Der Westcoast – Trail 3 (Indianerland)

7. Oktober 2016

Die Passagiere des Schoners Morning Star sind vor der Küste von Vancouver Island gestrandet (Folge 1). Nun befinden sie sich unter der Führung Terry Bilkers, eines Passagiers (Folge 2), auf dem anstrengenden Weg durch den Dschungel. 

Es ist fast Abend, als sie den Nitinat Lake erreichen und ihr Abendlager aufschlagen.

„Der See und das angrenzende Gebiet gehören zu einem Indianerreservat“, erzählt Bilker.

„Indianer!“, ruft der junge Ben Hamilton begeistert. „Werden wir sie treffen?“

Mrs. Walden sieht sich erschrocken um. „Sind sie sehr kriegerisch?“ „Nein. Meist sogar recht gastfreundlich. Es handelt sich um Angehörige der Nootka oder eigentlich NuuChanulth, eine Oberbezeichnung für mehrere Stämme, die auf Vancouver Island und im südlichen British Columbia leben.“

„Ich wollte schon immer mal sehen, wie Indianermädchen aussehen“, sagt Claire aufgeregt.

Mr. und Mrs. Hamilton sehen sich an und lächeln. Sie sind dankbar, dass ihre Kinder den Schock der schlimmen Sturmnacht gut weggesteckt haben.

Bilker und die anderen Männer bauen eine Notunterkunft am Ufer des Sees auf, der wunderschön in der Abendsonne liegt.

„Dort drüben liegen verfallene Gebäude“, sagt Montey überrascht.

„Ja. Es gab früher eine Fischkonservenfabrik am See. Doch sie wurde schon vor einigen Jahren aufgegeben, weil der Zugang zum Meer extrem gefährlich ist und einige Schiffe samt Ladung verloren gingen. Die Indianer hier lebten übrigens früher vom Walfang und der Wal spielte in ihrer Kultur eine bedeutende Rolle – fast so ähnlich wie die Büffel für die amerikanischen Plainsindianer – bis die Wale vor der Küste von den Weißen fast ausgerottet wurden. Fällt Ihnen dazu auch was Frommes ein, Pastor?“ Der letzte Satz kommt aggressiv über Bilkers Lippen.

Montey senkt den Kopf. „Vor Gott sind alle Menschen gleich und seine Güte ist für alle da. Wir Menschen sind es, die oft schlecht miteinander umgehen. Wir denken an unseren Vorteil und zerstören die Lebensgrundlage anderer.“

Claire hört aufmerksam zu. „Ich möchte gern so leben, wie es Gott gefällt“, sagt sie zu Mr. Montey, der neben ihr sitzt. „Was muss ich denn dazu tun? Ich strenge mich an, um gut zu sein, aber das klappt nicht.“

Der ältere Mann schaut sie freundlich an. „Eigentlich musst du gar nichts tun, weil Jesus Christus, der Sohn Gottes, schon alles für dich getan hat“, erklärt er. „Er ist auch für dich gestorben, als Stellvertreter für deine Schuld, so dass Gott dir jetzt vergeben kann. Alles, was du beitragen musst: deine Schuld einsehen, vor Gott bekennen und an Jesus Christus glauben. Er schenkt dir dann sozusagen ein neues Herz, mit dem du in Verbindung mit Gott bleiben kannst. Und wenn diese Verbindung steht, dann wird Gott dir zeigen, was ihm gefällt und dir helfen, es zu tun.“

Am Lagerfeuer ist es still geworden und alle haben aufmerksam zugehört, was Montey Claire erklärt. Auch Terry Bilker …

Am nächsten Morgen führt Bilker seine Gruppe zu einem klapprigen Holzsteg am See. Die Schiffbrüchigen folgen ihm erstaunt. Am Steg liegt ein gewaltiges Kanu, ein Indianer in europäischer Kleidung sitzt am Ufer. „Der sieht aber gar nicht wie ein richtiger Indianer aus“, bemerkt Claire enttäuscht und Ben muss ihr insgeheim zustimmen.

„Die Nootka sind ausgezeichnete Kanubauer und Kanuten“, erklärt Bilker. „Jeden Morgen gibt es eine Fährverbindung über den See.“

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Überqueren des Sees

Bilker verhandelt mit dem indianischen Fährmann, der gut Englisch versteht. Dann klettern die Schiffbrüchigen ins Kanu und überqueren den See, der an diesem Morgen still wie ein Spiegel aussieht. Am anderen Ufer führt der Rettungsweg über Holzstege weiter durch dichten Wald. Eingekerbte, umgestürzte Bäume dienen als wacklige Brücken über Schlammlöcher und kleine Bäche. Montey bleibt einen Augenblick stehen und wischt sich den Schweiß vom Gesicht.

„Ja, wir sind im Regenwald, Pastor“, sagt Bilker trocken.

