Ein uralter Schatz

6. November 2015

Ein uralter Schatz„Einfach super, wieder hier zu sein!“ Voller Behagen lässt sich die zehnjährige Claire in ihren Lieblings-Rattansessel im Ferienhaus fallen.

„Wir sind nicht zum Faulenzen gekommen“, sagt der siebenjährige Michi empört, „sondern um was zu unternehmen.“

„Wir haben nichts dagegen, wenn ihr gleich loszieht“, sagt ihr Stiefvater. „Seid aber bitte zum Abendbrot wieder hier.“

„Claro“, verspricht die zwölfjährige Rebekka sofort.

Und ihr zwei Jahre älterer Stiefbruder Nick ergänzt: „Ich pass’ schon auf das kleine Gemüse auf!“

„Pah!“, macht Michi nur. „Auf mich passt Benno auf.“

Der Schäferhundmix stellt die Ohren auf und sieht Michi aufmerksam an, als er seinen Namen hört. Dann lässt er sich demonstrativ an Michis Seite nieder.

„Seht ihr!“, meint Michi zufrieden. Nick grinst breit.Pfotenabdruck Dass sein kleiner Bruder sich aber auch immer gleich ärgern lässt!

„Vertragt euch, Kinder“, meint ihre Mutter etwas gereizt.

Claire setzt sich auf den Fußboden und zieht ihre Stiefel an. Michi folgt ihrem Beispiel.

Dann stürmen die vier in ihren warmen Anoraks nach draußen. Es ist der 23. Dezember, ein nasskalter Nachmittag. Die Wolken hängen tief und eisiger Nebel kriecht durch die Tannen, behindert die Sicht.

„Habt ihr alle Taschenlampen mit?“, fragt Rebekka ein bisschen ängstlich.

„Na klar“, beruhigt sie Michi. Tannenzapfen und trockene Blätter knistern unter ihren Schritten und ihr Atem steht in kleinen Dampfwolken vor ihren Mündern.

Claire stellt fest: „Der Wald ist so anders bei Nebel. Wie ein silbriger Märchenwald.“

Nick sieht sich stirnrunzelnd um. „Ich glaube, wir haben uns an der letzten Weggabelung vertan. So ein Käse! Bei Nebel sehen die Wege alle gleich aus.“

„Ist doch egal“, meint Michi sorglos. „Benno findet den Weg nach Hause immer.“

Schweigend stapfen die Kinder weiter. Der Weg, der zunächst noch breit und gut erkennbar war, wird mehr und mehr von Gebüsch überwuchert.

„Hier kommen wir nicht weiter“, stellt Nick fest. „Lasst uns lieber umkehren.“

„Was ist denn das dort drüben?“, fragt Claire gespannt. „Ein Schuppen?“

Neugierig gehen die vier um ein dichtes Gebüsch herum. Und dort, geduckt zwischen einer Gruppe von hohen Tannen, steht ein altes, baufälliges Holzhaus.

„Boah ey!“, meint Michi beeindruckt. „Wer hier wohl gewohnt hat, so allein, mitten im Wald?“

„Wahrscheinlich schon lange niemand mehr“, erwidert Nick trocken. Er ist etwas näher herangegangen und schaut durch eine der fast blinden Scheiben. Rebekka und Claire drängeln sich neben ihn.

„Schaut mal!“, ruft Michi, der schon ein bisschen weiter um das Haus herumgegangen ist. „Da hinten ist sogar eine Scheibe kaputt.“

„Worauf warten wir denn noch?“, fragt Claire mit leuchtenden Augen. „Da können wir reinklettern!“

„Du spinnst wohl“, widerspricht Rebekka empört. „Auch wenn das Haus nicht mehr bewohnt ist, gehört es doch garantiert irgendjemandem.“

„Genau! Willst du als Einbrecherin verhaftet werden?“, neckt Nick seine kleine Schwester.

„Das wird doch nie, nie jemand erfahren, dass wir da drin waren.Ein uralter Schatz Bitte, ich bin so neugierig!“, bettelt Michi.

Rebekka sieht Nick hilfesuchend an. Der zuckt die Achseln. „Na schön“, willigt er schließlich ein.

Noch einen winzigen Moment stehen sie zögernd vor dem zerbrochenen Fenster. Dann wickelt Nick fachmännisch ein Taschentuch um seine Hand, greift vorsichtig durch das Loch in der Scheibe und entriegelt den Fensterflügel.

