Die Nacht der Schuld

1. März 2013

Dunkelheit umhüllt die Grenzfestung, in der Sergej seinen Dienst als Kassenführer in der Armee des Zaren verrichtet. In den Stuben der Soldaten ist es schon lange still geworden. Nur in Sergejs Dienststube brennt noch Licht.

„Morgen wird die Kasse geprüft!“

In Sergejs Kopf überschlagen sich die Gedanken. Nun wird also alles herauskommen! Er wird nicht länger verheimlichen können, dass er Geld aus der Kasse gestohlen hat, um seine Spielschulden zu bezahlen.

„Warum bin ich nur so leichtsinnig gewesen?“, klagt der junge Soldat. „Wer bekommt schon mit 19 Jahren eine so verantwortungsvolle Stelle?“ Ohne seinen Vater, der mit dem Zaren befreundet ist, hätte er diesen Posten niemals erhalten.

„Warum habe ich mich nur auf das Glücksspiel eingelassen? Hätte ich doch nur auf den Rat meines Vaters gehört!“

Hätte, wäre! Doch nun ist es zu spät.

Noch etwas fällt Sergej in diesem Augenblick ein. Bei seinem Abschied hatte ihn seine Großmutter gemahnt: „Junge, vergiss es nie: Der Herr Jesus hat immer einen Weg für dich. Wenn du auch einmal in Sünde fällst, der Herr wird dir deine Schuld vergeben, wie groß sie auch sei, wenn du sie ihm ehrlich bekennst. Denn Jesus Christus hat deine Sündenschuld bereits bezahlt.“ Damals hat Sergej das als frommen Spruch einer alten Frau beiseite gewischt.

Mit zitternden Händen schlägt Sergej das Kassenbuch auf und sieht nach, wie viel Geld eigentlich in der Kasse sein muss. Dann greift er nach dem Schlüssel und geht zum Geldschrank. Vorsichtig holt er die Kassette hervor, in der das Geld aufbewahrt wird, um den Soldaten, die in der Grenzfestung ihren Dienst tun, ihren Lohn auszuzahlen.

Zweimal zählt Sergej nach, dann schreibt er die Summe auf einen Zettel. Darüber setzt er den Betrag, der laut Kassenbuch in der Kasse sein muss. Dann rechnet er die Differenz aus.

137 Goldstücke fehlen in der Kasse. Sergej fällt der Stift aus der Hand, die Zahl verschwimmt vor seinen Augen, ihm wird schwindlig. 137 Goldstücke. Was für eine Schuld!

Unwillkürlich wühlt er alle Taschen seiner Uniform durch, doch mehr als ein paar Kopeken kommen nicht zum Vorschein, nicht einmal ein halbes Goldstück wert. Nein, er wird seine Schuld nie und nimmer bezahlen können.

Verzweiflung steigt in Sergej hoch. Er spürt, dass sie sein Herz wie mit eiserner Faust umschlingt. Aus! Alles aus! Selbst die Freundschaft seines Vaters zum Zaren wird ihn nicht vor langen Jahren der Kerkerhaft bewahren können. Wenn der Zar seinen Vater nach Sergejs Vertrauensbruch überhaupt noch als seinen Freund betrachtet.

„Eine große Schuld! Wer kann das bezahlen?“, schreibt Sergej auf den Zettel. „Eine solche Schuld kann mir auch Gott nicht vergeben“, seufzt er. „Ich werde die gerechte Strafe tragen müssen.“ Vor Kummer und Verzweiflung übermannt ihn schließlich der Schlaf.

Das Geschenk des Zaren

In seiner Verzweiflung hat Sergej gar nicht mitbekommen, dass ein fremder Offizier in der Grenzfestung angekommen ist.

Niemand ahnt, dass es sich bei dem Besucher um den Zaren persönlich handelt. Dieser hat es sich zur Gewohnheit gemacht, von Zeit zu Zeit in die Uniform eines seiner Offiziere zu schlüpfen, um sich unerkannt unter seine Soldaten mischen zu können. Auf diese Weise möchte er herausfinden, wie es den Soldaten seiner Armee geht.

Es ist schon nach Mitternacht, als der verkleidete Zar aus dem Zimmer, das ihm der Festungskommandant für die Nacht zugewiesen hat, auf den Flur tritt. Aufmerksam lässt der Herrscher seinen Blick durch die dunklen Gänge schweifen.

