Der Westcoast – Trail 2 (Im Urwald)

1. Februar 2016

Die Morning Star ist in einem schlimmen Sturm vor der Küste von Vancouver Island gestrandet. (Vorherige Folge lesen) Kapitän und Besatzung haben den Schoner aufgegeben und Notunterkünfte in einer Bucht errichtet. Besonders hat sich dabei einer der Passagiere hervorgetan: Terry Bilker. Doch nun müssen sie sich irgendwie zum nächsten bewohnten Ort durchschlagen.

„Es gibt einen Pfad“, erklärt Bilker. „Er wurde vor Jahren als Lebensrettungs-weg für Schiffbrüchige angelegt, nachdem vorher viele im Urwald umgekommen waren. Der Pfad, der sogenannte Westcoast-Trail, verbindet Bamfield mit Port Renfrew. Er folgt im Wesentlichen einer alten Telegrafenroute.

„Woher wissen Sie so genau Bescheid?“, fragt Mr. Montey, den die Passagiere scherzhaft den „Pastor“ nennen, überrascht.

„Vor vielen Jahren bin ich schon einmal an dieser Küste gestrandet.“ Leise und undeutlich kommt es über Bilkers Lippen. „Der Westcoast-Trail rettete damals mein Leben.“

„So sind Sie schon zum zweiten Mal wie durch ein Wunder dem Pazifik entkommen?“

„Ja.“

Montey sieht ihn einen Augenblick schweigend an. Dann fragt er ohne Umschweife: „Kennen Sie Jesus Christus, den Sohn Gottes, als Ihren Retter und Herrn?“

Bilker schüttelt den Kopf.

„Gott redet mit uns. Und seine Sprache ist manchmal sehr deutlich, so dass wir nicht mehr ausweichen können. Sie haben nicht nur eine zweite, sondern jetzt auch eine dritte Chance zum Leben bekommen, Mr. Bilker. Nutzen Sie sie gut! Bringen Sie Ihr Leben mit Gott in Ordnung, ich bitte Sie!“

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Montey und Bilker

Die zehnjährige Claire Hamilton hört erstaunt zu. Jesus als Retter und Herrn kennen? Was bedeutet das?

Bilker wendet sich brüsk ab. „Wir sind hier nicht in der Kirche, Pastor. Predigen Sie bitte woanders.“

„Bitte, streiten Sie nicht“, fällt ihnen Mrs. Walden ins Wort. „Wir müssen doch jetzt zusammenhalten!“

Bilker nickt ihr kurz zu. „Ich meine, wir sollten alle zusammen gehen und niemand hier in der Bucht zurücklassen“, schlägt er nach kurzem Überlegen vor. „Wenn ein neuer Sturm kommt, ist es hier nicht sicher genug.“

Der Kapitän stimmt ihm zu. So wird nach einem guten Frühstück das Notquartier zurückgelassen, der Proviant für alle verteilt. Unter Terry Bilkers Führung verlassen die Schiffbrüchigen der Morning Star am 27.4.1927 die Bucht, in der sie gestrandet sind. 1602_Westcoast_Trail__fmt1

„Beten Sie für uns, Pastor“, bittet ihn der Kapitän.

„Das tue ich unablässig“, ist Monteys Antwort.

„Meinen Sie, das hilft?“, fragt Claire gespannt.

Montey lächelt sie an. „Ja“, sagt er nur.

Langsam, mit dem nötigsten Gepäck beladen, setzen sich die Schiffbrüchigen der Morning Star in Bewegung. Bilker geht voran, während der Steuermann den Abschluss bildet. Steil, mit Seilen gesichert, führt der Weg auf die Klippen über der Bucht hinauf. Von oben bietet sich den Wanderern ein atemberaubender Blick auf die Bucht und aufs Meer hinaus – und auf das Wrack des Schoners. Der Kapitän beißt die Lippen zusammen. Nicht zurückschauen.

„Der Westcoast-Trail, der Lebensrettungsweg, ist 77 Kilometer lang“, erklärt Terry Bilker. „Wir befinden uns ungefähr auf halbem Weg zwischen den beiden Enden Bamfield im Norden und Port Renfrew im Süden. Ich schlage vor, dass wir nach Süden gehen. Von dort ist es allemal leichter, Hilfe zu bekommen.“

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Der Westcoast-Trail

„Können wir nicht unten am Strand wandern? Das ist viel bequemer als durch den Urwald und über die Felsen“, fragt Mrs. Walden.

