Lenhards Geschichte – Lenhard 1 –

1. September 2013

In jenem Herbst war es zeitig kalt geworden. Dichter feuchter Nebel hing über der flachen Moorlandschaft.

Lenhard zog den fadenscheinigen Umhang enger um seine Schultern und stützte sich schwer auf den rohen hölzernen Wanderstab in seiner Hand, den er am Vortag unterwegs aufgelesen hatte. Seine Füße in den durchnässten Schuhen waren rot vor Kälte. Bald würde es dunkel sein und er brauchte dringend ein Quartier für die Nacht. Der Weg am Rand des Moors war nur noch undeutlich zu erkennen. Mühsam schleppte Lenhard sich weiter. Er durfte nicht rasten, nicht einschlafen.

Burg im Nebel

Die Burg im Nebel

Endlich lösten sich schemenhafte Umrisse aus dem Nebel, leise Geräusche drangen an sein Ohr, gedämpft durch die feuchte Luft. Das Moor hörte auf und stattdessen führte der Weg nun durch saftige Wiesen. Und da waren Tiere dort vor ihm, braun gescheckte Rinder, die von der Weide nach Hause getrieben wurden. Dann musste auch eine Ansiedlung in der Nähe sein, Menschen, Wärme, ein schützendes Dach!

Nun tauchte vor ihm ein Dorf aus dem Nebel auf, niedrige Häuschen und in der Mitte, von einem Wassergraben umgeben, eine feste, stattliche Burg mit hoher Mauer und vier Ecktürmen. Der Weg führte direkt auf den Eingang der Burg zu. Die breite Zugbrücke über dem Graben war heruntergelassen und dorthin führte der Hirte seine Tiere.

Lenhard schlich sich näher heran. Die geduldigen Tiere nahmen keine Notiz von ihm. Lenhard versteckte sich zwischen ihnen. Jetzt hatten sie die Brücke passiert. Da drückte er sich seitlich in die Tor-Nische. Aufmerksam spähte er in den Hof der Burg. Die Rinder wurden in den Stall gebracht, der sich wie bei vielen Burgen jener Zeit innerhalb der Burgumfassung befand, und der Knecht verschwand in einem Gebäude der Burg. Sicher war für ihn jetzt Abendbrotzeit. Lenhard wartete. Sein Herz klopfte zum Zerspringen.

Eingang der Burg

Eingang der Burg

Still und unbelebt lag der Hof der Burg vor ihm. Er war mit Steinen gepflastert. Im Hintergrund lag der Brunnen unter einem schützenden Vordach. Dahinter erhob sich ein dunkler Eingang, der gewiss zur Küche und zu den Vorratsräumen führte. Lenhard schlich hinüber. Mit der hohlen Hand schöpfte er etwas Wasser aus dem Wassereimer, der auf dem Brunnenrand stand, und löschte seinen ersten großen Durst. Dann flitzte er hinüber zum Eingang. Ein dunkler Weg führte einige Stufen hinab. Aus der Küche klang Lachen und das Klappern von Geschirr. Hier wurde wohl gerade das Abendessen bereitet. Lenhard merkte erst jetzt, wie sehr ihm der Magen knurrte. Vorsichtig schlich er sich weiter. In einem langgestreckten Vorratsraum, der nur wenig Licht durch ein schmales Fenster in der oberen Wand erhielt, wurden Fässer und Getreidesäcke gelagert. Lenhard schlüpfte zwischen einen Haufen leerer, grober Säcke, die für die Aufbewahrung von Getreide benutzt wurden, und verbarg sich darunter. Hier wollte er abwarten, bis die Burgbewohner zu Bett gingen.

Lenhard im Stall

Lenhard im Stall

In der Burg

Als Lenhard erwachte, war es dunkel um ihn herum, und er brauchte einen Moment, um sich zu orientieren, wo er war. Einzelne Getreidespelzen piekten ihn und kitzelten ihn in der Nase. Lenhard nieste heftig. Dann lauschte er erschrocken. Hoffentlich hatte ihn niemand gehört! Doch es blieb alles still. Er blinzelte zum Fenster hinaus, das sich direkt über ihm befand. Es war inzwischen ganz dunkel geworden. Der Nebel hatte sich verzogen und unendlich viele Sterne standen am Himmel. Wie spät es wohl war?

Lenhard stand auf und dehnte vorsichtig seine steifen Glieder. Dann schlich er hinüber in die dunkle Küche. Die Glut in dem riesigen Herd war fast erloschen und gab nur einen matten Schein. Riesige Pfannen und eiserne Töpfe standen ordentlich auf dem Wandbord aufgereiht. Daneben in einem Holzkorb lagen große Scheiben von köstlichem Weizenbrot, offenbar vom Abendessen übrig geblieben.