Michi klettert als Erster in den Raum. Die anderen folgen ihm.

Nick knipst seine Taschenlampe an. Gespenstische Schatten huschen durch den Raum. Nun hat auch Rebekka ihre Lampe aus der Anoraktasche geholt und legt sie brennend auf die Fensterbank, sodass der Lichtstrahl ins Zimmer fällt.

„Hier sieht es ja schlimm aus“, meint Claire erschrocken. „Ob Einbrecher da waren?“

„Du meinst, schon vor uns?“, fragt Nick grinsend.

Mehrere Stühle sind umgefallen, eine Vase liegt in blinden Scherben auf dem Boden. Die Türen eines baufälligen alten Bücherschrankes stehen offen und Bücher und vergilbte Musiknoten liegen auf dem Boden verteilt.

„Was ist denn das dort?“ Rebekka deutet auf eine dicke alte Matratze in der Ecke auf der Erde.

„Vielleicht hat ein Landstreicher hier übernachtet“, meint Nick laut.

Im Hintergrund des Raumes ist eine Tür nur angelehnt. Rebekka findet sich in einem Kämmerchen wieder, das wohl einmal für Vorräte genutzt wurde. An der einen Seite steht ein hoher Wäscheschrank, gegenüber ein Regal mit Kisten und Kasten.

„Huh, huh!“

Rebekka fährt herum. Etwas Unheimliches, Weißes kommt mit ausgebreiteten Armen aus der Dunkelheit auf sie zu. Zwei dunkle Augenhöhlen starren sie an.Ein uralter Schatz Rebekka schreit laut auf und lässt ihre Taschenlampe fallen. Der Lichtkegel der Lampe scheint – auf zwei nicht sehr saubere blaue Stiefel.

„Michi, du Idiot!“, schimpft sie. Nick und Claire kommen angerannt. „Was ist denn hier los?“

Kichernd kommt Michi unter dem durchlöcherten Laken zum Vorschein. Ordentlich legt er es dann in den Wäscheschrank zurück.

„Da drüben ist ja noch eine Tür“, bemerkt Claire.

Sie betreten ein winziges Schlafzimmer. Auch hier ist alles durchwühlt. Die Schranktür steht offen und Strümpfe, Hosen, Pullover, ein Herrenanzug, Krawatten und sogar ein alter Hut sind in wüstem Durcheinander herausgezogen und liegen zum Teil auf dem staubigen Boden.

Benno kriecht unter das Bett. Als er wieder hervorkommt, ist er ebenfalls ganz staubig und hat etwas Wolliges in der Schnauze und legt es schwanzwedelnd vor Nick ab. Der Junge hebt das Wollstück empor – eine Socke, der ein strenger Geruch nach älterem Käse entströmt.

„Iiihh!“ Angewidert rümpft Claire die Nase.

Rebekka lacht. „Am besten tust du sie unter das Bett zurück.“

„Wo ist denn die andere?“, fragt Nick grinsend und hält Benno die Socke unter die Nase. „Such!“

Der Hund sieht mit schräggelegtem Kopf zu ihm auf. Er taucht noch einmal unter dem Bett ab und kommt schließlich mit der zweiten Socke zurück. Außerdem fördert er noch einen zerrissenen Hausschuh zutage, der ebenfalls ziemlich käsig riecht.

„Ist gut, Benno. Das ist genug. Aus!“ Rebekka tätschelt seinen Kopf. Sie packt die schmutzigen Socken in den Hausschuh und schiebt ihn unters Bett zurück.Ein uralter Schatz Dann hebt sie den Hut vom Boden auf, pustet den Staub herunter und dreht ihn ratlos nach allen Seiten. „Das wird ja immer sonderbarer! Diese merkwürdigen Sachen!“

Nick lacht laut. „Ich dachte für einen Moment, dass du Benno den Hut aufsetzen wolltest!“ Nick nimmt ihn Rebekka aus der Hand und stülpt ihn auf. Er zieht die muffige Anzugsjacke über und schnappt sich die schöne alte Gitarre, die neben dem Bett in der Ecke steht.

„Meine Damen und Herren, ich freue mich, für Sie zu singen!“ Er schlägt einige Akkorde an. Die Gitarre ist total verstimmt und eine Saite ist gesprungen. Doch daran stört sich Nick nicht weiter. Er beginnt ein Weihnachtslied zu singen.

