Die Feier – Lenhard 4 –

1. September 2014

Septembermorgen.

Es war nun fast ein Jahr her, seitdem Lenhard an einem kalten Herbsttag Zuflucht in Aarlands Burg gesucht hatte.

An diesem Sonntagmorgen Ende September stand er auf dem Söller des runden Turmes und schaute hinab auf das sonnendurchflutete Land. Die meisten Felder waren schon abgeerntet und die umgeackerte Erde leuchtete warm und braun in der Sonne. Im Westen, am Horizont, lag der Buchenwald, dessen Laub sich golden zu verfärben begann.

Lenhard atmete tief durch. Das Land war schön. Und er fühlte sich wohl! Seit einigen Monaten befand er sich nun schon als Knappe in Aarlands Diensten und lernte eine Menge bei dem Burgherrn, der ein ebenso tapferer wie gottesfürchtiger Mann war. Und er liebte und verehrte die Burgherrin Friedlinde wie eine Mutter.

Beinahe am schönsten waren die Sonntage, wenn alle Arbeit in der Burg ruhte und sie am Morgen zusammen in der Burgkapelle saßen und Gott lobten und sein Wort hörten. Die Nachmittage gehörten sorglosem Spiel oder den Ausritten mit Heinfried, die sie oft bis an die Küste hinausführten. Lenhard stand dann oft staunend am Strand und beobachtete die Wellen, die unaufhörlich den Strand hinaufliefen.

Lenhard wurde in seinen Gedanken unterbrochen, als leichte Schritte auf der Treppe ertönten. Erla streckte ihren Kopf heraus auf den Söller. Ihr Bruder Heinfried folgte ihr dicht auf dem Fuß. „Hier oben steckst du!“, rief Erla. „Das Frühstück ist doch schon fertig. Ich kann es kaum erwarten“, sprudelte sie hervor. „Heute Nachmittag reiten wir hinüber nach Burg Egstein! Mutters Cousine feiert ihren Geburtstag, wir sind eingeladen!“

Der Junghengst "Prinz"

Der Junghengst „Prinz“

Lenhard war ein wenig traurig. Er gehörte ja nicht zur Familie! Aber dann schüttelte er den Kopf über sich selbst. Er konnte lesen oder Prinz, sein hübsches, schwarzes Hengstfohlen, ausführen.

Wenige Minuten später saßen alle zusammen am Frühstückstisch. Erla plauderte unentwegt vom bevorstehenden Ausflug. Ihre Eltern hörten ihr lächelnd zu, während Heinfried ein wenig die Augen verdrehte.

„Wir leben ja nicht in Kriegszeiten“, sagte der Burgherr dankbar. „So ist es ausreichend, wenn uns Lenhard als mein Knappe und ein weiterer Bewaffneter begleiten“, überlegte er.

Lenhard freute sich. Wie schön würde es sein, zusammen mit Aarland und seiner Familie durch den sonnigen Buchenwald zu reiten!

Gemeinsam wanderten sie nun zunächst hinüber in die Burgkapelle. Lenhard hörte aufmerksam zu, als ein Text aus der Bibel gelesen und ausgelegt wurde: „Vertraut auf den Herrn für immer, denn in ihm ist ein Fels der Ewigkeiten! Gottes Zusagen gelten für alle Zeit. Wer ihm vertraut, ist in Sicherheit. Nichts und niemand kann Gottes Kinder aus seiner Hand rauben! Gott möchte, dass wir ihm in allen Lagen wirklich vertrauen. Er meint es gut mit uns!“

Der Ausflug.

Als Aarland, seine Familie und Lenhard in den Hof hinaustraten, warteten dort bereits der Bewaffnete und ein Reitknecht mit den gesattelten Pferden, deren Fell im Licht der Sonne aufleuchtete. Der Knecht half Erla und Frau Friedlinde in den Sattel. Lenhard warf der Burgherrin einen bewundernden Blick zu. Sie ritt einen prächtigen Fuchs und saß wunderbar zu Pferd. Auch Erla, der ihr Vater einen zierlichen Rappen gegeben hatte, konnte gut reiten, wie Lenhard sofort feststellte.

