In Feindeshand I – Lenhard 5 –

1. November 2014

Der Späher.

Die Novemberluft war klirrend kalt. Gefrorene Äste knackten unter den Hufen seines Pferdes. Lenhard ritt durch den Wald. Er spähte aufmerksam, suchte jede Deckung zwischen den dürren Zweigen. Seit jenem Ausritt vor vielen Wochen, als Erla Opfer jenes heimtückischen Angriffs geworden war, ritten die Bewohner der Burg nur noch unter dem Schutz bewaffneter Wachen aus. Doch an diesem Morgen hatte Lenhard einen geheimen Auftrag für den Burgherrn Aarland auszuführen und befand sich nach erledigter Arbeit auf dem Rückweg zur Burg.

Da bemerkte er vor sich eine Truppe von Reitern, die ihn aber noch nicht gesehen hatten. Die Männer unterhielten sich laut. Einer, ein vierschrötiger, bulliger Kerl, der bis an die Zähne bewaffnet war, sagte empört: „Garland hat mich ausgelacht! Ich hätte freie Sicht und freien Schuss gehabt. Doch anstatt Aarland ein für alle Mal aus dem Weg zu schaffen, hätte ich nur seine Tochter erwischt – und das nicht einmal richtig, was für eine Heldentat!“ Einer der anderen Bewaffneten schlug ihm auf die Schulter und neckte ihn: „Mädchenjäger!“ Der Erste brauste auf. „Sei vorsichtig mit deinen Worten! Ich werde nicht eher ruhen, bis ich den Burgherrn erledigt habe!“ Die anderen murmelten beifällig zu seinen Worten. „Kommt, weiter.“

Lenhard hörte die Worte mit heißem Zorn im Herzen. Erla hatte den heimtückischen Angriff zwar überlebt, doch sie war noch immer nur ein Schatten ihrer selbst. Ob sie je wieder ganz gesund und kräftig werden würde? Lenhard folgte den bewaffneten Männern. Er würde alles tun, um einen neuen gemeinen Anschlag zu verhindern.

Ausritt

Ausritt

Die Bewaffneten ritten durch dichten Wald, doch sie schlugen nicht den Weg zu Aarlands Burg ein. Lenhard atmete auf. Er kannte das Gebiet kaum, durch das sie jetzt ritten. Endlich tauchte in der Ferne ein trutziges Gemäuer zwischen niedrigen Felsen auf. Schwarze Vögel kreisten über dem hässlichen, klobigen runden Turm. Lenhard wusste sofort: Das konnte nur Rabeneck sein, Garlands Burg. Er fasste einen kühnen Plan. Er wollte die Burg ausspionieren!

Lenhard stieg von seinem Wallach, verbarg ihn zwischen den Bäumen und dichtem Gesträuch am Waldrand und schlich im Schutz der Felsen näher zur feindlichen Burg. Die Bewaffneten ritten gerade über die Zugbrücke und hielten ein kurzes Palaver mit dem Wächter am Tor. Niemand achtete in diesem Moment auf die Brücke. Lenhard entdeckte daneben einen winzigen Pfad zwischen den Felsen, der unmittelbar unterhalb des Torhauses endete. Er pirschte sich heran, hatte die Nische am Rand des breiten Tores fast erreicht, da ertönte ein scharfer Ruf von oben, von der Schießschartenmauer über dem Tor. Lenhard hätte sich ohrfeigen können. Er musste doch damit rechnen, dass man ihn von oben sehen konnte!

Die Bewaffneten fuhren herum, erblickten Lenhard, packten ihn und schleppten ihn in den Burghof. Sofort wurde die Zugbrücke hochgezogen.

In der Falle.

„Das ist Aarlands Knappe!“, stellte der bullige Bewaffnete triumphierend fest und musterte Lenhard. „Wenn das kein Fang ist!“

Sie banden Lenhard die Hände auf den Rücken, dass die Stricke seine Handgelenke abschnürten. Dann zerrten sie ihn hinüber zum Wohngebäude der Burg, zur Kemenate.

