Elefant auf der Flucht

7. Oktober 2016

Das kleine Camp vor den Toren der großen Stadt liegt still unter dem dunklen Nachthimmel. Die meisten Mahouts (Elefantenführer) schlafen schon längst, während ihre Tiere im nahen Wäldchen weiden und ausruhen.

Tikky kann vor Sorge nicht einschlafen. Unruhig dreht er sich auf seiner Matte von einer Seite auf die andere.

Sein Vater hat sie vor zwei Monaten aus dem Dorf hierher nach Bangkok geholt, wo er nur mühsam das Nötigste verdient. Die Männer aus Tikkys Familie waren schon seit mehreren Generationen Mahouts. Früher arbeiteten sie mit ihren Tieren in den Wäldern und halfen beim Transport der gefällten Bäume. Doch seitdem die Wälder von der Regierung unter Schutz gestellt wurden und keine Bäume mehr geschlagen werden dürfen, sind die meisten Mahouts und ihre Elefanten arbeitslos. Viele von ihnen kamen in die Großstädte, um dort etwas zu verkaufen oder zu betteln. Doch auch das ist inzwischen verboten, denn die grauen Riesen sind natürlich ein Sicherheitsrisiko in der Millionenstadt Bangkok mit ihren endlosen Kolonnen von Autos und dem dichten Verkehr. Trotzdem gibt es noch immer ungefähr 60 Elefanten in der Stadt. Es ist ein ständiges Versteckspiel vor der Polizei, ein unstetes Leben in behelfsmäßigen Lagern in den Wäldern vor Bangkok.

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In der Nacht

Tikky lauscht auf die nächtlichen Geräusche. Ganz in der Ferne ist Straßenlärm zu hören. Ein einsamer Vogel lässt seinen klagenden Ruf ertönen. Tikky schaut hinauf zum sternenklaren Himmel. Wie so oft fragt er sich, ob dort oben wohl ein persönlicher Gott über ihm wacht? Tikky wünscht es sich so sehr. Er denkt an seine Klassenkameradin Layeda, die ihm und seinen Freunden manchmal von dem Gott erzählt hat, den die Christen sogar „Vater“ nennen. „Bist du da, Gott?“, flüstert Tikky. Das Licht des Mondes wirkt kalt, bleich und still.

Tikky seufzt. Schließlich steht er leise auf und huscht hinüber zum Unterstand seiner Eltern. Sie sind ebenfalls noch wach und unterhalten sich leise. Tikky erstarrt, als er seine Mutter fragen hört: „Was soll aus Ganja werden? Sie ist ja nicht mehr so jung, dass sie sich so leicht an eine neue Umgebung gewöhnen könnte.“ „Wir müssen das Tier verkaufen“, erwidert sein Vater bestimmt. „Wenn ich die Arbeitsstelle im Zoo von Bangkok annehme, bedeutet das eine Wohnung und ein geregeltes Leben für uns in der Stadt. Dort können wir den Elefanten natürlich nicht behalten.“ „Kannst du Ganja nicht im Zoo unterbringen?“, erkundigt sich Tikkys Mutter betroffen. „Nein, Liebes, leider nicht.“

Tikky hat genug gehört und kehrt zu seinem Schlafplatz zurück. Sein Herz ist unglaublich schwer. Natürlich, er versteht seine Eltern und freut sich, dass sein Vater endlich eine Arbeit gefunden hat, noch dazu mit seinen geliebten Tieren. Aber Ganja weggeben? Die freundliche und fleißige Elefantendame ist immer da gewesen, so lange Tikky lebt und sich erinnern kann. Tränen steigen in seine Augen. Halb blind stolpert er hinüber in den Wald, wo die Elefanten stehen. Auf seinen leisen Ruf kommt Ganja sofort zu ihm. Sie mustert den weinenden Jungen aus ihren kurzsichtigen kleinen Augen und legt tröstend den Rüssel um ihn. Tikky schluchzt auf. Der Elefant hebt ihn mit dem Rüssel in die Höhe und wiegt ihn wie ein Baby.

Tikky fühlt sich sofort besser und muss unter Tränen lachen. „Lass mich runter! Gutes Mädchen!“

Ganja gehorcht sofort.