„Jetzt hört doch mal mit dem Blödsinn auf!“ Rebekka zieht Claire und Michi in den großen Raum zurück, während Benno jaulend und japsend um den singenden Nick herumspringt.

„Schon gut“, meint Nick beleidigt und stellt die Gitarre in die Ecke zurück. Sorgfältig hängt er die Anzugsjacke auf einen Bügel. Der Mond ist inzwischen aufgegangen und scheint milchig durch den Nebel zum schmalen Fensterchen herein.Ein uralter Schatz Benno trottet zu den anderen zurück. Er legt sich seufzend unter den Tisch, den Kopf auf den Pfoten.

„Können wir jetzt nach Hause gehen?“, fragt Claire kläglich. Sie hat wie Benno genug von dem durchwühlten, verlassenen dunklen Haus.

Plötzlich – ein vernehmliches Rascheln. Benno jagt hinüber in die Zimmerecke und kratzt aufgeregt an der Matratze.

„Platz, Benno!“, kommandiert Nick.

„Das ist nur eine Maus.“

Das Rascheln wird lauter. Der Hund winselt.

„Zieht mal die Matratze dort weg, sonst gibt Benno doch keine Ruhe“, meint Rebekka.

Nick und Michi packen mit an. Das Rascheln und Kratzen wird lauter. Benno kratzt eifrig an der rissigen, verblichenen Holzvertäfelung. Er knurrt leise. Dann ist es passiert. Ein schmales Brett aus der Vertäfelung gibt nach und fällt heraus. Benno versucht, seine Schnauze in die entstandene Öffnung zu stecken. Das Rascheln ist verstummt.

„Du hast die Täfelung kaputt gemacht, Benno“, sagt Rebekka erschrocken. „Das glaube ich nicht“, widerspricht Michi mit leuchtenden Augen. „Benno hat bestimmt ein Geheimfach gefunden!“ Er zieht den Hund am Halsband zurück. „Nimm deinen dicken Kopf aus der Wand, Benno!“

„Benno hat keinen dicken Kopf!“, verteidigt Claire ihren vierbeinigen Freund. „Sein Kopf ist genau richtig für seinen Körper.“

„Das bestreitet ja keiner“, beschwichtigt Nick grinsend. „Sein Kopf ist nur eindeutig zu groß für die Wand.“

Michi hat inzwischen seine Hand in die schmale Öffnung gesteckt.

„Vorsicht, gleich beißt dich Bennos Maus“, neckt Nick.

„Da ist ein ziemlich großes Loch hinter der Wand“, berichtet Michi aufgeregt. „Und da – da steht etwas, eine Kiste vielleicht oder ein Kästchen.“

„Kannst du es nicht herausholen?“ Claire tritt aufgeregt von einem Fuß auf den anderen.

„Nein, es ist zu groß!“

„Lass mich mal versuchen“, meint Nick. Er kniet sich neben Michi auf den Boden. Vorsichtig nimmt er das zweite Brett der Täfelung heraus. Nun ist die Öffnung groß genug. Unter den staunenden Augen seiner Geschwister zieht Nick einen Holzkasten mit goldenen Beschlägen hervor.

„Ist das schön“, sagt Rebekka bewundernd und streicht über das feine glatte Holz.

„Was ist denn drin?“, drängelt Michi.

Ein kleiner goldener Schlüssel steckt im Schloss. Während Rebekka die brennende Taschenlampe hält, trägt Nick den Kasten vorsichtig auf den Tisch. Seine Geschwister umringen ihn aufgeregt, als Nick den feinen Schlüssel umdreht und den Deckel des Kastens hebt.

„Och“, meint Michi enttäuscht. „Das ist ja noch ein altes Buch!Ein uralter Schatz Davon liegen hier doch schon genug herum.“

Nick nimmt das Buch, das richtig schwer ist, aus dem Holzkasten und legt es aufgeschlagen auf den Tisch. Die beiden Mädchen beugen sich darüber und blättern einige Seiten um. Nick hält die Taschenlampe so, dass alle etwas sehen können. „Die Bilder sind toll“, sagt Rebekka. „Irgendwie altertümlich, aber sehr schön.“

Gemeinsam betrachten sie eine ganzseitige Zeichnung.

