Lenhards Leben auf der Burg – Lenhard 3 –

1. November 2013

Seit drei Monaten lebte Lenhard nun schon in der Burg. Tiefer Winter war eingekehrt und das Leben ging nach den Aufregungen um Garlands versuchten Überfall nun einen ruhigen Gang.

Lenhard dachte mit strahlenden Augen an jenen Moment zurück, als Aarland, der Burgherr, ihm für den nächsten Sommer ein Leben als Knappe in Aussicht gestellt hatte. Seit seiner Kindheit träumte er doch davon, das „Handwerk“ eines Ritters zu erlernen. Er wollte sich dieses Vertrauens würdig erweisen!

Lenhard

Lenhard

Jeden Morgen stand Lenhard lange vor Morgengrauen auf und hielt die Augen auf, wo er sich nützlich machen konnte. Er half in den Ställen, auf dem Wehrgang, im Hof und in den Vorratsräumen, wo immer er Arbeit sah.

Jakob, der Koch, der sein anfängliches Misstrauen gegenüber Lenhard schon lange aufgegeben hatte, sah ihn gern in der Küche. Lenhard schrubbte Töpfe, schleppte Holz für den Ofen und half beim Zubereiten der Mahlzeiten.

An diesem Tag saßen mehrere Mägde in der Küche. Sie mahlten Getreide zwischen großen Mahlsteinen. Lenhard sah ihnen einige Momente stirnrunzelnd zu und schüttelte den Kopf.

Jakob beobachtete ihn. „Das Mahlen ist eine mühsame Arbeit“, bemerkte er freundlich. „Willst du es einmal versuchen?“

Lenhard nickte bereitwillig. „Wird eigentlich noch alles Getreide in der Burg und im Dorf mit der Hand gemahlen?“, fragte er, während er sich mit einem schweren Mühlstein abquälte.

Mühlstein

Mühlstein

„Gewiss“, erwiderte Jakob erstaunt.

„Im Süden, wo ich herkomme, haben viele größere Dörfer eine gemeinsame Mühle, die meist durch Wasserkraft angetrieben wird.“

„Erzähl“, verlangte Jakob neugierig.

„Man nutzt die Fließkraft des Wassers – zum Beispiel an einem Fluss –, um ein großes Holzrad zu bewegen. Diese Kraft wird auf ein Zahngetriebe übertragen, das einen großen Mühlstein bewegen kann, verstehst du? So!“ Lenhard hatte das feingemahlene Mehl auf dem Tisch glatt gestrichen und mit dem Finger eine grobe Skizze gezeichnet.

Jakobs Augen wurden immer größer vor Staunen. „Das müssen wir sofort dem Herrn erzählen! Unser Fluss hat so viel Kraft, das merken wir immer, wenn er im Frühjahr nach der Schneeschmelze kaum in seinem Bett zu bändigen ist. Damit könnte man ein solches Rad bestimmt antreiben. Komm mit!“

„Jetzt, noch vor dem Frühstück?“

„Natürlich!“

Der Burgherr ließ sich von Lenhard die Funktionsweise einer Mühle erklären und nickte beifällig. „Woher weißt du das alles?“, fragte er.

„Ich habe mir unterwegs vieles anschauen und erklären lassen können“, erwiderte Lenhard bescheiden.

Das Wasserrad

Das Wasserrad

„Schön. Ich werde sofort mit meinen Bauleuten reden, genaue Pläne ausarbeiten lassen und einen geeigneten Bauplatz auswählen! Wenn du noch mehr ähnlich gute Vorschläge hast, lass es mich wissen“, sagte Aarland mit einem Lächeln.

Lenhard verabschiedete sich strahlend.

Schon wenige Tage später stand er erneut vor der Tür des Burgherrn. Aarland ließ ihn freundlich herein. „Was hast du auf dem Herzen?“, fragte er.

„Heinfried ist heute mit mir zum ersten Mal auf den Nordturm gestiegen“, berichtete Lenhard aufgeregt. Heinfried war der Sohn des Burgherrn. „Das Land ist wunderschön und weit und ganz in der Ferne konnten wir das Meer sehen!“

„Ich weiß“, sagte Aarland schmunzelnd.

