Das Rätsel von Rabeneck – Lenhard 10 –

12. Dezember 2016

„Prinz hat Probleme mit seiner linken Vorderhand“, berichtete Lenhard an diesem Morgen. „Ich hab es schon gestern gemerkt, dass er nur ganz vorsichtig auftrat und die Fessel sich heiß anfühlte“, fuhr er besorgt fort und richtete den Blick seiner blauen Augen vertrauensvoll auf Johann. „Könntest du mal nach ihm sehen?“

„Mach ich“, versprach Johann sofort.

Noch vor dem Morgenunterricht begleitete er Lenhard in den Stall. Schon von weitem war das aufgeregte Schnauben eines Pferdes zu hören.

„Das ist Prinz“, sagte Lenhard ängstlich.

Johann nickte ihm beruhigend zu.

Vorsichtig näherten sie sich dem geräumigen Verschlag, den der Rappe für sich allein hatte. Prinz stand – auf drei Beinen. Seine Augen waren weit aufgerissen und glänzten fiebrig. Er wieherte angstvoll.

„Prinz ist bestimmt richtig schlimm krank“, jammerte Lenhard.

„Nur Mut“, erwiderte Johann. Er überlegte einen Moment. „Der Verschlag ist zwar groß, aber trotzdem führen wir Prinz besser nach draußen. Es ist zu dunkel hier drin. Du musst ihn halten und beruhigen, damit ich ihn richtig untersuchen kann. Streif ihm das Halfter über.“

Lenhard gehorchte. Ergeben hielt Prinz still und ließ dann matt den Kopf hängen.

„Jetzt führ ihn langsam nach draußen.“

Johann öffnete die Tür des Verschlags. Doch dann stockte er plötzlich mitten in der Bewegung. Lenhard war seinem Blick gefolgt.

„Was ist das denn?“ Johann starrte beinahe verstört auf ein halb unter Staub und Futterkörben verborgenes Steinrelief an der seitlichen Wand des Verschlags.

„Ein altes Wappen, glaube ich“, antwortete Lenhard.

„Ja sicher.“ Mit dem Ärmel wischte er, bis das Wappen ganz zutage trat. Es zeigte eine Lanze, eine Blätterranke und darüber einen Vogel mit großen runden Augen und ausgebreiteten Schwingen.

„Seltsam.“

Schweigend half Johann, das kranke Pferd nach draußen zu bringen. Er schien tief in Gedanken. Prinz humpelte mühsam auf drei Beinen. Seine linke Vorderfessel war dick geschwollen.

„Halt ihn gut fest“, bat Johann.

Lenhard gehorchte. Er streichelte den Kopf des Rappen. „Du armer Kerl“, flüsterte er.

Johann strich mit seinen großen Händen am Vorderbein des Pferdes herab. „Hier“, meinte er nach einer längeren Zeit. „Das ist nur eine winzige Verletzung, die kaum zu sehen ist, ein Ritzer von einem Dorn vielleicht. Prinz hat Schmutz hineinbekommen und dann hat sich die Wunde entzündet.“

„Hab ich was falsch gemacht?“, fragte Lenhard ängstlich.

„Nein. Aber wenn du ganz sicher gehen willst, untersuche die Beine deines Pferdes nach jedem Ritt. Du kannst darauf achten, dass sich die Haut glatt und kühl anfühlt.“

Lenhard und Prinz

„Das wusste ich nicht. Was machen wir denn jetzt? Ist es sehr schlimm?“

„Der Burggärtner wird uns etwas aus seiner Apotheke geben müssen“, erwiderte Johann und richtete sich auf. „Warte hier mit Prinz, bis ich wieder zurück bin.“

Schon nach kurzer Zeit erschien Johann mit einem Tuch, einem Topf und einer Flasche. Sorgfältig trug er die dicke, pastige Salbe aus dem Topf auf das Tuch auf und wickelte es um das kranke Bein des Pferdes. Dann flößte er ihm einige Tropfen aus der Flasche ein.

Sie brachten das Pferd in seinen Verschlag zurück und versorgten es mit frischem Futter und Wasser.

„Erhol dich gut, mein Alter“, bat Lenhard und vergrub noch einmal sein Gesicht in der schwarzen Mähne. Prinz schnaubte leise. Ganz vorsichtig ließ er sich im Stroh nieder.

„Wir schauen bald wieder nach dir“, versprach Johann.

Als sie den Verschlag verließen, starrte Johann wieder verwirrt auf das Steinzeichen an der Wand.

