Vergiftete Tage – Lenhard 9 –

14. September 2016

Schon seit Wochen hielt ein strenger Winter das Land unter seiner dicken, schützenden Schneedecke gefangen. Doch die Tage wurden langsam wieder länger und an diesem Morgen schien sogar eine blasse, kleine Wintersonne. Sie sandte einen mageren Strahl durch das schmale Fenster der Kemenate.

Aarland, der Burgherr, sah von seinem Frühstück auf. „Gestern brachte übrigens ein berittener Bote die Einladung zum ersten Turnier in diesem Jahr“, bemerkte er. „Es findet in 10 Wochen in Stade statt. Ich möchte, dass du mich als mein Knappe begleitest, Lenhard!“

Der Junge sah überrascht auf. Dann breitete sich ein Strahlen über sein Gesicht. „Ich werde jeden Tag üben“, versprach er eifrig. „Sie sollen mit mir zufrieden sein!“

„Davon bin ich überzeugt“, erwiderte Aarland.

Frau Friedlinde nickte ihm freundlich zu.

Nur Heinfried sah nicht von seinem Teller auf und seine Brauen zogen sich finster zusammen.

Johann, der auf Geheiß von Frau Friedlinde noch immer die Mahlzeiten im Kreis der Familie in der warmen Kemenate der Burg einnahm, warf ihm einen nachdenklichen Blick zu.

Lenhard hatte Johann vor Wochen entkräftet und halb erfroren im Wald gefunden, nachdem er vor seinem Dienstherrn Garland geflohen war. Seitdem lebte Johann in der Burg. Aarland und Friedlinde bezogen ihn in das Familienleben mit ein. Dankbar hörte Johann zu, wenn Aarland aus der Bibel vorlas. Er entwickelte einen solchen Hunger nach Gottes Wort, dass er gebeten hatte, am Unterricht der Kinder teilnehmen zu dürfen, um selbst lesen zu lernen. Aarland erfüllte ihm die Bitte und so saß Johann jetzt zu Erlas und Heinfrieds heimlichem Vergnügen in jeder Unterrichtsstunde und büffelte eifrig.

An diesem Morgen waren biblische Geschichten an der Reihe. „Wir fahren heute fort mit den Berichten über Saul, den ersten König Israels, und den jungen David“, kündigte der Lehrer geschäftig an. „Lest bitte zunächst den Bibeltext. Ich komme nachher wieder zu euch.“ Er legte die schwere Bibelhandschrift vor Heinfried auf den Tisch und verließ den Raum.

dbf_1512_lenhard-neid_fmt1Heinfried begann zu lesen. Lenhard, Johann und Erla hörten aufmerksam zu. Sie erfuhren, dass es König Saul damals nicht gut ging. Seine Verbindung zu Gott war nicht mehr da und Saul litt darum öfter unter traurigen Gedanken, sicher hatte er auch manchmal richtig Angst. Seine Knechte empfahlen ihm deshalb einen jungen Musiker, der für ihn spielen sollte. So kam David an den Hof des Königs. Doch David war nicht nur musikalisch und von freundlichem Wesen, sondern auch sehr, sehr mutig und tapfer. Er besiegte ganz allein Goliath, den furchterregenden Einzelkämpfer der feindlichen Philister, weil er sich darauf verließ, dass Gott ihm helfen und das Volk Israel retten würde. Saul schickte David danach häufiger in den Kampf und immer war der junge Mann erfolgreich und siegte. Schließlich machte ihn König Saul sogar zu seinem Feldherrn. David war äußerst beliebt bei seinen Leuten und auch im ganzen Volk. Als er eines Tages wieder einmal von einem erfolgreichen Feldzug zurückkam, wurde er mit einem Triumph-Lied empfangen: „Saul hat seine Tausende erschlagen und David seine Zehntausende.“ Da wurde Saul eifersüchtig auf David. „Das Volk mag ihn lieber als mich … mein Sohn Jonathan ist eng mit ihm befreundet … am Ende wird er sogar König werden!“, ging es Saul durch den Sinn.