Claire wendet vorsichtig die Seite um. „Die Schrift ist so verschnörkelt“, stöhnt sie. „Kannst du das lesen, Nick?“ „Mal sehen!“ Nick hält die Taschenlampe höher und beginnt etwas stockend: „‚Der barmherzige Samariter.’ Wartet mal, da steht noch etwas klein in Klammern: ‚nach Lukas 10,25-37’. Keine Ahnung, was das bedeutet.“

„Nun lies doch weiter!“, verlangt Claire ungeduldig.

„‚Still und einsam liegt die Straße, die von Jerusalem nach Jericho herabführt. Heiß brennt die Sonne auf das öde Land herab. Der einsame Reisende wischt den Schweiß von der Stirn. Furchtsam schaut er sich um. Er weiß, dass es gefährlich ist, ohne Schutz zu reisen, denn die wenig benutzte Straße ist ein beliebtes Ziel für Räuber, die gern wehrlose Reisende überfallen. Hätte er sich doch einer Reisegruppe anschließen können! Aber die Verhältnisse zwangen ihn, den riskanten Weg allein zu wagen. Und dort, hinter einem Felsvorsprung, lauern sie auf ihn. Auf ihren kleinen schnellen Pferden jagen sie heran, sodass der Staub der Landstraße hoch aufwirbelt. Ehe er an Flucht denken kann, haben sie den einsamen Reisenden umringt. Einer wirft ihn von seinem Reittier herab. Taumelnd kommt er wieder auf die Füße, versucht sich zu wehren. Doch er kann gegen die Übermacht nichts ausrichten. Er steckt viele Schläge ein. Die Räuber stehlen seine Waren, sein Geld, seinen Proviant und sein Reittier. Nicht einmal seine Kleidung lassen sie ihm. „Ich werde euch finden“, sagt der Überfallene in hilflosem Zorn.Pfotenabdruck Da schlägt ihm der Anführer der Räuber mit der Faust ins Gesicht. Ihm wird schwarz vor Augen. Die anderen stoßen ihn zu Boden. „Du wirst niemanden von uns finden“, sagen sie verächtlich. Ihr Opfer verliert das Bewusstsein. Nur wie aus weiter Ferne hört er den Hufschlag der sich entfernenden Tiere.’“

„Das ist keine schöne Geschichte“, sagt Claire schaudernd.

„Es geht ja noch weiter“, beruhigt Rebekka. „Du bekommst übrigens Besuch“, fügt sie verschmitzt hinzu. Claire schaut sich verwundert um. Tatsächlich, über ihr seilt sich eine Spinne von ihrem Netz ab und baumelt schräg über ihr. „Na, lass sie doch“, meint sie gleichmütig. „Die tut doch keinem was.“

„Stimmt“, meint Nick anerkennend. „Aber die meisten Mädchen hätten jetzt bestimmt geschrien.“ „Ich bin ja auch nicht ‚die meisten’“, erwidert Claire würdevoll. „Soll ich jetzt weiterlesen?“, fragt Nick. Und ohne eine Antwort abzuwarten fährt er fort:

„‚Minute um Minute verrinnt in der sengenden Sonne. Zu den Schmerzen gesellt sich quälender Durst. Soll er denn hier wirklich sterben, einsam und ganz allein? Kommt denn kein Mensch, der ihm helfen könnte? Seine Hoffnung ist ganz gesunken, als er plötzlich in der Ferne Schritte vernimmt. Mit unendlicher Anstrengung hebt er den Kopf. Ein Priester kommt die Straße hinunter. Die Augen des überfallenen Mannes beginnen zu leuchten. Der fromme Mann wird ihm bestimmt helfen! Doch der Priester geht einfach an ihm und seinem Elend vorbei. Aber dann – erneut Schritte. Ein Levit, der im Tempel in Jerusalem Dienst tut, nähert sich. Er wird ihm ganz bestimmt helfen. Auch der Levit geht vorbei.

Der ausgeraubte, verwundete Mann schließt verzweifelt die Augen. Wenn die beiden frommen Männer ihm nicht geholfen haben, gibt es gar keine Rettung mehr für ihn!

