In Feindeshand II – Lenhard 6 –

1. Dezember 2014

Lenhard, Aarlands Knappe, hatte die feindliche Burg Rabeneck ausspionieren wollen. Doch er war gefasst worden und befand sich nun in der Gewalt des grausamen Herrn von Rabeneck…

Der Aufschub.

Mit hängendem Kopf trottete Lenhard neben Johann, dem bulligen Knecht Garlands, her. Er fürchtete sich so davor, wieder viele Stunden in dem dunklen, kalten Verlies von Burg Rabeneck verbringen zu müssen. „Gott, hilf mir!“, betete er verzweifelt.

Das Gefängnis

Das Gefängnis

Es hatte zu regnen begonnen und die eisigen Tropfen stachen wie Nadeln. Lenhards Kleidung war im Nu durchnässt. Johann schob ihn gewohnt barsch die Leiter zum Turmeingang hinauf. Doch bevor er Lenhard in sein Verlies hinunterklettern ließ, fasste er in die Tasche seines weiten Mantels und holte eine köstliche, dicke Scheibe frischen Brotes hervor. „Nimm“, knurrte er. „Danke!“, murmelte Lenhard überrascht. Johann nickte ihm zu. „Ich hab’ nichts gegen einen Kampf mit Männern“, brummte er. „Aber Kinder einsperren und hungern lassen, das ist nicht mein Ding! Hätte ich das gewusst, hätte ich dich laufen lassen! Es tut mir leid, was mit Aarlands Tochter passiert ist. Es war ein Versehen! Ich kämpfe nicht gegen Kinder und Frauen.“ Lenhard sah ihn dankbar an. „Ich habe solchen Durst“, klagte er. Johann überlegte einen Moment. „Gedulde dich noch eine Stunde bis zur Dunkelheit, dann bringe ich dir Wasser und eine Decke.“

Ein wenig getröstet kletterte Lenhard in das Verlies hinunter. Er fror erbärmlich in seinen nassen Sachen. Nur ab und zu nahm er heißhungrig einen Bissen von dem Brot, das ihm so köstlich schmeckte! Wer wusste, wie lange er damit auskommen musste.

Johann hält Wort

Johann hält Wort

Doch Johann hielt Wort. Bald schon schien das dünne Licht einer Laterne in den Schacht. An einem langen Seil ließ Johann einen Korb herab, der einen großen Krug Wasser, ein Brot und einen Käse enthielt. Außerdem warf ihm Johann zwei dicke Decken zu. Dann wurde es erneut finster in Lenhards Gefängnis, aber das machte ihm schon nicht mehr so viel aus. „Gott lohne es dir, Johann“, wisperte Lenhard. Dankbar zog er seine nassen Sachen aus und hüllte sich in die Decken. Dann tastete er nach dem Krug im Korb, nahm durstig einen langen Schluck von dem kühlen Wasser. Wie wohl das tat! Er aß ein großes Stück Brot und von dem Käse. „Danke, Gott“, murmelte er. „Du hast mich nicht vergessen!“ Gesättigt und in die dicken Decken gehüllt, schlief Lenhard in dieser Nacht ein wenig besser. Als er erwachte, stärkte er sich erneut mit Wasser, Brot und Käse.

Er zog seine Kleidung wieder an, die sich immer noch feucht und klamm anfühlte. Lenhard fröstelte. Die Zeit schlich quälend langsam dahin. Lenhard betete und versuchte, sich alle Bibelverse ins Gedächtnis zu rufen, die er auswendig wusste. Leider waren es noch nicht so viele. Er dachte an die Hausandachten, die Aarland morgens nach dem Frühstück hielt, an die Abende, wenn Friedlinde ihnen etwas vorlas, und an die Sonntage in der Kapelle. Die Erinnerung schien ihm so von Licht erfüllt und er sehnte sich so sehr nach seinem Zuhause! Ob er Aarland und seine Familie jemals wiedersah? Tränen brannten in seinen Augen. Lenhard versuchte, an etwas anderes zu denken. Ob Johann ihm heute wieder etwas bringen konnte?

