Unruhige Nacht – Lenhard 7 –

1. November 2015

Entdeckung im Wald.

Es dämmerte früh an diesem Nachmittag. Die Wolken hingen tief und die eisigen Regentropfen, die der Wind vor sich hertrieb, stachen wie Nadeln. Ein Jahr war es nun her, seitdem Lenhard durch seine eigene Unvorsichtigkeit in die Hände des grausamen Garland gefallen war. Und es war ein Tag wie heute gewesen. November. Kalt.Burg

Lenhard zügelte seinen Rappen. Er zog seine Kappe tiefer ins Gesicht. Besorgt wandte er sich nach seinen Begleitern Heinfried und Erla um, die ihm ebenfalls zu Pferd folgten.

„Lasst uns in die Burg zurückkehren“, schlug er bescheiden vor und musterte verstohlen Erlas blasses Gesicht.

Erla hatte seinen besorgten Blick bemerkt. Unwillig runzelte sie die Stirn. „Du bist schlimmer als meine Eltern! Seit meiner Verletzung damals willst du mich am liebsten in dicke Decken verpacken und gar nicht mehr nach draußen lassen.“

Lenhard errötete.

„Ich bin gesund! Und ich will leben!“ Erla wurde immer heftiger.

Heinfried hatte den Freund und seine Schwester aufmerksam beobachtet. „Lenhard hat recht“, sagte er ruhig. „Was hat das mit Leben zu tun, wenn wir uns hier draußen eine dicke Erkältung holen?“, fügte er ein wenig spöttisch hinzu. „Ich für meinen Teil friere jetzt schon wie ein Hund.“

„Du bist verweichlicht!“, schimpfte Erla.

Heinfried lachte. „Kann sein. Novemberregen …“ Er unterbrach sich mitten im Satz und schaute aufmerksam nach Westen.

„Was ist?“, erkundigte sich Lenhard alarmiert und griff nach seiner Lanze.

Heinfried schüttelte verwirrt den Kopf. „Ich weiß nicht. Mir war, als hätte ich dort drüben zwischen den kahlen Sträuchern ein Gesicht gesehen.“

„Bist du sicher?“

„Nein. Es war nur einen Augenblick.“

Doch Lenhard war überzeugt, dass sein Freund sich nicht getäuscht hatte, denn Heinfried besaß ausgezeichnete Augen. Lenhard kämpfte mit sich. „Sehen wir nach?“, fragte er schließlich.

Erla nahm ihnen die Entscheidung ab. Sie preschte den Weg hinunter. Lenhard und Heinfried folgten ihr kopfschüttelnd. Heinfried schloss zu ihr auf, beugte sich herüber und griff nach den Zügeln ihres Pferdes.

Entdeckung im Wald

„Gemach, gemach!“, mahnte er. „Wenn wir so herangejagt kommen, werden wir unser Phantom nie finden. Er wird im Unterholz verschwinden und wir sehen ihn nicht wieder.“

Erla nickte widerwillig. Leise und im Schritt näherten sie sich der Stelle, wo Heinfried das Gesicht gesehen hatte. Inzwischen hatte es zu regnen aufgehört. Sie saßen ab, schlangen die Zügel der Pferde um einen dünnen Buchenstamm und schlichen weiter.

Lenhard hielt seine Lanze griffbereit. Doch er unternahm keinen Versuch, Erla von ihrer Suche auszuschließen. Es wäre ja sinnlos gewesen. Lenhard gestand es sich nicht ein, doch litt er darunter, dass Erla ihn neuerdings oft ungeduldig und barsch behandelte.

„Gott, bitte hilf mir, Heinfried und Erla ein treuer und uneigennütziger Freund zu sein“, betete er leise, wie so oft in letzter Zeit. „Hilf mir, Erla, wenn nötig, auch vor sich selbst zu beschützen. Du weißt es ja, mein Gott, dass sie Schweres erlebt und den Schock noch immer nicht wirklich überwunden hat. Danke. Amen!“

„Hier muss es ungefähr gewesen sein“, bemerkte Heinfried leise.

Erla sah sich unzufrieden um. Keine Spur von einem Menschen!

„Dort drüben“, zeigte Lenhard aufgeregt.

In einer erdigen Stelle am Weg war ein Fußabdruck zu sehen. Er wirkte noch ganz frisch! Und dahinter weitere Eindrücke.

„Da hat wohl jemand in großer Eile das Weite gesucht, ohne darauf zu achten, dass er Spuren hinterlässt“, überlegte Heinfried leise.

