Unruhige Nacht – Lenhard 8 –

1. Januar 2016

Mitten in der Nacht wachte Lenhard schweißgebadet auf. Sein Herz raste und sein Atem jagte.

Er hatte von Garlands Kerker im finsteren Rabenstein geträumt und von Erla, die dort gefangen lag und flehend ihre gefesselten Hände hob. Doch Lenhard konnte sie nicht erreichen. Das Gefühl der Hilflosigkeit, das er während Erlas Krankheit so oft gespürt hatte, zerriss ihm das Herz.

Lenhard atmete tief durch. Er betete. Doch das dumpfe Gefühl in seiner Brust wollte trotzdem nicht weichen, eine Unruhe, die er sich nicht erklären konnte. Bilder erschienen vor seinem inneren Auge, die jämmerliche Hütte im Wald, die sichtbar bittere Armut, die dort herrschte. Lenhard setzte sich jäh auf seinem Lager auf.

Sie hatten sich heute Nachmittag nur beobachtet und ein wenig bedroht gefühlt. In seiner Sorge um Erla hatte er, Lenhard, gar nicht wahrgenommen, dass der geheimnisvolle Fremde im Wald in größter Not sein musste. Er würde vielleicht verhungern, wenn sie ihn nicht rechtzeitig fanden!

Mit einem Satz sprang Lenhard auf. Hastig zog er seine Kleidung über und eilte hinüber zum Stall. Jeden Handgriff beim Satteln eines Pferdes beherrschte er auch im Dunkel wie im Schlaf.

Der kluge Rappe verhielt sich völlig still, als Lenhard ihn auf den dunklen Hof hinaus und durch eine versteckte Seitenpforte nach draußen führte. Lenhard verriegelte das schmale Tor sorgfältig, drehte den schweren Schlüssel zweimal im Schloss und steckte ihn in die Tasche seines Wamses. Dann saß er auf und ritt den Hügel hinab.

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Der Himmel hatte aufgeklart und einzelne Sterne waren zu sehen. Nun erschien auch der Mond zwischen den Bäumen. Doch die Nacht war eisig. Lenhard fröstelte. Er duckte sich tief über den Hals seines Pferdes, um Schutz vor dem schneidenden Wind zu finden.
Er schaute hinauf zum Himmel. „Danke, Gott, dass du mir ein Licht für meinen Weg gibst. Bitte hilf mir, dass ich dem Fremden da draußen helfen kann!“, murmelte er. „Herr, als du auf der Erde gelebt hast, bist du nie achtlos an der Not eines Menschen vorbeigegangen. Aber ich bin oft so blind. Herr, ich möchte doch ein Helfer sein für die Menschen um mich her.“ So hielt Lenhard still Zwiesprache mit seinem Herrn Jesus Christus, wie er das oft tat, besonders seit vorigem Jahr in Garlands Gefangenschaft. Der Rappe schien Lenhards Ziel zu wissen und galoppierte ohne große Hilfe des Reiters zielstrebig durch die Nacht.

Erst als der Wald dichter wurde, zügelte Lenhard sein Pferd. Im Schritt ging es näher bis zu der Stelle, wo sie am Nachmittag die Hütte entdeckt hatten. Ob er den Fremden wohl heute Nacht zu Hause antraf?

DbF_1512_Entdeckung im Wald_02-HPlötzlich schnaubte sein Pferd und verhielt seinen Schritt. Dort neben dem Weg, schon nahe bei der Hütte, entdeckte er etwas Dunkles am Weg. Das waren die Umrisse eines Menschen! Lenhard erstarrte. Doch dann sprang er rasch vom Pferd.

Dort lag ein Mann! War er bewusstlos oder – tot? Lenhard drehte den leblosen Körper vorsichtig herum. Der Mond schien auf ein totenblasses, abgemagertes Gesicht mit geschlossenen Augen.

Lenhard schlug die Hand vor den Mund. Johann! Johann, Garlands Knecht, der ihn damals im finsteren Verlies mit Nahrung versorgt hatte und darum vor seinem Herrn fliehen musste. Johann, der Aarlands Familie von Lenhards Gefangenschaft Kunde gebracht hatte! Der treue Johann! Lenhard verdankte ihm seine Gesundheit, seine Freiheit.

Lenhard beugte sich über Johanns Brust und horchte. Johanns Atem ging ganz flach, aber der Mann lebte! Lenhard zog den schmalen Krug hervor, den er vorsorglich aus der Küche mitgenommen hatte, entkorkte ihn und flößte Johann etwas Wein ein. Der Mann hustete. Dann schlug er die Augen auf. Ein schattenhaftes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er Lenhards Gesicht im Mondlicht erkannte.

„Du bist’s, Junge!“, murmelte er.

„Kannst du aufstehen?“

Mit unendlicher Kraftanstrengung stemmte Johann sich hoch und sank wieder zurück.

„Gib mir noch einen Schluck Wein, Lenhard.“

Taumelnd, von Lenhard gestützt, kam Johann schließlich auf die Beine und blieb schwer atmend stehen.

Lenhard war erschüttert, Johann, der kraftstrotzende, bullige Mann, war bis auf die Knochen abgemagert. „Steig auf“, bat er. „Ich helfe dir.“

Lenhard formte aus seinen Händen einen Steigbügel. Johanns Gesicht war schweißbedeckt, als er endlich zitternd im Sattel saß.