Lenhard fragte ihn: „Was ist denn so Besonderes an dem Wappen?“

„Nichts.“ Johann zögerte. „Es ist nur – das gleiche Zeichen ist in der Kemenate und an der Turmbrüstung von Garlands Burg zu finden. Es ist das Wappen von – Rabeneck.“

Lenhard pfiff durch die Zähne. „Das ist allerdings mehr als merkwürdig!“ Er überlegte einen Moment. „Hast du etwas dagegen, wenn ich unsere Burgleute nach dem Wappen frage?“

„Nein, tu das nur!“

Am Nachmittag ging es Prinz etwas besser. Sein Fieber schien nicht mehr so hoch zu sein und er nahm vorsichtig von seinem Heu. Lenhard war sehr erleichtert. Er behandelte Prinz’ Fessel weiter, so wie Johann es ihm erklärt hatte.

Beim gemeinsamen abendlichen Essen brachte er das Gespräch auf das seltsame Steinzeichen.

Aarland sah ihn überrascht an. „Mir ist noch nie aufgefallen, dass im Stall ein Wappen angebracht ist. Wie merkwürdig.“

„In der Chronik steht, so weit ich mich erinnere, dass die Stallgebäude den ältesten Teil der Burg darstellen, die früher bedeutend kleiner war“, bemerkte Frau Friedlinde. „Selbst der Burgfried wurde erst später errichtet.“

„Eine Burg-Chronik?“ Lenhard horchte auf.

„Ja“, bestätigte Aarland. „Du kannst gern darin nachlesen, ob du etwas über das Wappen findest. Ich werde es mir morgen in dem Verschlag ansehen.“

Die Chronik der Greifensteiner

Zu seiner Überraschung fand der Lehrer die beiden Jungen, die sonst jeden freien Moment draußen verbrachten, am nächsten Nachmittag über die alte, schwere Lederchronik der Burg gebeugt.

„Hört doch mal, was hier steht“, rief Heinfried aufgeregt. „‚Burg Rabeneck, anno Domini 1120 erbauet, dem Geschlecht derer zu Greifenstein zugehörig. Im Jahre des HERRN, 1177 wurde von ihnen auf dem gegenüberliegenden Hügel ein klein Schlösschen errichtet, aus schlichtem Stein für die Sommertage, genennet Greifenhorst, ob seiner luftigen Lage über dem Tale.’“ Mit glänzenden Augen sah er auf und deutete auf eine feine Federzeichnung, welche die Umrisse eines schlichten Gebäudes zeigte. „So sahen die Ursprünge unserer Burg aus! Sie ist noch gar nicht so alt.“

„Und ihre Besitzer waren die von Rabeneck“, fügte Lenhard nachdenklich hinzu.

„Wir müssten vermutlich die ganze Chronik lesen, um herauszufinden, seit wann die beiden Burgen nicht mehr im Besitz der Greifensteiner waren“, überlegte Heinfried.

Die Chronik der Greifensteiner

„Aber ist das nicht ein seltsamer Gedanke? Eure Burg gehörte einst zum Rabeneck, wo heute Aarlands erbittertster Feind haust“, überlegte Lenhard. „Wann wird es zur Entzweiung gekommen sein? Ob nicht Versöhnung möglich wäre?“

„Versöhnung?“ Heinfried sah ihn ungläubig an. „Nicht mit Garland! Vergiss es, Lenhard! Er hasst uns so abgrundtief.“

„Warum eigentlich?“

„Weiß ich nicht!“ Heinfried zuckte ungeduldig die Achseln.

„Wir können nichts gegen Garlands Hass ausrichten“, gab Lenhard zu. „Aber wir können es Gott sagen! Gott kann diese Feindschaft, unter der ihr seit Jahren leidet und die Erla beinahe das Leben gekostet hat, beenden! Glaubst du nicht?“

„Doch“, erwiderte Heinfried zögernd.

„Lass uns dafür beten“, bat Lenhard eifrig. „Ich glaube, dass Gott das machen kann!“

„Einverstanden!“

Prinz ging es viel besser. Johann sah weiter regelmäßig nach ihm, auch an diesem Abend. Lenhard erzählte ihm, was sie in der Chronik über die beiden Burgen gelesen hatten. Und er berichtete auch von dem Entschluss, den er und Heinfried gefasst hatten.

Johann blickte ihn nachdenklich an. „Euer Vorhaben ist gut! Ich glaube daran, dass Gott verhärtete Herzen erreichen kann. Auch wenn ich mir kein kälteres Herz als das von Garland vorstellen kann!“

Lenhard nickte schweigend. Nur mit Grauen konnte er an die Zeit zurückdenken, als er im feuchten Turmverlies von Rabeneck eingesperrt und völlig Garlands Willkür ausgeliefert gewesen war. Wenn Johann ihm nicht geholfen hätte … Lenhard schauderte zusammen.

