Stadt der Diamanten

1. Mai 2014

Es war noch früh am Morgen. Jeremy Walton verließ die jämmerliche Unterkunft am Stadtrand von Kimberley, die er sein Zuhause nannte, und schlug den staubigen Pfad zu seinem Claim ein. Hier, auf einer winzigen Parzelle innerhalb der Kimberley Mine, die so zerfurcht und zerpflügt aussah wie das innere eines riesigen Ameisenhaufens, verbrachte der junge Engländer seine Tage. Von dem wenigen Geld, das ihm nach der Überfahrt geblieben war, hatte Jeremy einen Anteil in der verheißungsvollen Kimberly-Diamantmine erworben und schuftete hier bis zu 16 Stunden am Tag. Doch bisher hatte er nur wenige, sehr kleine Diamanten gefunden, deren Erlös gerade für seinen Lebensunterhalt reichte.

Langsam stieg die Sonne höher. Jeremy bemerkte nichts davon. Ohne aufzuschauen wühlte er Stunde um Stunde in der Erde und durchsiebte das lockere Kimberlit nach den glänzenden Rohdiamanten. Das Loch, das er in den letzten Wochen in die Erde gegraben hatte, war schon mehr als zwei Meter tief. Der Schacht seines Nachbarn, der nur durch eine dünne Erdwand von seinem Loch getrennt war, reichte sogar sechs Meter in die Tiefe. Auf der anderen Seite des Geländes lag der Grund bereits viel tiefer. Straßen und Pfade führten hinab. Ein englischer Schriftsteller beschrieb die Kimberly-Mine später so: wie ein Haus mit 500 Zimmern, von denen keins auf dem gleichen Stockwerk lag wie das andere, weder durch Treppenhäuser verbunden noch mit Fenstern oder Türen versehen.

Jeremy wischte sich erschöpft den Schweiß aus dem Gesicht. Er ließ sich in die Hocke hinab und griff nach der Wasserflasche. Das Wasser schmeckte schal und abgestanden. Er biss in sein Fladenbrot. Ein verirrter Sonnenstrahl erhellte das stickige Loch, in dem er arbeitete. Etwas blitzte hell auf in der Sonne. Jeremy ließ seine Flasche fallen. Atemlos beugte er sich vor. Dort in der Wand zum Nachbarclaim glitzerte ein Stein auf. Jeremy vergaß alle Vorsicht. Er konnte an nichts denken als an den Diamanten, der da zum Greifen nah vor seinen Augen lockte. Mit der kleinen festen Spitzhacke begann er die Stützwand zu bearbeiten. Der Stein steckte so fest im Kimberlit!

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Die Erdwand bildete Spalten und feine Risse, Geröll und kleine Steine rieselten in seinen Schacht. Jeremy achtete nicht darauf. Sein Atem ging stoßweise. Er fühlte seinen Traum zum Greifen nah. Wie groß der Stein aussah! Vielleicht ein Dreißigkaräter oder sogar mehr? Noch ein heftiger Schlag mit der Hacke und Jeremy konnte den Stein herausbrechen.

Im gleichen Augenblick ertönte ein hässliches Reißen, Poltern und Grollen. Die Wand zum Nachbarclaim hatte einen langen Riss bekommen. Langsam, wie in Zeitlupe geriet das Gestein in Bewegung und große Erdbrocken prasselten in den Schacht herab. Instinktiv hob Jeremy die Arme, um seinen Kopf zu schützen. Da ertönte erneut ein lautes Krachen – und dann ein Schrei aus dem Nachbarschacht. Das musste Jan Eyck sein, der junge Bure, der den Claim neben Jeremy bearbeitete!

Jeremy schaute erschrocken nach oben. Die Hälfte der Trennwand war eingefallen und zum größten Teil in den Nachbarschacht gestürzt.

Jeremy grub sich hektisch aus seinem Schacht heraus, kalte Panik im Nacken. Auch aus den anderen nahen Claims kamen die Arbeiter heran. Gemeinsam gruben sie den verschütteten Diamantengräber aus und schafften ihn aus seinem Schacht herauf.