Lenhard hatte Angst. Doch er zwang sich, alle Einzelheiten des Torhauses, des Burghofs und der Schießschartenmauer bewusst wahrzunehmen und sich zu merken. Er musste so schnell wie möglich einen Fluchtplan erdenken.

Die Bewaffneten schoben ihn eine roh ausgehauene steinerne Treppe hinauf in eine düstere Halle, die nur von der dünnen Glut im Kamin etwas erhellt wurde. Der Burgherr saß in einem hohen Lehnstuhl und polierte sein Schwert und seine Lanze.

„Aarlands Knappe!“, meldete der Bullige. „Er wurde gefasst, als er sich der Zugbrücke näherte.“

Garland hob kaum den Kopf und musterte Lenhard aus schmalen Augen von unten herauf. „Besuch? Von Aarlands Burg? Wie nett“, meinte er spöttisch. „Aarland wird alt, dass er uns am helllichten Tag einen Spion schickt“, bemerkte der Bullige. „Einen grünen, unerfahrenen Jungen. Was denkt er sich dabei? Wenn er Streit mit uns sucht, dann doch bitte richtig!“

„Aarland weiß nicht, dass ich hier bin“, sagte Lenhard leise.

Der Burgherr beobachtete ihn jetzt aufmerksam. „Das glaube ich dir sogar“, sagte er und seine Stimme klang nicht unfreundlich. „Du hast einfach eine Dummheit gemacht und dich erwischen lassen.“

Lenhard ließ den Kopf hängen.

„Wir alle machen Fehler“, bemerkte Garland gelassen. „Dieser hier muss aber nicht unbedingt zu deinem Schaden sein!“

Lenhard schöpfte ein wenig Hoffnung und blickte Garland fragend an.

„Nun, ich kann selbst einen gewandten, gelehrigen jungen Knappen brauchen. Du kannst in meinen Dienst treten, mit mir zu Turnieren reiten, Abenteuer erleben. Allerdings würde ich dich sozusagen einer Aufnahmeprüfung unterziehen: Du wirst uns den Zugang zu Aarlands Burg ermöglichen.“

„Niemals“, entfuhr es Lenhard und es klang auch in seinen eigenen Ohren schroffer und unfreundlicher, als es in seiner Lage klug sein konnte.

Garland musterte ihn, ohne eine Miene zu verziehen. „Das wirst du dir noch überlegen, verlass dich darauf.“ Dann wandte er sich an den Bulligen. „Sperrt ihn ins Turmverlies, Johann. Aber lasst ihn mit Stricken hinunter. Ich will nicht, dass er sich die Knochen bricht! Noch nicht.“

Johann fasste Lenhard am Arm. Er und sein Kumpan führten ihn hinüber zu dem hässlichen Burgfried, über dem noch immer die Krähen kreisten. Der Eingang zum Turm befand sich etwa auf halber Höhe und war nur über eine Leiter zu erreichen. Johann schob Lenhard hinauf. Er hob eine Falltür, unter der sich ein gähnender Schacht auftat. Lenhard schauderte.

Johann schlang ihm ein dickes Seil unter den Achseln hindurch, das an einer Art Seilwinde befestigt war. Sie ließen Lenhard wohl zehn oder mehr Meter tief in den dunklen kalten Schacht hinunter. Mit einem unsanften Ruck landete er auf dem rauen Felsboden. Das Seil fiel herab. Dann wurde die Falltür über ihm geschlossen. Nun war es stockfinster.

Im Turm

Im Turm

Lenhard blieb einen Moment benommen liegen. Schließlich gewöhnten sich seine Augen ein wenig an das Dunkel und er bemerkte hier und dort einen winzigen Lichtschimmer, der durch die grob ausgehauenen und aufeinandergesetzten Steine des Turms drang. Lenhard befreite sich von dem Seil und tastete sein Gefängnis ab. Es war kreisrund, völlig leer und nahm anscheinend die ganze Grundfläche des Burgfrieds ein. Es gab keinen Ausgang. Natürlich nicht.

