In höchster Gefahr – Lenhard 2 –

1. Oktober 2013

„Ist das langweilig!“, stöhnte Heinfried, der Sohn des Burgherrn. Frierend stand er an einem der schmalen Burgfenster und schaute hinaus in den Regen, der unaufhörlich vom Himmel strömte. „Langweilig?“ Lenhard, der elternlose Junge, der sich seit einigen Wochen in der Burg aufhielt und seitdem am Unterricht der Geschwister teilnehmen durfte, sah mit glühenden Wangen von seiner Lesefibel auf.
„Ja, langweilig!“, wiederholte Heinfried mit Nachdruck. „Warum liest du denn nicht?“, erkundigte sich Lenhard verwundert. „Ich hasse Lesen“, brach es aus Heinfried heraus. „Ich lerne es nur, weil meine Eltern es so wollen.“ „Liest du denn nicht gerne die spannenden Geschichten aus der Bibel, die unser Lehrer in der Fibel für uns nacherzählt hat?“ Heinfried wurde rot. „Ich kenne sie doch schon alle“, meinte er ausweichend. „Seht doch nur!“, rief Erla, die unterdessen den Platz ihres Bruders am Fenster eingenommen hatte. Von diesem Fenster der Kemenate aus konnte man den Innenhof der Burg und vor allem das Burgtor gut überblicken. „Schaut doch, Ernst-Harald, der fahrende Sänger, ist gekommen.“ Sie klatschte vor Freude in die Hände. „Dann gibt es heute Abend ein Festessen und Ernst-Harald wird uns Geschichten erzählen und seine Lieder singen.“ Nun waren auch die Jungen am Fenster und versuchten, durch den schmalen Fensterspalt einen Blick in den Hof zu erhaschen. „Den Mann kenne ich“, murmelte Lenhard nachdenklich.

„Aber er nannte sich Gugliemo.“ „Vielleicht war das ein anderer Sänger“, vermutete Heinfried. Lenhard schaute nachdenklich und mit gerunzelter Stirn zu dem Sänger hinunter, der einen Hut mit Feder, einen buntgewirkten Umhang, enge Beinkleider und hohe Stiefel trug. Seine Laute hing in einem wasserdichten Lederbeutel auf seinem Rücken. „Ernst-Harald kommt jedes Jahr ein- oder zweimal hinauf in den Norden“, erklärte Heinfried. „Er ist in jedem Dorf und in jeder Burg willkommen, weil er uns erzählt, was draußen in der Welt vorgeht. Von ihm erfahren wir alle Neuigkeiten.“ „Ja, ich weiß“, sagte Lenhard lächelnd. Heinfried schlug sich gegen die Stirn und lachte ein bisschen ärgerlich. „Ich vergess‘ das doch immer wieder, dass du selbst mit den fahrenden Leuten unterwegs warst. Mir kommt es so vor, als wärst du schon immer hier gewesen; du kennst schon jetzt mehr lateinische Vokabeln und kannst besser lesen als ich“, fügte er grinsend hinzu. Lenhard strahlte. „Die Zeit bei euch war auch bisher mit Abstand das Beste in meinem Leben“, sagte er.

Das Bankett

Wie Erla vermutet hatte, wurden am Abend die Nachbarn eingeladen und ein zünftiges Festessen gegeben. Jakob hatte alles aus seiner Küche aufgefahren, was der Herbst im hohen Norden zu bieten hatte. Da gab es gutes Brot, geräucherten Fisch, Wildbret, aber auch Gemüse und eingelegte Früchte, dazu ein kräftiges Weizenbier. Der fahrende Sänger schmauste und unterhielt die Männer, die um ihn herumsaßen. Lenhard hielt sich im Schatten der von Kerzen beleuchteten Festtafel und beobachtete ihn scharf. Das schmale dunkle Gesicht unter schwarzen Brauen, die lebhaften, nachtdunklen Augen, deren Blick plötzlich stechend wie ein Dolch werden konnte, der schmale, grausame Mund, halb verborgen unter dem gedrehten Schnauzbart: Gugliemo, wie er leibte und lebte.

