Entdeckung am See – Das Bootshaus

1. Februar 2017

Träge und fast unbewegt liegt der See in der Mittagssonne. Dort, wo niedrige Büsche und Sträucher Schatten spenden, blühen üppige Seerosenfelder auf dem Wasser. Insekten summen. Sonst ist es ganz still. Charly liegt lang ausgestreckt auf dem Bootssteg, er trägt kurze Skaterhosen und ein blaues T-Shirt, seine nackten Füße baumeln im Wasser. Sein Freund Andreas lehnt mit dem Rücken an einem wackligen Pfosten, der den Steg im schlammigen Untergrund des Sees verankert. Eine Strähne seines dunkelbraunen Haars fällt ihm in die Stirn. Er kaut gedankenverloren auf einem Grashalm.

„Wir wollen heute das Bootshaus suchen“, sagt er.

„Ja.“ Charly blinzelt faul in die Sonne. Andreas schaut hinüber zum anderen Ufer. Dort erhebt sich in einiger Entfernung das alte Gutshaus Herrenberg. Früher haben es die Herrenbergs bewohnt. Heute ist dort eine landwirtschaftliche Akademie zu Hause. Hinter dem Haus erstrecken sich weite Versuchsfelder, Gemüsepflanzen, Obstbäume. Doch der See ist irgendwie Niemandsland.
Andreas, der immer alles genau nimmt, hat extra im Gutshaus nachgefragt, ob sie hier spielen dürfen. Andreas sagt, Christen müssen es genau nehmen mit dem Eigentum anderer.

Charly auf dem Bootssteg

Ja, die Jungen dürfen am See spielen, kein Problem. Und sie erhielten mit vielen Warnungen auch die Erlaubnis, die riesigen giftigen Herkulesstauden am Seerosenufer zu entfernen. Charly schmunzelt. Mit dem Blaumann seines älteren Bruders, dem Arbeitshelm mit durchsichtigem Visier und dicken Arbeitshandschuhen waren Andreas und er den Pflanzen zu Leibe gerückt, die starke Hautverletzungen auslösen können.

Und wieder einmal rätselt Charly, warum es in Gottes Schöpfung so seltsame giftige Pflanzen und Tiere gibt. Er fragt Andreas danach. „Hast du dir die Versuchsfelder angesehen, als wir dort heute vorbeikamen?“, erwidert Andreas.

Charly nickt.

„Sie werden so sorgfältig gepflegt und dennoch wächst das Unkraut. Gott hat den Ackerboden verflucht.“

Charly fährt hoch und sieht Andreas erschrocken an. Verflucht – das ist ein ziemlich heftiges Wort!

„Ja. Als Adam von Gott abgefallen war, sagte Gott: Der Acker wird Dornen und Disteln tragen um deinetwillen. – Aber trotzdem können wir vom Acker doch noch so viel ernten! Das ist Gottes Großzügigkeit.“

„So hatte ich es noch nie gesehen.“

„Nun komm endlich“, sagt Andreas. „Ich habe das bestimmte Gefühl, dass wir heute das Bootshaus finden.“

Charly erhebt sich seufzend. Abwechselnd betätigen sie kräftig die Luftpumpe und sehen zu, wie sich das neongrüne Schlauchboot mit den schicken schwarzen Streifen langsam aufrichtet. Andreas wandert ein Stück am Ufer entlang. Endlich hat er eine Stelle gefunden, wo das Ufer flach abfällt und wo keine Wasserpflanzen wachsen. Die beiden Jungen schieben das Schlauchboot aufs Wasser, dann klettern sie hinein. Charly greift nach dem zweiten Paddel.

Die beiden Jungen im Schlauchboot

„Nicht zu nah an den Rand, sonst machen wir die Pflanzen am Ufer kaputt!“

Charly lacht. „Und wie willst du dann das Bootshaus finden? Meinst du, es steht mitten im See?“

Vorsichtig paddeln die Jungen in Ufernähe um den See. Andreas gibt sorgfältig acht, dass sie nicht in die Seerosenpflanzen geraten, die unter der Wasseroberfläche ein dichtes Geflecht bilden.

„Schau mal dort drüben“, sagt Charly und deutet zum gegenüberliegenden Ufer.

„Bingo“, sagt Andreas.

Dort, wo der See einen schmalen Abfluss zum Wald bildet, erhebt sich direkt am Ufer undeutlich zwischen dickem Gestrüpp und Herkulesstauden der dunkle Umriss eines Holzschuppens.

„Das Bootshaus“, triumphiert An-dreas. Er wendet das Boot und treibt es mit kräftigen Paddelstößen voran.

„Meinst du nicht, dass du mir jetzt endlich verraten solltest, warum du dich so für diesen alten Schuppen interessierst?“

„Jetzt nicht!“, widerspricht Andreas aufgeregt. „Nur so viel: Es hat mit der alten Bibel zu tun, die ich in der Dorfbibliothek gefunden habe.“

Schnell nähern sie sich dem anderen Ufer. Den Abfluss begrenzt ein altes morsches Holzgitter.

Der See

„Wie kommen wir hier an Land?“, fragt Charly ratlos.

Diese Nische des Sees ist ganz mit dichten, dornigen, verwilderten Rosensträuchern, giftigen Herkulesstauden und verfilztem alten Unterholz bewachsen. Andreas hält direkt auf den Bootsschuppen zu. Die Jungen müssen kräftig paddeln, denn der Sog des Seeabflusses ist erstaunlich stark. Andreas steht vorsichtig auf. Das Boot kippelt bedenklich. Er öffnet die Tür des Schuppens, der auf festen Pfählen im See ruht, und das Boot gleitet hinein. Charly blinzelt überrascht. Seine Augen gewöhnen sich nur langsam an das Halbdunkel.