Unendlich langsam verging die Zeit. War er seit Stunden hier oder waren es erst Minuten? Lenhard lehnte seinen Kopf an die raue rissige Turmwand. Seine Gedanken kreisten wie aufgescheuchte Vögel immer wieder um seine verzweifelte Lage. Dann dachte er an seinen Burgherrn. Ob Aarland und seine Frau Friedlinde ihn schon vermissten? Aber sie hatten ja keine Ahnung, wo er steckte. Er war einer spontanen Idee gefolgt, hatte sich leichtsinnig in Gefahr gebracht.

Ihm war, als hörte er Frau Friedlindes sanfte Stimme, die ihnen stets am Abend vor dem Schlafengehen aus der Bibel vorlas. Lenhard erinnerte sich genau an das Wort aus den Psalmen: Lehre mich, Herr, deinen Weg: Ich werde wandeln in deiner Wahrheit; einige mein Herz zur Furcht deines Namens (Psalm 86,11). Frau Friedlinde hatte ihren Kindern und ihm dazu erklärt: „Ihr dürft in allem den Herrn Jesus Christus um Rat fragen. Besprecht eure Wege mit ihm. Lebt euer Leben mit ihm. Das gibt Sicherheit auch in unruhiger Zeit. Betet, bevor ihr eure Entscheidungen trefft.“ Das hatte er, Lenhard, heute versäumt. Nun war er in größten Schwierigkeiten! Und niemand wusste von seiner Not. Niemand? Der Herr Jesus Christus sah ihn in seinem finsteren Verlies! Lenhard war doch auch hier in seiner Hand, niemand konnte ihm schaden, wenn der Herr es nicht zuließ!

„Herr Jesus!“, rief Lenhard laut und seine Stimme hallte in dem kalten Gemäuer wider. „Herr, rette mich! Befreie mich!“ Und Lenhard spürte, wie die kalte Angst aus seinem Herzen wich und für einen Moment etwas wie Frieden in sein Herz einzog.

Die Entscheidung.

Lenhard war in einen unruhigen Schlaf gefallen. Als er erwachte, taten ihm alle Knochen weh und er fror in seinem kalten dunklen Gefängnis. War inzwischen schon der nächste Tag? Lenhard wusste es nicht. Er rappelte sich auf und ging in seinem Gefängnis auf und ab. Sein Magen knurrte, aber noch mehr quälte ihn der Durst.

Nach, wie es ihm erschien, wieder endlos langer Zeit wurde die Falltür über seinem Gefängnis geöffnet. Licht fiel in den Schacht. Eine Strickleiter wurde zu ihm herabgelassen. „Steig herauf!“

Lenhard gehorchte nur zu gerne. Johann packte ihn am Arm, führte ihn über den Burghof zur Kemenate und schob ihn dann in ein warmes Eckzimmer, wo das Feuer im Kamin lustig brannte.

Garland, der Burgherr von Rabeneck, saß beim Mittagessen. Es gab Braten, Gemüse und Früchte. Lenhard lief das Wasser im Mund zusammen. Garland sprach seinem Mahl kräftig zu, ohne Lenhard zu beachten. Endlich wandte er sich dem Jungen zu. „Hast du inzwischen über mein Angebot nachgedacht? Es soll dir an nichts fehlen in meinem Dienst!“ Er deutete auf die reich gedeckte Tafel.

Garland

Garland

Verzweiflung stieg in Lenhard hoch. „Ich kann Aarland und seine Familie nicht verraten“, versetzte er tonlos. Garland aß schweigend weiter. Nach einer schier endlosen Zeit rief er: „Johann! Bring den Gefangenen in den Turm zurück!“

(Wie es mit Lenhard weitergeht, erfahrt ihr in der nächsten Folge)

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