Lenhard zögerte. „Du sollst nicht stehlen!“, so war er als kleiner Junge unterwiesen worden, und immer hatte er versucht, sich daran zu halten. Doch jetzt war sein Hunger einfach zu groß. Er griff zu und aß. Wie köstlich das schmeckte! Und dort, in einem Holzkrug, wurde kühle Milch aufbewahrt, daneben ein Laib Käse, Stücke von gebratenem Hähnchen. Heißhungrig stopfte Lenhard das Essen in sich hinein. Seit gut zwei Tagen hatte er sich doch nur von wilden Früchten und Getreide am Weg ernährt!

Plötzlich fuhr Lenhard zusammen. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. Der Koch! Er war noch einmal zurückgekommen, um nach der Glut im Herd zu sehen. „Hab ich dich erwischt, Bürschchen!“, sagte er drohend. Lenhard ließ erschrocken den Becher fallen und die Milch ergoss sich über den Steinfußboden. Das Licht einer Kerze flammte auf und leuchtete ihm ins Gesicht. „Bitte, verzeihen Sie“, stotterte er. „Ich – ich wollte nicht stehlen, aber ich hatte solchen Hunger.“

Der Koch

Der Koch

„Das kannst du dem Burgherrn erzählen, ich hab keine Lust auf deine Lügen!“, knurrte der Koch. „Mitkommen!“ Grob stieß er ihn die Stufen hinauf und über den Hof zum Hauptgebäude.

In der Kemenate1 prasselte Feuer im Kamin. Hier saß der Burgherr mit seiner Familie zusammen. Er sprang auf, als er die Eintretenden bemerkte, und schaute den Koch fragend an. „Ich habe ihn in der Küche erwischt, als er sich den Bauch vollschlug, Herr“, sagt dieser. „Es ist mir ein Rätsel, wie er in die Burg gelangt ist. Am Ende gar ein Spion, der uns für Garland ausspionieren soll! Garland wartet doch nur auf eine Gelegenheit, die Burg zu überfallen!“

Der Burgherr schaute Lenhard zornig an. „Schließ ihn ein!“, entschied er. „Morgen werde ich mich weiter mit ihm befassen!“

Das Verhör

„Aarland, bitte!“ Die Burgherrin war aufgestanden und an die Seite ihres Mannes getreten.Fackel

Das Gesicht des Burgherrn wurde sanft. „Bitte rege dich nicht auf, Friedlinde“, bat er. „Wir lösen das Problem morgen. Bring ihn hinaus“, wandte er sich an den Koch.

„Aarland, ich bitte dich! Das ist doch noch ein Kind, ein Junge, nicht viel älter als unser Heinfried und halb verhungert. Hab Erbarmen mit ihm.“

Auch die beiden Kinder, die bisher mit einem Brettspiel beschäftigt gewesen waren, kamen nun herbei und starrten Lenhard neugierig an.

„Tritt näher“, sagte die Burgherrin freundlich.

Lenhard sah sie an und fasste sofort Zutrauen. Das sanfte, runde Gesicht, umrahmt von schwerem, hellblondem geflochtenen Haar, strahlte eine solche Güte aus, wie er sie nie bei einem Menschen zuvor gesehen hatte.

Ärgerlich gab ihm der Koch einen Stoß, sodass er einen Schritt vorwärtstaumelte.

„Wer bist du, Junge?“, fragte Aarland. „Wo kommst du her und wie bist du in die Burg gelangt?“

„Ich war zwei Tage unterwegs, Herr, vom Süden herauf. Mit dem Knecht, der die Rinder hereintrieb, kam ich in die Burg. Lenhard ist mein Name.“

„Lüg mich nicht an!“, grollte der Burgherr. „Willst du mir weismachen, du seiest ganz allein durchs Land gezogen? Wovon hast du gelebt? Diebstahl? – Rede!“

„Ich habe kaum noch Erinnerung an meine Eltern“, erwiderte Lenhard eingeschüchtert. „Jahrelang lebte ich bei einer Muhme2, die für mich sorgte, obwohl sie selbst arm war. Als sie starb, lief ich weg und schloss mich Vaganten an.“

„Was sind Vaganten?“, fragte das Mädchen neugierig. Sie war so blond wie ihre Mutter und musterte Lenhard halb mitleidig, halb argwöhnisch aus klaren hellblauen Augen.

„Das sind fahrende Leute, Schausteller“, erklärte ihr Bruder ein wenig abfällig. Er war dunkel wie der Vater, von kräftiger, gedrungener Gestalt und ein Stück kleiner als Lenhard, der gegen ihn dünn und hochaufgeschossen wirkte.

„Wo sind die Vaganten jetzt?“, erkundigte sich Aarland.

„Ich weiß es nicht. Wir – wir trennten uns. Der Anführer der Truppe wollte“, Lenhard zögerte einen Moment und biss sich auf die Lippen, „nun, er wollte, dass ich für ihn stehle und Leute ausspioniere. Aber das tut man nicht, es ist gegen Gottes Gebot. Ich bin weggelaufen. Das war vor zwei Tagen.“

„Und seitdem bist du allein unterwegs?“, fragte die Burgherrin mitleidig.

