Im Netz der Spinne

1. Januar 2015

Angespannt schaut Timo um sich. Niemand zu sehen. Erleichtert wischt er sich den Schweiß von der Stirn. Da ist er gerade noch mal davongekommen. Aber um ein Haar hätte ihn der Kaufhausdetektiv erwischt. Und das hätte die Spinne ihm bestimmt übel genommen.

„Die Spinne“, so wird Timos Klassenkamerad Jochen von allen genannt. Das 15jährige, großgewachsene Muskelpaket ist der Chef der Schulhofgang, die alle in Angst und Schrecken versetzt, die nicht nach Jochens Pfeife tanzen und auf sein Kommando hören.

Eigentlich will Timo nichts mit den gemeinen und hinterhältigen Sachen zu tun haben, hinter denen die Spinne steckt. Doch weil er keine Lust hat, sich selbst auch ständig schikanieren zu lassen, hat er sich der Schulhofgang angeschlossen. Er findet diesen Plan ziemlich schlau. Und bis jetzt hat er es ja auch tatsächlich geschafft, sich aus fast allem rauszuhalten. Vor allem, wenn es darum geht, Schulkameraden zu verprügeln oder irgendwie lächerlich zu machen.

Damit will Timo nichts zu tun haben. Deshalb geht er lieber ab und an mal auf Diebestour im Kaufhaus, um der Spinne zu besorgen, was sie haben will, ohne dafür zu bezahlen.

Klar weiß Timo, dass das nicht in Ordnung ist und dass die Bibel das Sünde nennt. Aber es ist ja nur noch bis zu den nächsten Sommerferien. Dann hat er seinen Realschulabschluss und fängt eine Ausbildung zum Tischler an. Mit Jochen und der Schulhofgang hat er dann nichts mehr zu tun.

Timo kann sich ein Grinsen nicht verkneifen und für einen Moment ist er stolz darauf, wie er Jochen immer wieder ein Schnippchen schlägt und seine Position in der Schulhofgang unter Kontrolle hat. Er ist eben nicht so wie die ganzen Deppen, die willig tun, was die Spinne befiehlt.

„Gut gemacht“, lobt ihn Jochen, als er ein paar Minuten später seinem Auftraggeber gegenübersteht und seine Beute abliefert. „Du stellst dich echt geschickt an, Junge. Hab ich dir gar nicht zugetraut.“ Verschwörerisch lächelt er Timo an. „Leute wie dich kann ich gebrauchen. Komm morgen nach der Schule zu Akis Dönerbude. Ich habe einen Spezialauftrag für dich.“ Statt zu antworten, nickt Timo nur. So schnell es geht, macht er sich aus dem Staub.

„Da muss ich mir irgendwas ausdenken, warum ich nicht gekommen bin“, überlegt Timo, während er die Haustür aufschließt. Für ihn steht fest, dass er morgen nicht zur Dönerbude gehen wird. „Zu oft will ich auch nicht klauen, schließlich bin ich ja kein Verbrecher.“ Schwungvoll stellt er seinen dunkelblauen Rucksack neben den Kiefernholz-Schreibtisch. Dann setzt er sich die Kopfhörer auf und streckt sich auf dem Bett aus. Dabei streift sein Blick die Bibel auf dem Bücherregal. Sonst hat er täglich darin gelesen. Doch seit er zur Schulhofgang gehört, hat das stark nachgelassen. Auch jetzt steht ihm der Sinn nicht danach. „Das hat Zeit bis später“, schiebt er die Gedanken beiseite, die ihm ein schlechtes Gewissen bereiten wollen. Gedankenverloren starrt er die Decke an und in seinem Kopf ist auf einmal eine unbeschreibliche Leere.

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„Iiiiihhhhhh!“ Ein markerschütternder Schrei seiner kleinen Schwester weckt Timo auf. Er reißt sich die Kopfhörer von den Ohren und rennt zu Tine ins Zimmer.

„Was ist denn los?“, erkundigt er sich besorgt.

„Kuck mal da, die Spinne“, antwortet Tine und zeigt mit der rechten Hand zum Fenster. Timo kann nichts erkennen, weswegen seine Schwester so schreien muss.

„Siehst du das Spinnennetz denn nicht?“, fragt Tine mit angewiderter Stimme.

„Wo denn?“

„Na da, oben links in der Fenster-ecke. Eine riesenfette Spinne sitzt da in ihrem Netz und hat eine Fliege gefangen. Erst hat die Fliege versucht, sich aus dem Netz zu befreien. Aber dabei hat sie sich immer mehr in den feinen Fäden des Spinnennetzes verfangen. Und jetzt kommt die Spinne vom Rand des Netzes her, um sie genüsslich zu verspeisen“, schildert Tine ihre Beobachtungen. „Einfach ekelhaft!“, findet sie.

Fasziniert beobachtet Timo dieses Schauspiel. Die Fliege versucht immer noch, sich mit Flügelschlägen aus dem Netz zu befreien. Doch bei jedem Auf und Ab verkleben sich die Fäden mehr in ihren Flügeln. Die Spinnfäden schwingen zwar ein wenig hin und her, aber sie halten dem Befreiungskampf der Fliege stand. Und schon nach kurzer Zeit erlahmen ihre Kräfte. Jetzt hat die Spinne leichtes Spiel und fällt über ihre Beute her.

Timo staunt, wie fein die Spinne ihr Netz gesponnen hat. „Die Fliege hatte echt überhaupt keine Chance“, empört sich Tine, die ihren Ekel mittlerweile überwunden hat. „Ob die wohl gedacht hat, sie kommt da wieder raus?“

Timo schaut seine kleine Schwester entgeistert an. „Wie meinst du das?“, will er wissen.

„Tja, selber schuld“, stellt Tine altklug fest. „Wenn du einmal im Netz bist, hast du verloren. Da bist du gefangen und kommst alleine nicht wieder raus. Vorher besser aufpassen, kann ich da nur sagen.“

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Timo wird es mit einem Mal heiß und kalt. Wortlos dreht er sich vom Fenster weg und geht in sein Zimmer. Nachdenklich lässt er sich auf sein Bett fallen. „Mir geht es wie dieser Fliege“, ist ihm plötzlich klar. Er ist auch im Netz gefangen. Und alleine wird er sich daraus nicht befreien können, auch wenn er es sich so leicht vorgestellt hat.

„Herr Jesus, hilf mir“, seufzt er unwillkürlich. „Ich wollte keinen Ärger mit Jochen und seiner Schulhofgang. Deshalb dachte ich, die kleinen Diebstähle sind nicht so schlimm. Aber es ist genauso Sünde wie andere zu verletzen. Und heute habe ich endlich begriffen, dass ich mich mit jedem Diebstahl weiter in Jochens Netz verheddere. Vergib mir bitte und befreie mich aus dem Netz!“