Lenhard besann sich. „Die Felder sind ja längst abgeerntet und waren zum größten Teil mit Schnee bedeckt. Aber es fiel mir auf, dass große Flächen im Sommer wohl ganz brach gelegen haben?“

Aarland nickte bedächtig. „Wir können die Felder immer nur ein um das andere Jahr besäen, damit sie sich nach der Ernte wieder erholen können.“

Lenhard nickte ein wenig ungeduldig. „In manchen Regionen, durch die wir kamen, teilt man das Ackerland in drei Teile“, berichtete er. „Auf einem Teil wird Sommergetreide, auf einem Teil Wintergetreide gesät und nur ein Drittel liegt brach. Ich glaube, dass der gute, braune Ackerboden in dieser Gegend das auch hergeben würde.“

Aarland legte den Arm um Lenhards Schulter. „Das ist ein großartiger Gedanke!“, sagte er anerkennend. „Wir werden es ausprobieren!“, fuhr er nach einem Moment des Schweigens fort. „Du hast uns wichtige Dinge über die Landwirtschaft beigebracht, du arbeitest jeden Tag in der Burg, und mir wird viel Gutes von dir berichtet. Du hast eine besondere Belohnung verdient. Was wünschst du dir?“

Lenhard schloss für einen Moment die Augen. Er war glücklich. „Ich habe hier ein Zuhause gefunden!“, sagte er. „Sie haben mir sogar in Aussicht gestellt, dass ich bald als Ihr Knappe an Ihrer Seite sein darf. Diesem Vertrauen wollte ich gern entsprechen!“

„Aber das hast du doch schon!“, erwiderte Aarland warm. Einen Augenblick sah er Lenhard nachdenklich an. „Du möchtest dir alles verdienen, habe ich recht? Das gefällt mir! Wenn du nun meinst, keine Belohnung über das Erhaltene hinaus zu verdienen, so darf ich dir doch vielleicht ein Geschenk machen?“ Lenhard nickte zögernd und ein wenig verlegen. „Fällt es dir so schwer, ein Geschenk anzunehmen?“, fragte Aarland gutmütig. „Ich bin es nicht gewohnt!“ „Das glaube ich dir. Doch denke daran: Vor Gott sind wir alle Beschenkte! Gott gibt uns alles: Leben, Gesundheit, Freunde. Und viel wichtiger: Gnade und ewiges Leben, wenn wir an seinen Sohn, unseren Retter Jesus Christus, glauben! Weil wir so reich beschenkt sind, dürfen wir auch gegenseitig schenken und beschenkt werden!“
„So habe ich das noch nie gesehen!“, gab Lenhard zu. „Nun komm!“ Der Burgherr fasste den Jungen bei der Hand. Gemeinsam verließen sie den Wohntrakt. Aarland führte Lenhard hinüber zum hinteren, abgetrennten Teil des Pferdestalls.

Der Junghengst "Prinz"

Der Junghengst „Prinz“

Hier hatte sonst nur Aarlands eigener Pferdeknecht Zutritt. In der mittleren Box stand Domian, der mächtige, prachtvolle Rappe des Burgherrn. Aus der Box daneben erklang lautes Gepolter, Stampfen und Schnauben. „Was ist da los?“, fragte Lenhard. „Schau nach!“, erwiderte Aarland lächelnd. Vorsichtig trat der Junge näher und spähte über den Rand der Box. „Ohh“, staunte er. In der Box stand ein rabenschwarzer Junghengst, der wütend gegen das Holz trat und seinen schönen Kopf hin und her warf. „Er hasst es, eingesperrt zu sein“, sagte Aarland liebevoll. „Ja, ruhig, ganz ruhig!“, sprach er dem Pferd zu. „Das ist Prinz, der Sohn von Domian! Ab heute wirst du dich um ihn kümmern. Er soll dir gehören.“ Sprachlos starrte Lenhard den Burgherrn an. „Was ist? Möchtest du ihn nicht?“, fragte Aarland. „Doch, ja, aber ja!“, jubelte Lenhard. „Danke! Oh, ich danke Ihnen!“

Techniken im Mittelalter

Das Mittelalter (ca. 6-15. Jahrhundert) wird oft eine „dunkle Zeit“ genannt. Doch das gilt nicht für alle Bereiche des Lebens. Im Mittelalter wurden viele technische Entwicklungen z. B. aus der Römerzeit wiederentdeckt oder neue Entdeckungen gemacht. Einige davon habt ihr durch Lenhard kennengelernt.

Wasserkraft wurde genutzt, um schwere Arbeiten wie das Mahlen zu erleichtern

Dreifelderwirtschaft statt der sonst üblichen Aufteilung in eine bebaute und eine brachliegende Ackerfläche steigerten den Ertrag. Dadurch wuchs die Bevölkerung, weil mehr Menschen ernährt werden konnten.

Das Bankwesen mit Kreditwesen und ersten Anfängen von bargeldlosem Geldverkehr blühte vor allem in Italien.

Die Architektur entwickelte sich durch den Bau großer Gebäude und Kirchen rasant. Viele Menschen fanden hier Arbeit und Brot.

Mit einem Klick auf den unten angezeigten Ordner Lenhard, kannst Du Dir auch alle erschienenen Folgen von Lenhard anzeigen lassen.

Hier geht es zur nächsten Folge: Die Feier Lenhard 4