„Ich lasse nicht zu, dass sie dich wegschicken“, murmelt Tikky und presst sein Gesicht an Ganjas rauen Rüssel. „Wir hauen einfach ab! Jetzt auf der Stelle. Genau! Das machen wir!“

Tikky ist wie elektrisiert. Leise, aber voller Tatendrang, flitzt er zum Lager zurück. Er holt das Sattel-Gestell, das sie beim Arbeiten immer auf Ganjas Rücken befestigen, seine Tasche, etwas Proviant und eine Handvoll Bananen für den Elefanten.

Ganja kniet sich hin, sodass Tikky mit seinem Gepäck aufsteigen kann. Tikky hat bei seinem Vater längst die Ausbildung zum Mahout bekommen und kennt all die einfachen Kommandos, um Ganja zu lenken.

Tikky sitzt barfuß auf Ganjas breitem Nacken und leitet den Elefanten mit sanftem Druck auf dessen große Ohren und durch Zurufe.

Das große, schwere Tier entfernt sich überraschend leise. Niemand hat etwas von ihrer Flucht gehört oder gesehen.

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Tikky und Ganja

Tikky schaut nicht zurück. Er will nicht darüber nachdenken, was seine Eltern und seine Schwester morgen sagen werden, wenn sie seine Flucht entdecken. Schließlich ist Tikky schon fünfzehn Jahre alt und mit der Schule fertig. Vielleicht findet er irgendwo mit Ganja einen Job …

Nawin und Preecha

Tikky kennt sich gut in den Randgebieten und Vororten von Bangkok aus. Schließlich haben sie hier überall schon gearbeitet, Früchte verkauft oder gebettelt. Ganja stiefelt gemächlich die einsame Landstraße entlang. Im Osten dämmert bereits der Morgen.

Tikky ist unsicher, wie es jetzt weitergeht. Soll er die Stadt verlassen? Er faltet die Hände, so wie er es bei seiner Klassenkameradin gesehen hat, und murmelt: „Gott, wenn es dich gibt, dann zeig mir doch, wohin ich gehen kann.“

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Der Sonnenaufgang

In diesem Moment geht über dem Horizont strahlend die Sonne auf und übergießt die Landschaft mit ihrem Licht. Tikky schließt für einen Augenblick geblendet die Augen.

Plötzlich bleibt Ganja stehen. Ein- oder zweimal tritt sie mit den Vorderfüßen auf der Stelle und scheint zu lauschen. Dann hebt sie ihren Rüssel und trompetet. Obwohl es für Ganjas Verhältnisse leise war, fährt Tikky doch zusammen, denn der Klang trägt weit über das noch schlafende Land. Und dann entdeckt Tikky, was Ganja schon längst gehört hat: Dort, noch ganz in der Ferne, kommt ihnen ein zweiter Elefant mit seinem Mahout entgegen. Ganja scheint auch nicht aufgeregt zu sein, eher erfreut und aufgekratzt.

Tikky wartet gespannt, bis sie der zweite Elefant erreicht hat. Es ist ein Bulle, etwas größer als Ganja, aber anscheinend bedeutend jünger. Sein Mahout winkt Tikky freundlich zu. Es ist ein junger Mann Anfang zwanzig, der einen lustigen Strohhut trägt.

„Wohin so früh?“, fragt er munter. „Gehört die nette Elefantendame dir?“

Tikky zögert mit der Antwort. „Und du?“, erkundigt er sich stattdessen.

„Wir wollen umziehen, Preecha und ich. Ich heiße Nawin.“

„Ich bin Tikky. Und das ist Ganja.“

„Freut mich!“

„Was hast du damit gemeint, dass ihr umzieht?“

Nawin antwortet: „Na, das, was ich sagte. Für Elefanten ist es nicht gut in Bangkok. Es gibt keine Arbeit und wir haben immer die Polizei im Nacken.“

Tikky nickt verständnisvoll.

„Ich sehe, du kennst das Problem“, sagt Nawin. „Darum reisen Preecha und ich nach Süden. Dort soll es ein neues Elefanten-Camp geben. Das wollen wir uns mal anschauen.“

„Ein Elefanten-Camp?“ Tikky horcht auf.

„Ja. Die Elefanten können dort leben. Sie werden für Touristenritte und Exkursionen eingesetzt. Für die Mahouts gibt es Unterkunft, Essen und ein bisschen Geld.“

Tikky schaut nachdenklich vor sich hin. Vielleicht ist das die Antwort auf sein Gebet zu dem Gott, den er noch gar nicht kennt? Aber ob Gott es wohl gut findet, dass er von zu Hause abgehauen ist? „Ich hatte doch gar keine andere Wahl!“, denkt er hilflos.