In diesem Moment kam der Burgherr Aarland mit seinem Sohn Heinfried in den Stall. Neugierig betraten sie den Verschlag des Hengstes.

Aarland betrachtete das Wappen sorgfältig. Dann untersuchte er die Wand des Verschlags. Die Steinmauer war hier unregelmäßig und anscheinend sehr dick. Bedeutend dicker als im übrigen Raum!

Johann hatte Aarland aufmerksam beobachtet. Er betastete das Stein-
relief nun ebenfalls noch einmal.

„Der Vogel auf dem Wappen hat ein hässliches Gesicht!“, bemerkte Heinfried. „Diese merkwürdigen hervorstehenden Augen und der gierige Schnabel, der richtig aus dem Relief herausragt.“

Lenhard drückte spielerisch darauf.

Das winzige Steinstück, das den Schnabel des Greifvogels bildete, wich in die Wand zurück, gleichzeitig drehte sich das Steinrelief um 90 Grad in den Raum, sodass dahinter ein Loch in der Wand sichtbar wurde.

Überrascht wichen die vier einen Schritt zurück. Aarland hob seine Lampe in die Höhe. „Ein runder gemauerter Schacht“, stellte er fest.

„Eine alte Brunnenanlage?“, vermutete Lenhard.

„Schon möglich.“

Lenhard holte einen dicken Kieselstein und ließ ihn in den Schacht hinabfallen.

Johann horchte. „Man hört keinen Aufschlag, auch kein Plätschern. Wenn es ein Brunnen ist, führt er wohl kein Wasser mehr. Der Schacht muss sehr tief sein.“

„Oder etwas Weiches liegt unten“, versetzte Lenhard.

„Eine dicke Daunendecke?“, witzelte Heinfried. „Das glaube ich nicht.“

„Schaut!“, rief Johann, der noch etwas näher an die Öffnung herangetreten war, überrascht. „Dort sind eiserne Krampen fest in die Schachtwand eingelassen!“

„Ein alter Fluchtweg?“, vermutete Aarland.

„Gut möglich“, meinte Johann.

Ehe ihn jemand hindern konnte, war Heinfried durch die enge Öffnung geklettert. „Ich schau mir das mal an!“

„Warte, Junge!“, befahl Aarland.

Doch Heinfried kletterte unbeirrt weiter.

„Halte die Lampe hoch, Lenhard, damit Heinfried wenigstens etwas sehen kann“, bat Aarland.

„Der Schacht ist tief!“, rief Heinfried herauf. „Unten steht etwas Schlamm, es scheint sich tatsächlich um einen alten Brunnen zu handeln. Und hier, an der Seite – da führt anscheinend ein Gang in den Fels! Leider ist es ziemlich finster hier unten.“

„Wir kommen“, entschied Aarland. „Lenhard, du machst die Nachhut und bringst die Lampe mit hinab, damit wir etwas sehen können.“

Im Gang

Die Verbindung

Es dauerte eine geraume Zeit, bis alle unten im Eingang des Ganges angekommen waren. Lenhard hob die Lampe. „Vielleicht handelt es sich um eine natürliche Spalte im Fels.“

„Gehen wir“, beschloss Aarland.

Der Weg war hoch und breit genug, dass ein erwachsener Mann aufrecht darin stehen konnte, und führte leicht abwärts.

„Der Gang ist ja endlos“, stellte der Burgherr nach einer halben Stunde schweigsamen Marsches fest. „Ob er überhaupt irgendwo endet?“

Heinfried, der nicht nur ausgezeichnete Augen, sondern auch einen hervorragenden Ortssinn besaß, sah ihn nachdenklich an. „Der Weg führt von unserer Burg ins Tal hinunter direkt Richtung Mittag“, behauptete er. „Ich würde mich nicht wundern, wenn wir direkt im Rabeneck herauskämen!“

Johann pfiff durch die Zähne. „Das würde Sinn machen!“

Wie um Heinfrieds Worte zu bestätigen, endete der Weg nach einer Biegung ganz plötzlich vor der steilen Wand eines weiteren Schachtes. Und auch hier führten eiserne Krampen hinauf.

„Endstation“, murmelte Lenhard. „Was uns wohl oben erwartet?“

Schon neugierig, wie es weitergeht? Den Schluss der Geschichte kannst du hier in der nächsten Folge lesen: Das Rätsel von Rabeneck – Lenhard 11 –