Entdeckung am See – Das Geheimnis der Herrenbergs

21. April 2017

Andreas und Charly haben das alte Bootshaus der Familie Herrenberg am See entdeckt. Anscheinend hat Gerhard Herrenberg dort während des zweiten Weltkriegs Flüchtlinge beherbergt (Folge lesen: Entdeckung am See – Das Bootshaus). Doch wo ist sein Tagebuch versteckt?

„Fahren wir heute zum Bootshaus raus?“, fragt Andreas nach der Schule.

Charly nickt. „Komm vorher zu mir. Ich habe ein paar interessante Sachen herausgefunden.“

Die Jungen treffen sich am Nachmittag in Charlys Zimmer. Charly zieht die Liste hervor, die ihm Andreas am Vortag überlassen hatte. „Pass auf: Paul Hagenbeck und Wilhelm Brüggen – die beiden Namen tauchen auf der Liste von Herrenberg auf – waren bekennende Christen und arbeiteten in den vierziger Jahren im Untergrund. Das heißt, sie haben geholfen, Juden aus Deutschland zu schmuggeln, bevor die Nazis diese Juden ermorden konnten. Sie standen beide später auf den Fahndungslisten der Nazis, genauso Brüggens Tochter Nathalie. Lindheims waren Juden, denen Brüggen im Sommer 1943 zur Flucht verhalf.“

„Super! Wie hast du das alles rausgefunden?“

„Das stand in einem Buch über unseren Bezirk, einiges hat Papa im Internet gefunden.“

„Also Brüggen und Hagenbeck waren Fluchthelfer. Als ihre Tätigkeit aufflog, suchten sie vielleicht selbst Zuflucht im Bootshaus!“

„Und Herrenberg, unser Gutsherr?“

„Er wurde im Krieg schwer verwundet und starb 1948.“

„Das ist ja total traurig!“

„Brüggen und Hagenbeck sind später nach Amerika geflohen.“

„Und die Tagebücher sind seitdem verschollen?“

„Ja.“

„Gibt es eigentlich keinen kürzeren Weg zum Bootshaus?“, fragt Charly.

„Nein, es ist von allen Seiten zugewachsen, sodass man es nur mit dem Boot erreichen kann. Es sei denn, du möchtest schwimmen.“

„Das wäre auch eine Lösung.“ Charly lacht. Er schiebt das Boot vom Ufer weg und klettert hinein. Kräftig zieht er das Paddel durch das grünlich schimmernde Wasser.

„Vorsicht!“, schreit Andreas. „Wir kommen zu weit ab!“

Das Boot wird in den schmalen Abfluss oberhalb des Bootshauses getrieben. Andreas und Charly müssen heftig paddeln. Aufatmend öffnet Andreas schließlich die Tür zum Bootshaus und das Schlauchboot schlägt leise klatschend gegen die Pfosten des Steges.

„Hast du das gesehen?“, fragt Charly nachdenklich. „Der Abfluss des Sees verschwindet in einem Tunnel.“

„Und?“

„In einer Tunnelöffnung von mehr als einem halben Meter Höhe. In welche Richtung fließt der See ab?“

„Zur Küste.“

Charly pfeift anerkennend. „Ach so. Du meinst, das war der Fluchtweg?“

„Vielleicht. Das war jedenfalls unauffällig. Wenn man Leute mit Pferd und Kutsche oder Auto zur Küste brachte, fiel das doch viel eher auf.“

„Herrenberg hatte sein Unternehmen scheinbar gut organisiert. Ob seine Frau auch davon wusste?“

„Bestimmt. Die Flüchtlinge mussten auch versorgt und verpflegt werden.“

„Wo fangen wir mit der Suche nach Herrenbergs Tagebuch an?“, fragt Charly ratlos, als sie wie am Vortag in den Räumen hinter dem Bootsschuppen stehen.

„Keine Ahnung. Wir müssen alles systematisch untersuchen. Fang du im Schreibtisch an“, schlägt Andreas vor.

„Dürfen wir das denn?“

„Ja. Ich habe im Gutshaus noch einmal nachgefragt. Da interessiert sich keiner für das Bootshaus.“

„Komisch. Kein Wunder, dass hier alles noch ist wie vor vielen Jahren.“

Andreas sitzt im Schneidersitz auf der Erde vor dem Schrank und untersucht die unteren Schubladen. Charly nimmt am Schreibtisch Platz. „Oft haben so alte Möbel Geheimfächer.“

„Das ist wahr. Am besten ziehst du alle Schubladen raus.“

„Schau mal, da ist wirklich noch eine kleine Box hinter den anderen.“ Andreas gesellt sich neugierig zu ihm.