„Kann ich vielleicht – mitkommen? Wie weit ist es denn bis zu dem Camp?“, fragt er.

„Ungefähr 100 Kilometer.“

Tikky schüttelt den Kopf. So weit kann Ganja nicht laufen. Sein Mut sinkt.

„Mein Freund, der einen LKW besitzt, nimmt Preecha und mich ein Stück auf der Ladefläche mit. Da könntet ihr beide mitfahren, Ganja und du. Nur – was sagen deine Eltern dazu? Ich nehme an, dass der Elefant ihnen gehört.“

Tikky senkt den Kopf. Soll er Nawin die Wahrheit sagen? „Mein Vater hat einen Job in Bangkok bekommen. Er will Ganja verkaufen, weil wir sie in der Stadt nicht gebrauchen können. Da bin ich mit Ganja abgehauen.“

Nawin sieht ihn überrascht an, dann prustet er los.

„Was ist denn daran so komisch?“, erkundigt sich Tikky beleidigt.

„Weil wir beide auf der Flucht sind! Mein Bruder hat einen kleinen Laden in Bangkok. Ihm war Preecha schon lange im Weg und er wollte ihn an ein Touristencamp verkaufen. Aber ich hatte sowieso keine Lust, in seinem miefigen, kleinen Laden mitzuarbeiten. Ich bin immer Mahout gewesen. Und ich will sehen, wo Preecha bleibt und wie es ihm geht. Darum bin ich mit ihm abgehauen.“

Tikky grinst. „Nimmst du uns mit?“

Nawin nickt. „Hast du Geld?“

„Nicht viel.“ Tikky kramt in seiner Tasche. „Nur ungefähr 200 Baht.“

„Wir müssen uns an den Benzinkosten beteiligen. Das klappt schon. Aber willst du deinen Eltern nicht lieber sagen, wo du bist?“

„Ich rufe sie an, wenn wir im Camp sind. Wirklich, ich verspreche es dir! Sie dürfen mir Ganja nicht wegnehmen! Wenn du mich nicht mitnimmst, versuche ich es auf eigene Faust“, versetzt Tikky aufgeregt.

„Schon gut, schon gut“, meint Nawin besänftigend. Er blickt in die Ferne, wo sich in einer Staubwolke ein Lastwagen auf der einsamen Straße nähert. „Wir sollten eine Stelle suchen, wo wir die Elefanten verladen können.“

Ganja und Preecha stehen friedlich Seite an Seite am Straßenrand. Die beiden Tiere haben sich bereits angefreundet.

Ein neues Zuhause?

„Zwei Elefanten?“ Nawins Freund schaut skeptisch drein. „Vertragen sie sich denn wenigstens? Nicht, dass sie mir den Wagen umwerfen.“

„Das klappt bestimmt gut“, entgegnet Nawin sorglos. „Die beiden mögen sich und dein Wagen ist nicht so einseitig belastet, wenn auf jeder Seite der Ladefläche ein Elefant steht.“

Nawins Freund muss ein bisschen grinsen. „Na gut, versuchen wir es.“

„Danke! Du hast was gut bei mir!“

Preecha lässt sich seelenruhig über eine schräge Böschung auf den Wagen hinaufführen. Doch Ganja stemmt ihre Beine fest in den Boden. Da wendet Preecha seinen dicken Kopf und trompetet laut und klagend. Ganja zögert noch einmal kurz, dann marschiert sie auf den Lastwagen hinauf. Nawin befestigt die Tiere sorgfältig.

„Du bist nicht zum ersten Mal mit Preecha unterwegs?“, fragt Tikky.

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Preecha und Ganja

„Nein, er kennt das schon!“

Im langsamen Tempo geht die Fahrt über wenig belebte Landstraßen und durch kleinere Orte.

„Hoffentlich werden wir nicht von der Polizei angehalten“, sagt Nawins Freund besorgt.

Doch es geht alles gut und am späten Nachmittag können die Elefanten am Zielort ausgeladen werden.

Nawin gibt seinem Freund 1000 Bath. „Sobald ich hier etwas verdient habe, bekommst du mehr“, verspricht er ein wenig verlegen.