Lenhard nickte.

„Wie alt bist du?“

„Das weiß ich nicht genau. 12 Jahre vielleicht, oder 13.“

Info für euch

1: Muhme, altdeutsche Bezeichnung für „Tante“ oder allgemein weibliche Verwandte.

2: Kemenate, von lateinisch caminus = Feuer, beheizter Wohnraum in Gebäuden des Mittelalters.

Die Entscheidung

Unschlüssig sah der Burgherr von seiner Frau zu Lenhard und wieder zurück. Die Burgherrin hob bittend die Hände. Wie gut der Name Friedlinde zu ihr passte, dachte Lenhard bewundernd.

„Nun gut“, entschied ihr Mann. „Ruf mir Josefine herauf!“, wandte er sich an den Koch. „Sie soll ein Nachtlager für den Jungen in der kleinen Schlafstube vorbereiten. Wir wollen selbst ein Auge auf ihn haben.“

Der Koch entfernte sich brummelnd und mit einem finsteren Seitenblick auf Lenhard.

Dieser wusste nicht, wie ihm geschah. Ihm wurden die Augen feucht und er schämte sich nicht dafür, dass er weinen musste.

Er verbeugte sich tief vor dem Burgherrn. „Es tut mir sehr, sehr leid, dass ich hier eingedrungen bin und in Ihrer Küche Essen gestohlen habe. Das war nicht recht. Bitte verzeihen Sie.“

Das Gesicht des Burgherrn wurde freundlicher, und er nickte Lenhard ernst zu. „Ich verzeihe dir und ich will dir glauben, dass du es ehrlich meinst.“

Lenhard wandte sich zu der Burgherrin und sagte: „Danke!“

Eine halbe Stunde später lag Lenhard auf einem herrlich weichen Lager in einer kleinen Schlafstube an der Rückseite der Kemenate. Die Magd Josefine hatte ihm auf Friedlindes Anweisung hin sogar noch ein Glas warme Milch mit köstlichem Honig gebracht. Lenhard schloss glücklich die Augen. So behütet und geborgen hatte er sich seit Jahren nicht mehr gefühlt, eigentlich seit damals nicht, als die Eltern noch lebten. Geschichten von Verzeihung und Liebe, von Gnade vor Recht, kamen ihm undeutlich in den Sinn, und von Gott, der sich um die Menschen kümmert. Dann war Lenhard eingeschlafen.

Der erste Morgen

Lenhard hatte wunderbar geschlafen. Anschließend durfte er am Frühstück der Familie teilnehmen, das mit einem Gebet begann.Saal

Die Kinder des Burgherrn, Erla und Heinfried, nahmen wenig Notiz von Lenhard. Das war ihm nur lieb, denn er wusste nicht recht, wie er sich benehmen sollte. Eifrig beobachtete er die Burgherrin und versuchte den Becher und das Brot so zu halten wie sie. Frau Friedlinde lächelte ihm aufmunternd zu.

„In der Nacht hat es den ersten Frost gegeben“, sagte Aarland. „Der Winter setzt sehr früh ein in diesem Jahr. Wenn du möchtest, kannst du für einige Zeit bei uns bleiben“, ergänzte er.

„Danke!“, murmelte Lenhard fassungslos. Er spürte, dass ihm erneut die Tränen kamen, und wischte sie hastig fort. „Ich bin sonst nicht so weinerlich. Ich kann es nur nicht fassen. Warum sind Sie so gut zu mir? Warum tun Sie das alles?“

Aarland schwieg einen Moment. „Wir waren selbst heimatlos“, bekannte er leise. „Ich stamme aus einer zutiefst zerstrittenen Familie, in ständiger Fehde miteinander und mit den Nachbarn, ruhelos und ohne Frieden. Die Familie meiner Frau wurde durch einen Familienstreit fast ausgerottet. Hass und Rache bestimmten das Leben, bis wir die Botschaft von Jesus hörten. Jesus, der Sohn Gottes, kam auf die Erde, um die Sünden der Welt wegzunehmen. Doch er selbst musste dafür sterben! Das wurde uns kostbar. Wir brachten die Schuld, den Hass, die Rachegefühle im Gebet zu ihm und er nahm uns die Sünden und gab uns seinen Frieden dafür. Nicht, weil wir es verdient hatten, sondern als Geschenk, als gütige Gabe. Die Bibel, Gottes Wort, nennt das Gnade.“

„Diese Gnade hat unser Leben verändert“, sagte Friedlinde. „Wir müssen nicht mehr hassen, sondern dürfen einander lieben.“

Lenhard schloss für einen Moment die Augen. Wieder war es ihm, als könnte er die Stimme seiner Mutter hören: „Gott hat dich lieb, Lenhard, vergiss das niemals. Wende dich zu ihm.“

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Hier geht es zur nächsten Folge: In höchster Gefahr – Lenhard 2