Gerda sofort ein, „ein Mädchen- und ein Jungenname.“

„Wieso geben mir meine Eltern so einen bescheuerten Namen?“ Tony ist wütend, das ist ihm anzusehen.

„Ich finde deinen Namen schön.“

„Ich nicht, – jetzt nicht mehr!“

Es entsteht eine Pause. Oma Gerda hat sich inzwischen in Tonys Rollstuhl gesetzt, der gefährlich weit nach außen nachgibt.

„Weißt du, Tony, ich konnte meinen Namen auch nie leiden. Manchmal habe ich ihn richtig, ja sagen wir ruhig, gehasst. Als Kind habe ich immer gehofft, dass niemand nach meinem Namen fragt. Einmal habe ich sogar dafür gelogen und mir einen anderen ausgedacht. Der Name Gretchen gefiel mir immer sehr gut.“ Sie macht eine kurze Verschnaufpause.

„Bis mich mein damaliger Onkel, den ich sehr gut leiden konnte, auf eine Idee brachte. Für jeden Buchstaben in meinem Namen habe ich mir etwas überlegt. Dinge, die mir gut gefielen oder Spaß machten. Natürlich habe ich eine Weile gebraucht, aber mein Name gefiel mir immer besser. Manchmal habe ich die Wörter auch ausgetauscht. Das geht bis heute so!

Fragst du mich jetzt, will ich meinen Namen nicht mehr hergeben und auch nicht umtauschen!“

„Was?“, Tony lacht. „Das ist witzig! Erzählst du mir, wie deine Wörter heißen?“

„Bist wohl neugierig, was?“, Oma Gerda packt ihn spaßhaft an der Nase.

„Also gut! Das G steht für Gott. Ich glaube an Gott. Ich rede sehr viel mit ihm. Erzähle ihm alle Sorgen und Ängste, aber auch Dinge, über die ich mich freue. Er ist die wichtigste Person in meinem Leben, deshalb steht ER an erster Stelle.

Dann kommt das E. Das steht für den Eigenwillen. Der soll nicht an erster Stelle stehen, steht aber bei mir direkt an zweiter Stelle. Ich habe meinen eigenen Kopf. Und das, obwohl ich schon eine Oma von 83 Jahren bin.

In der Mitte kommt das R. Denn ich bin noch sehr rüstig. Komm du mal in mein Alter, dann sehen wir …“

Die beiden werden unterbrochen, denn mit einem lauten Knall schlägt die Haustür zu.

„Ich hoffe, du hast deinen Schlüssel mit rausgenommen?“ Tony sieht Oma Gerda an.

„Nee, mein Freund. Und genau genommen bist du schuld daran, dass wir vor der geschlossenen Tür sitzen.“

„Du hast keinen Schlüssel dabei, also …“, Tony grinst breit.

„Willst du mit mir streiten?“, Oma Gerda hebt spaßhaft den Zeigefinger. Tony sieht genau das lustige Funkeln in ihren Augen. „Ich glaube, ich sitze heute am längeren Hebel, denn dein Rollstuhl ist im Moment in meiner Besatzungszone.“

„Sprichwörtlich“, kichert Tony.

„Aber jetzt erzähl weiter. Wofür seht das D?“

Ein D? Vielleicht dankbar? Na ja, im Moment eher für dusselig. Letztens habe ich meinen Socken am nächsten Tag gegen Mittag im Kochtopf gefunden. Also passt das D mit dusselig ganz gut.

Das A steht vielleicht für anders. Ja genau, für anders. Weil ich Christin bin, bin ich anders als die anderen Leute in dieser Welt. Ich hoffe, das können die Menschen merken, mit denen ich zu tun habe. Meine Nachbarn, meine Bekannten, der Schornsteinfeger …“

„Ich merke das“, unterbricht Tony sie. Er hat seinen Kopf auf ihren Arm gelehnt.

„Das ist gut, sehr gut“, murmelt Oma Gerda.

„Und morgen machen wir meinen Namen, ja?“, will Tony wissen und hebt den Kopf.

„Na klar“, sie erhebt sich und der Rollstuhl gibt ein leises Knacken von sich. „Der ist jetzt auch froh“, witzelt Tony.

„Das will ich überhört haben“, meint Oma Gerda. „Ich hole jetzt den Ersatzschlüssel von gegenüber, und dann geht es erst einmal in die warme Stube!“