Erla

Erla

Der Torwächter öffnete die schwere Zugbrücke und mit fröhlichem Geklapper ritt die Gruppe vom Hof, über den Burggraben hinüber auf das offene Land hinaus. Der Weg, den sie nun einschlugen, führte hinüber in den dichten Buchenwald und war so schmal, dass höchstens zwei Reiter nebeneinander Raum hatten. Aarland und Lenhard bildeten die Vorhut, während der Bewaffnete als Letzter ritt. Lenhard hörte mit einem Ohr auf das fröhliche Geplauder von Erla und ihrer Mutter. Gleichzeitig achtete er aufmerksam auf den Weg und seine Umgebung, so wie er das in vielen Ausritten mit seinem Burgherrn geübt hatte. Doch der Wald lag völlig friedlich im sanften Herbstsonnenschein.

Nach einer Stunde erreichten sie Burg Egstein, wo sie bereits erwartet wurden. Zu Ehren der Burgherrin von Egstein gab es ein prächtiges Bankett im von vielen Fackeln festlich erleuchteten Burgsaal. Eine Reihe von Gästen aus der Nachbarschaft war geladen. Die Tafel bog sich förmlich unter der Last der köstlichen Speisen.

Lenhard saß am unteren Ende des Tisches. Während er aß, ließ er seine Augen aufmerksam umherschweifen. Erla und Heinfried steckten mit ihrer Cousine zusammen. Frau Friedlinde saß neben der Burgherrin von Egstein. Aarland war in ein intensives Gespräch mit dem Burgherrn und einigen anderen Rittern vertieft.

Als Nachtisch gab es herrliche Früchte, alles, was das sonnendurchflutete Land zu bieten hatte. Fröhliche Lieder und Gedichte wurden vorgetragen. Die Gespräche wurden lebhafter. Wie im Flug verging die Zeit.

Lenhard erhob sich, ging zu einem der schmalen Fenster und schaute besorgt hinaus. Leise näherte er sich dann dem oberen Ende der Tafel und blieb bescheiden dort stehen.

Aarland unterbrach sein Gespräch. „Was wünschst du, Lenhard?“, fragte er freundlich. „Die Sonne steht schon tief“, erwiderte Lenhard. Aarland folgte seinem Blick und nickte ein wenig erschrocken. „Du hast recht, es ist höchste Zeit für unseren Aufbruch!“ „Gern könnt ihr bei uns übernachten“, mischte sich die Burgherrin von Egstein liebenswürdig in das Gespräch.

„Du hast eine Menge andere Gäste zu versorgen“, erwiderte Friedlinde.

Die Familie rüstete nun rasch zum Aufbruch. Dennoch herrschte schon Dämmerlicht im Buchenwald.

Lenhard sah sich mit erhöhter Aufmerksamkeit um, während er wieder mit Aarland voranritt. Jede Sehne in seinem Körper war gespannt, all seine Sinne waren konzentriert. War es sein Instinkt, der ihm erhöhte Wachsamkeit eingab? Fast hatten sie die schützende Burg erreicht. Da, plötzlich vernahm Lenhard das winzige Knacken eines Zweiges. Dann, im Bruchteil einer Sekunde sah er einen Bogen zwischen den Zweigen der Bäume aufblitzen.

Der Pfeil

Der Pfeil

„Vorsicht, Deckung!“, schrie Lenhard, Aarland reagierte sofort, doch es war schon zu spät. Ein Pfeil sauste mit hellem Sirren durch die Luft. Mit einem Klagelaut sank Erla im Sattel zusammen. Lenhard sah aus dem Augenwinkel, dass Heinfried im letzten Moment die Zügel ihres Pferdes erwischte, ehe das Tier in wilder Flucht durchgehen konnte.

