Das Geschenk des Perlentauchers

1. Juni 2013

Fasziniert beobachtete David Moore, wie Gurvinder mit geschickten Händen eine Muschel aufbrach, um nachzusehen, ob sich darin eine kostbare Perle finden würde. Tatsächlich kam eine schöne, kugelrunde weiße Perle zum Vorschein. Mit geübtem Blick betrachtete der alte Perlentaucher seinen Fund.

David Moore konnte sich nicht erinnern, jemals eine solch schöne Perle gesehen zu haben.

„Wie entdeckst du bloß bei deinen Tauchgängen nur immer diese außergewöhnlichen Perlen?“, fragte der Missionar anerkennend.

„Das ist das Geheimnis der Perlentaucher“, erwiderte Gurvinder vielsagend. „Es wird immer nur vom Vater an den Sohn weitergegeben.“

Moore nickte verstehend.

„Doch diese Perle ist nicht besonders wertvoll“, erklärte der alte Perlentaucher dem überraschten Missionar. Moore zog fragend die Augenbrauen hoch.

„Sieh sie dir einmal genauer an“, forderte ihn Gurvinder auf.

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Die Perle in einer Muschel

Mit zusammengekniffenen Augen drehte der Missionar die Perle zwischen seinen Fingern. Er konnte keinen Makel erkennen.

„Da ist ein ganz feiner Riss und dort sind einige kleine schwarze Pünktchen“, erklärte der erfahrene Perlentaucher, während er mit dem Zeigefinger auf die Stelle deutete, die seinem geschulten Blick nicht verborgen geblieben war.

„Wenn du magst, besuch mich heute Abend in meiner Hütte, dann zeige ich dir eine wirklich wertvolle Perle“, lud er den Missionar ein. Nur zu gerne nahm Moore die Einladung an.

Zur verabredeten Zeit machte sich der Missionar auf den Weg durch das kleine indische Dorf an der Küste.

„Ob Gott mir heute vielleicht noch einmal eine Gelegenheit schenkt, ihm von dem kostbaren Geschenk zu erzählen, dass Gott allen Menschen durch seinen Sohn Jesus Christus machen möchte?“, überlegte er. Schon einige Male hatte er versucht, dem alten Perlentaucher zu erklären, dass er an den Sohn Gottes glauben müsse, um ewiges Leben geschenkt zu bekommen.

„Das ist mir zu einfach“, hatte Gurvinder jedes Mal abgewehrt. Er meinte, sich seinen Platz im Himmel verdienen zu müssen. Der alte Mann hatte sich darum fest vorgenommen, die 1500 Kilometer bis zum Tempel in der Stadt Delhi auf seinen Knien rutschend zurückzulegen. Das würde die Götter gnädig stimmen, hoffte er.

David Moore war tief in Gedanken versunken und merkte gar nicht, dass er sein Ziel schon erreicht hatte.

„Herzlich willkommen, mein Freund!“ Die freundliche Stimme Gurvinders riss ihn aus seinen Gedanken. Mit einer Handbewegung bat der Perlentaucher den Missionar einzutreten.

Die beiden Männer setzten sich. Auf dem kleinen Holztisch in der Mitte des Raumes stand ein kleines Kästchen, das Gurvinder zu sich heranzog. Beinahe zärtlich öffnete er das Schloss und holte ein sorgfältig zusammengefaltetes Stoffbündelchen daraus hervor. Mit zitternden Händen faltete er es auseinander. Eine strahlend weiß leuchtende Perle wurde sichtbar. David Moore konnte sich gar nicht satt sehen, so schön war diese Perle.

„Gefällt sie dir?“, wollte Gurvinder wissen. Der Missionar nickte stumm.

„Ich möchte sie dir schenken“, eröffnete der Perlentaucher seinem überraschten Gast.

„Das kann ich nicht annehmen“, stammelte Moore verlegen. „Ich will sie dir bezahlen.“

„Du kannst diese Perle nicht bezahlen“, entgegnete der Alte.

„Nenne mir den Kaufpreis“, beharrte der Missionar.

„Nein, mein Freund. Diese Perle ist unbezahlbar.“

„Warum?“

Gurvinder zögerte. Moore spürte, dass der Perlentaucher mit sich kämpfte, bevor er schließlich zu erzählen begann: „Mein einziger Sohn hat diese Perle aus dem Meer geholt. Doch dabei ist er zu lange unter Wasser geblieben. Er gelangte zwar noch an die Wasseroberfläche, aber brach dann am Strand tot zusammen.“

Gebannt und betroffen lauschte der Missionar dem Bericht.

„Seit diesem Tag habe ich diesen Schatz sorgsam verwahrt“, fuhr der alte Perlentaucher fort. „Nun will ich ihn dir schenken, denn du könntest ihn niemals bezahlen. Das Leben meines Sohnes ist gegen keinen Betrag dieser Erde aufzuwiegen.“

Gurvinders Geschichte bewegte den Missionar sehr. Eine Weile schwiegen die beiden Männer.

„Ich verstehe“, durchbrach Moore schließlich die Stille. „Aber verstehst du es auch, Gurvinder? Gott möchte uns das ewige Leben bei ihm in der Herrlichkeit schenken! Und genau wie deine Perle hat dieses Geschenk einen Preis, den kein Mensch aufbringen kann, denn Gottes Sohn Jesus Christus bezahlte dafür mit seinem Leben. Er starb am Kreuz auf Golgatha. Er trug das Gericht Gottes für deine und meine Sünden, jedes schlechte Wort, jede böse Tat, an denen Gott keinen Gefallen haben kann. Du musst dieses Geschenk nur annehmen und glauben, dass der Sohn Gottes auch für dich den Kaufpreis bezahlt hat.“

Dem alten Perlentaucher rollten Tränen über die Wangen, denn er begann zu begreifen. Nur zu gerne wollte er nun dieses kostbare Geschenk Gottes für sich annehmen.