Der Westcoast – Trail 1 (Die Rettung)

1. Januar 2016
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Die Morning Star

„Riff voraus!“ Der gefürchtete Ruf hallt über das Deck des Schoners. Mit brachialer Gewalt tobt der Sturm über dem Pazifik vor Cape Flattery, treibt Wände aus dichtem Regen vor sich her.

Gehetzt und angstvoll sieht der Kapitän sich um. „Den Anker herunter!“ Die Seeleute gehorchen sofort. Doch der Anker findet keinen Halt in dem sandigen, weichen Untergrund. Unaufhaltsam treibt der Schoner auf die Küste zu. Die Strömung ist gewaltig und der Orkan lässt nicht einen Augenblick nach.

Bleich und vor Angst zitternd drängen sich die wenigen Passagiere an Deck zusammen. Claire und Ben Hamilton stehen nahe beieinander. Die zehnjährige Claire hat die Hand ihres großen Bruders gefasst und klammert sich ängstlich an ihn. Der Vater hat den Arm um beide Kinder gelegt.

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Im Pazifik vor Cape Flattery

Da taucht vor ihnen aus dem dichten Regen eine schmale Bucht auf. „Kurs hart backbord!“, ruft der Kapitän.

Der Steuermann krallt sich mit aller Macht ins Steuerruder des nahezu manövrierunfähigen Schoners. Und tatsächlich, der Bug der Morning Star richtet sich auf die schmale Bucht. Eine riesige Welle erfasst das Schiff und schleudert es wie mit einer Riesenfaust auf den Strand. Mit gebrochenem Kiel, geknicktem Mast, eingedrückten Planken und totaler Schlagseite ist das Schiff in der Sandbucht knapp vor den Felsen gestrandet.

Langsam arbeitet sich der Kapitän über das schrägliegende Deck hinauf zur Reling. Die Seeleute kämpfen sich durch den Regen und besichtigen den Schaden. Auch die Passagiere rappeln sich langsam auf.

„Was machen wir denn jetzt?“, fragt einer der Passagiere, ein kleiner hagerer wettergegerbter Kerl.

„Ich schlage vor, dass wir zunächst einmal Gott danken, dass er uns im letzten Moment in diese Bucht gerettet hat. Sonst wären wir jetzt tot“, meldet sich jetzt ein anderer Passagier namens Montey.

„Schon gut, Pastor“, sagt der Hagere mit schrägem Grinsen. „Aber dafür sind Sie zuständig.“

Der Kapitän nickt dem zweiten Sprecher zu.

Montey spricht laut, um sich im Heulen des Windes verständlich zu machen: „Gott, wir danken dir, dass du uns aus dem Sturm gerettet hast. Unser Leben ist wertvoll vor dir. Du willst nicht, dass wir verloren werden!“

Viele der Seeleute und die meisten Passagiere beten mit.

Claire sieht aufmerksam zu Mr. Montey hinüber. Auch sein Gesicht ist blass und angespannt, aber in seinen Augen liegt doch Zuversicht und Hoffnung. Irgendwie scheint er etwas zu besitzen, das die anderen nicht haben.

„Besteht Aussicht, dass Sie das Schiff wieder flott kriegen?“, fragt der Hagere den Kapitän. 1601_Westcoast_Trail__fmt1

„Auf keinen Fall, Mr. Bilker! Der Kiel ist gebrochen, im Schiffsrumpf klaffen mehrere Löcher. Der Bug ist fast völlig zerstört.“

Claire klammert sich angstvoll an ihre Mutter. „Was machen wir denn jetzt nur?“

Ben grinst dünn. „Wir spielen Robinson Crusoe!“

“Ganz so schlimm ist es nicht!“ Terry Bilker reibt sich nachdenklich sein unrasiertes Kinn. „Wir müssen zunächst Notunterkünfte herstellen. Haben Sie Zelte an Bord? Segeltuch? Planen? Die Frauen müssen ins Trockene. Wir helfen alle.“

Der Kapitän und die anderen sehen Bilker überrascht an. Bilker gehört eigentlich zu der Sorte Fahrgäste, die ziemlich viel Ärger an Bord machen, undurchsichtig, aufsässig, streitlustig und immer bereit, sich mit den anderen anzulegen.

„Was ist?“, fragt Bilker herausfordernd.

„Wir müssen jetzt alle fest zusammenhalten“, schaltet sich Mr. Montey, der Mann, der gebetet hat, ein.

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Die Besatzung

Der Kapitän nickt. Die Matrosen lassen im strömenden Regen eine Strickleiter von der tief liegenden Seite des Hecks herunter. Zitternd und frierend stehen die Passagiere kurz darauf am Strand, drei Ehepaare, 2 Kinder, fünf Männer, 12 Mann Besatzung.