„Ist schon in Ordnung“, sagt sein Freund. Er wendet den Wagen und fährt davon.

Das Camp-Gelände, das Nawin und Tikky mit ihren Elefanten jetzt betreten, macht einen gepflegten Eindruck. Die ältere Frau im Büro der Anmeldung reagiert genau wie Nawins Freund: „Sie kommen zu zweit? Wir hatten nur mit einem neuen Bewohner gerechnet.“

„Bitte geben Sie Ganja eine Chance“, bittet Tikky. „Sie ist eine sehr ruhige und erfahrene ältere Dame, die schon oft mit Touristen in Bangkok gearbeitet hat.“

„Der Elefant ist nicht das Problem“, erklärt die Dame. „Im Wald ist viel Platz und es gibt Futter genug auf den Feldern. Aber wir haben nur eine Hütte frei. Wenn es Ihnen beiden nichts ausmacht, zusammen zu wohnen?“

„Das geht klar“, sagt Nawin schnell.

Beim Rausgehen sieht Tikky ein Buch auf dem Tisch liegen. „Die Bibel“, liest er auf dem Titel. Das ist doch das Buch, das seine Klassenkameradin in jeder freien Minute studiert hat und in dem alles über den Gott der Christen steht!

Die Dame ist seinem Blick gefolgt. „Kennst du die Bibel?“, fragt sie freundlich.

Tikky schüttelt den Kopf. „Aber ich würde sie gern lesen“, sagt er schüchtern.

Die Frau holt ein schmales, kleines Buch aus ihrer Schreibtischschublade. „Neues Testament“, steht darauf. „Das ist der zweite Teil der Bibel“, erklärt sie ihm. „Darin erfährst du alles über den Sohn Gottes, der zu den Menschen kam, um sie zu erretten. Damit sie Gemeinschaft haben können mit seinem Vater im Himmel.“

Tikky hört mit großen Augen zu.

„Wir alle sind weit weg von Gott. Wir haben von klein auf viel Falsches getan, das uns von Gott trennt. Wir lügen, wir streiten, wir sind ungerecht. All diese Schuld hat Jesus Christus, Gottes Sohn, auf sich genommen. Er hat sich dafür bestrafen lassen, so dass du jetzt zu Gott kommen kannst.“

„Aber wie geht das denn?“, fragt Tikky atemlos.

„Du musst gar nichts dazu tun, weil Jesus alles getan hat. Du musst deine Schuld nur einsehen und sie Gott gegenüber zugeben. Dann vergibt er sie dir gern und nimmt dich als sein Kind an. Du darfst dann für immer mit ihm leben!“ Die freundliche Frau deutet auf das Buch in ihrer Hand. „Das schenke ich dir. Es steht alles darin, was du wissen musst, um Gottes Kind zu werden.“

„Danke“, sagt Tikky strahlend. Er spürt, hier hat er viel mehr gefunden als nur eine neue Heimat für sich und Ganja. Er möchte alles über den Gott der Christen erfahren!

Ein gutes Ende

Ein junger Mahout zeigt Tikky und Nawin, wo sie ihre Elefanten für die Nacht unterbringen können. Beide bekommen einen Job im Camp. Tikky muss allerdings eine Erlaubnis seiner Eltern einholen, weil er noch längst nicht volljährig ist.

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Noch am gleichen Abend ruft Tikky bei seinen Eltern an.

„Wie gut, dass du dich meldest“, sprudelt seine Mutter hervor. „Wir hatten solche Angst um dich!“

„Tut mir leid“, erwidert Tikky betreten. Dann spricht er mit seinem Vater. Ruhig hört sich dieser an, was Tikky zu berichten hat. Die Eltern beraten kurz. „Junge, du bist 15 Jahre alt, mit der Schule fertig und brauchst einen Job. Wenn du weiter mit Ganja arbeiten willst und kannst, sind wir einverstanden.“

„Danke, Vater!“, sagt Tikky glücklich. „Ich werde euch bald besuchen, denn ich habe euch so viel zu erzählen!“

„In Ordnung, mein Junge!“

Das Gespräch ist beendet. Tikky faltet die Hände. „Danke, Gott, du hast so gut für mich gesorgt! Ich möchte dich richtig kennenlernen und dann auch meiner Familie von dir erzählen!“