Dann wurde die Tafel, die auf mächtigen Eichenblöcken lag, aufgehoben und mit den restlichen Speisen hinausgetragen. Der Sänger, der sich hier Ernst-Harald nannte, stimmte seine Laute und begann mit einem Vorspiel. Dann folgte sein Vortrag, Balladen und romantische Lieder, dazwischen fröhliche Gesänge und Neuigkeiten in Gedichtform. Die Zuhörer lauschten mit ganzer Aufmerksamkeit.

Der Sänger

Der Abend wurde lang, das Lachen lauter, die Gespräche lebhafter. Lenhard gähnte. Er war so müde. Doch er musste Gugliemo im Auge behalten. Endlich brachen die letzten Gäste auf. Der Sänger packte seine Laute in den Lederbeutel zurück. Dann wandte er sich an Jakob und sprach kurz mit ihm. Jakob nickte und lief hinüber zur Kemenate. Lenhard huschte aus dem Saal und flitzte hinter ihm her. „Jakob fuhr zusammen. „Junge, was machst du denn hier in der Dunkelheit?!“ „Was hat der Sänger von dir gewollt?“ „Ernst-Harald bittet um Quartier wegen des Regens und weil die Nacht so kalt ist.“ „Hat er schon häufiger hier übernachtet?“ „Ja, gewiss, weil es stets spät wird, wenn er seine Darbietungen gibt.“ „Wo wird Josefine ihn unterbringen?“ „Junge, du bist wirklich neugierig.“ „Sag doch bitte!“ „Ich weiß es nicht, ich nehme an, unten bei den Knechten.“ „Danke, Jakob.“ Lenhard entfernte sich nachdenklich und ging in seine Kammer hinauf. Unterwegs begegnete ihm der Burgherr. „Du bist noch wach, Lenhard?“ Der Junge zögerte einen winzigen Moment. „Der fahrende Sänger – ich traue ihm nicht. Bitte, können Sie nicht die Wache im Tor verstärken?“ Der Burgherr lächelte. „Das ist wirklich nicht nötig. Ernst-Harald kommt seit Jahren zu uns.“ „Ich traf ihn verschiedentlich unterwegs und in Situationen, die kein gutes Licht auf seinen Charakter warfen.“ „Vielleicht verwechselst du den Mann?!“ „Nein, ich glaube nicht.“ „Geh schlafen, Lenhard, und mache dir keine Sorgen!“ „Heißt es nicht auch in der Bibel, dass wir wachsam sein sollen?“, beharrte Lenhard. „Ich weiß, da geht es vielleicht mehr um innere Feinde, die aus dem eigenen bösen Herzen kommen. Aber vielleicht auch um äußere?“ Der Burgherr lachte leise. „Du bist hartnäckig und sehr klug und besonnen für dein Alter. Ich werde noch einmal zum Torwächter hinübergehen und ihm erhöhte Wachsamkeit einschärfen. Nun gute Nacht, Lenhard!“

In der Nacht

Gegen seinen Willen war Lenhard in seinem Stuhl eingenickt. Plötzlich fuhr er aus dem Schlaf auf. Es war dunkel in seiner Kammer. Lenhard tappte zum Fenster. Die Nacht war mondlos und nur wenige Sterne blitzten ab und zu durch die Wolkenfetzen, die der Wind über den Himmel trieb. Irgendwo über dem Moor schrie ein Käuzchen. Lenhard lauschte. In der Burg war es ganz still.

Lenhard schlich hinüber in Heinfrieds Kammer und rüttelte ihn an der Schulter. Heinfried protestierte laut. „Psst! Mach nicht einen solchen Lärm!“ Und Lenhard erzählte ihm schnell von seinem Verdacht. „Ich möchte einmal schauen, ob am Burgtor alles in Ordnung ist und der Sänger brav in seiner Kammer schläft“, schloss er. „Kommst du mit?“ „Natürlich!“ Heinfried war mit einem Satz aus dem Bett und schlüpfte in Hose und kurze Unterjacke, sein Wams. So sehr er Lesen und Lernen hasste, so sehr war er stets für ein Abenteuer zu haben! Die beiden Jungen verließen leise das Hauptgebäude und stiegen hinauf in den Wehrgang. Lenhard schaute durch die schmalen Schießscharten hinaus. Er erstarrte. Dann packte er Heinfried am Arm. „Sieh doch nur, dort drüben auf dem Weg durch das Moor!“ „Fackeln“, stotterte Heinfried.

