Entdeckungen am Deichpfad

22. Juni 2017

Missmutig trottet Sven den schmalen Pfad zum Deich entlang. Bei diesem trüben, trist grauen Wetter will irgendwie so gar keine Urlaubsstimmung bei ihm aufkommen.

„Novemberwetter mitten im Sommer“, stöhnt er leise. Wenn jetzt wenigstens Chris da wäre, sein bester Freund. Dann könnten sie zusammen sein neue
s Brettspiel ausprobieren, das Oma und Opa ihm vorigen Monat zum Geburtstag geschenkt haben. Aber so!

Aus den Augenwinkeln nimmt Sven eine Bewegung auf der Wiese wahr. Neugierig bleibt er stehen. Ein kleiner Hase hockt im Schutz einer Weißdornhecke auf seinen Hinterpfoten und reibt seine Vorderpfoten über das Näschen. Vielleicht zwei Meter entfernt pickt ein Fasan im Gras.

„Eine Gans?“

Überrascht blickt Sven auf den kleinen blonden Lockenkopf, der da plötzlich neben ihm steht und ihn aus strahlend blauen Augen neugierig anschaut.

„Nein, das ist keine Gans, sondern ein Fasan“, erklärt Sven und lächelt den Lockenkopf an.

„Pit, ein Fa …, ein Fa …, ein ganz großer Vogel!“, ruft die Kleine. Sven dreht sich um.

Ein kräftiger Junge kommt den Deichpfad gemütlich entlang geschlendert. Er ist noch ungefähr zehn Meter von ihnen entfernt.

„Guck da“, fordert das kleine Mädchen seinen großen Bruder auf, als er bei ihr angekommen ist, und deutet auf die Wiese.

Der Fasan hüpft vom Deichpfad weg, um sich vor den Kindern in Sicherheit zu bringen. Das Häschen spitzt ebenfalls die Ohren.

„Pst“, ermahnt Pit seine kleine Schwester und legt dabei den Zeigefinger auf die Lippen. Dann hockt er sich neben die Kleine und legt ihr fürsorglich den Arm um die Schulter.

„Ganz der große Bruder“, denkt Sven vergnügt und beobachtet die beiden.

Flüsternd erzählt Pit seiner Schwester etwas über kleine Häschen, über Häschenmama und Häschenpapa, über die Ausbildung der Kleinen und die Abenteuer, die sie zu bestehen haben.

„Ein richtiger Geschichtenerzähler“, staunt Sven. Er ertappt sich dabei, wie er selbst Pits Erzählung gespannt lauscht.

Debby, so heißt Pits kleine Schwester, kuschelt sich an ihren großen Bruder. Ihr Blick wandert immer wieder zwischen ihm und den Tieren auf der Wiese hin und her. Sie scheint seine Geschichten regelrecht aufzusaugen.

„Bist du öfter hier?“, wendet sich Pit plötzlich an Sven.

„Zwei- oder dreimal im Jahr“, antwortet Sven bereitwillig. „Manchmal auch öfter.“

„Dann kennst du dich hier bestimmt aus, oder?“, hakt Pit nach.

„Ein wenig schon“, erwidert Sven und untertreibt dabei ziemlich, denn er kennt die Gegend wirklich wie seine Jackentasche. „Meine Eltern fahren oft mit mir an die See. Ich hab nämlich Asthma.“

„Ist das schlimm?“, fragt Debby mitfühlend.

„Na ja“, meint Sven. „Ich bekomme ziemlich oft Atemnot. Immer, wenn sich die Asthma-Anfälle häufen, fahren wir zum Erholungsurlaub an die Küste.“

„Versäumst du dann nicht ziemlich viel in der Schule?“, erkundigt sich Pit.

Sven nickt. „Den Stoff muss ich mir dann selbst erarbeiten. Aber mein Klassenlehrer ist echt verständnisvoll. Der schickt mir die Hausaufgaben per E-Mail und ich sende ihm dann die Lösungen und bekomme von ihm die Bewertung.“

„Alles klar, dann lebst du fast mehr an der Küste als zu Hause?“

„Das nicht. Aber wir sind wirklich oft hier. – Warum fragst du?“, erkundigt sich Sven interessiert.

„Wir kennen uns noch nicht so gut aus und ich würde gerne mal wissen, ob du vielleicht Stellen kennst, wo man so richtig gut Tiere sehen kann, die hier in freier Wildbahn leben“, erklärt Pit. „Ich finde es total spannend, die verschiedenen Tierarten zu beobachten, die Gott geschaffen hat, wie sie sich bewegen, wo sie leben, sich vor ihren natürlichen Feinden schützen und …“

„Da kann ich dir helfen“, bestätigt Sven begeistert. Genau das interessiert ihn nämlich auch brennend. Am liebsten möchte er später Zoologe oder so etwas werden.

„Und du glaubst wirklich, dass Gott die Tiere geschaffen hat?“ Forschend sieht er Pit an.

„Ja“, entgegnet Pit etwas zögernd. Er kann im Moment nicht so richtig abschätzen, worauf Sven hinaus will.

„Na, dann haben sich ja genau die Richtigen getroffen“, freut sich Sven. „Ich kann mit dem ganzen Gerede, dass alles durch Zufall entstanden sein soll und sich dann irgendwie weiterentwickelt hat, nämlich überhaupt nichts anfangen“, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Seine trübe Novemberstimmung mitten im Sommer ist auf einmal wie weggeblasen.

„Ich auch nicht“, pflichtet Pit ihm bei.

„Habt ihr etwas Zeit? Dann zeig ich euch die Lagune“, lädt Sven sie ein.

„Lagune? So heißen doch die durch Korallenriffe vom Meer abgetrennten Buchten im Pazifik“, wundert sich Pit.

„Stimmt“, meint Sven. „Das Sumpfgelände in dieser Gegend, das zwischen Küste und Deich liegt, wird aber auch so genannt. Jetzt ist da zwar nicht ganz so viel zu sehen – und bei dem Wetter schon gar nicht – aber vielleicht haben wir ja Glück.“

„Klar haben wir Zeit!“ Pit ist sofort begeistert bei der Sache. Er fasst Debby an der Hand und schon ziehen die neuen Freunde gemeinsam los.

„Stark“, entfährt es Pit, als sie auf der Deichkrone angekommen sind und einen ersten Blick auf die Lagune werfen können. Fasziniert lässt er seine Augen über das Gelände schweifen.

„Schau mal da drüben!“ Sven stößt Pit mit dem Ellenbogen leicht an und deutet über die Wasserbrache zum Rand der Salzwiese.

„Ein Rotschenkel“, stellt Pit mit fachmännischem Blick fest. „Und er hat sogar ein Küken dabei!“ Fröhlich hocken sich die drei an den Wegrand und beobachten die junge Vogelfamilie.

„Da drüben brüten zwei Austernfischerpaare.“ Dieses Mal ist es Pit, der die Gelege entdeckt.

„Was sind das dort für Vögel?“, will Debby wissen.

„Das sind Brandgänse“, erklärt Sven. „Du kannst sie an dem schwarzen Kopf und dem weiß-braun-schwarz gemusterten Gefieder erkennen.“

Pit ist überrascht, wie viele Wattvögel es auf so wenig Raum zu entdecken gibt.

„Ich find’ es sagenhaft, wie vielfältig und spannend Gott alles geschaffen hat“, bricht er in Begeisterung aus. „Guck dir den Lebensraum Watt an – das ist ein Mikrokosmos, wo alles aufeinander abgestimmt ist!“

„Stimmt!“, bestätigt Sven. Und er freut sich, dass er einen gleichgesinnten Freund gefunden hat!