Das Rätsel von Rabeneck – Lenhard 11 –

21. April 2017

Aarland, Johann, Lenhard und Heinfried haben allerlei über das seltsame Wappen im alten Stallungsgebäude herausgefunden: Aarlands Burg und die Burg Rabeneck seines Erzfeindes Garland gehörten früher einer einzigen Familie und anscheinend verband noch immer ein geheimer, unterirdischer Gang beide Burgen.

„Was uns wohl oben erwartet?“, fragte Lenhard.

Johann sah besorgt aus. „Das herauszufinden sollten wir vielleicht besser auf später verschieben. Es ist helllichter Nachmittag. Ich weiß nicht, was Garland tut, wenn wir plötzlich in seiner Kemenate auftauchen. Und ich glaube, dass der Weg genau dort endet, hinter dem Wappen von Rabeneck.“

„Oder im runden Turm. Dort ist doch auch ein Wappen angebracht“, schlug Lenhard vor.

„Nee, Lenhard“, widersprach Heinfried. „Kein Mensch, der bei Trost ist, zieht einen Brunnenschacht bis in den Bergfried hoch.“

„Seid leise“, mahnte Johann. „Ihr wisst nicht, wie weit der Schall trägt! Vielleicht lauert Garland dort oben.“ Er deutete in die Höhe, wo sich das Ende des Schachts in tiefer Dunkelheit verlor.

„Du hast recht.“ Aarland rieb sich das Kinn. „Es wäre geradezu unsinnig, jetzt ungeschützt bei Garland aufzutauchen.“

Lenhard nickte voller Überzeugung. „Wir müssen in der Nacht wiederkommen.“

Schweigend schlugen sie den langen Rückweg ein.

„Es wurmt mich irgendwie, dass wir nicht herausgefunden haben, wo der Weg endet“, murmelte Heinfried, als sie das Stallgebäude verließen. „Vielleicht habe ich mich getäuscht und wir wären irgendwo draußen am Hang oder im Wald gelandet.“

„Das glaubst du doch selbst nicht“, versetzte Lenhard. „Der Gang führt in Garlands Burg, ganz bestimmt.“

„Heute Nacht weiß ich mehr“, sagte Aarland. „Wenn der Weg dorthin führt, müssen wir es wissen, schon aus Gründen der Sicherheit!“

Johann nickte ernst.

Die beiden Jungen sahen Aarland mit glänzenden Augen an. „Dürfen wir mit?“

Der Burgherr zögerte. „Es kann gefährlich werden!“

„Bitte, Vater! Wir werden ganz vorsichtig sein und uns ganz still verhalten!“

„Na schön. Johann kann uns den Rücken sichern und für den Ernstfall eine Truppe von Männern bereithalten.“

Johann nickte.

„Wir treffen uns kurz nach Mitternacht. Ihr Jungen legt euch vorher besser noch etwas hin“, ordnete Aarland an.

Die beiden gehorchten. Doch vor Aufregung tat natürlich keiner von ihnen ein Auge zu.

Die Lösung

Der Vollmond stand hoch am Himmel, als sie sich zum Stall hinüberschlichen, wo Aarland und Johann bereits auf sie warteten. Prinz hatte einen anderen Verschlag bekommen, damit das Tier nicht gestört wurde.

Mit leisem Schreck sah Lenhard, dass Aarland mit seinem fürchterlichen Messer bewaffnet war. Lenhard hatte während der Ausbildung zum Knappen den Krummdolch bei seinem Herrn schon in Aktion gesehen und schätzte ihn als gefährliche Waffe ein. Ob Aarland …? Er wagte den Gedanken nicht zu Ende zu denken.

Johann schien wie so oft seine Gedanken und Befürchtungen zu erraten. „Ich warte hier, bis der Mond die Höhe des Bergfrieds erreicht hat“, zeigte er. „Seid ihr bis dahin nicht zurück, bringe ich Verstärkung.“

„Es ist gut!“, erwiderte Aarland.

„Ich werde dafür beten, dass Gott Ihre Schritte und Ihren Weg und – Ihr Herz bewahrt.“

Der Burgherr blickte ihn nachdenklich an. „Ich bin sehr froh, dass du zu uns gehörst, Johann.“ Er legte ihm die Hand auf die Schulter. „Treuer Mann!“

Aarland, Lenhard und Heinfried stiegen in den finsteren Brunnenschacht hinab. Aarland bildete die Vorhut, dann folgte Lenhard, in einer Hand die Lampe, und Heinfried bildete den Schluss.

Schweigend legten sie den Weg zurück, bis sie den zweiten Schacht erreicht hatten.

„Jetzt kommt alles drauf an“, flüsterte Aarland. „Gib mir die Lampe, Lenhard!“

Der Junge gehorchte.

„Klettert so leise ihr könnt mir nach. Haltet Abstand und bleibt sofort stehen, wenn ich stehen bleibe. Alles klar?“

Die Jungen nickten.

Lenhard sah Aarland bewundernd zu. Trotz seiner schweren Stiefel bewegte sich der Burgherr gewandt und völlig lautlos. Ob er, Lenhard, diese Geschicklichkeit wohl jemals erreichen würde?

Der Schacht führte scheinbar endlos in die Höhe. Endlich schien Aarland die Spitze erreicht zu haben. Er beugte sich zu Lenhard hinunter und gab ihm die Lampe. Ein kaum vernehmbares Gleiten war zu hören und dann – Schnarchen.