Die feuchtwarme Luft macht das Atmen schwer. Endlich, nach weiteren Kilometern öffnet sich der Wald wieder zu einer Bucht.

„Clooose – das bedeutet ‚sichere Landung‘. Dieser Name ist allerdings Hohn. Gerade in Clooose sind schon zahlreiche Schiffe gestrandet.“

„Stranden wir nicht immer da, wo wir uns am sichersten fühlen?“, fragt Mr. Hamilton nachdenklich.

„Meinen Sie das auf unser Leben bezogen?“, fragt Montey freundlich. „Ja“, sagt Hamilton. „Wenn wir meinen, wir hätten etwas aus eigener Kraft geschafft und hätten Sicherheit, dann erweist es sich oft als Selbstbetrug.“

„Es gibt nur einen sicheren Hafen für unser Leben und das ist bei Gott“, sagt Mrs. Walden überzeugt. „Das ist mir auf unserem ,Schiffbrüchigenweg’ so ganz neu klar geworden.“

„Noch jemand, der hier Predigten halten will?!“, fragt Bilker grimmig. Doch sein Blick ist unsicher.

„Ich sehe Rauch aufsteigen“, bemerkt Mrs. Hamilton ablenkend.

„Ja, in der Bucht liegt ein Indianerdorf.“

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Claire mit den Indianermädchen

Bilker führt die Schiffbrüchigen in die Bucht hinab. Die Indianer sind sehr freundlich. Als sie die erschöpften Wanderer sehen, werden alle zum Ausruhen und Lachsessen ins Dorf eingeladen. Diese Stärkung tut so richtig gut! Und Claire Hamiltons Wunsch geht in Erfüllung. Die Indianermädchen nehmen Claire in ihr Spiel auf. Die Verständigung gelingt ganz gut mit Händen und Füßen. Claire ist begeistert. Wie viel wird sie ihren Klassenkameradinnen zu erzählen haben!

Beim Abschied verschenkt der Kapitän ein paar Sachen aus der Schiffsladung, die er mitgenommen hat. Die Indianer freuen sich.

Weiter verläuft der Rettungsweg über waldlose Klippen, die einen weiten Ausblick über das Meer bis zum Leuchtturm von Carmanah bieten.

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Die Klippen

Der Leuchtturmwärter ist sichtlich erfreut über die vielen Besucher auf seinem einsamen Posten. Geduldig erklärt er Ben die einfache, aber sehr wirkungsvolle Technik des einsamen Leuchtpostens. Bis spät in den Abend wird erzählt.

Am nächsten Tag geht es weiter Richtung Süden. Die Klippen werden nun von zahlreichen Kliffs, kleinen Flüsschen und winzigen, aber tiefen Schluchten durchzogen.

„Gut, dass es hier genug Wasser gibt“, seufzt Mrs. Walden und nimmt zum x-ten Mal die Wasserflasche zur Hand.

„Es ist nicht mehr weit bis nach Port Renfrew“, sagt Bilker. „Wenn alles gut geht, erreichen wir es morgen. Aber die letzten Kilometer haben es in sich.“

Bilker behält Recht. Die letzte Strecke ist nur über Holzleitern begehbar, die an den unwegsamen Waldhängen angebracht sind.

„Passen Sie gut auf“, warnt Bilker.

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Am Knotenseil

Manchmal bietet ein Knotenseil über die Klippen das einzige Fortkommen. Als das Wegstück hinter ihnen liegt, bleibt Montey einen Moment stehen. Sein Gesicht ist blass, seine Lippen zittern. „Danke Gott, dass du uns auch auf diesem Wegstück bewahrt hast, dass niemand verunglückt ist.“

„Amen“, stimmen alle Schiffbrüchigen ein.

Am Abend des nächsten Tages erreicht die Gruppe erschöpft Port Renfrew. Das letzte Stück legen sie auf der Fähre zum Pier zurück. Joseph Montey sieht zurück.

„Der ,Lebensrettungsweg’“, sagt Terry Bilker bewegt. „Irgendwie ist er mir diesmal zum Symbol geworden.“

„Hoffentlich nicht nur zum Symbol?“

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Bilker

„Nein“, sagt Bilker ernst. „Ich habe in diesen Tagen neu gelernt, wie kostbar das Leben ist. Dort draußen im Wald ist mir letzte Nacht klar geworden, dass ich meine Sache mit Gott in Ordnung bringen will.“

Die anderen Schiffbrüchigen haben schweigend zugehört.

Montey, der nach den schweren Tagen blass und abgekämpft aussieht, richtet noch einmal das Wort an alle: „Freunde, wir sind mit dem Leben davongekommen. Gott schenkt uns unsere Zukunft neu. Und er möchte, dass wir in Sicherheit bei ihm sind. Darum hoffe und bete ich, dass jeder von uns zu Gott kommt und Vergebung und ewiges Leben von Gott geschenkt bekommt.“

ENDE