Die Wände des Bootshauses ruhen auf festen Steinfundamenten im See. Am Rand des Hauses verläuft ein
schmaler Steg. Im Hintergrund hebt sich eine zweite Tür dunkel ab. Andreas befestigt das Schlauchboot an einem der Pfähle, dann klettern die Jungen auf den Steg. Andreas öffnet vorsichtig die zweite Tür. Die Beschläge sind von der Feuchtigkeit ganz rostig und das Holz ist verzogen.

„Was – was ist das denn?“, stottert Charly.

Im Bootshaus

Sie treten unerwartet in einen Raum mit Marmorfußboden, verdreckt zwar und stumpf, aber dennoch schön. Alte, mit Leinenlaken behangene Sessel stehen herum. In einem weiteren Nebenraum gibt es sogar Bettgestelle. Es riecht muffig. Überall liegen Mäuseköttel. Die Fensterläden sind geschlossen, doch zum Teil sind Äste hindurchgewachsen und haben das Holz gesprengt.

Charly tritt ans Fenster. „Schau nur, das Haus ist von allen Seiten völlig zugewachsen. Vielleicht hat dieser Raum früher als Gästezimmer für die Leute vom Gutshaus gedient?“

Andreas sieht ihn sprachlos an. „Das ist die Lösung! Als Gästezimmer der besonderen Art vielleicht.“ Und er zieht einen zusammengefalteten Zettel aus seiner Hosentasche. Es ist die Kopie von einem ganz vergilbten Zettel. „Das Original lag in der alten Bibel.“

„Was für eine Bibel?“

„Das habe ich dir doch erzählt, die Bibel in der Dorfbibliothek bei der Kirche. Sie hat früher dem Besitzer vom Gutshof gehört. Er hat auch ganz viele Anmerkungen darin gemacht. Ich glaube, dass er ein Mann war, der Jesus Christus von ganzem Herzen nachgefolgt ist. Jedenfalls war ihm die Bibel total wichtig.“

„Aha“, sagt Charly. „Und was hat das mit dem Bootshaus zu tun?“

„Wart´s ab!“ Andreas lächelt verschmitzt und reicht seinem Freund den Zettel.

Andreas mit den Notizen aus der Dorfbibliothek

Charly studiert die feinen Notizen. Eine ausgeschriebene, aber dennoch schöne, feste Schrift mit quer über das Papier verteilten Wörtern. Am Rand steht ein Wort aus der Bibel: „Gott ist meine Zuflucht für und für. ‚Im Bootshaus – 17.4.1944 P. Hagenburg, 19.5.1943–2.1.1944 W. Brüggen, Nathalie 17.4.44 nur mittags. Familie Lindheim 3.4.–17.6.43, Esther und Aaron am 13.5.43‘“, entziffert Charly langsam. „Das klingt wirklich wie eine Besucherliste.“

„Ja, schau’ dir doch die Daten an – du, das hatten wir doch gerade in Geschichte.“

„Ja, das war während des Zweiten Weltkriegs. Verstehst du, ich wollte unbedingt wissen, was diese Leute hier gemacht haben.“

„Ob wir uns im Haus ein bisschen umsehen dürfen?“

„Bestimmt.“

Charly studiert noch einmal aufmerksam den Zettel. „Schau mal, was hier steht!“, sagt er aufgeregt.

„Tagebücher in gutem Versteck …“, entziffert Andreas mühsam. „Das dahinter kann man nicht lesen, da ist ein Fleck drauf.“

„Was soll das heißen! Wollte er die Tagebücher verstecken? Um was für Tagebücher geht es wohl? Seine? Oder die seiner Gäste?“

„Woher soll ich das wissen?“, erwidert Andreas.

Charly schaut nachdenklich auf das Papier. „Esther und Aaron, das sind jüdische Namen“, sagt er langsam. „Vielleicht hat Gerhard Herrenberg während des Krieges Flüchtlinge und Verfolgte in seinem Bootshaus versteckt?“

Andreas schaut ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Dann pfeift er durch die Zähne. „Wenn Herrenberg in den vierziger Jahren Flüchtlinge versteckte, hat er sein Leben riskiert. Ob niemand im Dorf mehr davon weiß?“

„Glaube ich nicht. Man müsste mal fragen. Aber vor allem müssen wir die Tagebücher finden.“

„An einem sicheren Ort – was mag Herrenberg darunter verstanden haben?“

„Die Liste in seiner Bibel konnte ihm leicht zum Verhängnis werden, und seinen Gästen ebenfalls“, sagt Charly.

„Vielleicht hat er die Liste erst geschrieben, als er die Tagebücher versteckte. Ich würde gern wissen, was das für Leute waren, die Herrenbergs.“

Charly schaut auf den Zettel. „Gott ist unsere Zuflucht“ – der Satz lässt ihn nicht los. „Ich glaube, dass sich Gerhard Herrenberg auf Gott verlassen hat. Deshalb hat er so gehandelt.“

„Ja. – Wir müssen die Tagebücher finden.“

„Aber nicht mehr heute! Wir müssen nach Hause.“

Fortsetzung: Entdeckung am See – Das Geheimnis der Herrenbergs