Nach einiger Zeit – Hufgetrappel. Kommen die Räuber noch einmal zurück? Nein, es ist nur ein einzelnes Tier. Mit letzter Kraft hebt er noch einmal den Kopf und schaut: Ein Samariter! Ein Fremder aus dem verfeindeten Brudervolk der Juden. Der wird ihm garantiert nicht helfen! Der verwundete Mann schließt die Augen. Der Hufschlag nähert sich und – hält an. Dann fällt ein Schatten über ihn. Der verletzte Mann sieht in ein freundliches besorgtes Gesicht, das sich über ihn beugt. Der Mann aus Samaria gibt ihm zu trinken. Dann reinigt und verbindet er seine Wunden, hebt ihn vorsichtig auf seinen Esel. Langsam setzt sich das Tier in Bewegung, während der Samariter den Verwundeten stützt. Endlich haben sie eine Herberge erreicht und machen dort halt. Erschöpft fällt der Verwundete dort auf ein bequemes Lager. Ganz von Weitem hört er noch, wie sein Retter dem Wirt sagt: „Sorg gut für meinen verletzten Reisegenossen! Hier ist Geld. Weitere Kosten, die du für die Pflege aufwendest, werde ich dir bei meiner Rückkehr erstatten.’“

„Klasse!“, meint Rebekka. „Das scheint so eine Art Gleichnisgeschichte oder Parabel zu sein. Wir hatten so was mal in Deutsch.“ „Möglich“, stimmt Nick zu. „Die Geschichte gefällt mir“, sagt Claire. „Der Verletzte war bestimmt total froh, als ihm endlich jemand half.“ „Da scheint es auch noch so eine Art Erklärungstext zu geben. Soll ich das noch lesen?“

„Ja.“

Ein leises Schnarchen unterbricht ihre Debatte. Nick sieht zu Michi hinüber. „Er wollte die Geschichte doch auch unbedingt zu Ende hören – und nun pennt er!“, meint er grinsend. Tatsächlich, Michis Kopf ist auf Bennos weiches Fell gesunken und er ist eingenickt.

„Lies noch schnell fertig“, bittet Claire. „Oder ist es sehr viel?“ „Nee. Kannst du mal die Taschenlampe halten, Bekka? Ich hab schon einen lahmen Arm.“Ein uralter Schatz Nick stupst seinen kleinen Bruder an und vertieft sich wieder in den Text:

„‚Wir alle gleichen dem Mann, der unter die Räuber fiel! Zerschlagen und ausgeraubt, völlig unfähig, uns selbst zu helfen, dem Tod ausgeliefert. Da ist ein tiefer Graben, der jeden von uns von Gott und damit vom Leben trennt. Diesen Graben nennt die Bibel ‚Sünde’. Sünde sind die hässlichen Gedanken und die bösen Taten, die wir tun, ohne nach Gottes Willen zu fragen. Sie trennen uns von Gott und machen uns so zum Sterben elend, wie den Mann, der auf der Straße nach Jericho unter die Räuber fiel. Weil Gott gerecht ist und die Sünde mit dem Tod bestrafen muss, gab es eigentlich keine Hoffnung für uns. Doch Gott wollte uns nicht dem Tod überlassen. Darum sandte er uns einen Helfer in größter Not – so wie der Samariter dem armen Mann auf der Straße nach Jericho half.

Dieser Helfer ist sein eigener Sohn, Jesus Christus. Jeder, der mit seiner Schuld zu ihm kommt und sie aufrichtig vor Gott eingesteht, bekommt Vergebung seiner Sünden und wird gerecht gesprochen. Er bekommt ewiges Leben bei Gott im Himmel geschenkt.’“

Nick ist sehr nachdenklich. Der Schock saß ihm und seinen Freunden ja noch in den Knochen, als ihre Klassenkameradin Melissa nach den Herbstferien nicht mehr in die Schule kam. Autounfall. Ende. Aus. – Oder ihre frühere Nachbarin, die nach einer schrecklichen Krankheit gestorben war. Wenn es nach dem Tod noch etwas Schönes gäbe? Das wäre wunderbar!

„Das Ganze habe ich noch nicht so richtig verstanden“, meint Rebekka ratlos. „Steht doch hier!“, erklärt Nick mit leuchtenden Augen. „Das ist eine Antwort auf die Frage, ob mit dem Tod alles aus ist!“ „Seid mal ruhig“, unterbricht sie Michi, der wieder wach ist. „Ich höre was!“ „Du hast dich bestimmt getäuscht.“

Nick überfliegt den Text noch einmal. „Wenn wir das Buch doch mitnehmen könnten“, meint er sehnsüchtig. „Ich würde so gern noch mehr über den Sohn von Gott erfahren!“ „Kannst du nicht noch eine Geschichte lesen?“, fragt Michi. Nick blättert einige Seiten um.