„Grundsätzlich ja. Aber wir haben keine Gezeitentabelle“, erklärt Bilker geduldig. „Der Tidenhub, also der Wechsel zwischen Ebbe und Flut, hat an dieser Küste eine Höhe von bis zu 7 Metern. Die Gefahr ist zu groß, von der Flut überrascht zu werden.“

„Schade!“, meint Claire enttäuscht. „Ich finde es viel schöner am Strand.“ Mr. Montey lächelt. „Das ist wie im Leben, der bequemste Weg ist selten der sicherste und selten der beste“, bemerkt er.

Bilker schaut ihn nachdenklich an. „Was meine Entscheidungen und mein Leben angeht, suche ich mir immer den bequemsten Weg aus. Vielleicht haben Sie recht. Bisher erwies sich das nicht immer als das Klügste.“

„Der Weg mit Gott führt sicher ans Ziel“, sagt Montey leise. „Egal, wie unbequem er erscheinen mag.“

Steil, unwegsam, nur an den wichtigsten Stellen gesichert, aber mit klaren Wegweisern versehen, führt der Rettungsweg auf den Klippen entlang. Ben Hamilton, Claires Bruder, hält sich an Terry Bilker und löchert ihn mit Fragen über den Weg und die Gegend. Bilker gibt ihm geduldig Auskunft. Trotzdem behält er die Gruppe sorgfältig im Auge und achtet darauf, dass niemand zurückbleibt.

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Die Tsusiat-Wasserfälle

Gegen Mittag erreichen die Wanderer den oberen Rand der Tsusiat-Wasserfälle. Über 15 Meter fällt hier der Tsusiat-Bach über die Klippen in die Bucht hinunter. Claire und Ben tasten sich vorsichtig an die Abbruchkante heran. Die anderen bleiben ein wenig weiter zurück. Der Ausblick ist atemberaubend. Der Wasserfall schimmert im Sonnenlicht in allen Farben des Regenbogens.

„Dieser Weg kommt mir fast unwirklich vor“, sagt Mrs. Walden. „Fast wie ein Bild, eine Illustration dessen, was der Pastor uns immer vom Weg der Christen erzählt“, ergänzt Mrs. Hamilton. „Ein mühsamer Weg voller Gefahren, aber dem Himmel ganz nah.“

„Aber dem Himmel nah sind wir nur, wenn wir ganz persönlich an Jesus glauben!“, sagt der „Pastor“. Die Frauen widersprechen nicht.

„Ich glaube an Jesus“, erklärt Mrs. Walden nach einem Moment des Schweigens. „Aber Jesus wirklich nachzufolgen, nach seinem Willen in allen Dingen zu fragen, damit habe ich noch nicht ernst gemacht.“

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Dichter Urwald

Nur zu schnell ist die Pause am Ausguck über dem großartigen Wasserfall zu Ende. Bilker drängt zum Aufbruch.

Der Westcoast-Trail führt nun einige Kilometer weit durch dichten Urwald. Turmhoch erheben sich uralte Bäume zu beiden Seiten des Weges und ein dichtes Geflecht aus Schlingpflanzen, Büschen, Farnen und riesigen Pilzen macht das Passieren dort unmöglich. Geheimnisvolles Dämmerlicht umgibt den Weg der Schiffbrüchigen. Rascheln in den hohen Urwaldriesen irritiert sie immer wieder. Marder, Nerze, Waschbären, sogar ein Luchs sind in der beginnenden Dämmerung unterwegs.

„Müssen wir denn unbedingt die ganze Zeit auf dem Weg bleiben?“, fragt Ben ungeduldig. „Ich würde so gerne die Tiere beobachten und ihre Schlupfwinkel finden.“

„Dazu haben wir leider keine Zeit“, erwidert Bilker nicht unfreundlich. „Aber heute Abend kommen wir in ein sehr interessantes Gebiet. Ich glaube, da wirst du auf deine Kosten kommen!“

Hier geht es zur nächsten Folge: Der Westcoast – Trail 3 (Indianerland)