„Halt dich gut fest!“ Lenhard führte den Rappen am Zügel.

Der Mond schien nun hell und beinahe strahlend auf den Weg.

„Danke, Herr, dass ich Johann gefunden habe“, flüsterte Lenhard.

Das Nachtmahl

Stolpernd und am Ende ihrer Kraft waren Lenhard und Johann endlich in der Kemenate der Burg angekommen. Hier wurde im Winter auch nachts ein Feuer unterhalten und in der Nähe des Kamins war es ein wenig warm.

„Bleib hier, Johann! Ich besorge dir etwas zu essen.“

Der Mann lächelte schief. „Keine Sorge, Junge, ich laufe nicht weg.“

Lenhard trommelte die Köchin und zwei Mägde zusammen. Außerdem weckte er den Burgherrn und seine Frau. In hastigen Worten erklärte er, was sich zugetragen hatte.

Aarland sah ihn liebevoll an. „Lenhard, du bist immer für Überraschungen gut!“

DbF_1512_Entdeckung im Wald_03_1Auch Heinfried und Erla waren wach geworden und die ganze Familie versammelte sich in der Kemenate, wo Johann zusammengesunken vor dem Feuer saß.
Die Köchin brachte ein wenig brummelnd eine große Schale heiße Suppe und einen Krug Wein herein.

„Ein dickes Stück Fleisch wäre ihm gewiss lieber gewesen“, meinte Lenhard.

Da sah die Köchin Johann an und Mitleid war in ihren Augen. „Sie haben gehungert, da muss sich der Magen erst langsam wieder an feste Kost gewöhnen“, sagte sie.

„Danke“, erwiderte Johann.

„Erzählen Sie“, bat Aarland, nachdem Johan den Teller geleert hatte und sich aufatmend zurücklehnte. „Was ist passiert, seitdem Sie damals vor Garland geflohen waren und uns Kunde von Lenhard brachten?“

Johann verzog das Gesicht. „Da gibt es nicht viel zu berichten. Ich schlug mich so durch, immer auf der Hut vor Garlands Leuten. Ich verdingte mich als Tagelöhner, auf den Feldern und bei der Ernte. Im Frühjahr und Sommer kein Problem. Im Winter wurde es schwieriger. Schließlich kam ich hierher zurück, baute mir die Hütte im Wald. Die Jagd lief schlecht und ich wurde immer langsamer und schwächer. Ich hungerte. Wenn mich der Junge heute Nacht nicht gefunden hätte …“ Er vollendete den Satz nicht.

Lenhard schluckte. „Aber warum hast du dich am Nachmittag vor uns versteckt? Du hast uns doch gesehen, oder?“

Johann nickte müde. Er sah zu Boden „Wenn du allein gewesen wärst, hätte ich mich bemerkbar gemacht, Lenhard. Aber das Mädchen war doch dabei. Wie hätte ich ihr in die Augen sehen sollen nach allem, was sie durch mich erlitten hat.“ Johann hob scheu den Blick und sah Erla an. „Können Sie mir verzeihen? Es tut mir leid, mehr als ich Ihnen sagen kann.“

DbF_1512_Entdeckung im Wald_02_1In Erlas Gesicht zuckte es. All das Grauen ihrer schweren Verletzung und Krankheit schien noch einmal an ihr vorbeizuziehen. Doch dann legte sie ihre kleine schmale Hand auf Johanns breite Rechte. „Ich verzeihe Ihnen.“

Johann strahlte. „Danke“, murmelte er. „Das ist sehr großherzig.“

Erla schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht großherzig. Aber ich verzeihe Ihnen, weil Gott Ihnen vergeben will. Gottes Sohn, der Herr Jesus Christus, ist dafür gestorben, damit jeder von uns seine Schuld bei ihm abladen und loswerden kann.“

Hoffnung glomm in den Augen des Mannes auf. „Gilt das auch für mich?“, fragte er atemlos.

„Aber ja“, bestätigte Aarland. „Jeder, der mit seinen Lasten zu Jesus Christus kommt, ihm seine Schuld bekennt, bekommt Vergebung und ewiges Leben bei Gott im Himmel geschenkt.“

„Das will ich auch!“, sagte Johann fest. „Ich werde es noch heute tun!“

Eine Weile war es still.

„Außerdem sind wir Ihnen doch auch sehr dankbar“, fuhr Erla fort. „Sie haben Lenhard geholfen und gar nicht an Ihre eigene Sicherheit gedacht. Das finde ich großartig.“

Johann wurde ein wenig verlegen. „Es war doch nicht recht, was Garland mit dem Jungen tat“, murmelte er.

„Aber nun ist es Zeit, dass Sie ausruhen, Johann“, sagte Frau Friedlinde freundlich. „Wir haben ein Lager in der Kammer neben der Kemenate für Sie gerichtet. Dort ist es warm und ihr Freund Lenhard schläft gleich nebenan.“

Johann erhob sich mühsam. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.“

Aarland winkte ab und legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter.

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Als Lenhard endlich wieder im Bett lag, schien der Mond hell auf sein weißes Laken. Lenhard blinzelte, denn er hatte auf einmal Tränen in den Augen. „Danke, Herr“, murmelte er. „Danke für alles. Danke, dass du Johann gerettet hast!“

Hier gehts zur nächsten Folge: Vergiftete Tage Lenhard 9