Endlich wurde die Falltür über seinem Gefängnis geöffnet und die Strickleiter hinabgelassen. Doch es war nicht Johann, der ihn oben erwartete, sondern ein anderer von Garlands Knechten. Lenhard folgte ihm beklommen hinüber in die Kemenate. Der Burgherr saß in seinem hohen Lehnstuhl und spielte mit seinem Schwert. Er sah nicht auf, als Lenhard hereinkam. „Vermisst du deinen Freund Johann?“, fragte er nach einer Weile mit gefährlich leiser Stimme. Lenhard fuhr der Schreck in die Glieder, gleichzeitig packte ihn heiße Angst um Johann. „Ich habe ihn noch gestern Abend unter Bewachung auf eine Strafexpedition geschickt“, beantwortete Garland die unausgesprochene Frage des Jungen. „Ich mag es nämlich nicht besonders, wenn man mich für dumm hält! Und auch mit dir verliere ich langsam die Geduld! Ich gebe dir jetzt noch Bedenkzeit bis heute Abend. Gehst du dann nicht auf meinen Plan ein, bleibst du in deinem Turmverlies – und auch Johann wird dir nicht helfen können!“ „Sie wollen mich verhungern lassen?“, fragte Lenhard ungläubig. „Es liegt an dir“, erwiderte Garland kalt. Dann gab er dem Knecht einen ungeduldigen Wink, Lenhard in sein Gefängnis zurückzubringen.

Gewissensnot.

In Lenhards Herzen herrschte ein furchtbarer Aufruhr. Die Vorstellung, in seinem finsteren Kerker langsam zu verhungern oder zu verdursten, erfüllte ihn mit Panik. Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg. Wenn er zum Schein auf Garlands Plan einging? Wenn er, Lenhard, sich nach tagelanger Abwesenheit in einer mondlosen Nacht der heimischen Burg näherte, würde Aarland doch bestimmt Verdacht schöpfen! Und die Zugbrücke schließen, ehe die Feinde, die im Hinterhalt lauerten, eindringen konnten! Oder vielleicht würde der Torwächter den Zugang zur Burg gar nicht erst öffnen. Aber wenn er es doch tat? Lenhards Gedanken verwirrten sich. „Ich kann es nicht riskieren, dass Aarland und seine Familie in Garlands Hand fallen“, sagte er laut und schlug mit der geballten Faust in seine offene Rechte. „Denn wozu Garland fähig ist, erlebe ich am eigenen Leib.“ Doch wenn er sich weigerte! Ihm brach der kalte Schweiß aus. Er musste nachgeben und tun, was Garland sagte. „Gott, stehe mir bei!“, betete er verzweifelt. „Lass nicht zu, dass Aarlands Familie etwas Böses geschieht!“ Aber hatte er ein Recht, so zu beten, wenn er aus Feigheit in den Verrat willigte? Lenhard tastete nach dem Korb. Der Wasserkrug war leer und schon wieder peinigte ihn quälender Durst. „Ich werde es tun“, murmelte er. Sein Kopf fühlte sich heiß und fiebrig an, gleichzeitig fror er vor Aufregung und Schwäche. „Ich werde tun, was Garland verlangt.“ Er sank auf seine Decke und barg das Gesicht in den Händen. Scham und Angst kämpften in seinem Herzen um die Oberhand.

Plötzlich wurde die Falltür über dem Schacht mit einem Ruck aufgerissen. Mattes Winterlicht fiel herein. Die Strickleiter segelte zu ihm herunter. Lenhards Herz klopfte bis zum Hals. Es war doch noch gar nicht Abend. Garland persönlich erwartete ihn am Fuß der Leiter zum Burgfried. Lenhard blinzelte halbblind in eine kleine kalte Wintersonne. Im Hof hielt ein Reiter, der ihm so bekannt vorkam. Aarland! Aarland war hier! Er sprang von seinem Pferd. Garland gab dem Jungen einen wütenden Stoß. Aarland fing ihn auf und drückte ihn für einen Moment an seine breite Brust. Dann holte er einen schweren samtenen Beutel aus seinem Umhang und warf ihn Garland zu. Garland öffnete ihn gierig und zählte die Goldmünzen. Er nickte. „Verschwindet, alle beide“, zischte er und deutete auf das offene Burgtor. Aarland saß auf und hob Lenhard hinter sich auf das Pferd. Lenhard fühlte sich wie im Traum. Er konnte es nicht fassen. Er war frei!