„Lebt er noch?“, wisperte Jeremy, blass bis in die Lippen.

John, ein älterer Diamantendigger, nickte ungeduldig. „Schnell, ist ein Arzt oder Sanitäter hier draußen?“

„Nein“, scholl es ihm entgegen.

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„Dann müssen wir ihn in die Stadt bringen.“

Gesagt, getan. Niemand dachte mehr an die Arbeit, zumindest für einen Augenblick. Alle halfen zusammen, ein langes breites Brett diente als provisorische Bahre.

Auf Messers Schneide

Zwei Sanitäter nahmen den schwer verletzten jungen Buren in Empfang. Dann kam endlich der Arzt.

Die Diamantengräber kehrten zu ihren Claims zurück. Nur John blieb bei Jeremy, der wie ein Tiger im Käfig in dem kleinen Vorraum auf und ab lief, während der Bure versorgt wurde.

„Du machst mich nervös“, klagte John.

Jeremy blieb mit einem Ruck stehen und vergrub die Fäuste in den Hosentaschen. Er zuckte zusammen, als sich etwas Scharfes in seinen Finger bohrte. Der Stein! In seinem Schreck, als die Kimberlit-Brocken auf ihn herabprasselten, hatte er ihn unwillkürlich in die Tasche gesteckt. Jeremy zog den Diamanten hervor und betrachtete ihn bitter.

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John trat überrascht einen Schritt näher. „Ein Prachtexemplar“, meinte er anerkennend. „Der hat gut und gern seine 30 Karat! Da hast du ausgesorgt!“

Jeremy senkte verzweifelt den Kopf. „Er steckte in der Wand zu Jan Eycks Claim. Die Wand war schon sehr dünn, eigentlich schmaler, als wir es in der Mine als Minimalstandard vereinbart haben. Ich hab um jeden Zentimeter Erde gekämpft, noch jede dünne Bruchkante durchwühlt. Und als ich dann mit der Spitzhacke auf die Stützwand losging, habe ich Eyck nicht einmal gewarnt!“

Stumm lauschten die beiden Männer, was im Nebenraum vor sich ging.

„Ich bin schuld, wenn Eyck stirbt!“, schrie Jeremy plötzlich verzweifelt auf. „Oh Gott! Wer nimmt mir diese Schuld denn nur ab?“

„Gott!“, sagte John.

„Gott? Ist Gott denn zuständig für meine grenzenlose Gier? Für meine Rücksichtslosigkeit?“

„Ja!“, erwiderte John ruhig. „Er bietet dir einen ‚Tausch’ an, Junge! Du gibst ihm deine Schuld und er gibt dir seine Gerechtigkeit dafür!“

„Du machst dich über mich lustig.“

„Nein!“ John stand auf und stellte sich neben ihn. Er legte Jeremy die Hand auf die Schulter. „Gott hat seinen Sohn für Leute wie uns gesandt! Er will uns unser ganzes kaputtes Leben, unser ruheloses, habgieriges Herz wegnehmen und uns ein neues Herz schenken!“

„Wie?“

„Jesus Christus starb für dich am Kreuz. Bekenne ihm deine Schuld. Er wäscht sie ab, er schenkt dir seine Vergebung!“

„Und Jan Eyck?“ Jeremys Stimme war nur noch ein Flüstern. „Wenn er stirbt?“

„Auch dann! Es gibt keine Schuld, die zu schwer ist, die Gott nicht vergeben kann.“ John schwieg für einen Moment. „Aber auch jede kleine Verfehlung trennt dich unwiederbringlich von Gott, jede Lüge, jede Gemeinheit.“

„Das ist schwer zu verstehen!“

„Lüge, Habgier, Rücksichtslosigkeit, Totschlag – das sprudelt alles aus der gleichen Quelle. Darum ist für alles Gottes Vergebung nötig. Und sie ist für alles ausreichend.“

