Rikku – ein Tsunami-Junge lernt sich wieder zu freuen

7. Oktober 2016

Rikku, der 11jährige Junge aus der japanischen Stadt Ofunato, sollte eigentlich schon längst schlafen. Aber seine Gedanken hielten ihn wach. Das war nichts Ungewöhnliches seit den schrecklichen Ereignissen vor über vier Jahren.

Damals hatte ein gewaltiges Erdbeben vor allem den Osten der japanischen Hauptinsel Honshu erschüttert. Zerstörerischer noch als das Erdbeben war jedoch die danach über die Ostküste hereinbrechende riesige Tsunami-Flutwelle gewesen. Rikku erinnerte sich noch genau an jeden einzelnen Augenblick dieses furchtbaren Tages.

Es war kurz vor Schulschluss gewesen und er hatte sich schon sehr auf zu Hause und das bevorstehende Wochenende gefreut. Wenigstens am Wochenende ausschlafen dürfen, vor allem aber mehr Zeit mit den sonst so vielbeschäftigten Eltern verbringen dürfen! Mitten in der Vorfreude hatte dann ganz unvermittelt die Erde und das ganze Schulgebäude angefangen zu wackeln – minutenlang! Als das Beben verebbt war, hatten die Lehrerinnen und Lehrer seiner Schule allerdings keine Ruhe gegeben und alle Schüler eilig aus dem Schulgebäude auf einen nahegelegenen Hügel gebracht. Das war seine Rettung gewesen, wie er keine Viertelstunde später wusste. Die Flutwelle erreichte seine Stadt mit einer Höhe von über 23 Metern. Keine Schutzmauer hätte sie aufhalten können. Seine Grundschule war so schwer verwüstet worden, dass sie nur noch abgerissen werden konnte. Aber zu Schaden gekommen war niemand aus seiner Klasse und Schule.

Von seinem Elternhaus war nicht mehr als das Fundament stehen geblieben. Die Welle hatte es wie ein Kartenhaus zusammenstürzen lassen und es zusammen mit Autos, Fischerbooten und sogar Lastwagen in einer einzigen riesigen schwarzen Walze aus Wasser und Schlamm unter sich begraben.

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Die Flutwelle

Dabei hätte es sie noch schlimmer treffen können. Wie durch ein Wunder waren in seiner Familie alle am Leben. Seine Geschwister und Eltern hatten sich innerhalb der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit ebenfalls in Sicherheit bringen können. Viele Klassenkameraden hingegen hatten Vater, Mutter oder Geschwister verloren, ohne sich auch nur von ihnen verabschieden zu können.

Seit jenem Tag im März 2011 wohnten sie nun mit vielen anderen Familien in einem dieser „temporary homes“, die man für die Hunderttausende von Obdachlosen überall in den betroffenen Gebieten notdürftig errichtet hatte. Dicht an dicht lebten sie nun seit über vier Jahren mit wildfremden Menschen, mit denen sie sich obendrein Küche und Bad teilen mussten. Zu Anfang waren alle froh gewesen, überhaupt noch am Leben zu sein und ein Dach über dem Kopf zu haben. Aber in Kürze jährte sich das schlimme Ereignis zum fünften Mal – und immer noch war nicht gewiss, wann sie die Notunterkunft gegen eine richtige Wohnung würden eintauschen können.

Die Bilder im Kopf wollten einfach nicht verschwinden. Eine Mischung aus Angst und dem Gefühl, inzwischen vergessen worden zu sein, hielten Rikku oftmals wach. Heute jedoch war es anders. Er hatte Geburtstag. Und daraus war wider Erwarten ein ganz besonderer Tag geworden.

Kurz nach dem Tsunami war eine junge Frau namens Rena in Ofunato aufgetaucht. Und zwar nicht irgendwo. Beinahe jeden Tag hatte sie seither ausgerechnet genau das der „temporary homes“ aufgesucht, in dem er mit seiner Familie wohnte. Wie er erst viel später erfuhr, hatte Rena extra ihren Beruf als Lehrerin im Landesinneren aufgegeben, um den Menschen im zerstörten Ofunato zu helfen. Sie stellte nun ihre Fähigkeiten als Englischlehrerin auch den Bewohnern der Notunterkünfte zur Verfügung. Auf diese Weise hatte Rikku schon eine ganze Menge englischer Vokabeln gelernt und konnte inzwischen auch einfache Sätze auf Englisch bilden. Das besondere an Rena war aber, dass sie keine ihrer Englisch-Lektionen begann, ohne vorher eine Geschichte zu erzählen. Nicht irgendeine Geschichte, sondern solche, die sich in einem dicken Buch befanden, das Rena „Bibel“ nannte. Auf diese Weise hatte Rikku zum ersten Mal davon gehört, dass Gott ein liebender Vater ist, der aus lauter Liebe zu den Menschen seinen Sohn vom Himmel auf die Erde geschickt hat. Ihren Höhepunkt fand diese Liebe, als der Sohn Gottes sich kreuzigen ließ, um für Menschen wie Rikku zu sterben.

Schon mehr als einmal hatte Rena auch besondere Kinderfeste ins Leben gerufen. Das war immer etwas Besonderes, denn damit ging immer ein Wettbewerb einher, den alle japanischen Kinder ganz besonders lieben: das Nudel-Wettessen. Dabei wird eine halbierte Bambusstange schräg aufgerichtet. Über diese Stange wird dann Wasser geleitet. Ein Erwachsener gibt nun von Zeit zu Zeit in den Wasserstrahl leckere Soba-Nudeln – manchmal auch andere leckere Dinge wie Tomaten oder Wachteleier. Rikku und die anderen Kinder standen dann, mit Suppenschälchen und Stäbchen ausgestattet, am Rand des Bambusrohres, um möglichst viele der Nudeln und anderen Köstlichkeiten aus dem Wasser zu fischen.

Heute jedoch war Rena in der Wohnung von Rikku und seinen Eltern mit einer ganz besonderen Überraschung aufgetaucht – einem selbstgebackenen Geburtstagskuchen, ganz allein für ihn, für Rikku! Wie ein Sonnenstrahl hatte dieses Geschenk in sein sonst oft von trüben Gedanken bestimmtes Leben geschienen. Dafür wollte Rikku Rena, vor allem aber Gott noch einmal auf besondere Weise „danke“ sagen. Diese Gedanken hielten ihn heute wach.

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Rikku

Da kam ihm eine Idee. Leise schlich er sich noch einmal aus dem Bett, vorbei an seinen Geschwistern und Eltern. Schließlich erreichte er den Gemeinschaftsraum, in den Rena eine Tafel gestellt hatte für ihre Englisch-Lektionen. Rikku griff zur Kreide, die Rena glücklicherweise hatte liegen lassen. In großen lateinischen Buchstaben und auf Englisch schrieb er die Worte an die Tafel:

Auf Zehenspitzen schlich er anschließend wieder zurück zu seiner Schlafunterlage. Er stellte sich vor, wie Rena auf seine Überraschung reagieren würde. Ehe er sich‘s versah, war er eingeschlafen.