Heinfried sah von der Bibelhandschrift auf. „Ich kann Saul wirklich verstehen und seine Gefühle nachempfinden!“, sagte er grimmig.

„Inwiefern?“, fragte Lenhard überrascht.

Heinfried sprang auf, sodass der Stuhl hinter ihm krachend zu Boden fiel. „Das fragst ausgerechnet du?“dbf_1512_lenhard-neid_fmt3

Lenhard blickte ihn verwirrt an.

Das machte Heinfried noch zorniger. „Verstehst du denn nicht? David hat Saul alles weggenommen! Die Ehre, die Anerkennung, die Liebe seiner Familie!“

„Aber …“, stotterte Lenhard.

Doch Heinfried ließ sich nicht bremsen. „Weißt du, wie sehr mich das an dich erinnert? Du kommst hierher, wirst von meinem Vater wie ein Sohn aufgenommen, du wirst ausgebildet, mein Vater hat ein Vermögen bezahlt, um dich aus Garlands Hand loszukaufen, er hat dir ein Pferd geschenkt und jetzt nimmt er dich sogar mit zum Turnier! Alles nimmst du mir weg. Mein Vater interessiert sich gar nicht mehr für mich. Ich hasse dich! Ich wünschte, du wärest niemals hierher gekommen!“

„Heinfried!“ Jetzt war auch Erla aufgesprungen. „Was redest du denn? Komm doch zu dir!“

„Siehst du!“, schrie Heinfried erbittert. „Auch meine Schwester ist auf deiner Seite.“

Lenhard war totenblass geworden. Langsam, mit mechanischen Bewegungen, stand er auf, schob seinen Stuhl zurück, wandte sich zur Tür und verließ den Raum.

Neid

Einen Augenblick herrschte verstörtes Schweigen.

„Ich muss nach ihm sehen“, murmelte Erla.

Als sie gegangen war, stand Johann auf und trat zu Heinfried. „Ich habe gestern Abend schon ein Stück weitergelesen“, sagte er sanft. „Weißt du, wie Sauls Geschichte ausging?“

Heinfried schüttelte den Kopf.

Johann hob Heinfrieds Stuhl auf, schob ihn dem Jungen hin. Dann legte er seine große Hand auf die Bibel. „Am besten liest du die nächsten Kapitel über Saul und David selbst.“

„Ich weiß nicht, ob ich mich darauf konzentrieren kann. Sag du mir, wie es weitergeht“, entgegnete Heinfried noch immer ziemlich aufgebracht.

Johann nickte und überlegte einen Moment. „Ich habe nicht alles behalten. Jedenfalls wurde Sauls Neid und sein Hass auf David immer schlimmer.“ Johann machte eine kurze Pause. „Erinnerst du dich noch, was du uns eben vorgelesen hast? Saul war zuerst sehr froh, dass David bei ihm war, für ihn Musik machte und später seine Soldaten anführte. Saul hat David sehr gemocht! Doch seine Eifersucht und sein Neid vergifteten sein Herz und dann sein Leben. Saul hat mehrere Male versucht, David umzubringen. Und Sauls eigene Kinder mussten David vor ihrem Vater schützen. Verstehst du das, Junge – Sauls Neid machte die ganze Familie kaputt.“

„Nicht David?“, fragte Heinfried leise.

„Überleg doch mal, was du heute gelesen hast: David hat Saul gedient, er hat Sauls Aufträge ausgeführt, er hat gegen den gefährlichen Krieger der Philister gekämpft. Viele Male hat er für seinen König sein Leben riskiert. Was hat David falsch gemacht? Was hat Lenhard falsch gemacht?“

Heinfried schwieg. Seine Wangen färbten sich dunkelrot.