Die Matrosen bringen Planen, festes Segeltuch, Materialien und schleppen es zum höchsten Punkt des Strandes. Bilker ist überall, er arbeitet ruhig und präzise, überall sind seine Kommandos zu hören. Ben hält sich an ihn und packt zu, wo er kann. Für einen 14-Jährigen ist er groß und kräftig. Bilker nickt ihm anerkennend zu. Auch die anderen Passagiere helfen, während die Frauen neben dem Schiff Schutz vor Regen und Sturm suchen.

„Das ist zu gefährlich“, warnt Bilker. „Kommen Sie lieber mit hinauf unter die Felsen.“

Die Frauen und Claire gehorchen schweigend. Sie sind froh, dass jemand die Regie übernommen hat und fassen Zutrauen zu dem hageren, unliebenswürdigen Gesellen, der aber genau zu wissen scheint, was er tut.

Der Koch hat sämtliche Lebensmittelvorräte von Bord geholt. Das Schiff ächzt und seufzt unter dem Reißen und Heulen des Windes. Claire schaudert. Es hört sich an wie ein armes verwundetes Tier.

Zwei Stunden später sind die Notunterkünfte fertig, die Schutz vor dem Regen bieten. Der Koch hat den Gaskocher vom Schiff geschleppt und entzündet. Auf dem Feuer brodelt heißes Wasser für Kaffee und eine wärmende Suppe. Planen, Decken, Kleidung, alles ist nass und klamm vom Regen.

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Der Kapitän

„Gut, dass es nicht kalt ist!“, meint Ben.

„Für diese Nacht sind wir in Sicherheit“, sagt der Kapitän zu Montey, der neben ihm sitzt, einen Emaillebecher mit Kaffee in der Hand. „Ja, Gott sei Dank!“ Das klingt wie ein Stoßseufzer.

„Sind Sie eigentlich wirklich Pastor?“

Montey lächelt. „Durchaus nicht, nein. Ich bin Lehrer von Beruf. Die jungen Leute dort“, er deutet zu zweien der drei Ehepaare hinüber, „nennen mich scherzhaft so, weil ich sie auf unserer Reise immer wieder in interessante Gespräche verwickelt habe.“

Der Kapitän lacht leise. „Ach, so ist das!“

Claire schaut Montey nachdenklich an. Sie hat manches mitbekommen. Und eigentlich möchte sie mehr von Jesus erfahren, von dem der „Pastor“ immer spricht. Denn das, was Jesus Christus, der Sohn Gottes gesagt und getan hat, scheint ja wirklich richtig wichtig zu sein. Wichtig auch für sie, gerade jetzt in der Not.

Am nächsten Morgen ist der Kapitän als Erster draußen. Der Sturm ist vorüber und die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel. Blendend weiß liegt die Sandbucht vor ihm.

Der Kapitän stapft hinüber zum Schiff. Jetzt, bei Tageslicht, sieht man erst das Ausmaß der ganzen Katastrophe. Die stolze Morning Star! Nein, dieses Schiff wird niemand mehr flott machen.

Der Steuermann und Bilker gesellen sich zum Kapitän. „Wie geht es nun weiter?“, fragt der Steuermann. Besorgt sieht er hinauf zu den steilen Klippen, hinter denen sich dichter Regenwald erhebt. Nun erscheinen auch die Passagiere draußen und der Rest der Mannschaft.

„Wo sind wir hier eigentlich?“, fragt Mrs. Walden, eine der jungen Frauen.

„Eine Landschaft wie im Paradies, aber auch so abgeschieden wie das Paradies“, bemerkt ihr Mann. „Wo du dich so auf Seattle gefreut hast.“ „Wir befinden uns im Mündungsgebiet der Juan de Fuca Straße, die Vancouver Island von der nordwestlichen Spitze der USA trennt“, erklärt der Kapitän. „Gestern, vor Cape Flattery, sind wir in eine schlimme Strömung geraten, die uns auf die Küste von Vancouver Island getrieben hat.“

„Das Schicksal teilen wir mit vielen“, sagt Bilker trocken. „Man nennt diesen Küstenabschnitt den ,Schiffsfriedhof’ des Pazifik. Aber es gibt keinen anderen Seeweg nach Seattle.“

„Du meine Güte!“ Die junge Mrs. Walden ist blass geworden. „Wären wir doch nur mit der Bahn gefahren.“

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Claire

„Gott sieht uns auch hier, in dieser verlassenen Bucht, mein Kind“, sagt Montey. „Wir wollen ihm vertrauen, dass wir nicht von ihm verlassen sind.“ Etwas Beruhigendes geht von dem älteren Mann aus.

„Wie geht es nun weiter?“, fragt der Steuermann noch einmal.

„Ich schlage vor, mit einem guten Frühstück“, erwidert der Kapitän, worauf der Koch sich sofort eifrig an die Arbeit macht.

„Und dann?“

„Wir müssen versuchen, uns zum nächsten Ort durchzuschlagen, entweder wir alle, oder einige von uns“, sagt der Kapitän.

„Durch den Urwald?“, fragt einer der Matrosen, ein junger Kerl, der noch nicht lange zur See fährt, entsetzt.

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