Das Lösegeld

Das Lösegeld

Sie passierten die Zugbrücke, wo eine Schar von Bewaffneten auf Aarland wartete. Gemeinsam ritten sie zu Aarlands Burg. Sofort wurde die Zugbrücke für sie herabgelassen.

Treue.

Als sie das Hufgetrappel hörten, stürzten Friedlinde, Heinfried und Erla aus der Kemenate, kaum, dass sie abgesessen waren. Frau Friedlinde umarmte Lenhard. „Wie gut, dass du zurück bist!“, sagte sie mit erstickter Stimme. „Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht!“, ergänzte Heinfried. „Dein Pferd kam gestern Morgen zurück, aber von dir fehlte jede Spur! Du musst uns alles erzählen!“ „Aber vor allem musst du in die warme Stube“, bestimmte Friedlinde. „Du siehst ganz erfroren aus!“ Sie gab Anweisung, dass ein warmes Bad für Lenhard vorbereitet wurde. Welcher Luxus! Lenhard fühlte sich noch immer wie in einem Traum.

Eine Stunde später saß Lenhard frisch gestärkt in warmer, sauberer Kleidung vor dem Kamin in der Kemenate im Kreis der Familie. „Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich frei bin. Woher wussten Sie, wo ich war?“, fragte er.

„Heute früh, lange vor der Morgendämmerung, kam einer von Garlands Leuten zu uns. Der Torwächter hätte beinahe einen Pfeil auf ihn angelegt. Doch der Mann rief, er bringe Nachricht von dir.“

„Johann“, murmelte Lenhard voller Freude. „So konnte er entkommen! Er hat Kopf und Kragen riskiert, um mir zu helfen!“

„Johann, so heißt der Mann“, bestätigte Aarland. „Natürlich vermuteten wir eine Falle. Doch die Geschichte, die er erzählte, klang so wild, dass sie nur wahr sein konnte. So ritt ich zu Garland und sagte ihm auf den Kopf zu, dass er dich gefangen halte. Ich kenne Garlands maßlose Geldgier, die noch größer ist als seine Grausamkeit. So konnte ich dich freikaufen.“

„Und wir wollen Gott von Herzen danken, dass Garland euch gehen ließ, ohne einen Hinterhalt oder eine andere Gemeinheit zu versuchen“, sagte Frau Friedlinde.

Lenhard senkte den Kopf und flammende Röte bedeckte sein Gesicht. „Sie haben eine riesige Summe in Gold an Garland bezahlt“, sagte er. „Das habe ich nicht verdient! Ich bin ein treuloser Verräter!“ Seine Lippen zitterten. „Garland drohte mich im Verlies verhungern zu lassen, wenn ich ihm nicht Zugang in die Burg verschafft hätte! Ich sollte mich bis heute Abend entscheiden. Und – ich hätte es getan, ich konnte es einfach nicht mehr aushalten in diesem Verlies!“ „Armer Junge“, sagte Frau Friedlinde liebevoll und fasste voll Erbarmen seine Hand. „Was hast du erduldet!“ Aarland lächelte und sein Gesicht war voll Güte. „Gott sagt uns in seinem Wort, dass niemand von uns über Vermögen versucht und geprüft wird, sondern stets so, dass wir es ertragen können. Wir wollen Gott danken, dass dieser Johann zu uns kam und du rechtzeitig befreit wurdest aus dieser Not.“ „Verzeihen Sie mir?“, fragte Lenhard voller Hoffnung. „Aber Lenhard, du hast doch nichts getan“, sagte Aarland. „Doch!“, widersprach Lenhard verzweifelt. „Ich war leichtsinnig und unüberlegt und hätte die ganze Burg in Gefahr gebracht!“ „Wenn es etwas zu vergeben gibt, dann bekenne es Gott! Wir haben dir nichts zu verzeihen.“ Aarland drückte mit festem Griff seine Hand. „Ich bin so froh, dass ich meinen tüchtigen, mutigen Knappen wiederhabe!“

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