„Die Abdrücke sehen merkwürdig aus“, ergänzte Erla und blickte konzentriert in den Schnee. „Sie sind riesengroß, aber dabei sehr flach. Beinahe, als wäre ein Kind in großen Schuhen durch den Wald gelaufen.“

Heinfried lachte. „Du hast Ideen.“

„Aber sie hat recht“, bestätigte Lenhard. „Bei der Größe der Abdrücke denkt man an einen großen schweren Mann. Aber dafür müssten die Spuren viel tiefer sein.“

Die drei Freunde eilten weiter. Doch dann verlor sich die Spur auf dem nadelübersäten Waldboden.

„Nichts“, murmelte Lenhard.

„Geben wir schon auf?“, fragte Erla.

„Hast du einen besseren Vorschlag?“, entgegnete Lenhard. Er spürte, dass langsam Ärger in ihm hochstieg. Doch er bezwang sich.

„Wir teilen uns und durchkämmen das ganze Gebiet.“

Heinfried sah seine Schwester verdutzt an und begann schallend zu lachen. Dann hielt er sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Wir untersuchen den Weg noch bis zur nächsten Biegung – gemeinsam! –, dann kehren wir um“, entschied er grinsend.

Die anderen beiden folgten ihm. Doch sie entdeckten weder weitere Spuren noch hörten oder sahen sie etwas von dem Mann.

Heinfried sah zum Himmel. „Es ist höchste Zeit, dass wir zurückreiten. In einer Stunde wird es stockfinster sein.“

Entdeckung im Wald - Eule

Erla folgte ihm brummelnd.

Da hielt Heinfried mitten in der Bewegung inne. „Was ist denn das dort drüben?“, fragte er verwundert.

Lenhard war seinem Blick gefolgt. „Sieht aus wie ein Schuppen oder eine Hütte.“

„Merkwürdig.“

„Kennst du das Gelände gut?“, erkundigte sich Lenhard.

„Eigentlich schon“, erwiderte Heinfried. „Als ich mit meinem Vater im letzten Sommer hier vorbeikam, stand da keine Hütte und kein Schuppen.“

Erla pfiff leise durch die Zähne. „Schauen wir uns vorsichtig um?“, schlug sie vor.

Die winzige Hütte war aus windschiefen Brettern behelfsmäßig zusammengenagelt und mit Stroh notdürftig gegen den Wind abgedichtet. Lenhard rüttelte sacht an der Tür. Sie ließ sich öffnen. Im Inneren der Hütte war es dämmrig, denn der Laden vor dem einzigen Fenster war zugezogen. Die Möblierung war mehr als karg. Ein Lager aus Stroh, ein grob gezimmerter Tisch, ein Hocker, ein Krug Wasser, eine Truhe.

„Wohnt hier etwa jemand?“, fragte Erla entsetzt.

„Sieht so aus“, bestätigte ihr Bruder.

„Aber, wovon lebt er denn?“ Sie sah sich in der Hütte um. „Keine Vorräte, kein Brot, kein getrocknetes Fleisch oder Früchte, gar nichts. Nur ein Krug Wasser.“

Lenhard zog sorgfältig die Tür von außen wieder zu. Dann untersuchten sie die einfache Feuerstelle neben der Hütte.

„Die ist schon seit vielen Tagen nicht mehr benutzt worden“, stellte Lenhard besorgt fest.

„Wir werden das Rätsel hier und heute nicht lösen können“, sagte Heinfried ungeduldig. „Aber ich habe überhaupt keine Lust, hier bei Dunkelheit durch den Wald zu irren. Wir wissen ja nie, ob Garlands Galgenvögel unterwegs sind.“

„Garlands wer?“, erkundigte sich Lenhard belustigt.

„Na ja, welche von seiner Halunken-Truppe!“

Sie gingen zu den Pferden zurück. Lenhard drehte sich unterwegs einige Male um.

„Was hast du denn?“, fragte Erla.

„Ich weiß nicht. Nur so ein merkwürdiges Gefühl, als würden wir beobachtet.“

Erla sah sich verstohlen um. „Ich sehe niemanden. Aber eigentlich war es ganz schön unvorsichtig, dass wir die Pferde allein gelassen haben!“

Lenhard schlug sich erschrocken gegen die Stirn. „Du hast recht!“

Entdeckung im Wald - Pferde

Sie eilten zurück und sahen erleichtert, dass die Pferde noch dort warteten, wo sie angebunden worden waren. Rasch saßen sie auf und ritten, so schnell es die tiefe Dämmerung erlaubte, zur Burg zurück.

„Wirst du deinem Vater von der Hütte im Wald erzählen?“, fragte Lenhard, als sie später die Pferde versorgten.

„Auf jeden Fall“, erwiderte Heinfried. „Die Stelle liegt ja nicht mehr auf Burggebiet, aber doch so in der Nähe, dass mein Vater wissen sollte, wer dort wohnt.“

Lenhard nickte und schaute nachdenklich vor sich hin.

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