„Du hast mich gefragt, wie Sauls Geschichte ausging“, fuhr Johann fort. „Der König verplemperte eine Menge Zeit damit, David zu jagen, anstatt sich um seine Regierungsgeschäfte zu kümmern. Zum Schaden von ganz Israel. Er fiel schließlich im Kampf gegen die Philister.“

Johann legte erneut die Hand auf das Buch. „Ich versteh noch nicht viel davon, aber ich glaube, dass Gott uns diese Geschichten gegeben hat, damit wir daraus lernen und uns warnen lassen. Mach es nicht wie Saul! Lass dein Herz nicht vergiften. Du magst doch deinen Freund Lenhard! Lass nicht zu, dass Hass daraus wird. Noch ist es nicht zu spät. Wenn Gott so mächtig ist, wie deine Eltern glauben, dann kann er dir helfen, den Neid zu überwinden.“

In diesem Moment hörte man eilige Schritte auf dem Gang. Die Tür wurde aufgerissen und Erla stürzte herein.

„Lenhard! Er ist weg!“

Die Suche

Johann blickte alarmiert auf. „Was heißt das, ‚weg’?“, fragte er verstört.

„Ich habe überall nach ihm gesucht, in der Kemenate, in den Ställen, in der Schmiede, in seinem Zimmer! – Ich muss Vater Bescheid sagen.“

„Warte!“ Heinfried war aus der Erstarrung erwacht, in die ihn Erlas Nachricht versetzt hatte. „Können wir nicht selbst nach ihm suchen? Vater wird wissen wollen, ob wir uns gestritten haben und …“ Er vollendete den Satz nicht.

Erla zögerte.

„Ist sein Pferd noch da?“, fragte Johann.

„Ja.“

„Und seine Sachen?“

„Seine Tasche und sein Umhang fehlen.“

„Komm mit, Heinfried“, wandte er sich an den Jungen. „Wir suchen draußen.“

Johann und Heinfried verließen die Burg durch die schmale Seitenpforte, welche die Kinder meist benutzten. Es hatte wieder kräftig zu schneien begonnen.

„Dort sind frische Fußabdrücke im Schnee“, sagte Heinfried. „Sie sind nicht sehr groß. Die stammen bestimmt von Lenhard.“

„Schnell, wir sollten uns beeilen!“, mahnte Johann. „Wenn es so weiter schneit … Wir müssen den Spuren folgen, solange sie einigermaßen zu sehen sind.“

Heinfried beschleunigte seine Schritte. Die Fußstapfen führten tiefer und tiefer in den Wald hinab. Johann sah besorgt zum Himmel. Der Schneefall verdichtete sich zum heftigen Schneetreiben. Lenhards Spur verlor sich im tiefen Weiß des Weges.

Heinfried blieb mit hängenden Schultern stehen. „Es hat keinen Sinn“, murmelte er. „Wir müssen Hilfe holen.“

Johann lächelte ihm aufmunternd zu. Er brachte eine Markierung an einem der Bäume an und sie machten sich eilig auf den Rückweg.

Es würde schwer werden, im dichten Schneetreiben den Weg zurück zur Burg zu finden, denn selbst Johanns tiefe Spuren begannen bereits zuzuwehen.

Erschöpft erreichten sie endlich die Burg. Doch Heinfried nahm sich nicht einmal Zeit, seinen schneebedeckten Umhang abzulegen. Er eilte in die Kemenate, wo er seinen Vater vorfand. Mit verstörten Augen und fliegendem Atem erzählte er, was vorgefallen war.

Als Heinfried geendet hatte, sah ihn sein Vater voll Kummer an. Heinfried konnte diesen Blick nicht deuten.