„Fotos, alte Fotos!“, jubelt Charly, denn er hat eine Schwäche für Schwarzweiß-Fotografie. „Da steht was auf der Rückseite.“

„Aaron und Esther, das sind die Kinder von Lindheims. Und schau mal hier, das ist Nathalie Brüggen.“

„Die ist aber hübsch.“

„Und das ist Hagenbeck. Und dies Herrenberg mit seiner Familie. Er sieht so nett aus!“

„Aber nichts Geschriebenes, keine Tagebücher.“

„Hier liegt nur eine Postkarte. Da steht ein Bibelvers drauf: ‚Nur auf Gott vertraut still meine Seele.‘ Und ein Gruß, den Herrenberg geschrieben hat.“

„Du, ich glaube einfach nicht, dass Herrenbergs Tagebücher hier im Bootshaus sind“, sagt Charly nach einer weiteren Stunde erfolgloser Suche. Er schiebt die letzte Schublade in den Schrank zurück.

„Aber wo dann?“ Die beiden Jungen sitzen auf dem Fußboden, müde und verschwitzt und ratlos. Charly starrt auf den Zettel aus Herrenbergs Bibel. „Du bist mein Zufluchtsort. Dieser Vers! Was wohl aus dem Boot geworden ist?“

„Aus welchem Boot?“

„Mit dem die Flüchtlinge vermutlich zur Küste gebracht wurden.“

„Keine Ahnung.“

Charly springt plötzlich auf. „Das kam mir gleich komisch vor, als wir gestern in den leeren Bootsschuppen fuhren. Wo ist das Boot?“

„Vielleicht ist es abgesoffen“, meint Andreas ungeduldig.

„Oder versenkt. – Hast du eine Taschenlampe?“

„Ja, warum?“

Charly stürzt hinüber zum Bootsschuppen. Träge dümpelt das grüne Schlauchboot auf dem Wasser. Charly zieht sein T-Shirt und die Schuhe aus. „Leuchte aufs Wasser“, bittet er.

Dann springt er. Das Wasser ist überraschend tief.

„Ich tauche runter“, verkündet er.

Prustend kommt er an die Oberfläche zurück. „Super“, keucht er. „Da unten liegt ein alter verrotteter Holzkahn. Ich wette, die Tagebücher sind drin.“

Andreas öffnet die Tür des Bootsschuppens. Sanftes grünes Licht flutet vom See herein.

„Gute Idee!“ Charly taucht ein zweites Mal. Krebsrot im Gesicht und völlig außer Atem taucht er wieder auf. Er hält ein Bündel in der Hand, das fest in wasserdichtes Ölzeug verpackt ist.

„Die Tagebücher!“, jubelt Andreas.

Die beiden Jungen setzen sich auf ihren Steg dem Bootshaus gegenüber. Charly überfliegt die Texte. „Daraus geht klar hervor, dass Herrenberg noch viel mehr Flüchtlinge versteckt und zur Küste gebracht hat. Schau dir diese Personenliste an. Er und Brüggen haben die Leute mit dem Boot bei Nacht und Nebel zu Schiffen gebracht, die draußen vor der Küste warteten und die Flüchtlinge fortbrachten.“

„Welche Angst Herrenbergs wohl ausgestanden haben! Aber sie haben einfach getan, was ihr Gewissen verlangte. So viel Glauben und Mut wünschte ich mir auch.“

Drei Monate später: In der Schulaula werden die Fundstücke aus dem Bootshaus präsentiert. Das Thema der Ausstellung: Heimatgeschichte und Zeitgeschichte.“

Charly und Andreas erzählen kurz über den Fund der Tagebücher. „Am meisten hat uns das Gottvertrauen und der Mut der Herrenbergs imponiert. Sie haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um Leute vor den Lägern der Nazis und vor dem Tod zu retten“, schließt Charly den Bericht.

Andreas und Charly studieren dann aufmerksam auch die anderen Teile der Ausstellung. Besonders beeindruckt sie eine historische Fotoaufnahme aus der Hitlerzeit. Die Arbeiter einer Bremer Schiffswerft stehen da in einer Art Betriebsversammlung. Einmütig und mit begeisterten Gesichtern heben sie den Arm zum Hitlergruß. Viele hundert Männer. Nur einer nicht. Er steht da, die Arme lächelnd vor der Brust verschränkt. Man begreift, was er sagen will: Das hier mache ich nicht mit.

„Ganz schön mutig“, sagt Andreas. „Ich kann nur hoffen, dass ich als Christ auch so klar Stellung beziehen würde.“

Ende