Benno, der schon eine ganze Zeit mit gesträubtem Nackenfell dasteht, beginnt auf einmal laut zu bellen. Die vier fahren zusammen.

Und dann hören sie, wie die Eingangstür ins Schloss fällt. Schritte nähern sich. Das Licht einer hellen Lampe fällt auf die Kinder, die sich erschrocken zusammenducken. Nick hat Benno gerade noch am Halsband erwischt, ehe er sich auf den Fremden stürzen kann. Der Mann hat ebenfalls einen Hund dabei, einen schönen Jagdhund, der leise knurrt. Der Mann muss der Förster sein!

„Ich war gerade auf meiner abendlichen Runde, als ich Licht in der alten Hütte gesehen habe“, sagt er. „Da wollte ich doch mal nachschauen …“

Nick steht auf. „Es tut uns leid, dass wir in das Haus eingestiegen sind“, beginnt er. „Ja, und dann haben wir dieses Buch in einem Geheimfach entdeckt.Ein uralter Schatz Die Geschichte von dem Samariter hat uns so gut gefallen, dass wir uns festgelesen haben …“

Nick stockt.

„Nun, biblische Geschichten zu lesen ist immer eine gute Sache“, meint der Förster freundlich. „Ein schönes, wertvolles altes Buch, das ihr da gefunden habt!“

„Wir würden gern mehr über den Samariter und den Sohn Gottes erfahren“, sprudelt Claire eifrig hervor. „Wer ist Jesus Christus?“

Der Förster sieht sie überrascht an. Dann zieht er sich einen Stuhl an den Tisch heran und setzt sich zu den Kindern.

„Jesus Christus ist der Mann, an dessen Geburt wir uns morgen erinnern!“, beginnt er.

„Morgen ist Weihnachten“, sagt Michi und strahlt.

„Weil Gott unsere Not, unsere Schuld und unsere Einsamkeit sah, hat er seinen Sohn zu uns geschickt. Jesus wurde als kleines Kind in Israel geboren. Er wuchs auf, zog durch das Land, predigte, half und heilte. Dann wurde er von seinen Feinden, die ihn beneideten, zum Tod verurteilt und hingerichtet. Doch er starb dort, um unsere Strafe zu tragen, damit Gott uns nicht verurteilen musste. Jesus ist nach drei Tagen wieder lebendig geworden und in den Himmel zurückgekehrt.“

Nick hat atemlos zugehört. „Ich würde so gerne mehr darüber erfahren“, sagt er.

Der Förster nickt freundlich. „Was haltet ihr davon, wenn ich euch und eure Eltern morgen Abend zu uns einlade! Dann werde ich euch die Geschichte von Weihnachten und alles, was danach kam, ausführlich erzählen.“

„Super! Wenn unsere Eltern einverstanden sind, kommen wir gern“, verspricht Claire.

„Gut, abgemacht.“

Benno hat sich längst wieder beruhigt. Er liegt neben dem Tisch, hat den Kopf auf die Pfoten gelegt und seufzt abgrundtief. Der Förster wird aufmerksam. „Kinder, vielleicht sollte ich euch schnellstens nach Hause fahren. Es ist schon spät!“

„Und was wird aus dem schönen Buch?“, fragt Michi und streicht traurig über die aufgeschlagene Seite.

Der Förster überlegt einen Moment.Pfotenabdruck

„Solange ich hier im Ort lebe, und das sind schon beinahe sechzig Jahre, war diese Hütte nicht mehr bewohnt. Ich werde mich mal nach dem Besitzer oder seinen Nachfahren erkundigen. Wenn niemand Anspruch auf das Buch erhebt, werde ich dafür sorgen, dass ihr es bekommt!“

„Das wäre wunderschön!“, sagt Claire mit leuchtenden Augen.

Die vier Geschwister und der Hund stapfen mit ihrem neuen Freund durch den knirschenden Neuschnee. Das Auto des Försters parkt am Rand eines Wirtschaftsweges in der Nähe.

„Ich melde mich morgen bei euch“, verabschiedet er sich vor dem Ferienhaus ihrer Eltern.

„Vielen Dank, dass Sie uns hergebracht haben“, sagt Nick. „Bis morgen.“

Michi sieht strahlend zum Himmel auf, in die noch immer tanzenden Schneeflocken. Und er ist sicher, dass es in diesem Jahr ein wunderbares Weihnachten wird.