Glühender Zorn erfüllte Lenhard. Welche unglaubliche Feigheit, aus dem Hinterhalt auf Frauen und Kinder zu schießen! Er schnappte seine Armbrust und bahnte sich einen Weg seitwärts ins Gebüsch, dorthin, woher der hinterhältige Überfall erfolgt war. Der Bewaffnete folgte ihm, während sich Aarland um seine Familie kümmerte. Er stützte seine Tochter, die kraftlos in seinen Armen hing und brachte sie und Frau Friedlinde zum schützenden Burgtor.

Lenhard lauschte in den dämmrigen Wald hinein. Wieder war das Knacken von Zweigen zu hören. Dann das leise Wiehern eines Pferdes. Lenhard saß ab und schlich leise vorwärts. Direkt vor ihnen auf einem Seitenweg erblickte er Garland, den Erzfeind seines Burgherrn, in Begleitung eines Bogenschützen. Lenhard zielte. Der Bolzen seiner Armbrust traf Garlands Rappen genau in die Flanke. Das edle Tier bäumte sich auf. Garland, für den der Schuss völlig überraschend kam, stürzte im hohen Bogen vom Pferd.

„Ein guter Schuss“, lobte der Bewaffnete an Lenhards Seite. Er zielte ebenfalls. Sein Schuss zerschmetterte den Bogen des Bogenschützen.

„Das genügt“, sagte er. „Komm zurück zur Burg, Junge!“

Lenhard folgte ihm mit gesenktem Kopf. Sein Zorn war verraucht, zurück blieb nur dumpfe Angst.

Fragen.

Lenhard half die Pferde zu versorgen. Erlas Rappen widmete er besondere Aufmerksamkeit. Leise und beruhigend sprach er mit dem erregten Tier, das in seiner Box auskeilte und den Kopf hochwarf, dass man das Weiße der Augen sah. „Ich weiß, ich weiß“, murmelte Lenhard, „ich bin genauso empört wie du!“ Auch die anderen Tiere waren nervös. Doch endlich hörte man aus allen Boxen zufriedenes Mahlen.

Lenhard schlich hinüber zur Wohnburg. Er hatte Angst, scheußliche Angst. „Bitte, Herr Jesus“, flüsterte er. „Ach bitte, mach doch, dass Erla nicht so schwer verletzt ist!“ Müde wie ein alter Mann stapfte er die Treppe hinauf.

Heinfried saß zusammengesunken draußen im Gang vor Erlas Kammer in einem hohen Lehnstuhl. Er sah kurz auf, als Lenhard kam. Auf dessen fragenden Blick zuckte er hilflos mit den Schultern. „Im Dorf wohnt ein Arzt“, murmelte er, „Vater hat einen Boten gesandt.“

„Wie geht es ihr?“, fragte Lenhard. Heinfried sah ihn mit großen Augen an, in denen sich Lenhards eigene Angst spiegelte. „Nicht gut“, antwortete er.

Die beiden Jungen warteten stundenlang vor Erlas Kammer. Endlich traf der Arzt ein. Lenhard lauschte ängstlich.

Dann ging der Arzt wieder fort. Erlas Mutter kam aus der Kammer. Als sie die beiden Jungen sah, huschte ein schattenhaftes Lächeln über ihr Gesicht. „Erla möchte euch sehen“, wisperte sie. Leise, beinahe auf Zehenspitzen, schlichen die Jungen ins Zimmer und an Erlas Lager.

Lenhard erschrak. Das Gesicht des Mädchens war von leichenhafter Blässe. Doch sie lächelte den Jungen tapfer entgegen.

„Erla!“, rief Lenhard verzweifelt. „Wenn ich doch besser aufgepasst hätte! Wenn ich schneller reagiert hätte!“

Erla fasste seine Hand mit ihrer eiskalten Rechten. „Du hast überhaupt keine Schuld! Du hast doch blitzschnell reagiert.“

„Erla hat recht“, sagte ihr Vater müde, „dich trifft nicht die leiseste Verantwortung. Ich mache mir Vorwürfe! Garland ist hinterhältig, das wissen wir. Daran hätte ich denken und ausreichend Wachen mitnehmen müssen.“

„Quält euch nicht“, bat Friedlinde.