„Warum brennt denn in der Stube dort am Ende des Ganges noch Licht?“, murmelt er, als er den matten Lichtschein entdeckt, der durch den Türspalt auf den Flur fällt.

Leise tritt er in die Stube und entdeckt den schlafenden Kassenführer, dessen Kopf auf das geöffnete Kassenbuch gesunken ist. Als er lautlos an den Tisch tritt, fällt sein Blick auf den Zettel, auf dem Sergej seine große Schuld ausgerechnet hat.

Schuld_1303_21_fmt

Gerade will der Zar den Schlafenden wachrütteln, um ihn zur Rede zu stellen, da erkennt er in dem Unglücklichen den Sohn seines Freundes. Noch einmal liest er die Worte, die Sergej unter seiner Schuld notiert hat: „Eine große Schuld! Wer kann das bezahlen?“

Nachdenklich betrachtet er den Schlafenden. Er kann sich lebhaft vorstellen, was es für seinen Freund bedeutet, wenn er von dem Verbrechen seines Sohnes erfährt. Und er empfindet die Not, in der Sergej sich befindet. Der Zar überlegt einen kurzen Moment, dann zieht er den Zettel behutsam zu sich heran, greift nach der Schreibfeder und taucht sie in das Tintenfass. Er schreibt nur ein Wort, dann verlässt er lautlos die Stube.

Draußen dämmert es bereits, als Sergej erwacht. Es dauert einen Moment, bis er sich zurechtfindet. Doch dann verschließt er rasch die Kasse und verbirgt sie wieder an ihrem Ort im Schrank.

„Heute wird also meine Schuld aufgedeckt werden“, seufzt er, als er den Schlüssel im Schloss umdreht. „Vielleicht darf ich sie ja abarbeiten“, überlegt er, und für einen winzigen Moment kommt Hoffnung in ihm auf.

Sorgfältig schließt er das Kassenbuch und stellt es an seinen Ort auf dem Schreibtisch. „137 Goldstücke, diese Schuld kann ich doch nie im Leben abarbeiten!“, denkt er im nächsten Augenblick entmutigt. Fieberhaft überlegt er, was jetzt zu tun ist. Doch es gibt keinen Ausweg, er wird das gerechte Urteil hinnehmen müssen. Da fällt sein Blick auf den Zettel, der noch auf dem Tisch liegt.

„Eine große Schuld. Wer kann das bezahlen?“ Dahinter liest er verwundert den Namen seines Zaren!

Was soll das bedeuten? Gewiss kann der Zar 137 Goldstücke bezahlen, das ist gar keine Frage. Aber warum soll der Zar seine Schuld begleichen? Und wie kommt der Name des Zaren auf das Stück Papier?

Verständnislos starrt er auf den Zettel. Er versteht nicht, was das alles zu bedeuten hat. Da tritt ein Bote in die Stube und händigt ihm schweigend einen Beutel aus. Noch bevor Sergej etwas sagen oder fragen kann, ist der Mann wieder verschwunden. Mit zitternden Händen öffnet Sergej den Beutel und zieht ein mit Tinte beschriebenes, unterzeichnetes Blatt Papier hervor. Nur wenige Worte stehen darauf: „Deine Schuld ist bezahlt.“

Sergej traut seinen Augen nicht. Es ist tatsächlich genau die gleiche Unterschrift wie auf dem Zettel, auf dem er seine Schuld berechnet hat. Rasch schüttet er den Inhalt des Beutels auf den Tisch und beginnt zu zählen. Es sind genau 137 Goldstücke. Der Zar hat Sergejs Schuld vollständig beglichen.

Als die Kasse am Nachmittag geprüft wird, ist alles in bester Ordnung. Der Prüfer hat nichts zu beanstanden. Erleichtert sinkt Sergej auf seinen Stuhl, sobald er wieder alleine ist. Nun versteht er, was seine Großmutter meinte, dass Jesus auch Sergejs Sündenschuld vor Gott bezahlt hat. Erleichtert fällt er auf die Knie, bekennt Jesus mit zitternder Stimme seine Schuld und dankt ihm für die großzügige Rettung, die er erfahren hat.

Nun soll alles anders werden! Von diesem Tag an möchte er Gott und seinem Zaren treu dienen!