Entdeckung im Sturm

12. Dezember 2016

„Heute Abend ist es wieder ziemlich stürmisch“, meint Conor zu seiner kleinen Schwester Evie, während sie ihre Nasen an die alten dünnen Glasscheiben des kleinen Hauses drücken, das an der Atlantikküste von Irland steht.

Die beiden kennen das Meer und die Stürme, seit sie auf der Welt sind.

Zu dem kleinen Fischerdorf gehört ein starker alter Leuchtturm, der vor langer Zeit auf einem schmalen langen Felsstück erbaut wurde, welches ins Meer hineinragt.

Für Conor und Evie hat er einen ganz besonderen Namen. Bei ihnen heißt er nämlich „Zeigefinger“. „Weil er einfach so aussieht“, das war einmal Evies Begründung.

Und so blicken ihre Augen auch heute Abend wieder auf ihren alten Freund, den Zeigefinger. Stundenlang können sie so dasitzen und den Geräuschen der Wellen und des Windes lauschen. Wie die schweren Wassermassen gegen die Wände des Leuchtturms peitschen und wie ganz oben im Lampenhaus immer wieder der helle, klare Schein des Lichtstrahls zu sehen ist.

Der Zeigefinger

Harri, der Leuchtturmwächter sitzt jetzt bestimmt an seinem alten Schreibtisch. „Gewiss liest er wieder mit seinen großen Augen und der lustigen kleinen Brille auf der Nase in seinem Buch“, flüstert Conor und denkt dabei an Harris Bibel, in die der alte Mann so oft vertieft ist.

„Wie wär‘s denn, wenn ihr Harri Clinton mal besucht?“, schlägt ihre Mutter vor und schaut dabei kurz von ihrer Arbeit auf.

„In einer Stunde seid ihr aber wieder hier!“, ruft sie den beiden hinterher. „Geht klar!“, sind die letzten Worte, die sie noch in dem Sturm und Windgebrause aus Richtung Haustür vernehmen kann. Denn das Angebot, Harri zu besuchen, lassen sich Conor und Evie nicht entgehen.

Unter Regenjacken und mit den zwei vom Abendessen übergebliebenen Pfannkuchen bewaffnet, rennen sie den schmalen Weg in Richtung Turm. Immer wieder leuchtet der Weg hell auf, bis sie endlich vor der großen, dicken Eichentür stehen. Zu zweit ziehen sie die schwergängige Klinke herunter. Jetzt nur noch die lange Wendeltreppe hinauf!

„Guten Abend, Herr Clinton.“ Außer Atem stürmen die beiden Geschwister in das kleine Turmzimmer von Harri Clinton, der sich langsam zu den Kindern umdreht. Der alte Mann sitzt an einem schweren Schreibtisch, der von einer hellen Lampe beleuchtet wird. In der Mitte des Tisches liegt sein aufgeschlagenes Buch mit den gold schimmernden Seiten. Die Ränder sind schon ganz dunkel und manche Sätze kaum lesbar geworden.

„Ihr seid es! Das ist aber schön, dass ihr mich besucht.“ Lächelnd und mit etwas glänzenden Augen nimmt er die zwei Pfannkuchen entgegen. „Legt schnell eure Regensachen auf den Kamin, danach erzähle ich euch etwas aus meinem Buch“, sagt Harri und zeigt in Richtung des prasselnden Kamins.

Gesagt, getan. Eng an Herr Clintons Pullover geschmiegt, lauschen Conor und Evie der alten Geschichte aus dem geheimnisvollen Buch …

„Die Geschichte steht im Lukas-Evangelium im achten Kapitel und ist ungefähr 2000 Jahre alt. Sie spielt sich am See Genezareth ab. Dieser See befindet sich im Land Israel. Er ist sogar für seine starken Stürme bekannt, doch damals fuhren die Menschen dort mit kleinen, aus Holz gebauten Schiffen, um zu fischen. Eines Tages kommen 13 Männer an das Ufer dieses Sees. Unter ihnen sind mehrere Fischer, auch ein Zöllner ist dabei. Doch einer von ihnen ist etwas Besonderes, denn alle 12 Männer folgen ihm und hören ihm zu, wenn er spricht. Sie nennen ihn sogar ihren Lehrer und Herrn. Ihr werdet gleich sehen warum.

Jetzt steigen sie zusammen in ein Schiff, um an das andere Ufer des Sees zu fahren. Früher mussten die Menschen noch hart rudern, um vorwärts zu kommen. Der Lehrer schläft und ruht sich von dem anstrengenden Tag aus. Es wird schnell dunkel. Plötzlich schaukelt das kleine Schiff heftiger und die Wellen werden immer höher. Ein starker Sturm zieht in rasender Geschwindigkeit auf. Die ersten Wellen schwappen schon über den Rand des Schiffes. Die Männer rudern in Todesangst, doch vergeblich. Es wird immer schlimmer. Die erfahrenen Fischer wissen ganz genau: Wir sind mitten auf dem See, wir werden untergehen und umkommen! Jetzt ist das ganze Boot schon voller Wasser …

Im Sturm auf dem See Genezareth

Halt! Wo ist eigentlich der 13. Mann im Schiff? – Ja, er schläft noch. Er ist ganz ruhig und hat überhaupt keine Angst, ganz so, als wäre der Sturm nicht da.

Verzweifelt wecken ihn die Männer, sie schreien durch das laute Getöse: ‚Herr, rette uns, wir kommen um!‘

Doch wisst ihr, was der Aufgeweckte nun tut? Er redet zu dem Wind und dem See. Ja, ihr habt richtig gehört.

Plötzlich sind der Sturm und die Wellen weg und alles ist ganz leise. Windstille statt Sturm, glattes, ruhiges Wasser, statt meterhohe Wellen!

Wie ist das so schnell möglich, wer ist dieser Mensch? Wer ist dieser Lehrer und Herr, dass sogar der Wind und der See ihm gehorchen?“

Langsam klappt Herr Clinton sein altes geliebtes Buch zu. „Es ist mein Herr Jesus“, sagt er leise und blickt Evie und Conor an.

„Ich mag diese Geschichte sehr. Denn der Herr Jesus war in meinem Leben in manch starkem Sturm dabei. Oft habe ich auch verzweifelt nach ihm gerufen, doch er ist immer ganz nahe bei mir gewesen. Dieser Mensch ist Gottes Sohn und er möchte auch in euer Schiff des Lebens steigen.

Herr Clinton

Wisst ihr, damals war Jesus als echter Mensch hier auf dieser Erde. Aber die meisten Menschen wollten ihn nicht, obwohl sie so viele Wunder und göttliche Dinge mit ihm erleben durften.

Sie wollten einfach nicht glauben, dass er der Sohn Gottes war. Im Gegenteil, sie hassten ihn, weil er nie etwas Falsches oder Böses tat.

Nicht viel später schlugen sie ihn an ein Kreuz. Ja, sie haben ihn qualvoll umgebracht. So ist unser Herz, es ist schlecht und dunkel. Doch genauso wie ihm der See und der Wind gehorcht, muss ihm auch alles andere gehorchen: Und so ist er auferstanden aus dem Tod und in den Himmel gegangen. Er sagt noch heute, auch zu euch: Glaubt an mich und bekennt Gott im Gebet alles, was ihr im Leben Böses getan habt, dann bin ich auch euer Erretter.“