„Betet für mich“, flüsterte Erla, „mir ist so kalt!“

Der Arzt

Der Arzt

Bange Wochen folgten in der Burg. Erlas Wunde hatte sich entzündet. Das Mädchen hatte hohes Fieber und phantasierte. Nur ihre Eltern und ihre alte Amme durften zu ihr. Tag und Nacht wachten sie an ihrem Bett. Doch jeden Morgen stahl sich Lenhard zu Erlas Kammer und Friedlinde ließ ihn für einen Augenblick herein. Voller Kummer sah Lenhard dann auf das schwerkranke Mädchen, das ihm in dieser Zeit ans Herz wuchs wie eine wirkliche Schwester.

Wieder wurde es Sonntag und die Sonne schien von einem blassen Oktoberhimmel. Aarland, Heinfried und Lenhard nahmen bedrückt und schweigsam ihr Frühstück ein.

„Ich verstehe es nicht“, brach es plötzlich aus Lenhard heraus. „Damals – an dem Tag, als Erla verletzt wurde – da hatten wir doch gehört, dass wir Gott in allen Lagen vertrauen können, dass er das Beste für uns will! Warum hat Gott mich nicht zwei Sekunden früher reagieren lassen? Warum hat er nicht verhindert, dass Erla so schwer verletzt wurde? Und warum hilft er jetzt nicht, dass Erla wieder gesund wird?“

Aarland rieb sich müde die Augen. „Das weiß ich nicht, Lenhard. Schreckliche Dinge geschehen, Menschen verletzen einander. Gott verhindert das nicht immer. Das ist schwer zu verstehen. Aber Gott hat uns nie versprochen, dass wir kein Leid erleben, keine Angst, keine Schmerzen, keine Verzweiflung. Gott verspricht, dass er bei uns ist in jeder Not. Das spüren wir ganz deutlich, wenn wir an Erlas Bett sitzen. Gott ist da, ganz nah bei Erla und bei uns. Lenhard“, der Burgherr fasste seine Hand, „gib nicht auf, wirf dein Vertrauen nicht weg. Wir brauchen deine Unterstützung, dass du weiter für Erla und uns betest.“ Lenhard nickte. Er wandte sich ab. Aarland und Heinfried sollten seine Tränen nicht sehen.

Mühsam und eintönig schlichen die Tage. Alles Leben auf der Burg schien leiser zu verlaufen, wie unter einem dumpfen, grauen Schleier. Schließlich kam der November. Lenhard erwachte früh und schlich barfuß zum schmalen Fenster in seiner Kammer. Es hatte zum ersten Mal in diesem Jahr geschneit und das Land lag im Mondlicht wie unter einem weißen Tuch begraben. Der Morgen war so still!

Nackte Angst griff nach Lenhards Herzen. Er fiel vor dem Fenster auf die Knie, ohne den eiskalten Steinfußboden zu spüren. „Gott, bitte lass sie nicht sterben“, flehte er.

Mechanisch stand er auf und ging hinüber zu den Ställen. Er half dem Knecht, die Tiere zu versorgen, und ging dann hinüber zu Prinz, seinem eigenen Pferd. Er legte den Arm um Prinz’ Hals und heiße Tränen fielen in die weiche Mähne des Tieres.

Da, plötzlich hörte er rasche Schritte. „Hier steckst du!“, rief Heinfried. „Denk dir, Erla geht es besser! Das Fieber ist endlich gesunken. Sie hat ein paar Worte mit Mutter geredet. Jetzt schläft sie. Erla wird wieder gesund!“ Er umarmte Lenhard und sah dann etwas verlegen zur Seite.

Lenhard fühlte, wie ein zentnerschwerer Stein von seiner Seele fiel. „Danke, Gott“, murmelte er.

Und noch am selben Abend, während Erla in der Hut ihrer treuen Amme schlief, trafen sich Erlas Eltern, Heinfried und Lenhard zum Dankgebet in der kleinen Kapelle.

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