„Ich werde alle verfügbaren Männer zusammentrommeln und mit ihnen nach Lenhard suchen“, sagte Aarland. „Ihr beide, du und Johann, müsst euch ausruhen!“

„Auf keinen Fall“, begehrte Heinfried auf. „Ich muss nach ihm suchen. Ich muss einfach!“

„Na schön.“dbf_1512_lenhard-neid_fmt7

Auch Johann schloss sich dem Suchtrupp an. Stundenlang durchstreiften sie das Waldstück, wo sie Lenhards Spur verloren hatten. Es hatte zu schneien aufgehört, doch die Dämmerung brach früh herein an diesem Tag. Schließlich, als es ganz dunkel geworden war, brachen schließlich auch Aarland, Heinfried und Johann als letzte Gruppe ihre Suche ab. Bedrückt und besorgt schlugen sie den Heimweg ein.

Plötzlich blieb Heinfried stehen und schlug sich gegen die Stirn. „Dass ich daran nicht eher gedacht habe! Vielleicht ist Lenhard in der Hütte im Wald, wo du eine Zeit gelebt hast, Johann, ehe wir dich fanden!“

„Lasst uns nachsehen!“, rief Johann mit neu erwachter Hoffnung. Schon nach wenigen Minuten hatten sie die Hütte erreicht, die noch baufälliger aussah, als sie Heinfried in Erinnerung hatte. Er riss die Tür auf und stürmte hinein. Im Licht seiner Laterne erblickte er eine zusammengeduckte Gestalt, die auf dem Boden kauerte.dbf_1512_lenhard-neid_fmt4

„Lenhard!“, rief Heinfried. „Ich bin so froh, dass wir dich gefunden haben.

Lenhard blickte auf. Überraschung malte sich auf seinem Gesicht. „Du? Du hast nach mir gesucht?“

„Komm mit nach Hause!“, bat Heinfried.

Lenhard schüttelte den Kopf und biss sich auf die Lippe. „Das kann ich nicht. Du hast ja recht mit allem, was du gesagt hast. Ich habe überhaupt kein Recht auf all das, was ihr mir geschenkt habt.“ Er sah auf und suchte Heinfrieds Blick. „Nie hatte ich die Absicht, dir etwas wegzunehmen! Aber ich verstehe, dass du es so siehst. Es tut mir leid. – Ich komme schon allein zurecht. Und danke für alles!“ Tränen traten in seine Augen.

„Lenhard!“, rief Heinfried verzweifelt.

Nun schob sich Aarland zur niedrigen Tür herein. Doch er wandte sich nicht an Lenhard, sondern an Heinfried. „Es ist auch meine Schuld, mein Sohn!“, sagte er betroffen. „Ich hätte dir viel öfter sagen sollen, wie sehr ich dich liebe und wie stolz ich auf dich bin. Du bist mein Sohn, alles, was mein ist, ist auch dein. Es war mir so selbstverständlich, dass ich es nie erwähnte: Natürlich wirst du eine ausgezeichnete Ausbildung als Ritter bekommen, natürlich wirst du auch zu Turnieren fahren, wenn du alt genug bist. Lenhard ist älter als du, nur darum ist er schon weiter.“ Aarland machte eine kleine Pause. „Ich dachte immer, dass Lenhard dein bester Freund ist?“, fragte er behutsam.

Heinfried nickte.

„Willst du mir glauben, dass in meinem Herzen Platz genug für euch beide ist?“

Heinfried nickte erneut.

Aarland wandte sich an Lenhard. „Dann komm nach Hause, Junge.“

Lenhard sah ihn an. Ein Schimmer von Hoffnung glomm in seinen Augen auf. Doch er zögerte.

„Nun komm schon“, drängte Heinfried. „Was meinst du, was Mutter und Erla mit mir machen, wenn wir ohne dich kommen.“

Ein schwaches Grinsen huschte über Lenhards Gesicht.

Johann erwartete sie vor der Hütte und sah fragend von einem zum anderen.

„Es ist alles klar!“, sagte Heinfried.

Und dann wanderten sie durch die inzwischen sternenklare Nacht zusammen nach Hause.

Hier geht es zur nächsten Folge