Die Fackeln

„Zwei, drei, fünf, ach da hinten noch mehr, das ist ein ganzer Trupp! Und sie bewegen sich auf die Burg zu!“ „Lauf, weck deinen Vater, alarmier die ganze Mannschaft, alle Knechte!“ Heinfried spurtete los. Lenhard schlich weiter den Wehrgang entlang. Er schickte ein Stoßgebet zum Himmel: „Gott, du hast uns geraten, wachsam zu sein. Hilf mir, jetzt auch das Richtige zu tun und in Treue für meine Leute zu handeln!“ Leise näherte er sich dem Tor. Da hörte er ein leises Geräusch aus der Tor-Nische. Lenhard schlich näher. Der Torwächter! Der Mann war gebunden und geknebelt! In fliegender Eile zog Lenhard das winzige Messer aus seinem Stiefelschaft hervor, das er dort ständig bei sich trug, durchschnitt den Knebel und öffnete die Fesseln des Wächters. Der Mann rieb stöhnend seine Gelenke, dann richtete er sich auf. „Schnell, zum Tor! Wir müssen verhindern, dass er das Tor öffnet!“ „Wer?“ „Ernst-Harald. Er hat mich überrumpelt. Der Verräter! Die Stricke! Nimm die Stricke mit und komm!“

Da ertönte auch schon das unheilverkündende Rasseln des schweren Kettenzugs, mit denen die Zugbrücke über den Wehrgraben herabgelassen wurde. „Schnell!“

Der Feind

Der Torwächter sprang von hinten an den Sänger heran und riss ihm die Hände auf den Rücken. Mit scharfem Kreischen rastete der Kettenzug ein und die Zugbrücke blieb in halber Höhe über dem Graben stehen. Lenhard packte die Stricke und band damit die Hände des Sängers, der wütend um sich zu treten versuchte. Dann fesselte er auch Ernst-Haralds Füße. Das alles war eine Sache weniger Augenblicke. Schnell kurbelte der Torwächter die schwere Zugbrücke wieder herauf und verschloss das Tor. Mit beruhigendem Schnarren schnappten die schweren Riegel zu.

Der Torwächter

Inzwischen war es im Hof und auf den Wehrgängen lebendig geworden. Der Burgherr eilte zum Tor. „Garland, unser Feind, nähert sich dort draußen. Ernst-Harald, der Verräter, wollte ihm das Tor öffnen“, erklärte der Torwächter hastig. „Mit dieser Absicht brüstete sich der Sänger vor mir, nachdem er mich überwältigt hatte. Wenn Lenhard nicht im rechten Moment gekommen wäre …“ „Wo ist der Sänger?“ „Gebunden und geknebelt in der Tornische!“, meldete Lenhard zufrieden. „Gut. Sperrt ihn ein und bewacht ihn sorgfältig!“, ordnete der Burgherr an. „Die Feinde ziehen sich zurück“, meldete ein Kämpfer vom Wehrgang. Aarland, der Burgherr, lächelte. „Gut gemacht, Lenhard!“ „Ich war selber eingeschlafen, obwohl ich doch die ganze Nacht wachen wollte“, bekannte der Junge beschämt. „Aber ich glaube, dass Gott, der die ganze Zeit über uns wacht, mich im richtigen Moment geweckt hat.“ „Zweifellos ist das so!“, stimmte Aarland zu. „Nun komm!“ Er ließ doppelte Wachen im Tor zurück.

Wenig später saßen die beiden Jungen mit dem Burgherrn in der Kemenate zusammen. „Das war eine aufregende Nacht“, meinte Aarland. „Lenhard hat seine Zuverlässigkeit und seine Treue uns gegenüber aufs Schönste bewiesen. Ich habe große Pläne mit dir, mein Junge! Im nächsten Jahr, wenn der Frühling kommt, sollst du mein Knappe werden, mein Vertrauter, der mich überall hin begleitet. Und du sollst das Ritterhandwerk lernen.“ Ein Strahlen ging über Lenhards Gesicht. „Danke“, stotterte er. „Wir haben dir zu danken! Gott benutzte deine Aufmerksamkeit, um uns alle vor schwerem Schaden zu schützen.“

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Hier geht es zur nächsten Folge: Lenhards Leben auf der Burg Lenhard 3