„Kann ich das jetzt gleich, hier und jetzt, haben, dass Gott mir vergibt?!“

„Ja“, sagte John schlicht. „Und er stellt dir keine Bedingungen. Nur dass du offen und ehrlich deine Schuld zugibst. Dafür ist sein Sohn, Jesus Christus, gestorben. Er hat deine und meine Schuld getragen, hat sie bezahlt.“

Jeremy fiel auf die Knie. Zuerst stotternd und mühsam nach Worten suchend, doch dann immer schneller, so dass es schließlich wie ein Sturzbach aus ihm hervorbrach, bekannte Jeremy seine Habgier, seine Sucht nach Geld und nach Anerkennung, die schließlich sein ganzes Herz ausgefüllt hatten.

„Gott hat mir vergeben!“, flüsterte er, als er von den Knien aufstand.

John legte den Arm um seine Schultern und drückte ihn für einen Moment an sich.

„Und du?“, fragte Jeremy. „Schürfst du noch nach Diamanten?“

John lächelte und nickte. „Früher füllte der Traum vom Reichtum all mein Denken“, beantwortete er Jeremys unausgesprochene Frage. „Ich vernachlässigte alles, meine Familie, meine Freunde. Bis ich alles verlor. Da wurde ich wach. Fand zu Gott. Die kalten Steine bedeuten mir nichts mehr. Ich schürfe so viel, dass ich leben kann. Das ist genug. Wenn ich ab und zu jemandem den Weg zu Gott zeigen kann – das ist mein Leben, meine Freude!“

Jeremy nickte beeindruckt.

Die Wende

Der Arzt kam aus dem Nebenzimmer. Er sah erschöpft aus. Jeremy stürzte auf ihn zu, versuchte in seinem Gesicht zu lesen.

„Er hat viel Blut verloren“, sagte der Arzt. „Aber er wird durchkommen.“

„Oh, Gott sei Dank, Gott sei Dank“, murmelte Jeremy. „Ich werde für die Behandlung und für seine Versorgung aufkommen. Bitte, kann er hierbleiben, bis es ihm wieder gut geht?“

Der Arzt betrachtete Jeremy zweifelnd. „Das wird eine Stange Geld kosten.“

Jeremy zog den Diamanten hervor.

Der Arzt lachte leise und meinte: „Das wird reichen!“

Einige Wochen waren vergangen. Jeremy stand an der Reling des Hochseeseglers und schaute zurück zur Küste Afrikas, die hinter ihm verschwand. Er hatte seinen Claim und den riesigen Diamanten verkauft, die Arztkosten für Jan Eyck bezahlt und eine Überfahrt in die Heimat gebucht. All seine Pläne hatten sich geändert. Er wollte sein Geld nutzen, um eine gute Ausbildung zu machen. Vielleicht würde er später nach Afrika zurückkehren, nicht um nach kalten Steinen zu graben, sondern um den Menschen zu helfen.

Kimberley: Stadt in Südafrika (Hauptstadt der Provinz Nordkap), heute etwa 1,1 Millionen Einwohner. Kimberley liegt am Zusammenfluss von Oranje und Vaal. Die Stadt entstand im Zuge des Diamantenrausches, nachdem dort 1866 die ersten Diamanten am Oranje und auf dem Gebiet des heutigen Stadtzentrums gefunden wurden.

Kimberlit: Der Name ist von der Stadt Kimberley abgeleitet. Kimberlite sind vulkanische Gesteine. Sie sind Lagerstätten für Diamanten, die durch so genannte pipes (sehr tiefreichende, senkrechte vulkanische Schlote) an die Erdoberfläche gelangen. Sie kommen in Südafrika, Brasilien, Australien, Sierra Leone und in Sibirien vor. Der erste Kimberlit wurde 1880 in Südafrika gefunden. Wenn diamantführende Kimberlite verwittern und von Wasser umspült werden, können sich Diamanten-Lagerstätten an Flüssen und an Küsten bilden. Dort wurden in Südafrika die ersten Diamanten gefunden (z.B. am Oranje-Fluss, der bei Lüderitz, Namibia, in den Atlantik mündet).