Aarland hatte ein Stück der Schachtwand zur Seite geschoben und kletterte hindurch. Die Jungen folgten ihm geräuschlos. Dahinter öffnete sich ein eckiger Platz und eine Wendeltreppe, die seitlich abwärts führte. Gegenüber lag eine Tür mit altmodischem Türdrücker.

Aarland lauschte. Das Schnarchen kam eindeutig von jenseits der Tür. Vorsichtig drückte er sie auf.

Der geheime Weg endete nicht in der Kemenate, sondern direkt in Garlands Schlafkammer! Der Mond schien hell ins Zimmer. Garlands Gesicht sah weiß aus im Mondlicht.

Stunde der Entscheidung

Aarland zückte seinen Dolch und schlich hinüber zu Garlands Lager.

Lenhard stockte der Atem. Wie ein Film liefen die Bilder vor seinem inneren Auge ab, all das Schlimme, das Garland den Burgleuten, der Tochter des Burgherrn und auch ihm selbst, Lenhard, angetan hatte. Garland hatte Strafe verdient, daran bestand ja kein Zweifel.

„Gott!“, schrie er lautlos in seinem Herzen. „Lass nicht zu, dass Aarland sich selbst rächt und einen Mord auf sein Gewissen lädt! Bitte, Herr, hilf! Hilf, dass wir dir vertrauen und es dir überlassen, unsere Sache zu vertreten! Du hast uns zum Frieden gerufen. Du hast gesagt, wir sollen unsere Feinde lieben!“

Düster starrte Aarland auf seinen Feind herab, der ihm das Leben schwer gemacht hatte, solange er denken konnte.

Nach endlos scheinenden Sekunden wandte er den Blick ab. Schnell nahm er den Siegelring und den ledernen Gurt, an dem Garlands prächtiges Schwert hing, an sich. Dann bedeutete er den Jungen mit einer Kopfbewegung den Rückzug durch die geheime Tür, die in Garlands Kammer hinter einem mannshohen Gemälde verborgen war, und schloss sie geräuschlos. Er atmete tief aus.

„Wohin führt die Treppe?“, flüsterte Lenhard.

„Ein Fluchtweg aus der Burg“, vermutete Heinfried leise und schlich ein Stück hinab. Die anderen beiden folgten ihm.

Heinfried hatte recht. Die Treppe führte tief in die Außenmauer der Burg hinab. Durch einen gut verborgenen Felsspalt, der zwischen dichtem Gestrüpp lag, gelangten sie schließlich ins Freie.

Aarland sah hinauf. Hoch über ihnen drohte der hässliche runde Turm des Rabeneck. Der Mond verbarg sich zur Hälfte hinter einer Wolke und ein Käuzchen schrie in der Nacht.

„Kommt“, murmelte er. „Es ist Zeit, nach Hause zu gehen!“

Müde stapften die Jungen hinter ihm her. Als sie sich ein Stück von der Burg entfernt hatten, fragte Heinfried: „Warum hast du denn Garlands Schwert mitgenommen?“

Aarland lächelte. „Ich musste an David denken! Erinnert ihr euch an die Geschichte?“

Lenhard nickte lebhaft. „Ja, König Saul verfolgte seinen ehemaligen Gefolgsmann David und jagte ihn durch ganz Israel. Aber dann kam der König durch Unvorsichtigkeit in eine hilflose Lage. David hätte ihn töten können. Doch stattdessen hat er Saul nur ein Stück von seinem Umhang abgeschnitten. Damit konnte er später beweisen, dass er König Saul nichts getan, sondern ihn verschont hatte!“

„Genau!“, lobte Aarland.

„Meinst du, das könnte auch bei Garland funktionieren?“, fragte Heinfried zweifelnd.

„Im Moment sicherlich nicht“, gab Aarland zu. „Aber vielleicht kommt irgendwann der Tag.“

Sie hatten die Seitenpforte ihrer Burg erreicht. Lenhard legte den Kopf zurück. Dreimal ertönte der Schrei eines Kauzes – das verabredete Notzeichen für die Burgleute. Wenig später waren Johanns eilige Schritte zu hören und die Pforte wurde geöffnet.

„Gott sei Dank!“, rief er erleichtert. „Da seid ihr! Ich wollte gerade meine Männer zusammentrommeln.“

„Daran tust du gut, Johann“, erwiderte Aarland ernst. „Der geheime Weg führt geradewegs in Garlands Schlafgemach.“ Er hielt das erbeutete Schwert in die Höhe.

„Ist Garland – tot?“, fragte Johann tonlos.

„Aber nein“, versetzte Lenhard schnell. „Wir haben nur ein Beweisstück mitgebracht.“

Johann fiel sichtlich ein Stein vom Herzen.

„Wir wollen Gott von Herzen danken, dass wir den geheimen Verbindungsweg zuerst entdeckten und nicht Garland“, sagte Aarland bewegt. „Gott hat über uns gewacht und wir hatten keine Ahnung, in welcher Gefahr wir schwebten!“

„Garland hätte keinen Moment gezögert, die Burg zu erobern und Mann und Maus zu töten“, stellte Heinfried trocken fest.

„So ist es“, bestätigte Aarland. „Johann, sichere den geheimen Zugang im Stall mit Bolzen und Federn! Die Maurertruppe soll die Wand anschließend dick vermauern.“